Donnerstag, 12. Oktober 2017

Ein Blick auf unser Haus

„Es gibt nichts Schöneres als das Mysteriöse. Aus ihm entspringt alle wahre Kunst und Wissenschaft.“ (Albert Einstein)
Als es begann, kannte ich Guy Fawkes noch gar nicht. Ich war zwölf Jahre alt und wir hatten eines Tages die Idee, unser Taschengeld aufzubessern. Wir, das waren ein Freund und ich. Sein Name ist nicht mehr wichtig.
Das britische Parlament war ein Kaugummiautomat in der Altegasse in Ingelheim. Das Dynamit war eine gewaltige Ladung Silvesterkracher. Es waren die späten Siebziger. Vielleicht hat uns auch die RAF inspiriert, deren Poster an der gläsernen Eingangstür des örtlichen Postamts hing.
Es ging nicht um die Revolution, aber es ging um einige Mark in Groschen. Wir platzierten also unsere Sprengladung und brachten uns in Sicherheit. Eine gewaltige Explosion. Während mir mein Freund mit einer Steinschleuder Feuerschutz gab, stürmte ich zum qualmenden Kaugummiautomat.

Aber das Innere des Automaten war durch die Hitze geschmolzen und deformiert. Wir gingen mit leeren Händen in den Untergrund. Noch nicht einmal Kaugummis waren unser Lohn.
Später verkaufte ich gestohlene Schallplatten und Playboys auf dem Schulhof. Dann kam der erste Zigarettenautomat. Ich begann Drogen zu nehmen und Drogen zu verkaufen. Erste Vorstrafe wegen illegaler Hahnenkämpfe. Die alte Geschichte.
Als ich älter wurde, liefen die Dinge irgendwann aus dem Ruder. Die Geschäfte wurden größer. Wir importierten den Stoff kiloweise aus Holland. Fette Partys, fette Autos, fette Lines. Ich ließ mir Visitenkarten von einem Forschungsinstitut drucken, an dem ich angeblich arbeitete. So fiel es niemandem auf, dass ich ständig Flüge buchte und in wechselnden Hotels wohnte.
Später deckte ich meine Internetrecherchen über Waffen, Sprengstoff, Drogen und Fahndungsmethoden durch ein paar fadenscheinige Krimis, die unter meinem Namen veröffentlicht wurden. Dann kam der Deal mit den Chinesen. Irgendwann kam der Deal mit den Mexikanern.
Jetzt liege ich hier mit einem McMillan-TAC-50 im Wald von Schweppenhausen und sehe durch das Zielfernrohr auf meinem Gewehr auf unser Haus hinab. Fünfhundert Meter Luftlinie trennen mich von der Eingangstür.
Sie werden bald hier sein. Ich werde das Feuer auf sie eröffnen. Das Haus ist mit Sprengstoff präpariert. Mehr kann ich nicht mehr machen.
Möglicherweise werde ich in den nächsten Tagen keine neuen Blogposts online stellen können. Haben Sie bitte Verständnis.
P.S.: Der nächste Text wird den Titel tragen: „Eines Tages beschloss der Taucher, unten zu bleiben“. Von wegen Untertauchen, wir verstehen uns? Kleiner Tipp für echte Fans: Ich bin unter dem Pseudonym Andy Bionetti am Institut für Zollforschung in Berlin-Niederschweineöde zu finden.


Vom Einsatzhubschrauber aus betrachtet: Casa Bonetti. Quelle: BKA.

