Donnerstag, 17. August 2017

One Blogstuff to rule them all


Blogstuff 143
„Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Mein Ziel ist die Unsterblichkeit und bis jetzt ist es hervorragend gelaufen.
Im Spiegel sehe ich den unvorteilhaften Faltenwurf meines weißen T-Shirts, aber dann bemerke ich, dass es mein Bauch ist.
Nach Schopenhauer kann sich nur das Genie durch Kunst vom Leiden der Welt erlösen. Das „Weltauge“ erkennt, was der „Fabrikware der Natur“, dem Normalo also, verborgen bleibt. Dabei vernachlässigt das Genie das Naheliegende, das Banale. Plötzlich ergibt das ungespülte Geschirr in meiner Küche einen Sinn.
In der U2 sitzen mir drei weibliche Teenager gegenüber, die offenbar zum ersten Mal in Berlin sind. Sie starren die ganze Zeit auf ihre Smartphones und lesen sich gegenseitig die U-Bahn-Stationen vor, anstatt einfach aus dem Fenster zu schauen. Und so erreichen wir bald die „Möhrenstraße“. Was für eine elegante Lösung für die Debatte um den politisch nicht mehr korrekten Straßen- und Stationsnamen. Zwei Punkte – und das Problem ist vom Tisch.
Hätten Sie’s gewusst? Durch Andy Bonettis vielbeachteten Roman „Dauerbaustelle“ wurde Berlin über Nacht berühmt.
Sobald ein Schaffner die erste Klasse des ICE betritt, verwandelt er sich in einen Kellner. Ich sehe einen graumelierten Herrn in Uniform, der ein Tablett mit einem Glas Bier trägt. Er kommt zurück, um kurz darauf mit einem Handbesen und einer Kehrschaufel erneut das Abteil der ersten Klasse zu betreten. In der zweiten Klasse ist er eine Respektsperson, die meine Fahrkarte kontrollieren darf. Hinter der Tür ist er ein Diener.
Ich sitze nur zwei Meter von der ersten Klasse entfernt und kann die bessere Welt durch eine Glasscheibe sehen. Eben kamen zwei Kinder an mir vorbei, die sich dort die Sitze angesehen haben. "Die sind viel größer", stellt das Mädchen gegenüber ihrem Bruder fachmännisch fest. Ja, liebe Kinder, dort sind ja auch die größeren Ärsche.
Andy Bonetti hat es geschafft, kommerziell zu werden, bevor er berühmt wurde.
Ich hätte gerne gegen meine Eltern rebelliert, aber sie waren nie zu Hause.
Die gebürtigen Berliner sind viel gelassener als die Zugereisten. Vielleicht kommt die Wut der Neuberliner daher, dass sie in die Stadt gekommen sind, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, um sich und anderen etwas zu beweisen? Viele Träume platzen in Berlin und irgendwann kapiert die Kellnerin, dass sie nie Schauspielerin wird, und der Pizzabote, dass er nie Rap-Star wird. Und dann sind sie den Rest ihres Lebens wütend und enttäuscht. Sie haben an ihr Talent geglaubt und sich angestrengt – und es nicht geschafft. Daran müssen Andere schuld sein.
Warum können Männer es nicht spüren, wenn Soße oder Fett auf ihrem Kinn ist? Ist es ein Gendefekt? Früher dachte ich, es sei nur bei alten Menschen so, aber mir passiert es inzwischen auch schon.
Damals im Kerzenschein waren wir schöner als im Neonlicht.
Berlin ist so groß, dass oft völlig anderes Wetter herrscht, wenn ich in einem anderen Teil der Stadt aus dem Höhlensystem der BVG krieche.
Wenn Bonetti behauptet, er stehe über anderen Autoren wie Hemingway oder Sartre, dann ist das nicht abwertend gemeint. Er ist einfach nur besser als sie.
BER: Der Flughafen ist ein Symbol für Berlin. Die ganze Stadt ist eine Dauerbaustelle. Sie wird nie fertig werden. Es wäre ja auch traurig, denn wenn etwas fertig ist, verändert es sich nicht mehr.
„Meister“, fragten die Jünger, „was ist das Wesen der Literatur?“ Der Meister schwieg. Die Jünger wiederholten die Frage, doch ihr Meister blieb stumm. „Wie sollen wir je von dir lernen?“ klagten die Jünger. „Schweigt“, rief der Meister, „ich habe euch die Antwort bereits gegeben.“ Als die Jünger in der Kantine waren, musste Bonetti laut lachen.
Weezer – Buddy Holly. https://www.youtube.com/watch?v=kemivUKb4f4

