Donnerstag, 21. Juni 2018

Blogger 3000

„Wer nichts wird und wer nichts kann, der geht zu Post und Eisenbahn.
Ist auch dies dir nicht gelungen, machst du in Versicherungen.
Bist du einfach blöd geboren, gehst du unter die Autoren.“
(unbekannt)

Es war auf der großen internationalen Messe in Hannover. Jeder kennt die „Blogger 3000“. Hier treffen sich Autoren, Fotografen, Designer, Verleger und Start-Up-Investoren. Wir hatten gerade Andy Bonettis phantastischen Vortrag „In sieben einfachen Schritten zum Welterfolg“ gehört und waren euphorisch.
Ich saß mit ein paar jungen Kollegen in einer Bar und wir unterhielten uns über unsere Zukunftsaussichten in der Branche. Neben mir saß ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, der sich Strawberry High nannte. In Wirklichkeit hieß er Kuno Grindberg. Die anderen waren von den Poetry Ultras Neukölln.
„Ich will Schriftsteller werden“, sagte er und sog an seinem Cuba Libre.
„Wieviel verdienst du im Augenblick mit dem Schreiben?“ fragte ich ihn.
„Ich habe ein Werbebanner auf meiner Seite. Ein paar Euro im Monat.“
Ich blickte in die Thekenrunde. „Irgendjemand mehr?“
Alle schüttelten die Köpfe.
„Wenn ich genügend Kurzgeschichten zusammen habe, biete ich sie einem Verlag an“, sagte Strawberry High und sah mich tapfer an.
„Verlage veröffentlichen nur in Ausnahmefällen Kurzgeschichten. Sie wollen Romane. Das predigen ihnen ihre Marketing-Abteilungen seit Jahrzehnten.“
„Warum?“
„Weil sich Romane besser verkaufen“, antwortete ich ihm. „Um als Autor vom Schreiben leben zu können, musst du mindestens 20.000 Exemplare im Jahr an die Leser bringen.“
„Das verstehe ich nicht.“
Die anderen hörten aufmerksam zu, als ich ihnen die Rechnung erklärte.
„Nehmen wir an, dein Buch kostet zehn Euro im Laden. Im Regelfall bekommst du zehn Prozent Honorar vom Verkaufspreis und die Sache mit der Mehrwertsteuer lasse ich jetzt mal weg, sonst wird es zu kompliziert. Wenn du 20.000 Bücher im Jahr verkaufst, verdienst du also 20.000 Euro. Davon holt sich der Staat mindestens 2.500 über die Steuer und die Krankenkasse kostet dich nochmal dasselbe. Bleiben dir 15.000 im Jahr, also 1.250 Euro im Monat. Davon kann man leben, aber es nicht viel.“
Ich ließ es eine Weile sacken und nahm einen tiefen Zug aus dem Weizenbierglas.
„Aber 20.000 Leser im Jahr ist doch kein Ding“, sagte Strawberry High schließlich. „Ich habe mehr als 20.000 Seitenzugriffe auf meinem Blog im Monat.“
„Das sind immer die gleichen paar tausend Leute, die deine Texte umsonst lesen. Das heißt noch nicht, dass sie deine Bücher kaufen. Was glaubst du wie viele Autoren – Sachbücher und Promi-Autobiographien mal ausgenommen – 20.000 und mehr Bücher im Jahr verkaufen?“
„Keine Ahnung.“
„Ich war mal mit Sten Nadolny auf einer Tagung eingeladen. Es ging um das Thema Zeit. Auf dem Rückweg haben wir im Speisewagen gesessen und ein wenig geplaudert. Damals war ich so alt wie ihr. Ich habe ihn gefragt, wie viele Leute in Deutschland so wie er von Literatur leben können. Er fragte mich nach meiner Schätzung. Ich war so naiv und habe zweihundert gesagt. Er hat nur gelacht. Weniger als hundert und etliche davon haben einen reichen Ehepartner, eine Erbschaft, einen Redakteursposten oder eine Professur im Hintergrund.“
Die jungen Leute schwiegen betreten.
„Jetzt seit ihr deprimiert, oder?“
Keine Antwort. Schließlich sagte Strawberry High: „Soll ich mit dem Schreiben aufhören?“
„Nein“, sagte ich. „Du willst auch gar nicht mit dem Schreiben aufhören. Du bist Künstler, du kannst gar nicht anders. Aber such‘ dir einen Job, mit dem du die Miete zahlen kannst und krankenversichert bist. Ein Job, der dir genug Zeit zum Schreiben lässt. Wenn du dir jeden Tag um die Miete oder um die nächste Mahlzeit Sorgen machen musst, hast du den Kopf nicht frei. Es geht dir dann so wie einem Krebskranken, der sich auch nicht mehr auf seine Arbeit am Text konzentrieren kann. Bonetti ist eine Ausnahme. Er hat es doch selbst erklärt: ein Prozent der Autoren verdienen 99 Prozent des Geldes und 99 Prozent der Autoren verdienen ein Prozent des Geldes. Das ist die Wahrheit.“
Kraftwerk - Der Telefonanruf. https://www.youtube.com/watch?v=15UQO9j5aFw

Kommentare:

  1. So endet es richtig:
    ..............................
    Wer dann nichts wird wird Wirt
    Und wer schaffen will wie die Sau
    geht zum Land und Gartenbau

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  2. Zwei Dinge, die wahrscheinlich mein Leben in diesem Moment stark beeinflusst haben.

    Herr MiM - Der Roman zum Blog ist in diesem Moment gestorben. Aber was ich als viel schlimmer empfinde ist, dass ich Herrn Bonettis Vortrag verpasst habe und nun warten muss, bis dieser auf Kauf DVD erscheint.

    Dieser Donnerstag fängt wahrlich etwas deprimierend an.

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  3. Eben! Fontane war auch Apotheker (im Hintergrund) um von seiner Schreiberei (im Vordergrund) leben zu können!

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