Sonntag, 19. Februar 2017

Kontinente, Konfirmanden, Koniferen

Blogstuff 114
„Immer eine Handbreit Doppelkorn unter dem Kiel.“ (Hanseatisches Sprichwort)
Wenn sogenannte Prominente wie Peter Maffay, Jogi Löw und Hape Kerkeling an der Wahl zum Bundespräsidenten teilnehmen dürfen, wenn ein TV-Richter und der Vater eines Satirikers als Pseudo-Gegenkandidaten aufgestellt werden, wissen wir, dass die Politiker den Wahlvorgang nicht ernst genommen haben. Nach der Wahl gab es dann das Statement von meiner Lieblingsteilnehmerin Veronica Ferres zu hören: „Steinmeier ist ein Mensch, der Menschen als Mensch begegnet.“ #FakeChoice
Trump ist die Sonnenfinsternis der Demokratie. Sie wird vorüber gehen.
Was geschieht, wenn Geld, Paragraphen und Befehle zwischen den Menschen sind? Nicht mehr viel. Selbst Hannah Arendt spricht von der Banalität des Bösen, wenn sie Adolf Eichmann während seines Prozesses beobachtet. Wir reduzieren uns selbst auf soziale Automaten, auf das bloße Funktionieren.
Kennen Sie Robert Neumann? Sein Buch „Where Neumann has gone before“ ist in den Niederlanden ein absoluter Verkaufsschlager.
Früher war Deutschland sauber geteilt. Es gab einen kapitalistischen und einen sozialistischen Teil. War man im kapitalistischen Deutschland für den Sozialismus, hieß es einfach: „Geh doch rüber!“ Wohin gehen die Sozialisten heute? Ins Internet. Gut. Aber konkret? Wer an Marx oder Lenin glaubt, ist nach der Vertreibung aus dem Arbeiter- und Bauernparadies heimatlos geworden.
Neulich habe ich mit einer Freundin ein langes Gespräch über die Bedeutung des Zufalls in unserem Leben geführt. Er wird unterschätzt, unsere Entscheidungen werden systematisch von uns selbst überschätzt. Verleihen wir den Dingen eine tiefere Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben? Und warum ist es nicht legitim, solche Zusammenhänge herzustellen, wenn sie unserem Leben einen Sinn oder wenigstens ein Geheimnis geben?
Wenn ein Politiker die Mehrheit hat, heißt es noch lange nicht, dass er eine gute Wahl ist.
Werbung: Andy Bonetti gibt’s jetzt auch als Spielfigur aus hochwertigem Kunststoff. Voll beweglich! Zubehör: Buch, Schreibtisch, Whiskyflasche, Nobelpreis und Muse.
Die Großen fressen die Kleinen und so kommt die kapitalistische Wirtschaft irgendwann an ihr natürliches Ende. Nette Idee. Die großen Fische fressen die kleinen Fische und der Teich kommt nie an ein Ende. Da hätte Marx mal den Zeitgenossen Darwin interviewen sollen.
Hätten Sie’s gewusst? Kuchen besitzt ein eigenes Gravitationsfeld. Wenn Kuchen im Haus ist, bewegen Sie sich unwillkürlich auf ihn zu.
Warum sollte ich heute schon wissen, was ich morgen mache?
Eigentlich tun mir die Ossis Leid: Zuerst arrangieren sie sich mit der SED, danach mit IKEA, Amazon und Persil.
Rheinland-Pfalz: Aus einigen Leichenteilen des Deutschen Reichs hat man 1946 Frankensteins Monster zusammengenäht: Die Pfalz aus Bayern (hier ist Frankenstein tatsächlich, zwischen Kaiserslautern und Bad Dürkheim), Rheinhessen aus Hessen, Hunsrück, Eifel und Westerwald aus Preußen. Mainz wurde zur Hauptstadt erklärt, wobei man die drei ostrheinischen Stadtteile amputierte. Fertig ist das Bindestrich-Bundesland. Es ist nicht das einzige.
2020: Synchron-Trinken wird olympische Disziplin.
Hätten Sie’s gewusst? Charlie Chaplin wurde durch eine wahre Tragödie zu seiner berühmten Komödie „Goldrausch“ inspiriert. 1846 wurde eine Gruppe Siedler im Westen der USA vom Winter überrascht. Von 81 Menschen kamen 34 ums Leben, die von den anderen Siedlern verspeist wurden – sowie auch die Schuhe und andere Lederwaren. Für die Szene, in der Chaplin den Schuh isst, wurden drei Drehtage und 63 Takes benötigt. Der Schuh und die Schnürsenkel waren aus Lakritze.
„So wie unser Geist durch Vorurteile beschränkt wird, ist unsere Wahrnehmung durch Gewohnheiten beschränkt. Die tägliche Flut der Bilder in den Medien hindert uns daran, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Aufgabe der Kunst es ist, die Welt wieder zu entdecken, sie mit den Augen der Kinder zu sehen. Wenn Picasso eine kubistische Orange malt, sehen wir die Orange neu. Wenn ich eine Geschichte über Eike, den kleinen Eierbecher, oder den Schraubenzieher-Man schreibe, sehen wir den Eierbecher und den Schraubenzieher neu.“ (Andy Bonetti: Ich habe Kunst)
Eurythmics – Doubleplusgood. https://www.youtube.com/watch?v=aGwUNTGrnvE