Mittwoch, 16. August 2017

Not guilty

Rückreise von Berlin nach Schweppenhausen. Ich habe das große Glück, mir mit einer sympathischen und lebhaften Familie einen Tisch im Großraumwagen eines ICE teilen zu dürfen. Eine Afro-Belgierin mit zwei kleinen Mädchen und einem Baby auf dem Arm.
Hinter Berlin schreitet das Personal zur Fahrkartenkontrolle. Madame zeigt auf ihr Smartphone. Dort ist ein Foto von einer Fahrkarte zu sehen. Die Kontrolleuse erklärt ihr, dass sie ein Online-Ticket oder einen Ausdruck braucht. Leider versteht die Dame kein Deutsch und die Kontrolleuse kein Englisch.
Ein Kollege wird hinzugezogen, der des Englischen mächtig sein soll. Immer wieder weist er die belgische Mutter darauf hin, dass ihre Fahrkarte ungültig sei. Er erklärt es auf Englisch. In seiner Übersetzung heißt „nicht gültig“ überraschenderweise „not guilty“. Die Diskussion zieht sich in die Länge. Ihr Mann habe die Fahrkarte in Brüssel gebucht. Jedes Mal, wenn der Schaffner „not guilty“ sagt, muss ich mir ein Lachen verkneifen. Es ist nicht einfach, denn er sagt es sehr oft.
Jetzt schaltet die Dame auf Französisch um. Sie könne kein Englisch, erklärt sie resolut, man möge ihr jemanden bringen, der Französisch kann. Der Schaffner ruft über Funk im ganzen Zug die Fahrgäste auf, man möge sich in Wagen 23 begeben, da hier ein Dolmetscher benötigt werde. Mir wird klar, dass sich hier etwas Großes anbahnt. Das wird eine längere Geschichte. Zum Glück habe ich Bier dabei und öffne mir erwartungsvoll die erste Flasche.
Eine junge Frau erscheint, die Englisch und Französisch, aber kein Deutsch kann. Der Schaffner erläutert ihr die Lage auf Englisch. Not guilty. Sie wissen schon. Die Frau übersetzt ins Französische und erläutert der Belgierin, sie müsse in Frankfurt ins Reisecenter und sich eine korrekte Fahrkarte besorgen. Das Foto einer Fahrkarte sei nicht ausreichend.
So in die Ecke gedrängt rastet Madame aus und spielt ihre letzte Karte. Mein Schulfranzösisch reicht aus, um die wesentlichen Punkte zu erfassen. Die ganze Welt sei rassistisch, die Deutschen sowieso und der Schaffner sei einfach nur krank. Weiter geht es auf Englisch, das sie plötzlich wieder fließend kann: sie sei eine stolze Afrikanerin und lasse sich das alles nicht bieten. Überall werde man als Schwarze schlecht behandelt. Das Ende ihrer wütenden Suada ist in einer afrikanischen Sprache, die ich nicht beherrsche. Ich mittendrin, am Fenster, ohne Fluchtmöglichkeit.
Der Schaffner gibt auf, die junge Frau geht. Positiv ist zu vermerken, dass niemand im Zug empört ist, böse blickt oder zischt, wie man es in solchen Szenen öfter erlebt hat. Die Aggression der Belgierin läuft ins Leere, bis sie sich wieder beruhigt hat. Auch von den Müttern, die mit ihren Kindern und gültigen Fahrkarten auf dem Boden zwischen den Großraumabteilen kauern müssen und die Szene beobachtet haben, gibt es keinen Kommentar zum Verhalten der Schwarzfahrerin (das ist nicht rassistisch gemeint, sonst hätte ich BIMBOSCHLAMPE geschrieben).
Als alles vorbei ist, kommt zehn Minuten später ein ahnungsloser deutscher Rentner des Weges und streichelt das Baby auf dem Arm von Madame. Ihr fassungsloser Blick. Was soll sie machen? Ihn auch als Rassisten beschimpfen? Bis Frankfurt herrscht Ruhe.
OMD – Talking Loud And Clear. https://www.youtube.com/watch?v=Piq--jBz8Zc

Dienstag, 11. Juli 2017

Sommerloch

„Seid überzeugt, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist.“ (Perikles)
Liebe Einbrecher!
Ich bin die nächsten fünf Wochen nicht zu Hause. Ich werde die Zeit in Berlin verbringen, wo ich mit meiner neuen Band „Empty Teens“ in einigen Clubs spielen werde (Käse & Zweifel-Tour 2017). Nehmt bitte nur mit, was Ihr wirklich braucht. Lasst mir die alten MAD-Hefte und meine Matchbox-Autos, v.a. den Lamborghini Miura.

