In der Rheinsteinstraße in Karlshorst
gibt es einen winzigen Laden, in dem man auch heute noch Stalinkugeln aus
sibirischem Marzipan, ummantelt von köstlichem Schokoladenersatz,
tschetschenisch-tschechische Knallfrösche und usbekische Zigarren kaufen kann. Wenn
drei Kunden gleichzeitig im Geschäft sind, ist es überfüllt. Hinter der Kasse
hängt immer noch ein alter Prawda-Kalender von 1973 mit Olga, dem Playmate des
Jahres. Davor kauert der „schöne Dimitri“, wie ihn die Nachbarn nennen. Ein
Auge ist neben dem Nasenflügel, eines über der Augenbraue, sein Gebiss ist eine
Ruinenlandschaft, Berlin 1945 nix dagegen, er hat einen Buckel und ein Holzbein.
Aber Dimitris Geschäft ist ein anderes: Er kauft und verkauft Informationen.
***
Die Masse seines Leibs lag
hingegossen auf einer Parkbank am Landwehrkanal. Er trug einen braunen Anzug
und sein gewaltiger Schädel wurde von einem Pepitahut gekrönt. Der Mann hatte
die Hände über dem beeindruckenden Bauchmassiv gefaltet und schlief. Der tiefe Basston
seines Schnarchens klang, als käme er direkt aus der Unterwelt. In seinem Pass
stand „Andreas Bonetzki“, aber das war nicht sein richtiger Name. Als er
aufwachte, schaute er auf seine Uhr und stand auf. Einige Zeit später stand er
in Dimitris Laden.
„Ich wollte ein Paket abholen.“
„Haben Sie die Benachrichtigung
dabei?“ fragte Dimitri und lächelte.
Bonetzki schob ihm einen dicken
Umschlag über den Tresen. Er bekam einen klobigen messingfarbenen Schlüssel,
den er in der Mitte auseinanderschob. Ein Stick. Er nickte Dimitri zu und ging.
***
Bonetzki stand vor dem Haus, in
dem sie den Russen untergebracht hatten. Im Tiergarten hatte er einen Landsmann
erschossen, jetzt sollte er gegen einen deutschen Agenten ausgetauscht werden,
der in Moskau aufgeflogen war, als er Putins Post aus seinem Briefkasten klauen
wollte. Man bekam heutzutage einfach keine guten Leute mehr.
Natürlich konnte es Bonetzki
nicht zulassen, dass ein Mörder ungeschoren davonkam. Den BND-Mann vor dem Haus
lockte er mit einer Batterie Silvesterraketen in den hinteren Teil des Gartens
und setzte ihn dann mit einem Handkantenschlag gegen den Kehlkopf außer
Gefecht.
Er öffnete die Haustür mit einem
Dietrich. Der zweite BND-Mann saß im Wohnzimmer und hörte Musik über seine
Kopfhörer. Er hatte nichts mitbekommen. Bonetzki schlich durchs Haus und fand
den Russen unter der Dusche.
Das Leben ist ein langer ruhiger
Strom, aber das Wasser fließt immer abwärts. Manchmal fließt es auch ganz
schnell und vermischt sich mit Blut. Ein sanftes Plop-Plop aus seiner Luger mit
Schalldämpfer. Keine große Sache. Eine halbe Stunde später saß er am Tresen
seiner Stammkneipe.
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