Samstag, 18. Februar 2017

Der letzte Wunsch

Eigentlich beginnt hier am Rhein in der nächsten Woche die Fastnacht, die Zeit der behördlich erlaubten und geregelten Fröhlichkeit. Die Polizei empfiehlt den Flüchtlingen, sich von dieser alten deutschen Tradition fernzuhalten. Aber mir geht gerade eine ganz andere Sache durch den Kopf.
Im Nachbardorf wohnt meine Nichte. Ihre Freundin hat Krebs. Mit 21 Jahren erfährt sie von den Ärzten, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben hat. Was für ein schrecklicher Gedanke. Noch so jung – und die Zeit des Abschieds von der Welt, von der Familie und von Freunden ist gekommen. Die Zeit der letzten Wünsche bricht an.
Sie möchte noch einmal das Meer sehen. Mit ihren Eltern und ihrem Verlobten fährt sie nach Nizza. Leere Strände. Februar. Eine Stadt in Trauer nach dem verheerenden Terroranschlag. Aber ein Wunsch, der in Erfüllung geht.
Sie möchte gerne noch ein letztes Mal ihren Geburtstag feiern. Im April wird sie 22. Sie hat es nicht mehr geschafft. In dieser Woche ist sie gestorben. Wir sollten mit unseren Wünschen nicht länger warten. Darüber denke ich in diesem Augenblick nach.
Alexandra - Was ist das Ziel? https://www.youtube.com/watch?v=6t_0rbDGCOg