The Psychedelic Furs – Love My Way. https://www.youtube.com/watch?v=LGD9i718kBU


Mittwoch, 11. Oktober 2017

Vermischtes


„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“ (Oskar Roehler: Selbstverfickung)
Ich war heute im Friseursalon und habe das deutsche Jobwunder persönlich kennengelernt. Die Frau, die meine wolfsgraue Mähne stutzte, hat drei Jobs: Kindergärtnerin, Lagerarbeiterin bei Staples und Friseurin. Sie ist in meinem Alter und freut sich auf den Feierabend. Sie möchte sich mit ihrer Freundin eine Lieferpizza gönnen. #Volksverblödungsweltmeister (Import / Export)
Der Schüler, der hier im Dorf die Werbeblättchen austrägt, bekommt 6,60 € die Stunde. Zum Glück muss sein Boss für ihn keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen – wir könnten uns ansonsten die Reklame gar nicht mehr leisten.
Aus der „Tina“, die ich beim Warten auf den Haarschnitt lese, erfahre ich, dass es inzwischen Digitalradioprogramme für Hunde gibt und 73 Prozent aller Frauen schon einmal homöopathische Mittel gekauft haben.
Die USA haben durch eine 1:2-Niederlage gegen Trinidad und Tobago die Fußball-WM-Qualifikation verpasst, ebenso wie die Niederlande und die Türkei, die wiederum gegen Island zu Hause 0:3 verloren.
And now for something completely different:
Die Bayerische Volkspartei (BVP) war bei allen fünf Landtagswahlen in der Weimarer Republik die stärkste Partei. Sie stand für Katholizismus, Konservativismus und bayrische Leitkultur. Die Vorläuferorganisation der CSU hatte auf Reichsebene eine Fraktionsgemeinschaft mit dem Zentrum, der Vorläuferorganisation der CDU. Beide Schwesterparteien stritten jedoch gelegentlich in Sachfragen. Der militärische Arm der BVP war die Bayernwacht, die 1933 von den Nazis aufgelöst wurde. Im Juli 1933 stellte die BVP ihre Arbeit ein.

Copyright: Harri.

