Samstag, 18. April 2026

Ein Wutbürger läuft Amok

 

Das Internet hat uns alle verrückt gemacht. Die einen mehr, die anderen weniger. Harald Fenstermacher, ein Landwirt, der alleine einen kleinen Hof in der Eifel bewirtschaftete, hatte am Abend einen Podcast vom „Reichsbanner deutschnationaler Orthopäden“ gehört. Der Staat sei bankrott, die öffentliche Ordnung stünde kurz vor dem Zusammenbruch und außerdem solle die Branntwein- und die Tabaksteuer erhöht werden. Jetzt reicht es, dachte Fenstermacher. Ich hole mir meinen Teil zurück.

Am nächsten Morgen setzte er sich auf seinen Traktor und fuhr ins Nachbardorf. Er parkte direkt vor der Kreissparkasse und stieg ab. Er betrat die Filiale, in der linken Hand eine Plastiktüte mit der abgesägten Schrotflinte, mit der er immer die Krähen von seinen Feldern vertrieb.

„Guten Tag, das ist ein Banküberfall. Geben Sie mir ihr ganzes Geld.“

„Wir haben kein Geld.“

„Öffnen Sie sofort den Tresor.“

„Wir haben auch keinen Tresor.“

„Aber Sie müssen doch wenigstens ein bisschen Bargeld in der Schublade haben.“

„Das Bargeld ist im Automaten im Vorraum.“

„Dann öffnen Sie ihn.“

„Tut mir leid, das kann ich nicht. Das machen die Leute von der Zentrale.“

„Wann kommen die wieder?“

„Übermorgen.“

„So lange kann ich nicht warten.“

„Und jetzt?“

„Nehme ich Sie als Geisel, damit Sie nicht den Alarmknopf drücken.“

„Wir haben auch keinen Alarmknopf mehr. Es gibt ja nichts, was man stehlen könnte.“

„Das Risiko kann ich nicht eingehen. Kommen Sie mit.“

Sie gingen hinaus. Aber der Traktor hatte nur einen Sitzplatz, also brachte er die Angestellte, eine kleine korpulente Frau um die fünfzig, zur Bushaltestelle. Fünfzehn Minuten später kam der Bus. Sie stiegen ein. Die Geisel musste sich ans Fenster setzen, er setzte sich neben sie. Auf der anderen Seite des Gangs saß ein Rentner mit einer verwaschenen Basecap. Auf seinem Schoß hatte er einen Drahtkäfig, in dem ein Hahn saß.

Wenn wir in der Stadt sind, muss ich improvisieren, dachte Fenstermacher.  

 

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