China-Reise 2007 – Einige Beobachtungen und Bemerkungen

Politik
Es fallen in China die starken Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sowie die Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land auf, die uns in diesem Ausmaß in Deutschland unbekannt sind. Es stellt sich die Frage, welches Land eigentlich das sozialistische und welches das kapitalistische ist. Ein solches sozioökonomisches Gefälle würde einen europäischen Staat zerreißen. Den Sozialismus habe ich nur in Form von Folklore (etwa der morgendliche Fahnenappell vor der Provinzverwaltung in Xian) und Fassade (rote Fahnen und Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking) wahrnehmen können. Positiv: Das Massaker von 1989 und gesellschaftliche Probleme wurden offen von der deutschen wie auch der chinesischen Reiseleitung angesprochen.
Wirtschaft
Es gilt: Je urbaner China ist, desto westlicher ist es auch. In den Metropolen finden wir Kaufhäuser, die den Kathedralen des Kapitalismus in Europa, etwa dem KaDeWe in Berlin, in nichts nachstehen. Die großen Kaufhäuser sind jedoch fast menschenleer, da die Kaufkraft des Durchschnittsbürgers zu gering ist. Beispiel: Ein Paar deutsche Markensportschuhe kosten einen chinesischen Arbeiter drei Wochenlöhne, einen deutschen Arbeiter noch nicht einmal einen Wochenlohn. Hierzu passt auch die Beobachtung, dass man kaum Chinesen mit Einkaufstüten der großen Kaufhäuser sieht, obwohl die Boulevards voller Menschen sind. Die chinesischen Händler und Verkäufer unterscheiden sich in nichts von Händlern in kapitalistischen Ländern, sie wirken im Gegenteil noch aufdringlicher. Zudem fällt der verschwenderische Umgang mit Arbeitskräften auf: Im Lokal warnt ein Mensch permanent alle eintretenden Gäste vor den Gefahren einer bestimmten Stufe, in einem anderen Lokal reicht ein Mensch auf der Toilette Papierhandtücher aus einer Selbstbedienungsbox an die Besucher weiter.
Gesellschaft
Die Chinesen sind, wie in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt zu beobachten, im Durchschnitt sehr jung. Das Straßenbild wird von jungen Menschen geprägt, Menschen mittleren Alters oder gar alte Menschen sieht man kaum. Die jungen Leute tragen häufig westliche Kleidung und Frisuren. Selbst unter den ärmeren Menschen ist westliche Kleidung (Lederhalbschuhe, zweiteiliger Anzug) sehr verbreitet. Selbst die Mönche tragen Turnschuhe und amerikanische Schirmmützen, nutzen Handys und andere Geräte. Die Menschen wirken sehr materialistisch und geldgetrieben, außerdem fehlen häufig gewisse Umgangsformen. Beispiel: Ein lamaistischer Mönch spricht mich in Wutaishan mit den Worten „Hello, money!“ an – oder die Bauersfrauen am Mondberg! Dem Durchschnittschinesen sieht man die 5000 Jahre Geschichte so wenig an wie die Deutschen ein Land der Dichter und Denker bevölkern (oder Franzosen elegant und Engländer lustig sein sollen). Stereotype Vorurteile greifen hier nicht.
Medien
Es gibt eine große Zahl an Fernsehprogrammen, etwa fünfzig. Es dominieren Spielshows und Serien, wobei letztere häufig einen historischen Hintergrund (meist das alte Kaiserreich) haben. Das Programm ist überraschenderweise noch chinesisch untertitelt, möglicherweise möchte man auf diese Weise das Erlernen der Schriftsprache fördern. Die Werbeblöcke sind nicht nur von westlichen Produkten durchsetzt, sondern auch in ihrer Präsentation sehr westlich. Musiksendungen für junge Leute sind stark vom westlichen Musikstil (Pop, Rock, Rap usw.) geprägt, aber es überwiegen chinesische Texte. Telefonnummern und Zahlen werden offenbar – wie im Westen – nur in arabischen Ziffern ausgedrückt.
Verschiedenes
• Die Vielfalt des chinesischen Essens und die hohe Qualität im Vergleich zu den deutschen „China-Restaurants“, die Mahlzeit als Gemeinschaftserlebnis (zehn Menschen bestellen zehn Gerichte, die auf einem breiten Drehgestell serviert werden; alle Essen von allen Tellern, so dass alle Mahlzeiten zu Menüs werden)
• Als „Langnase“ stellt man häufig eine kleine Sensation dar, etwa als wir gemeinsam in einem Kleinstadtladen einkaufen waren und sich eine Traube von Kindern um mich bildet, als ich mir eine Dose Bier hole
• Die scheinbar regellose Naturwüchsigkeit des Straßenverkehrs, die es in Europa allenfalls noch in Süditalien zu beobachten gibt
• Die teilweise mittelalterlich zu nennenden Toiletten an Raststätten und in Restaurants
• Touristische Glanzlichter wie die Große Mauer und die Terrakottaarmee beeindrucken mehr durch die Vorstellung des ganzen als durch den konkreten Anblick
• Das überall zu beobachtende starke Wachstum der Städte; Metropolen wie Shanghai oder Peking gibt es in Europa gar nicht, auch nicht diese Form der vertikalen Stadtentwicklung nebst üppiger Neonreklamen in Fußballfeldgröße
• Die Rhetorik des chinesischen Reiseführers: schlechte Straßen voller Schlaglöcher wurden zu „Massagestraßen“, Pinkelpausen auf den abenteuerlichsten Aborten zu „Harmoniepausen“
• Die Dreistigkeit einer Hotelangestellten, die meine Ansichtskarten trotz Bezahlung des Portos einfach in den Müll geschmissen haben muss. Keine einzige Karte ist bis heute angekommen
P.S.: Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ich die dreiwöchige Rundreise gemacht habe. Noch heute denke ich gelegentlich an die Schönheit der Flusslandschaft, die ich bei einer Bootsfahrt auf dem Li Jiang erlebt habe, oder das Metropolis-Feeling in Shanghai, wo wir am nächsten Tag mit 432 km/h im Transrapid zum Flughafen gefahren sind. Oder an den studierten Reiseleiter, der ausgezeichnet Deutsch sprach und mir gelegentlich seine Hand auf den Bauch legte. Ich ließ es geschehen, fragte ihn aber eines Tages doch, warum er das tue. Es bringe Glück, den Bauch des Buddha zu berühren, antwortete er mir. Ich nehme das bis auf den heutigen Tag als Kompliment.
Damals, im Mai 2007, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Auch das ist ein Jubiläum.

