Montag, 15. Januar 2018

Volk ohne Wohnraum

„Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits sehr müde, das erklärt manches.“ (Mark Twain)
Robert Klumpf, der Mann mit dem gewissen Nichts, ist Immobilienmakler von Beruf. Er gehört zu den wirklich mächtigen Männern dieser Stadt. Niemand wird so gehasst und so geliebt wie ein Makler. Er wird verehrt wie ein Rockstar oder ein Schönheitschirurg, er wird verachtet wie ein Triebtäter oder ein Politiker.
Es ist ein handelsüblicher Montagmorgen. Ein Hausangestellter bringt die Geschenke der Wohnungssuchenden ins Speisezimmer, während Herr Klumpf noch rohe Austern schlürft. Uhren, Smartphones, selbst Krügerrand-Goldmünzen werden ihm auf den Tisch gelegt. Sein gelangweilter Blick bleibt an einer Pappröhre hängen. Er öffnet sie. Ein quadratmetergroßes Bild von Monte Carlo. Dazu der Text: „Fototapete statt Fenster. Erhöhen Sie die Miete für Kellerwohnungen.“ Scherzkeks. Aber eine Überlegung wert.
Wohnungsbesichtigung mit Kunden. Die Sekretärin hat schon alles aussortiert, was einen Turban oder ein Kopftuch tragen könnte. Schwarze, Behinderte und Arbeitslose müssen draußen bleiben. Es kommen immer noch über hundert Menschen. Die Auswahl ist gar nicht so einfach. Früher hat Herr Klumpf gerne Professoren genommen, aber so ein Professor verdient heutzutage gar nicht mehr so viel. Rechtsanwälte sind klagefreudig, Hundebesitzer bringen Dreck ins Haus. Alleinerziehenden Müttern fehlt das Geld. Am liebsten sind ihm Handwerkermeister und Ärzte. Die kann man immer brauchen, wenn Reparaturen anstehen oder im Krankheitsfall. Auch gutsituierte Rentner sind als Mieter willkommen. Sie sind ruhig und bei der Neuvermietung nach ihrem Ableben kann man wieder die Miete erhöhen.
Es ist sieben Uhr morgens. Im fahlen Licht der beginnenden Dämmerung inspiziert Klumpf die Bittsteller, die Verdammten dieser Erde, die in Reih und Glied vor ihm stehen. Demütig haben die Menschen den Kopf gebeugt, manche zittern unter seinem erbarmungslosen Blick. Alle wissen, dass dieser Augenblick Schicksale entscheidet. Wer bekommt die Wohnung? Ist überhaupt jemand unter diesen Leuten, der würdig ist, einen Mietvertrag zu bekommen? Es ist eine gnadenlose Selektion. Einer von hundert wird im günstigsten Fall das winzige Ein-Zimmer-Appartement bekommen. Den Rest muss man ohne Mitleid vom Hof jagen. Alles Betteln und Jammern wird nicht helfen. Klumpf muss hart bleiben. Bei einer vollbusigen Studentin, die mit ihrem Vater – er trägt Zylinder und Monokel – wird er für einen Augenblick schwach. Die Menschen machen sich keine Vorstellung, welche Verantwortung ein Makler in der heutigen Zeit trägt.
Der Wohnungsmangel ist ein Segen für Menschen wie Herrn Klumpf. Selbst Kellerwohnungen können inzwischen schon nach wenigen Stunden vermietet werden. Oft sind die Bestechungsgelder höher als seine Provision. Frauen machen ihm eindeutige Angebote. Manchmal grenzt ihr Verhalten an sexuelle Belästigung. Aber er ist vorsichtig. Männer in seiner Position sind erpressbar, wenn sie allzu leichtfertig ihren Trieben nachgeben.
Herr Klumpf bewohnt selbst eine Maisonettewohnung in der Innenstadt und eine Villa im Grünen. Mit Blick auf den Starnberger See, eigenem Spa-Bereich und einer Terrasse, die größer ist als manche Wohnung, die er an Kleinfamilien vermietet. Augen auf bei der Berufswahl, pflegt er mit einem Zwinkern zu sagen.
Dionne Warwick - Walk On By. https://www.youtube.com/watch?v=ijhL9Y7skQs

Kommentare:

  1. In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die Menschen uns gewähren können, sei Gerechtigkeit.
    Im Alter erfahren wir, daß es das Höchste ist.

    Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830 - 1916)

    *tja*

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  2. Es fehlt nicht an Wohnraum.
    Blödsinn.
    Es steht massenhaft leer.
    Auch in Gegenden wie Stuttgart. Ganze Wohnblöcke.
    Oder in der Peripherie, die ganzen sog. Einliegerwohnungen in den 70/80/90er Neubaugebieten.
    Also die Kellerwohnungen der 1 oder 2 Familienbunker.
    Damals noch Steuerbegünstigt. Drum hat ja jede Bude so ein Ding.
    Stehen alle leer, die jetzt alten Bewohner, die Kinder sind aus dem Haus, wollen keine "fremden Leute" im Haus.
    Kenne recht begüterte Leute, die wohnen in einem 3 Familien Haus.
    Das Erdgeschoss wird ein mal die Woche vom Hausherren und seinen Freunden zur Skatrunde genutzt. Zweiter Stock ist der Kleiderschrank der Hausherrin.
    Auf die Frage, warum man denn nicht vermiete heißt es dann "och nöö...."
    Dann stehen viele Häuser leer, weil Sie kurz vor dem Verkauf stehen.
    Oder in den nächsten Jahren verkauft werden sollen, nur die Erben pokern noch etwas.
    Und ohne Mieter steigt der Preis.
    Oder, oder, oder.
    Viel müssen gar nicht mehr vermieten, die haben auch so genug Kohle und wollen sich keinen Ärger mit Mietern aufhalsen.
    Weil, das kenne ich aus eigener Erfahrung, die können auch mal nerven, Dir die Bude ruinieren oder Sie zahlen nicht, im besten Fall beides.
    Und die Gesetzeslage ist hier doch so, was ja eigentlich OK ist, daß man die Leute nicht so ohne weiteres raus kriegt. Ist immer ein größerer Akt, der dauert und Geld kostet.
    Oder es ist einfach Kalkül der ganz großen Fische, lieber Neubau und den alten Scheiß verkommen lassen, so steigt der Bedarf wie auch der Preis, und ein paar Beteiligungen an Baufirmen hat man ja auch.
    Es stehen also mit Sicherheit nicht zu wenig Häuser in der Gegend rum.

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    1. Wer will denn nach Stuttgart? Die Stuttgarter wollen nach Berlin. Und in den attraktiven Städten ist der Wohnraum nun mal knapp. Informieren Sie sich einfach über den Wohnungsmarkt, es gibt genügend Berichte über das Thema. Steigende Preise sind übrigens auch immer ein dezenter Hinweis auf ein knappes Angebot.

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  3. Eindeutige Angebote für Herrn Klumpf sind gefährlich,sollte die Damen dies weiter erzählen ist der Mann wie Sie erwähnt haben eventuel erpressbar.Einige dieser Damen spekulieren auch auf Alimentenzahlung.Eigene Erfahrung;meine Antwort ,Süsse ,hat Spass gemacht bin aber sterilisiert,such dir einen anderen Geldautomat.

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  4. walk on by ist in sämtlichen mir bekannten Versionen toll (stranglers). von dionne warwick gibt's das sogar auf Deutsch: "geh vorbei!" was sonst.

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