Donnerstag, 4. Januar 2018

Nachts auf der Brücke

Ich weiß gar nicht, warum ich an diesem Tag so lange unterwegs war. Eigentlich wollte ich viel früher nach Hause gehen. Ich hatte mich in irgendeiner Kneipe im Wedding festgesoffen und verfluchte die Nacht, durch die ich nach Hause stolperte. Die ganze Stadt war finster, kalt und nass wie ein Kellerloch.
Als ich das graue Band der Brücke vor mir sah, war ich erleichtert. In ein paar Minuten würde ich zu Hause sein. Unter mir im schwarzen Nichts die S-Bahn-Gleise. Selbst an einem Sommertag war dieser Ort trostlos und deprimierend.
Da sah ich ihn zum ersten Mal. Er ging gebückt wie ein Boxer. Sein Mantel reichte ihm bis über die Knie. Er schwankte, dann ging er langsamer, schließlich blieb er stehen und hielt sich am Brückengeländer fest.
Ich kam näher. Er schien alt zu sein. Er sah nicht wie ein Penner aus, aber doch verwahrlost. Alleinstehende Männer wirken meistens runtergekommen. Vielleicht lebte er allein, ohne Familie und Freunde? Ich konnte ihn nicht richtig einordnen.
Mit einem Stöhnen sank er zu Boden. Ich blieb vor ihm stehen. Sollte ich ihm helfen? Würde ich einem Obdachlosen Hilfe anbieten? Vermutlich nicht. Aber einem Rentner vielleicht schon. Merkwürdige Gedanken. Verdammter Schnaps.
Ich beugte mich zu ihm hinunter. „Kann ich Ihnen helfen?“
Keine Antwort. Er hatte die Augen geschlossen und hielt sich den Bauch.
War er aus einem anderen Land und verstand kein Deutsch? Also fragte ich ihn: „Können Sie mich verstehen?“
„Ich bin am Ende“, krächzte er leise.
Mit dieser Antwort konnte ich nichts anfangen. „Soll ich Sie nach Hause bringen?“ fragte ich ihn als nächstes.
„Es gibt kein Zuhause“, sagte er und zog das Gesicht zusammen, als wollte er gleich anfangen zu weinen.
Ich hielt ihm meine Hand hin. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.“
Er schüttelte nur den Kopf. „Ich kann nicht.“
„Was ist denn passiert?“
„Mein Frau …“ Dann begann er zu schluchzen.
„Was ist mit ihrer Frau?“
„Sie ist gestorben.“ Und dann weinte er hemmungslos.
Was sollte ich machen? Mir war schlecht von dem vielen Whisky und ich war müde. Hilflos tätschelte ich ihm die Schulter.
„Es tut mir leid.“
Mehr habe ich wirklich nicht gesagt. Danach saß ich zu Hause und dachte immer noch darüber nach, was ich hätte tun können. Mir fiel nichts ein. Auch in den nächsten Tagen nicht.
Sergei Rachmaninov: The Isle of the Dead, Symphonic poem Op. 29. https://www.youtube.com/watch?v=dbbtmskCRUY