Raucherinsel (Danke, Harri)
Ach ja, die Frauen von Mondberg. Sie umlagern den Bus jeder ankommenden Reisegruppe. Jeweils eine Frau schnappt sich einen Touristen oder ein Touristenpärchen. Sie laufen permanent neben dir her und versuchen, ihre Dienste anzubieten oder mit ihren zehn Worten Englisch, den Reiseleiter zu ersetzen. Meine Bäuerin, eine junge Frau, habe ich eine halbe Stunde lang tapfer ignoriert. Beim Picknick auf dem Berg hatte sie die Festung geknackt. Sie zeigte mir Bilder ihrer kleinen Tochter und von ihrem Haus. Natürlich hat sie ein angemessenes Trinkgeld bekommen, als wir wieder beim Bus waren.
Jean-Michel Jarre - Souvenir de Chine. https://www.youtube.com/watch?v=BY_ozF-4IAU

Freitag, 17. Februar 2017

Experiment

"Ich habe kürzlich von einem anschaulichen Gedankenexperiment gelesen: Stellen Sie sich vor, alle Einwohner Deutschlands würden in einer Reihe innerhalb einer Stunde an Ihnen vorbeilaufen – geordnet nach ihrem Vermögen. Und ihre Körpergröße würde ihrem Vermögen entsprechen, jemand mit einem durchschnittlichen Vermögen wäre also durchschnittlich groß. Dann würden Sie in der ersten halben Stunde gar nichts sehen, dann würden 60 cm große Zwerge an ihnen vorbeilaufen, nach 40 Minuten die ersten Menschen in Normalgröße. Und in der letzten Minute wären die Menschen, die an Ihnen vorbeilaufen, über 40 km hoch." (Alexander Dietz im Tagesspiegel vom 10.2.2017)

