Dienstag, 22. Dezember 2020

Der schamlose Triumph der Sinnlosigkeit – Die Fortsetzung


Bonettis Gesicht wirkt im pfirsichfarbenen Licht des Sonnenuntergangs wie das Cover eines Heldenromans. Er steht auf der Dachterrasse des Weinguts und blickt durch sein Fernglas auf das Feuerwehrhaus auf der anderen Seite des Dorfes. Dort stehen zwei Männer in dunkelblauen Steppanoraks und halten Wache. Das Hauptquartier vom Knorpelschorsch wirkt friedlich.

„Schick die Kirsche“, sagt er nur und der treue Bonettista neben ihm ruft in den Hof hinunter: „Schickt die Kirsche!“

Die Kirsche heißt mit bürgerlichem Namen Herbert Sänger und ist seines Zeichens der amtlich geprüfte Dorftrottel von Wichtelbach. Er hat eine dicke kirschrote Säufernase und kirschrote Wangen, die mit einem Labyrinth geplatzter Äderchen in Lila und Dunkelblau geschmückt sind. Er trägt ein blau-weiß geringeltes Shirt, kurze knallgelbe Hosen und einen Propellerhut. Jeder kennt ihn. Jetzt macht er sich mit der Botschaft auf dem Weg zum Warlord, der im Feuerwehrhaus residiert.

Mit seinem Hüpfstock erreicht er nach einigen Minuten die Barrikade auf der Hauptkreuzung. Hier steht Helmut Vogelbunt Wache. Sein fleischiges Gesicht erinnert an Armin Laschet. An diesem Ort findet einmal am Tag die Übergabe von Waren und Nachrichten statt. Von Bonettis Seite kann man durch den Wald den Rewe im Nachbarort erreichen. Der Knorpelschorsch schickt seine Leute durch die Weinberge in ein anderes Dorf, wo es einen Aldi gibt. Man kann an der Barrikade zum Beispiel zwei Gläser Nutoka gegen ein Glas Nutella tauschen.

Die Kirsche grinst und wedelt mit Bonettis Botschaft vor Helmuts Nase. Der Wächter wirft einen kurzen Blick auf den Umschlag und lässt den Boten durch.

Der Knorpelschorsch, der sich selbst George McGristle nennt, was übersetzt nichts anders als Knorpelschorsch heißt, liest Bonettis Angebot. Der Warlord soll einen Junkie mit Spritzbesteck auf die andere Seite schicken und zwanzig von Bonettis Leuten impfen. Im Gegenzug dürfe der Junkie Impfstoff für zwanzig Menschen auf dem Rückweg mitnehmen. Bonetti hat natürlich nichts von seinem Geschäft mit den seelenlosen Freidemokraten geschrieben, die den rettenden Impfstoff erst erhalten, wenn alle Dorfbewohner geimpft sind.

Der Knorpelschorsch überlegt eine Weile und lässt sich dann einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier bringen.

Die Kirsche ist zurück. Bonetti gibt ihm eine Flasche Riesling, die er sofort an den Hals setzt und in langen Zügen bis zur Hälfte austrinkt.

Bonetti liest die Botschaft. Der Knorpelschorsch wird den Dancer schicken, einen alten Mann mit einem betongrauen Zopf. Dreißig Jahre harte Drogen. Vernarbte Venen, die wie Rebstöcke im Winter aussehen. Am nächsten Morgen um zehn Uhr würde man sich an einem neutralen Ort treffen, den alle in Wichtelbach nur Baikonur nennen.

Unter den Trümmern des zerstörten Windrads am Dorfrand liegen die Überreste einer Tafel mit der Aufschrift „Baikonur des Westens“. Hier will Bonetti Media der Firma SpaceX von Elon Musk Konkurrenz machen. Immerhin ist schon das Fundament der Abschussrampe betoniert worden und ein ramponierter Bauwagen steht in der Ecke der Wiese. Hier würde das Impfzentrum Wichtelbach seine Arbeit aufnehmen.

Fortsetzung folgt

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