Weißes Gold

„Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“ (Groucho Marx)
„Menschenskinder, darauf müssen wir einen trinken“, rief Erna Schmeisser und holte den Kornbrand.
„Das wird gefeiert“, sagte ihr Bruder Horst und lachte. Gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager Fritz stießen sie an. Es versprachen glänzende Geschäfte zu werden.
Erfurt 1970. Eine neue Zeit hatte begonnen. Horst Schumann gehörte zur Delegation von Willy Brandt und hatte den Nachmittag genutzt, um seine Schwester zu besuchen. Und so war er mit Fritz, von dem er wusste, dass er als Kaufmann bei der HO arbeitete, ins Gespräch gekommen. Während Horst eine Marlboro nach der anderen rauchte, qualmte Fritz seine F6. Irgendwann waren sie dann auf das Thema Bananen gekommen.
***
Gegen drei Uhr morgens hielt eine völlig leere S-Bahn im Bahnhof Humboldthain im Wedding. Hastig wurden die Kisten aus den Lastwagen in die Bahn geladen. Horst stand auf dem Bahnsteig, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, im Mundwinkel eine Marlboro.
Fritz kam mit zwei riesigen Koffern und stellte sie wortlos neben ihm ab. Und so wechselten hundert Tonnen Bananen, die am Tag zuvor mit dem Frachtschiff aus Hamburg im Westhafen angekommen waren, den Besitzer. Zwei Stationen weiter, im Geisterbahnhof Oranienburger Straße, wurden die Kisten wieder ausgeladen. Heißbegehrte Südfrüchte für die DDR. Im Gegenzug erhielt Schumann fünfzig Kilogramm unverschnittenes Heroin.
Was Horst Schuman nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für die Stasi. Mit den Bananen wurde ein dringendes Bedürfnis der eigenen Bevölkerung befriedigt, mit dem Heroin destabilisierte man den Klassenfeind in West-Berlin und in West-Deutschland.
Was Fritz Schmeisser nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für den BND. Mit dem Heroin machte man aus den „Haschrebellen“ der sechziger Jahre willenlose Junkies. Die APO wurde im Wortsinne ruhiggestellt. Aus 1968 wurde in wenigen Jahren das 1979 der Christiane F. Das Heroin wurde vor allem in den Hochburgen des linken Widerstands, in West-Berlin und Frankfurt, verkauft. Den drogenfreien Rest des Widerstands, die RAF und die Bewegung 2. Juni, konnte man getrost der Polizei überlassen.
Der BND hatte ein Problem gelöst, ohne dass es der Öffentlichkeit jemals aufgefallen wäre. Und er verdiente an den Drogen, die Schmeisser zunächst über eine KGB-Connection im Iran (der Schah hatte nach seinem Berlin-Besuch 1967 noch eine Rechnung mit der APO offen), später in Afghanistan besorgte, einen Haufen Geld für operative Zwecke in Osteuropa.
***
Zwanzig Jahre lang liefen die Geschäfte glänzend. Weißes Gold für den Osten, weißes Gold für den Westen. Immer mehr Bananen wurden in die DDR geliefert, immer mehr Heroin in die Bundesrepublik.
Schmeisser, der glaubte, das Geschäft seines Lebens zu machen, begriff erst 1990, als ihm sein inzwischen pensionierter Schwager die ganze Story erzählte, wie die Stasi hereingelegt worden war.
Die Bananen waren eine besondere Züchtung, die abhängig machte. Wer diese Bananen aß, wollte noch mehr Bananen. Mit jeder Lieferung, die in einer S-Bahn der DDR-Reichsbahn über die Grenze in Berlin geschmuggelt wurde, wurden die Menschen in Ostdeutschland also immer unzufriedener. Der Westen wurde heroinsüchtig, der Osten wurde bananensüchtig.
Mit den Millionen, die der BND im Drogenhandel verdiente, konnte ein Netz von Aktivisten in vielen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aufgebaut werden: sogenannte Friedensgruppen in der DDR, aber auch eine unabhängige Gewerkschaft in der alten deutschen Hansestadt Danzig, wo ein junger Mann namens Lech Walesa angeworben werden konnte. Als man mit Gorbatschow sogar einen Mann aus dem Politbüro der UdSSR gekauft hatte, war der Clou perfekt.
Mit jeder Banane kam der Kommunismus seinem Untergang wieder einen Schritt näher. Die exklusiven Unterlagen zu diesem historischen Deal der Geheimdienste in Ost und West liegen dem Betreiber dieses Blogs vor.
R.E.M. – Perfect Circle. https://www.youtube.com/watch?v=EXxprhjaot4

Einen hamwa noch:

Dienstag, 10. Oktober 2017

Den Helden unsterblicher Ruhm

„Ein Vakuum, geschaffen durch fehlende Kommunikation, füllt sich in kürzester Zeit mit falscher Darstellung, Gerüchten, Geschwätz und Gift.“ (Cyril Northcote Parkinson)
Es ist immer wieder ein erhebender Anblick, wenn ein stolzes Volk nach langen Jahren der grausamen Unterdrückung die Fesseln der Knechtschaft sprengt. Es lebe die katalanische Republik. Freiheit oder Tod. Zu den Waffen, Bürger! Auf die Barrikaden!
So wie der Wind das Feuer in alle Himmelsrichtungen trägt, entfacht diese Revolution selbst hier im Hunsrück den Zorn der einfachen Bauern. Sie wollen die Unabhängigkeit von Mainz und Berlin. Sie haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Rache für Schinderhannes!
Zum hundertsten Jahrestag der russischen Revolution rumort es selbst im Sauerland und in Mittelfranken. Basken, Korsen, Schotten, Kurden - es ist die Zeit für neue Nationen gekommen, für neue Grenzen, neue Minderheiten, neue Geldscheine und neue Uniformen. Aus Provinzclowns werden Staatspräsidenten.
Für jede Generation kommt einmal die Stunde der Rebellion. Kommunismus, Nationalismus, Faschismus – der Anlass ist eigentlich zweitrangig. Nur heraus, ihr Rebellen! Die Krim den Tartaren, das Schanzenviertel dem schwarzen Block, Großbrexitannien den Cricketfans und Mailand den Lombarden.
Für den Hunsrücker Bauern werden Fackeln und Mistgabeln reichen. Die Katalanen brauchen eine eigene Luftwaffe, ein eigenes Heer und eine eigene Marine. Dazu benötigt man Jagdbomber, Panzer und Kriegsschiffe. Der neue Nationalismus verspricht, für die Kaufleute des Todes ein glänzendes Geschäft zu werden.
P.S.: Es gehört zu den ewigen Gesetzen des Comedy Business und der Bloggergilde, dass man keine Witze über Namen machen sollte. Aber der Duodezfürst von Katalonien, die Maus, die gerade brüllt, heißt Putsch-Dämon, oder? Hallo?! Noch Fragen?
P.P.S.: Nördlich der Pyrenäen, in Frankreich, geht Katalonien ja noch weiter. Das ist quasi das Sudetenland der Katalanen. Wo knallt es zuerst? In Perpignan oder in Pjöngjang? Meanwhile in Schilda: Crazy Horst bekommt eine Opagrenze mit beweglichem Deckel, darf sie aber nicht so nennen (grob zusammengefasst).
U2 - With Or Without You. https://www.youtube.com/watch?v=XmSdTa9kaiQ