Liebesgrüße aus Moskau

„You must sit down, says Love, and taste my meat: So I did sit and eat.” (George Herbert)
Ein kalter Januarmorgen. Magdalena R. geht gerade mit ihren beiden Hunden spazieren, als sie die Tote sieht. Nicht weit vom Sportplatz entfernt liegt die Leiche einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Etwa fünfzig Meter weiter entdeckt sie eine weitere Leiche. Ein Mann in einem langen Mantel, er trägt schwarze Handschuhe. Reifenspuren im Schnee, Fußspuren.
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Etwa zwanzig Minuten später ist ein Streifenwagen vor Ort. Im ganzen Tal gibt es keine Polizeistation. Die Beamten haben sich auf den langen Weg von Bad Kreuznach nach Schweppenhausen gemacht. Sie sperren den Tatort ab. Bis die Spurensicherung, die Kripo und die Leichenwagen im Dorf sind, vergeht eine weitere Stunde.
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Noch fünf Minuten, dann fährt der Zug. Ludmilla fehlen zwanzig Cent Kleingeld. Der Fahrkartenautomat nimmt keine Fünfzig-Euro-Scheine für eine Fahrt von Bingen nach Koblenz. Um diese Uhrzeit ist der Schalter geschlossen. Nirgendwo kann man Geld wechseln. Schwarz fahren? Das bedeutet vielleicht Ärger in Deutschland und Ludmilla hat schon genug Ärger am Hals. Sie verpasst den Zug. Dann sieht sie den schwarzen SUV.
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Die beiden Toten haben keine Papiere. Ihre Fingerabdrücke werden durch den Computer gejagt. Keine Ergebnisse. Die Daten werden an Interpol weitergeleitet. Die Antwort wird am nächsten Tag erwartet. Inzwischen ist die Presse in Schweppenhausen unterwegs. Die wenigen Menschen, die man auf den Gassen des Dorfes trifft, haben sehr schnell ein Mikrophon von Mitarbeitern diverser Boulevardblätter unter der Nase. Ein großer gutaussehender Mann, der einen sehr korpulenten Eindruck macht, kommt gerade von seinem Winzer, bei dem er einige Flaschen Wein erstanden hat. Er kann den Reportern keine Auskunft geben. Die Toten sind nicht aus seinem Dorf.
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Waldimir ist wütend. Er hat gerade mit seinem Chef telefoniert. Eins der Mädchen ist abgehauen. Ist nur mit der Handtasche und ein bisschen Geld shoppen gegangen und nicht wieder gekommen. Montagmorgen – da ist im „Red Roses“ in Wiesbaden sowieso nicht viel los. Aber jetzt fehlt sie. Und Wladimir muss sie finden. Sonst ist sein Boss sauer. Der junge Jewgeni ist bei ihm, ein nervöser Kokser, der leicht die Nerven verliert. Es ist schon eine Zumutung, neben ihm im Auto zu sitzen.
***
Am nächsten Tag gibt die Polizei eine Pressekonferenz. Der Tote ist ein gewisser Wladimir Jewtuschenko und ist in Moskau als einschlägig vorbestraftes Mitglied einer international operierenden Verbrecherorganisation gemeldet. Der Name der Toten ist Ludmilla Novikova, sie ist neunzehn Jahre alt und hat Moskau vor einem Jahr verlassen. Ihre Eltern haben keinen Kontakt mehr zu ihr, sie ist in Russland nicht mehr mit einem Wohnsitz gemeldet.
***
Jewgeni keucht vor Erregung. Seine blutunterlaufenen Augen sind weit aufgerissen.
„Ich werde die Schlampe fertigmachen.“
„Überlass die Sache dem Boss. Er wird sich um sie kümmern.“
Wladimir hat solche Situationen schon einige Dutzend Mal erlebt. Bis hin zu Scheinhinrichtungen. Meistens ist nach der ersten Flucht Schluss. Viele wagen es noch nicht einmal, zum ersten Mal zu flüchten.
„Die lacht uns doch aus! Was glaubt die kleine Scheißhausfotze eigentlich, wer sie ist? Ich bin den ganzen Tag unterwegs, um eine Nutte zu finden? Ich schlag sie kurz und klein!“
Ludmilla weint auf dem Rücksitz. Wie schlimm kann es noch werden?
„Denk doch mal nach“, sagt Wladimir. „Wenn du sie grün und blau prügelst, bringt sie kein Geld. Das macht den Boss noch wütender.“
„Das ist mir egal. Ich fahr jetzt hier raus. An diesem Fußballplatz ist keine Sau. Jetzt klären wir die Sache.“
Der Wagen hält. Alle drei steigen aus.
„Du wirst dich jetzt beruhigen, du Schwachkopf. Wegen einem Anfänger wie dir will ich keinen Ärger kriegen“, sagt Wladimir.
Jewgeni zieht die Waffe. Ludmilla beginnt zu rennen.
„Wenn du nicht sofort wieder die Pistole einsteckst, bist du ein toter Mann“, brüllt Wladimir. Warum müssen die Amateure immer die Nerven verlieren?
Jewgeni drückt ab. Einmal. Zweimal.
Wladimir sinkt in den Schnee.
Dann treffen die Kugeln Ludmilla.
The Steve Miller Band – Macho City. https://www.youtube.com/watch?v=gemlal7T-PY

Donnerstag, 16. Februar 2017

Was ich bereits auf dem Spielplatz gelernt habe

Auf der Schaukel geht es hin und her, aber nicht wirklich vorwärts.
Auf der Rutsche geht es immer nur abwärts.
Auf der Wippe ist man zu zweit, es geht rauf und runter, aber nichts hat Bestand.
Alles, was man im Sandkasten baut, ist äußerst vergänglich.