Ich empfehle allen Leserinnen und Lesern, während meiner Abwesenheit die knapp zweitausend Blogposts noch einmal zu lesen. Glutenfreier Spaß für die ganze Familie. Vergessen Sie nicht die Worte unseres großen Meisters:
„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Monsignore Stracciatella, äh … nein, es ist natürlich Andy Bonetti, von dem hier die Rede ist)
P.S.: Für die Kiezschreiber-Sommerpause hat Ackerboy eine großartige Geschäftsidee: http://ackerbaupankow.blogspot.de/2017/07/geschaftsidee.html
Der Sommerohrwurm: https://www.youtube.com/watch?v=kYO6gUlzhqE

Montag, 10. Juli 2017

Schach mit lebenden Figuren – Hamburg revisited

„Civil disobedience is not our problem. Our problem is civil obedience.” (Howard Zinn)
Wann hat dieses Schachspiel mit lebenden Figuren begonnen? Lange vor unserer Geburt, so viel ist gewiss. Ich beschränke mich in der Analyse also auf die letzte Partie, die in Hamburg gespielt wurde.
Wie nennen wir die Spieler? „Das System“ vs. „Die Revolution“? „Oben“ gegen „Unten“? Weißes Haus meets schwarzen Block? Der Staat trifft auf seine Kritiker? Suchen Sie sich was aus. Da der Staat die Partie begonnen hat, hat er die weißen Figuren, passenderweise haben seine Gegner die schwarzen Figuren.
Weiß, Zug 1
Das große Jahrestreffen der mächtigsten Politiker der Welt findet in Hamburg statt. Bekanntlich sind Hamburg und Berlin die Heimat der Autonomen und aktionsorientierten Linken. In Hamburg wiederum ist St. Pauli der konkrete Ort der „Szene“ – dort sind auch die Messehallen, die für den G20-Gipfel genutzt werden sollen. Begründung: Man wolle näher am Volk sein. Gleichzeitig wird bekannt, dass man sich von einer Armee von 20.000 Polizisten – das Militär wartet im Hintergrund - vor diesem Volk zu schützen gedenkt. Eine Kontaktaufnahme mit gezogenem Revolver.
Schwarz, Zug 2
Es wird eine Demonstration mit dem Titel „Welcome to hell“ angemeldet. Auf der Homepage heißt es ganz klar „BLOCKIEREN – SABOTIEREN – DEMONTIEREN“. Demo heißt nicht nur Demonstration, sondern auch Demontage. Ganz offen wird ein „Aktionsbild“ publiziert, in dem es heißt: „sehen wir die internationale antikapitalistische Demonstration als Auftakt zur ‚heißen Phase‘ der direkten Aktionen und Blockaden gegen den G20-Gipfel.“
Weiß, Zug 3
Trotz dieser offenen Ankündigung der nächsten Züge reagiert Weiß nicht defensiv, sondern genehmigt die Demo. Als die Demo stattfindet, wird sie sofort und massiv von der Polizei angegriffen, obwohl sich der Demonstrationszug noch gar nicht in Bewegung gesetzt hat. Später heißt es, ein Betrunkener hätte eine leere Flasche geworfen. Nennen wir ihn Horst Gleiwitz.
Schwarz, Zug 4
Schwarz baut Barrikaden im eigenen Revier, dem Schanzenviertel, schmeißt Scheiben ein, legt Brände, zündet Autos an, plündert Geschäfte.
Weiß, Zug 5
Weiß reagiert über viele Stunden nicht auf die Straftaten, die unmittelbar vor ihm begangen werden. Erst als die Teilnehmer des G20-Gipfels sicher in ihren Hotelbetten sind, beginnt die Polizei, sich dem Schanzenviertel zuzuwenden.
Schwarz, Zug 6
Schwarz bereitet sich auf die Erstürmung des Schanzenviertels vor. Die Situation soll weiter eskalieren. Molotow-Cocktails und Gehwegplatten sollen von den Dächern auf die Polizisten regnen.
Weiß, Zug 7
Weiß nimmt das Angebot einer Eskalation an und schickt Spezialeinheiten mit automatischen Waffen zur Räumung des Viertels. Beide Seiten sind nun an einem Punkt angelangt, an dem man Tote in Kauf nimmt. Schwarz könnte von einem zweiten Benno Ohnesorg strategisch profitieren, Weiß könnte von einem toten Polizisten strategisch profitieren.
Schwarz, Zug 8
Schwarz gibt auf. Weiß wird den Sieg in den kommenden Tagen medial nutzen. Sozialdemokratische, grüne und linke Politiker und linke Aktivisten – vom Hamburger Bürgermeister bis zur Antifa – werden öffentlich angegriffen. Es werden „schärfere“ Gesetze und „härtere“ Urteile der Justiz gefordert. Der Bevölkerung wird klar gemacht, wer die Beschützer und wer die Feinde der Gesellschaft, des Eigentums und der Freiheit sind.
Fazit: Der Staat braucht die Gewalttäter und Hooligans ebenso wie den Terrorismus, um sich zu legitimieren. Welcome to paradise.
Procol Harum - A Whiter Shade Of Pale. https://www.youtube.com/watch?v=Mb3iPP-tHdA

