Donnerstag, 24. Mai 2012
Kurzgedanken
Dem Alten gegenüber empfindet der Berliner eine gewisse bäuerliche Zufriedenheit, wirklich stolz ist er nur auf das Neue.ADHS, das Kokain des kleinen Mannes.Wenn der Körper dein Haus ist, dann sind Essen und Trinken Tempeldienst.A: Diese Frau führt ein Doppelleben. B: Mindestens!Zwitschern die Vöglein am Morgen oder twittern sie schon?„Auch die soziale Isolierung in Künstlerberufen, in denen der Kunstschaffende auf sich allein gestellt ist und kaum besondere technische Fähigkeiten braucht (Schriftsteller) zählt zu den Faktoren, die das Suizidrisiko erhöhen.“ In: Thomas Lochthowe : „Suizide und Suizidversuche bei verschiedenen Berufsgruppen“. Inaugural–Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
Dienstag, 15. Mai 2012
Der Wedding ist die Zukunft II
Identität und Identitätsbildung, ob individuell oder sozial, haben längst ihre unhinterfragte Selbstverständlichkeit verloren. „Selbstverständnis“ stellt sich nicht mehr intuitiv bzw. über Traditionen her, es muss bewusst und aktiv vom Individuum bzw. einer Gruppe geschaffen werden. Früher war Identität auf natürliche räumliche Grenzen bezogen, die über Generationen stabil blieben (der Hof, das Dorf, das Tal usw.), heute stellen sich viele Menschen die Frage: Wo sind meine Wurzeln, wie entstehen sie und wie bewahrt man sie?
Offensichtlich fühlen sich Menschen dort wohl, wo sie ihre Heimat haben. Der räumliche Bezug ist ein Teil ihrer persönlichen Identität. Menschen sind an Territorien gebunden, die Privatsphäre im Kleinen (inklusive der „Raumblase“ als mobiles Minimalterritorium des Großstadtmenschen), die Heimat im Großen (bis hin zu kollektiven Konstrukten wie dem „Vaterland“). Auch im modernen Leben finden sich überall Zeichen von identitätsbildendem Lokalpatriotismus: von Sidos Berliner Ghetto-Hymne „Mein Kiez, mein Block“ bis zur bajuwarischen Trachtentanzgruppe.
Eine entscheidende Frage für die Bürgerstiftung Wedding ist darum: Wie entsteht und wie bewahrt man diese lokale Identität, diesen Bezugsrahmen des alltäglichen Lebens in Zeiten hoher Mobilität, kultureller Differenzierung und globaler Vernetzung? Welche Chancen haben die Menschen im Wedding, um eine Identität bilden zu können, die ihnen Selbstbewusstsein und Stolz auf ihren Kiez vermittelt? Identität in diesem Sinne verstanden wird zur Basis für Respekt, für den Umgang miteinander und die Anerkennung von außen.
Im Augenblick ist dieses Selbstbewusstsein erst in Ansätzen vorhanden. Womöglich hängt es mit der sozialen Situation im Wedding zusammen. Aber warum machen wir aus unterschiedlichen materiellen Ausstattungsmerkmalen von Personen und Haushalten eigentlich soziale Unterschiede bis hin zur Ausgrenzung („Ghetto“)? Armut bedeutet letztlich, nur über knappe Ressourcen verfügen zu können. Das bedeutet wiederum, permanent Entscheidungen über Prioritäten treffen zu müssen. Erst die Knappheit der Mittel führt dazu, die Konsequenzen seiner Entscheidung rational abzuwägen. Wer alle Möglichkeiten besitzt, z.B. Geld im Überfluss, muss nicht die Konsequenzen seines Handelns fürchten. In diesem Sinne macht Armut klug. Armut, zu Ende gedacht, bedeutet auch, sich von überflüssigen Bedürfnissen zu verabschieden. Wer nur die Mittel für das Nötigste hat, der verabschiedet sich aus dem mitternächtlichen Wettkampf um das neueste Smartphone. Vielleicht verlieren auf diese Weise auch die Verlockungen der Konsumwelt sukzessive an Strahlkraft? Und vielleicht führt die Identitätsbildung im Wedding dazu, die eigene kulturelle Vielfalt als neuen Reichtum zu entdecken?
Samstag, 12. Mai 2012
Der Kalender der Tiere
Jaguar
Zebruar
Nerz
Mandrill
Hai
Huhni
Muli
Taubust
und dann kommen die vier Bären (Septembär, Oktobär, Novembär, Dezembär)
Sonntag, 22. April 2012
Der Wedding ist die Zukunft
Not macht erfinderisch, sagte schon mein Großvater, als er, zum Entsetzen meiner Großmutter und zu meinem stillen Entzücken, den Suppenteller an der Unterlippe ansetzte und den Rest ausschlürfte. Modern formuliert: Armut macht kreativ. Mit viel Geld lässt es sich einfach und bequem leben. Aber mit wenig Geld ein gutes Leben zu führen, das ist eine Herausforderung, der man sich täglich stellen muss. So betrachtet sprüht der Wedding nur so vor Ideen, seine vibrierende Lebendigkeit unterscheidet das Viertel vorteilhaft vom saturierten Prenzlauer Berg, von dem sich die Kreativen gerade verabschieden – von den arrivierten oder älteren Exemplaren einmal abgesehen. Die Armut (und die damit verbundenen Freiräume, günstigen Mieten, niedrigen Lebenshaltungskosten usw.) ist also der Standortvorteil Nummer 1 für den Wedding und natürlich auch für Gesundbrunnen.