Dancefloor-Dada

Enjoy this trip (x2)
And it is a trip
S'Express (x3)
Countdown is progressing
Uno dos
Uno dos tres quatro
I got the hots for you
Boop
REPEAT
I got the hots for you
Boop boop b-boop bep b-bep ah ah
I got the hots for you
Boop boop b-bep boop boop b-bep bep
I got the hots for you
Boop boop b-boop bep b-bep ah ah
I got the hots for you
Boop boop b-bep boop boop b-bep bep
S'Express (x4)
Come on and listen to me baby now (x4)

https://www.youtube.com/watch?v=IpeRShWMdYM

Meine Lieblingsschublade

Ich habe drei Schreibtische. Zwei in Schweppenhausen und einen in Berlin. An zwei dieser Tische schreibe ich tatsächlich, sie haben keine Schubladen. Das Notebook steht in der Mitte, hufeneisenförmig hat sich Plunder und Gelumpe um das Gerät angesammelt.
Der dritte Schreibtisch steht in meinem Schlafzimmer. Dort sitze ich am Fenster, schaue hinaus und überlege. Diesen Schreibtisch habe ich seit über dreißig Jahren, er ist der älteste der drei. Er hat Schubladen, die ganz klassisch mit Büromaterial gefüllt sind.
Die oberste Schublade ist meine Lieblingsschublade. Sie ist flach und hat folgenden, nicht arrangierten Inhalt:
Münzen von Reisen nach Italien, Holland und Frankreich
Meinen Glückskronkorken mit der Deutschlandflagge, den ich bei der WM 2014 immer in der Tasche hatte
Ein Stück Seife aus den sechziger Jahren, das meine Eltern aus Italien mitgebracht haben
Anstecknadeln von Johnny Walker, der DDR und einem Kinderbuch (dem Autor habe ich als Vorbild für das Wiesel, dem Bösewicht im Märchen, gedient)
Das Glöckchen von einem Lindt-Osterhasen
Ein Flaschenöffner
Ein Pflaster
Ikea-Bleistifte und ein Buntstift
Schlüsselanhänger aus dem Gartencenter
Die Blechkappe einer Champagnerflasche und ein Kronkorken von Schlappeseppel
Eine uralte chinesische Münze mit Loch
Ein Lederdingsbums von Gusti, bei denen ich mir im Frühling eine Umhängetasche für mein Notebook gekauft habe
Ein Vierkantschlüssel, Rundkopf-Klammern, eine Miniwäscheklammer und ein winziges Schräubchen

U.S.A.

Texas
Wüste
Vor mir
Das rostige Gerippe
Einer Startrampe
Von der
Ein Nazi
Die fette Rakete
Auf den Mond
Ejakuliert hat