Sonntag, 9. Juli 2017

„Du Nazisau“ - Populärkulturelle Invektiven als Form ritualisierter Kommunikation im Kontext sozialer Medien


Blogstuff 142
„Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Straße wie Popcorn in einer heißen Pfanne.“ (Andreas Glumm)
Fünfzehn Minuten Nachrichten genügen, um den Zorn-Akku wieder aufzuladen.
So viele Menschen haben den Tod verdient – aber dann sterben Gunter Gabriel und Chris Roberts. Deutschlands Antwort auf den Tod von David Bowie und Prince.
Ladenschild der Woche: „Ankauf von Trödel – Verkauf von Antiquitäten.“
Worte reduzieren die Welt auf das menschliche Niveau.
Farben: Die graue Maus mit dem Silberblick sah goldig aus, nachdem sie etwas Rouge aufgetragen hatte. Der Typ im Blaumann trinkt eine Berliner Weiße und hat seinen schwarzen Humor nicht verloren, obwohl er tief in den roten Zahlen steckt.
Die ultimative Mutprobe: Ich mache direkt gegenüber von Erdogans Palast eine Imbissbude auf und verkaufe Schweinefleisch-Döner.
„Plötzlich ergab alles einen Sinn.“ Einer meiner Lieblingssätze in Romanen.
Nerdic Walking: Mit riesigen Kopfhörern und den Blick aufs Display des Smartphones gesenkt durch den Wald laufen.
Nehmen wir mal an, ein Delta-Tier des hiesigen Politikbetriebs gibt in der Sommerpause einen Kommentar auf Twitter ab. Der Kommentar wird hundertfach im Netz kommentiert, worauf die Kommentare zu diesem Kommentar kommentiert werden. Kaskadenförmige Zeitverschwendung. Es wird auf diese Weise auch keine Öffentlichkeit hergestellt, denn es entstehen keine echten Kontakte zwischen den Kommentatoren, die politisch wirksam werden könnten. Soziale Medien als Politiksurrogat – demnächst noch kontrolliert und zensiert von den Konzernen und vom Staat.
Würde es helfen, wenn der Computer laut lachen würde, wenn jemand einen schwachsinnigen Kommentar oder eine dämliche Frage eingibt?
Hätten Sie’s gewusst? Es gab nur zwei Attentate von Frauen auf einen US-Präsidenten. Beide Male war Gerald Ford das Ziel. Lynette Fromme, Mitglied der Manson-Familie, versuchte es am 5.9.1975, Sara Jane Moore, Mitglied einer maoistischen Guerillatruppe, am 22.9.1975. Ford blieb unverletzt, beide Frauen bekamen lebenslange Haftstrafen und sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.
Idee für ein Denkmal: Ein übergewichtiger Mann mittleren Alters in Unterwäsche und Hausschuhen, der ein Dosenbier in der Rechten hält und sich mit der Linken am Hintern kratzt. Widmung: „Dem unbekannten Konsumenten.“ (Notizbuch, 23.1.2000)
Der Verkaufstresen am Rande der Unendlichkeit: Raumausstatter Orion. „Die oberste Raumbehörde gibt Alpha-Order.“ Was wollt Ihr: ein galaktisches Deutschland oder eine deutsche Galaxis?
Erfolg ist nur der Beifall von Fremden.
Es gibt übrigens längst die klassenlose Gesellschaft. Wir finden sie auf unseren Friedhöfen. Keiner ist toter als der andere. Zum Tod gibt es weder einen Komparativ noch einen Superlativ. Der Sensenmann ist der große Gleichmacher. Unsere lebenslange Reise in den Tod hat für alle dasselbe Ziel.
28 Länder dieser Erde habe ich mir auf meinen Reisen angeschaut. Das größte Land war die Sowjetunion, das kleinste die Vatikanstadt. Meine Favoriten: Brasilien (Menschen), Japan (Kultur), Italien (Städte) und die Schweiz (Landschaft).
Vorsicht! Literatur gefährdet Ihre fortschreitende Verblödung.
Bonetti will nichts von dir. Er nimmt dich auf, wenn du kommst, und er entlässt dich wenn du gehst. So wie Kafkas Gericht, Kubricks Hotel oder das Leben selbst.
Hätten Sie’s gewusst? In seinem autobiographischen Roman „Durst und andere Männergefühle“ bezeichnet Bonetti sein Haus in den Weinbergen als „Overlook Ranch“. Sein Arbeitszimmer heißt „Room 237“ – seine Toilette jedoch „Ground Zero“.
Blondie - Hanging On The Telephone. https://www.youtube.com/watch?v=E0U_dzYtWyE

