Donnerstag, 6. August 2020

Historische Chaostheorie: Die Geburt einer Weltmacht


Einige Wörter haben sich in Nachnamen erhalten. Kretschmer heißt auf hochdeutsch Gastwirt. Böhm ist ein Zehnpfennigstück. Manche Wörter benutzen wir noch heute: labern zum Beispiel. Ich spreche vom Dialekt, der in der einstigen Provinz Schlesien gesprochen wurde. Wo im Sommer die Bliemla bliehn.

Schlesien wurde im 18. Jahrhundert zum Zankapfel zwischen den Hohenzollern und den Habsburgern. Es wurden drei Kriege um diese Provinz mit etwa einer Million Einwohnern geführt. Der dritte Krieg, der siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763, wurde zum ersten Weltkrieg, der den Namen verdiente. Die Kontrahenten hatten alles um sich versammelt, was in Europa Rang und Namen hatte:

·       Team Österreich: Frankreich, Russland, Schweden, Spanien, Heiliges Römisches Reich, diverse deutsche Fürstentümer.

·       Team Preußen: Großbritannien, Portugal, diverse deutsche Fürstentümer.

·       Neutral: Polen, Dänemark, Norwegen, Schweiz, Vereinigte Niederlande, das Osmanische Reich u.v.m.

Den Auftakt des epischen Ringens um Schlesien machte ein französischer Angriff auf die Balearen-Insel Menorca, die zu diesem Zeitpunkt unter britischer Herrschaft stand. Die Franzosen eroberten die Insel und Großbritannien erklärte Frankreich den Krieg. Es folgte die Eroberung Sachsens durch die Preußen, um die strategische Ausgangslage im Kampf gegen die Habsburgermonarchie und deren Provinzen Böhmen und Mähren zu verbessern. Im gleichen Jahr begann auch der Krieg zwischen der französischen und der britischen Kolonie in Nordamerika. Auf beiden Seiten kämpften Indianerstämme für die Europäer.

1757 scheiterte Preußen bei der Eroberung Böhmens und der Belagerung von Prag und zog seine Truppen nach Sachsen zurück. Der deutsche Kaiser, ein Habsburger, griff die Preußen in Thüringen an, während die Österreicher Schlesien eroberten und für einen Tag sogar Berlin besetzen konnten. Die französische Armee griff von Westen an und besetzte preußische Länder am Rhein und einige mit Preußen verbündete Fürstentümer.

1758 eroberten die Russen Ostpreußen. Schweden versuchte, sein Territorium Schwedisch-Pommern (das heutige Vorpommern inklusive der Odermündung und Stettin) zu erweitern und marschierte in Brandenburg ein. Langsam wurde es unübersichtlich. Die Franzosen gewannen eine Schlacht gegen die Briten in Nordamerika und verloren eine Schlacht gegen die Preußen. Die Österreicher drangen nach Sachsen vor, scheiterten aber. Die Preußen fielen in Mähren ein, konnten sich aber nicht halten.

1759 war Preußen in der Defensive, aber seine Gegner konnten sich nicht zu einem finalen Angriff entschließen. Ostpreußen, Schlesien und das preußische Vorpommern waren vom Feind besetzt. Die britische Unterstützung beschränkte sich auf Finanzhilfen. Die Franzosen verloren vor der portugiesischen Küste eine Seeschlacht gegen die Briten, eine weitere vor der eigenen Küste und anschließend Quebec im heutigen Kanada. Erst 1762 wendete sich das Blatt: die russische Zarin starb, ihr Nachfolger war ein Fan der Preußen. Er wurde zwar kurz darauf ermordet, aber die neue Zarin, Katharina die Große, führte seine Politik fort. Die Russen zogen sich zurück, die Schweden schlossen sich an. Daraufhin gelang es den Preußen, Schlesien von den Österreichern zurückzuerobern.

Was machten eigentlich Spanien und Portugal? Der Einmarsch der Spanier in Portugal scheiterte. Die Briten eroberten mit Havanna und Manila zwei spanische Schlüsselstellungen in Amerika und Asien, außerdem die französische Handelsniederlassung im Senegal. Durch die Vernichtung der französischen Flotte waren die französischen Kolonien vom Mutterland abgeschnitten. Im Friedensvertrag von 1763 traten die Franzosen ihre sämtlichen Besitzungen in Nordamerika an die Briten ab, Spanien übergab seine Kolonie Florida ebenfalls an die Briten.

Auch Preußens König Friedrich der Große schloss einen Friedensvertrag mit Maria Theresia von Österreich. Der Status quo ante bellum war wiederhergestellt. In Europa hatten sich keine Grenzen verschoben, aber allein auf dem europäischen Kriegsschauplatz waren 550.000 Gefallene zu beklagen.

Bedeutender waren die politischen Folgen außerhalb Preußens und Österreichs. Frankreich hatte sich für diesen Krieg erheblich verschuldet, die Staatsfinanzen waren zerrüttet und die Steuern wurden erhöht. Das führte zu wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die 1789 in der Französischen Revolution mündete.

Auch die Briten hatten erhebliche Kriegskosten. Die Regierung beschloss, die amerikanischen Siedler über neue Steuern an diesen Kosten zu beteiligen. Die Folgen sind bekannt und machten, ebenso wie die Erstürmung der Bastille, Weltgeschichte. „No taxation without representation“ war der Wahlspruch der Amerikaner, da sie im Parlament in London keine eigenen Abgeordneten hatten. Es kam zum Aufstand der 13 Kolonien gegen die Kolonialmacht. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg dauerte von 1775 bis 1783 und die USA stiegen in den folgenden zweihundert Jahren zur Weltmacht auf.

Alles begann mit dem banalen Streit zweier reicher und mächtiger Familien um Schlesien. Eine Provinz mit der Einwohnerzahl des heutigen Saarlands. Niemand hätte zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs ahnen können, was dieser Konflikt für weltpolitische Folgen haben könnte. Vielleicht wären aus den spanischen und französischen Kolonien eigene Staaten geworden und es hätte das „amerikanische Jahrhundert“ nie gegeben? Über Schlesien, wo meine Mutter geboren wurde, spricht heute niemand mehr. Es ist sanft entschlummert und wird glücklicherweise nicht mehr politisch missbraucht wie Preußen, das ein Kampfbegriff für Rechtsextremisten geworden ist.


Kommentare:

  1. Ei dr Schläsing homm de Bliemla ooch schunt eim Friehling geblieht! Bleim mer ock imma scheen bei da Woahrheit! Oba doass mir on ollem schuld sein, doas is richtich.

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  2. Geschichtlich spannende EXCURSION...

    Wehret den Anfängen! (Stammt ursprünglich vom römischen Dichter Ovid (43 v. Chr.)

    ...oder, besser NICHT (ړײ)

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  3. Geschichtsfester6. August 2020 um 09:36

    Und hätten die Usipeter und Tenkterer 55 v.Chr. Caesar besiegt, ja was dann ?
    Frankreich würde Deutsch sprechen. Jawohl.

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