Eine wahre Geschichte und eine Lüge

Franz Jung wurde 1817 in der Nähe von Karlsruhe geboren. Sein Vater war Landarbeiter, seine Mutter Weberin. Er wurde Knecht auf demselben Hof, auf dem auch sein Vater beschäftigt war. 1841 heiratete er die Magd Henriette Klingbeil, die auf dem Nachbarhof arbeitete. Als es zur Märzrevolution 1848 kam, nahm Franz Jung aktiv an den Kämpfen Teil. Im Großherzogtum Baden nahm die Revolution ihren Anfang. Das Volk wählte sich überall in den deutschen Kleinstaaten Regierungen, die sogenannten Märzkabinette, die in der Frankfurter Paulskirche zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung zusammentraten. Ein Ergebnis der Revolution war die Bauernbefreiung. Franz Jung und seine Frau waren nun keine Leibeigenen mehr. Er hatte nun das Recht, das Land seines Herrn zu verlassen und musste keine Frondienste mehr erbringen. Auch die Erbuntertänigkeit der Bauern, die es seit Jahrhunderten gegeben hatte, wurde abgeschafft. Als die Revolution kurz darauf gescheitert war, fürchtete Franz Jung, seine Freiheit wieder zu verlieren. Er ging mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Amerika, wo es keine weißen Leibeigenen mehr gab. Er ließ sich in Ohio nieder, kaufte ein Stück Land und wurde Farmer. Er war so erfolgreich, dass er seinen Grundbesitz stetig erweiterte. Auf einem Teil des Landes baute er Hafer an und begann, in die umliegenden Städte und Gemeinden Haferflocken zu verkaufen. 1875 war er ein erfolgreicher Unternehmer, der eine eigene Fabrik unterhielt, die Haferflocken im ganzen Land verkaufte. Bevor im 20. Jahrhundert die Cornflakes den Markt eroberten, galt Franz Jung als König der Frühstückscerealien. Er starb 1892 als reicher Mann.
Franz Jung wurde 1888 in Oberschlesien geboren. Er war der Sohn eines Uhrmachers, besuchte das Realgymnasium und legte 1907 sein Abitur ab. In Leipzig studierte er Musik, wechselte aber bald zu Volkswirtschaft, Rechts-, Kunst- und Religionswissenschaften. 1912 erschienen erste Prosatexte von ihm in expressionistischen Zeitschriften. Bei Kriegsbeginn 1914 desertierte er aus dem Heer, kam in Festungshaft und anschließend in die Psychiatrie nach Berlin-Wittenau. Danach führte er ein Doppelleben: Sein Brotberuf waren Wirtschaftsjournalismus und Börsenberichterstattung, gleichzeitig betätigte er sich politisch im Untergrund und war Mitherausgeber des „Club Dada“. Er war mit Erich Mühsam und George Grosz befreundet. Nach dem Krieg nahm er an den Spartakus-Kämpfen im Berliner Zeitungsviertel teil. Als glühender Kommunist kaperte er ein Fischdampfer und fuhr in die Sowjetunion, wo er bei Nowgorod eine Zündholzfabrik aufbaute. 1923 kehrte er unter falschem Namen nach Deutschland zurück, arbeitete erneut als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und am Berliner Theater an der Seite von Erwin Piscator. Ab 1933 war er in der Untergrundgruppe „Rote Kämpfer“ aktiv, wurde verhaftet und konnte fliehen. Prag, Wien und Genf wurden seine nächsten Stationen. 1939 war er Versicherungsagent in Budapest, nachdem ihn die Schweiz wegen Spionageverdachts ausgewiesen hatte, und wurde 1944 wieder verhaftet. Er konnte nach Italien fliehen, wo er jedoch im Konzentrationslager Bozen interniert wurde. 1948 wanderte er in die USA aus und kehrte 1960 nach Deutschland zurück, wo er 1963 völlig verarmt und vergessen in Stuttgart starb. Seine Autobiographie „Der Weg nach unten“ von 1961 ist leider viel zu wenigen Lesern bekannt.
Welche der beiden Biographien ist echt, welche ist falsch?
Pink Turns Blue - Your Master Is Calling. https://www.youtube.com/watch?v=FT9lwMakwv8