Stanley Kubrick – Selfie von 1949.

Samstag, 8. Juli 2017

Hamburg

So werden Jugenderinnerungen geschaffen. Eine Nacht an den brennenden Barrikaden von Hamburg ist das unvergessliche Kleinod, von dem man noch bis ins hohe Alter an den Theken dieser Welt erzählen kann. Was ist dagegen ein Parteitag der Jungen Union? Der G 20-Gipfel als romantischer Sommertraum.
Derweil bot sich ein bizarres Bild: die mächtigsten Politiker der Welt sitzen gemeinsam in der Oper und lauschen Beethoven, bewacht von Sicherheitskräften in Divisionsstärke, während draußen vor der Tür die Stadt brennt. Nero hätte ein Gedicht geschrieben.
Immerhin hat die Polizei nach Mitternacht die Plünderungen beendet und die Brände gelöscht, nachdem die Machtelite das Kulturprogramm und das Galadinner absolviert hatte und alle Gipfelteilnehmer wieder sicher in ihren Hotels waren. So konnten endlich auch die jungen Demonstranten und die Beamten ins Bett.
Waren es Linke, die in Hamburg revoltiert haben? Warum haben sie dann Fahrradläden angegriffen und die Autos der Normalos abgefackelt? Warum haben sie ihren eigenen Szenebezirk, das Schanzenviertel, in Schutt und Asche gelegt? Sie hatten die Mächtigen dieser Erde einmal im Leben komplett wenige hundert Meter vor der Nase – und klauen Wodka??? Das ist so erbärmlich, dass ich gar nicht glauben kann, dass es Linke sind. Da fehlen mir die Worte. Der Schnaps in der Hand ist besser als die Merkel auf dem Dach, oder was? Eine Blamage …
P.S.: Quo vadis, Ulm?
"Gestern, am 07.07. um 18 Uhr fanden sich am Einsteindenkmal in Ulm ca. 30 Leute zusammen, um spontan gegen die massive Polizeigewalt in Hamburg zu protestieren." (Indiamedium)
Widerstand & schönes Wetter - you can't beat the feeling.
Cocteau Twins - Aikea-Guinea. https://www.youtube.com/watch?v=cl3lrcLzbGw
P.P.S.: "Wenig später stürmten die ersten Vermummten den Laden, klauten vor allem Alkohol, aber auch gängige Lebensmittel wie Toast, Schokoriegel, Gemüse." (faz.net)
Alkohol und Schokolade: völlig klar. Toast => brennende Barrikade. Gut. Aber Gemüse???
"Ist Weibsvolk anwesend?"

