Montag, 20. Juli 2020

Warum wir uns endgültig von der Linken verabschieden können


Die links angehauchte Berliner Bourgeoisie mit Diplom in Klugscheißerei rotiert mal wieder um ein paar Straßennamen, anstatt sich mit der wachsenden Armut in der Stadt zu befassen. In Bürgerinitiativen und an Antifa-Stammtischen, die von der weißen Mittelschicht dominiert werden, diskutiert man über die Mohrenstraße. Es gibt doch den Senatsbeschluss, bei Neubenennungen Frauennamen zu verwenden. Ich schlage Margaret-Thatcher-Straße vor.
Ulrich van der Heyden, Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas an der FU Berlin, merkt zurecht an, dass der Kurfürstendamm in Berlin nach dem Brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620 – 1688) benannt wurde (1685 taucht der Name zum ersten Mal auf einer Karte auf), der ein Profiteur des Sklavenhandels gewesen ist. Kann also auch weg. Wie wäre es mit Petra-Kelly-Straße? Hauptsache, der kapitalistische Kommerzkarneval der Modeboutiquen und Juweliere bleibt unangetastet.
Pars pro toto zeigt diese Debatte, wie verkommen die Linke inzwischen geworden ist. Ich spreche nicht von der parlamentarischen Linken, dem munteren Denunziantenstadl im Berliner Reichstag, sondern von den Leuten, die sich – aus mangelnder Reflexion, fehlender Phantasie oder falsch verstandener Tradition – selbst als Linke bezeichnen. Die Wohlstandsgesellschaft im Prenzlauer Berg und in Kreuzberg, die Hammer und Sichel gegen Tofu und Fahrrad eingetauscht haben und sich ganz sicher sind, das sei der gesellschaftliche Fortschritt.
Das Feld der Politik, der eigentlichen Gestaltung, hat diese Linke längst den neoliberalen Parteien überlassen, die sie in Gestalt der Grünen häufig sogar selbst bei Wahlen unterstützt. Die Klimadebatte 2019 war vielleicht der letzte Versuch, noch einmal in der Welt der konkreten Gesetzgebung Fuß zu fassen. Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd, sie waren frustrierend. Trotz der mit hohem Aufwand betriebenen Demonstrationen und öffentlichen Debatten haben sie die Bastionen der Mächtigen nicht erstürmt, obwohl ihre Forderungen bescheiden genug waren: Kapitalismus mit ökologischem Antlitz. Hochnäsig wurden ihre Vorschläge auf St. Nimmerlein („2038“) verschoben.
Also wendet sich die linke Bourgeoisie anderen Projekten zu. Die Vertretung von Minderheiten wie Schwarzen, Transsexuellen oder Flüchtlingen. Gruppen also, die im Land der Angestellten und Rentner die kleinsten Puzzlesteinchen der Gesellschaft darstellen und keine Lobby haben. Ihr moralischer Puritanismus findet darüber hinaus sein Betätigungsfeld in jenen Bereichen, in denen er auf keinen Widerstand trifft: Geschichte, Kultur und Sprache. Mit Inbrunst macht man sich in akademischen Zirkeln an die Säuberung der Geschichte und der Literatur von Rassisten und Frauenfeinden, von Antisemiten und Sklavenhaltern. Sie stürzen sich auf Denkmäler und Straßenschilder, während die neoliberale Karawane seelenruhig weiterzieht. Der Bürger betrachtet derweil gelangweilt derlei Possen und Belanglosigkeiten, beißt in seinen Mohrenkopf und beschäftigt eine Gastarbeiterin als Putzfrau. Und so verabschiedet sich die Linke allmählich aus der Geschichte und der Politik.
Max Romeo - Chase The Devil. https://www.youtube.com/watch?v=WpIAc9by5iU

Kommentare:

  1. “Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.” (Rosa Luxemburg)

    AntwortenLöschen
  2. Wer in den 80ern die Autonomen erlebt hat, quasi die Superlinken, der kennt das Problem.
    Schwarz gefärbte Bundeswehrhosen und Schnürstiefel, Addidas Allround, OK, die waren weiß.
    By the way, die SS hatte auch ein Faible für Schwarz.
    Diese moralinsaure Brut steht mir inzwischen auch da oben.
    Und dann die Fins und Jules in Privatschulen schicken, Waldorf und so, weil es in den staatlichen zu viele Ausländer hat. Originalton eine damaligen "Aktivistin".
    Tja, da könnte man was für`s wahre Leben lernen, tun Sie aber nicht, dementsprechend ist dann auch das Ergebniss der Bemühungen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es gibt keine Arbeiter bei den Linken. Das ist ja die ganze Tragik. Aber Lenin, Trotzki und Stalin waren auch keine Arbeiter, von Marx und Engels ganz zu schweigen.

      Löschen
    2. Ha ! "Arbeiter" in dem Sinn, ungelernt, Malocher, gibt es so gut wie nicht mehr. Vielleicht noch im Heer der Paketdienstfahrer, ansonsten gibt es nur noch Facharbeiter mit z.T. recht guten Löhnen. Diese Gruppe hat inzwischen geradezu etwas zu verlieren, auf jeden Fall denken die so. Die sind mit das größte Potenzial für CDU/CSU und AfD.
      Tragischerweise machen Migrantensöhne seltener eine Lehre, ich konnte das Jahrelang beobachten, weil meine Fa. neben der Berufsschule war und ich in der Mittagspause immer gesehen habe, wie die Schülerhorden aus den Toren in die Stadt strömten.
      Bei den Mädchen sah es anders aus, Migrantentöchter waren viele zu sehen.
      Iss so ! Hoffe das ist jetzt kein Rassismus. Aber irgendwann ein Problem.

      Löschen
    3. Das Problem kenne ich auch aus meiner Gegend. Viele junge Männer machen ihre Lehre nicht fertig, denn man verdient drei Jahre zu wenig, um zu Hause ausziehen zu können. Dann arbeitet man lieber als Fahrer oder in der Gastronomie, da kann man schneller zu Geld kommen. Was man als Geselle oder später als Meister im Handwerk verdienen kann, wissen sie gar nicht. Dann machen sie ihr Leben lang irgendwelche McJobs und wundern sich, dass sie aus der Armutsfalle nicht rauskommen.

      Löschen
  3. Hätten Sie's gewusst? Winfried Kretschmann war einst Mitglied des KBW (https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistischer_Bund_Westdeutschland)

    AntwortenLöschen
  4. Und die nächste Führerin, ob man es glaubt oder nicht, auch Nazis sind lernfähig, freut sich wie Bolle über das perfekt bestellte Feld zulässiger Meinungskorridore.

    AntwortenLöschen
  5. Könnte man sein Engagement gegen Rassismus in Deutschland nicht praktischer gestalten? Weg von der Symbolpolitik, den Straßenschildern zum Beispiel, und dafür mehr Hilfe im Alltag: Schwarze sind bei der Suche nach Wohnungen, Arbeits- und Ausbildungsplätzen benachteiligt. Das wäre konkrete Hilfe, für die man keine akademischen Gesprächskreise braucht, in denen sowieso alle Teilnehmer einer Meinung sind.

    AntwortenLöschen