Montag, 6. April 2026

Das rote Herz der Finsternis


Ich hatte schon immer ein romantisches Interesse am Leben der armen Leute. Also beschloss ich eines Tages, dem Bettler vor unserem Einkaufszentrum nach Hause zu folgen.

Draußen vor der Stadt war eine kleine Siedlung. Der ekelhafte Geruch stieg einem schon von Weitem in die Nase. Der Bettler verschwand durch ein Loch in der Bretterwand, die dieses Ghetto umgab. Ich folgte ihm in gehörigem Abstand. Als ich auf den schmalen Fußweg trat, versanken meine frischgeputzten Budapester augenblicklich im Morast.

Ich sah Hütten aus Sperrholzpatten und Wellblech, manche Menschen schliefen in großen Pappkartons. Als erste entdeckte mich eine Schar kleiner Kinder, barfüßig, in Lumpen und dreckig. Zwar trug ich keine Markenklamotten mit auffälligen Logos wie die neureichen Proleten der Mittelschicht, aber die exquisiten Produkte, an denen sich wohlhabende Menschen gegenseitig erkennen. Kaschmirpullover bleibt Kaschmirpullover.

An einem Lagerfeuer brieten ein paar Männer Ratten an einem rostigen Spieß. Junge Mädchen, kaum fünfzehn, traten mit ihren Säuglingen vor ihre kläglichen Behausungen und gafften mich an. Abgemagerte Hunde durchwühlten einen Abfallhaufen, über dem die Fliegen tanzten. Der unerträgliche Gestank eines Pferdekadavers, aus dessen Bauch die Gedärme hingen und der gerade mit schartigen Messern zerlegt wurde, verpestete die Luft.

So also lebten die Wähler von Heidi Reichinnek.

Ein Greis, gestützt von zwei kräftigen, finster dreinblickenden Gesellen, kam heran.

„Wer seid ihr?“

„Mein Name ist Bonetti und ich komme in Frieden und Freundschaft“, antwortete ich.

„Ich bin Heinz, der Dorfälteste.“

„Wie alt bist du?“

„Vierzig.“

Die Bewohner versammelten sich um mich und kamen bedrohlich näher. Ich nahm eine Handvoll Kupfermünzen und warf sie in die Menge, um sie abzulenken. 

„Was willst du von uns?“, fragte der Alte.

„Ich wollte wissen, warum ihr nicht CDU wählt wie alle anderen anständigen Menschen auch.“

Mit Stöcken jagten sie mich aus der Siedlung und warfen Steine nach mir. Erst in einer Prada-Boutique war ich in Sicherheit.  

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