Die Nacht hat Augen

„Sie steigern den Verkaufserfolg ihres Buches, wenn Sie behaupten, Sie hätten mit diesem Werk den Tod Ihres besten Freundes oder Ihres krebskranken Shetlandponys verarbeitet.” (Andy Bonetti: 99 Tipps für den erfolgreichen Autor)
Es war weit nach Mitternacht, als mein Meister endlich an das Tor klopfte. Die Kerzen auf dem Kandelaber waren schon heruntergebrannt, als ich ihm öffnete. Er sah erschöpft aus, zugleich flackerten seine Augen wild im Licht der Kerzen.
„Du musst mir einen jungen Mann besorgen“, sagte er und ging an mir vorüber ins Wohnzimmer.
„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn besorgt.
„Schweig!“ rief er. Dann starrte er lange in die vergehende Glut des Kaminfeuers.
***
In den nächsten Tagen trieb ich mich in den einschlägigen Studentenkneipen herum. Ich versuchte es mit Schmeicheleien und Verlockungen. Aber für einen kleinen buckeligen Mann, der kaum auf einen Barhocker kommt, ist es schwer, selbst wenn er sexuelle Ausschweifungen, kostenlose Drogen oder Eintrittskarten für Borussia Dortmund anzubieten hat.
Der Meister wurde ungeduldig und so änderte ich meine Taktik. Ich wartete am Bahnhof, bis ein unschuldiger Jüngling mit einem großen Koffer ausstieg. Er wirkte so verloren – er musste der Richtige sein. Ich folgte ihm in den Stadtpark, wo er sich auf einer Bank ein wenig ausruhte.
Ich setzte mich neben ihn und begann eine belanglose Plauderei. Er sei zum Studium der Sozialpädagogik in die Stadt gekommen. Dann hätte er ja nichts dagegen, mit einem Behinderten einen Schluck zu trinken, sagte ich lachend. Während ich von meiner schweren Zeit im Waisenhaus erzählte, holte ich eine Flasche Wein hervor und tat so, als ob ich tränke.
Der junge Mann, der aus einem Weindorf in der Pfalz stammte, setzte die ihm angebotene Flasche beherzt an und war alsbald sanft entschlummert. Die KO-Tropfen hatten gewirkt. Ich rief telepathisch den Meister, der uns mit einem gestohlenen Krankenwagen unauffällig aus dem Park abholte.
***
Nachts im Laboratorium. Ein schwindelerregend hoher Tesla-Transformator und viele Maschinen mit blinkenden Lichtern beherrschten den Raum und warfen riesige Schatten an die Wände.
Der Meister hatte mich sorgfältig instruiert. Er lag auf einem Operationstisch, neben ihm der betäubte junge Mann. Für diese Nacht war ein schweres Gewitter angekündigt. Sobald ein Blitz in den Transformator einschlug, sollte ich mit der Operation beginnen.
Mir lief der Angstschweiß über die Stirn und den Rücken hinunter bis in meine Gummistiefel. Das Skalpell zitterte in meinen Händen, der Whisky beruhigte erst allmählich meine Nerven. Nach Stunden des Wartens donnerte es. Dann schlug ein mächtiger Blitz mit lautem Krachen ein. Es konnte beginnen.
***
Am nächsten Morgen konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Der junge Mann weckte mich und sagte mit sanfter Stimme: „Gut gemacht, Igor.“
Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich hatte die beiden Gehirne vertauscht.
***
Der Meister wurde inzwischen von der Polizei wegen vielfachen Mordes gesucht. Wir ließen den Studenten, dessen Gehirn jetzt im Körper meines Meisters war, genesen und brachten ihn in die Stadt. Dann riefen wir die Polizei.
Der Rest ist schnell erzählt. Während mein Meister im Körper eines anderen Menschen unbehelligt weiterlebte, wurde der Student vor Gericht gestellt. Augenzeugenberichte, Fingerabdrücke, Tatmotive. Der Richter hatte es nicht schwer.
Noch auf dem Weg zum Schafott beteuerte er seine Unschuld.
Brian Hyland - Sealed with a kiss. https://www.youtube.com/watch?v=xIkUiD8N81k

Foto: Danke, Ackerboy!