Vorteil Nummer 2 ist die Vielfalt der Kulturen. Wenn es stimmt, dass sich die ganze Welt miteinander vernetzt und die vielen hundert Kulturen einander immer näher rücken, dann sind die Netzknoten die Orte, an denen sich diese Entwicklung am deutlichsten manifestiert. Berlin ist einer dieser globalen Netzknoten und in Berlin sind es die Innenstadtteile wie der Wedding, wo dieser historisch einmalige Prozess konkret stattfindet. Wenn es hier bei uns im Wedding klappt, dann klappt es auch in der ganzen Welt. Wenn sich hier die unterschiedlichen Kulturen gegenseitig verstehen lernen, wenn sie es schaffen, einen gemeinsamen Lebensalltag in ihrem Kiez zu gestalten, dann strahlt diese positive Erfahrung auch auf die kleineren Städte, auf die Dörfer oder kurz: auf die Peripherie ab. Und das läuft im Internetzeitalter schneller als man denkt. Der Wedding ist natürlich kein amerikanischer „melting pot“, hier entsteht kein Amalgam aus alten Kulturen, sondern ein lebendiges Mosaik aus vielen hundert Steinen, das dennoch ein harmonisches Bild ergibt. Die Vielfalt bleibt erhalten und bietet Anregungen für Bewohner und Besucher des Viertels.
Wer den Wedding unterstützt, trägt buchstäblich zum sozialen und kulturellen Fortschritt bei. An Orten wie dem Wedding entscheidet sich die Zukunft unserer Gesellschaft. Jedes Engagement ist eine Hilfe auf diesem Weg. Weitere Infos unter www.bürgerstiftung-wedding.de
Dienstag, 10. April 2012
Geilomat
Zu Kaisers Zeiten waren die Dinge, die uns begeisterten, „fabelhaft“ oder „enorm“. In meiner Kindheit waren sie „toll“, danach wurden sie „super“, in meiner Jugend waren sie "grell" oder geil" und als Erwachsener bezeichneten wir sie als „spannend“ oder „groß, wirklich ganz groß“. Im 21. Jahrhundert wurden die Dinge dann „krass“ und jetzt sind sie „voll porno“. Wohin wird die Begeisterung unsere Sprache noch führen?
Montag, 2. April 2012
Gratulation, Magic Ray!
Kennen Sie Ray Dalio? Der Mann ist 62 Jahre alt und arbeitet im schönen Westport, Connecticut, als Hedgefonds-Manager. Im Jahr 2011 hat er muntere 3,9 Milliarden Dollar verdient. Ja ja, jetzt höre ich schon wieder das neidische Gekeife von irgendwelchen Minderleistern: Das ist zuviel! Ich nenne solche Kommentare: Tyrannei der Masse! Aber das Prekariat hat sein Leben nun einmal der spätrömischen Dekadenz gewidmet und verliert im Shitstorm der Empörung schnell die Übersicht. Schon die lächerlichen 17 Millionen Euro Jahresgage für den VW-Chef erschienen ihnen als überzogen. Ray Dalio verdient jeden Tag etwa halb soviel wie Martin Winterkorn im Jahr – auch an Sonn- und Feiertagen oder im Urlaub. Und wenn ich das jetzt auf die Schnelle richtig im Kopf gerechnet habe, sind das 123 Dollar pro Sekunde. Oder man bekäme bis ins 328. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Hartz IV. Das ist doch eine großartige Leistung, das muss man doch mal anerkennen, das wird man doch mal sagen dürfen. Und wer hindert all die Kritiker eigentlich daran, selbst einen Hedgefonds zu gründen oder Vorstandsvorsitzender zu werden? Stichwort „Anschlussverwendung“?! Ich jedenfalls drücke Ray die Daumen, dass er in diesem Jahr noch eine Schippe drauflegt. Bei 3,9 Milliarden ist noch Luft nach oben …
Sonntag, 1. April 2012
Ein Nachbar
Es kommen immer wieder alte Menschen nach Berlin, die hier in kürzester Zeit zugrunde gehen. Sie laufen durch die Kulissen ihrer Jugendträume, aber sie können den Zauber ihrer früheren Sehnsucht nach einem Leben jenseits bürgerlicher Konventionen nicht mehr heraufbeschwören. Sie geben ihr altes Leben in München oder Osnabrück auf (die Kinder haben sich längst ihre eigene Existenz aufgebaut, der Lebenspartner ist verstorben oder verschwunden), ziehen aus einer Altersverzweiflung heraus in die Hauptstadt und bleiben hier allein, weil sie vergessen haben (oder weil sie es nie wussten), dass man im Alter keine Freunde mehr findet; nur andere einsame Menschen, die jemanden suchen und die doch ähnlich abgestumpft und erloschen sind wie sie selbst. Sie ziehen in mein Viertel, meine Straße, mein Haus, um ein neues Leben zu beginnen, und sterben hier in der kürzesten Zeit. Womöglich erlangen sie erst hier das Stadium vollständiger Resignation und sie begreifen, dass ihnen all das Geld aus München oder Osnabrück im Diesseits nichts mehr nützen wird. Ein solcher Unglücksmensch lebt in der Wohnung neben mir. Ich sehe seinen Niedergang, er nimmt stetig ab und eitrige Geschwüre plagen ihn an Hals und Rücken. Einst ein stolzer und kräftiger Handwerksmeister, ist er binnen weniger Monate ein weinerlicher Greis geworden. Er überzieht jeden Mitbewohner mit seinem Wehklagen, seinem Zorn auf die Menschen, auf die Hitze und die Kälte, auf den Tag und die Nacht. Bald werden sie seinen Sarg zunageln und ihn eingraben, ich kenne diesen Zerfallsprozess, diesen Vernichtungsvorgang zur Genüge.
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