Montag, 27. Juli 2020

Das Höllenreich der Mitte

Nirgends ist das Leben trauriger als in der Mittelschicht. Eigentlich ist es in Deutschland nur unten oder oben auszuhalten, dazwischen liegt das Höllenreich der Mitte. Natürlich würde ich mich im Zweifelsfall für ein Leben in der Oberschicht entscheiden, aber wenn das nicht klappt – und so geht es vermutlich vielen Menschen –, dann würde ich ein Leben in der Unterschicht vorziehen.

Leistung und Disziplin sind die prägenden Begriffe für die Welt der Mittelschicht. Sie sind in einem permanenten Kampf gegen den Abstieg gefangen, sie leben in ständiger Angst vor dem Absturz. Die Firma macht Pleite und man wird plötzlich arbeitslos. Die Lücke im Lebenslauf als Makel. Die teure Scheidung. Der Verlust des Eigenheims. Die Suchtkrankheit. Überall lauern die Gefahren für den bürgerlichen Lebensstil. Ständig muss man an sich arbeiten, an seiner Karriere, an seinem Körper, an seiner Biographie. Man darf sich keinen einzigen Augenblick der Disziplinlosigkeit leisten. Die Fassade muss gegenüber anderen Angehörigen der Mittelschicht ständig aufrechterhalten werden: Welches Auto fährst du? Wo warst du im Urlaub? Auf welche Schule geht dein Kind?

Der Prolet hat eine Arbeit oder er hat keine. Er hat keine Angst vor dem Arbeitsamt, andererseits hat er auch keine Hoffnung auf eine Karriere. Er lebt von der Hand in den Mund und das ist, bei aller Armut, auch ungeheuer befreiend. Er hat nichts zu verlieren. Diese Angst ist der Mittelschicht vorbehalten. Der Reiche wiederum kennt keine Arbeit und keine Angst vor dem Abstieg. Er hat ein schönes Erbe erhalten und lebt von Mieteinnahmen und Dividenden. Oben und unten ist das Dasein auf die gleiche Weise unbeschwert, wenn es auch in der konkreten Ausprägung nicht unterschiedlicher sein kann.

Sehen wir uns die öffentlichen Debatten an: Die großen Themen wie Emanzipation, Ökologie, Rassismus, Lebensstil und Moral im Allgemeinen sind reine Mittelschichtveranstaltungen. Unterschicht wie Oberschicht leben hingegen völlig ungeniert. Sie sind frei von dieser calvinistischen Strenge, mit der sich die Mittelschichtangehörigen gegenseitig quälen und überwachen. Migranten bezeichnen sich gegenseitig fröhlich als Kanaken, die fünffache Mutter mit Kopftuch kann ihrem Mann das Leben so zur Hölle machen, dass er sich freiwillig in die Shisha-Bar verzieht.

Arbeitslosigkeit, fehlende Rücklagen für das Alter, Alkohol zu jeder Tageszeit oder Vorstrafen wegen Drogen? Ganz unten lebt es sich unbeschwert. Ehebruch, Mülltrennung – da pfeif ich drauf. Ich mache, was ich will. Elektroautos und Gendersternchen waren im Proletariat nie ein Thema. Genauso sieht es bei den Bonzen aus. Wer braucht Moral, wenn er Geld hat? Maserati fahren und das Kindermädchen vögeln, Steuern hinterziehen und Pelzmäntel kaufen. Fertig ist die Laube.

Die Mittelschicht, das ist die Hölle. Niemand ist unfreier und unglücklicher als ein Büroangestellter, der die Eigentumswohnung abstottern muss und die Grünen wählt. Dann beschimpft er die Kindergärtnerin als Rassistin, weil sie eine Indianerparty für die Kinder veranstaltet, denn dieses Gefängnis aus totalitären Glaubensgrundsätzen und Verhaltensmaßregeln macht ihn aggressiv. Wer möchte denn so leben?

Kommentare:

  1. Me and Bobby McGee27. Juli 2020 um 08:32

    Freedom's just another word for nothin' left to lose
    Nothin', don't mean nothin' hon' if it ain't free, no no


    And, feelin' good was easy, Lord,
    You know, feelin' good was good enough for me

    Meine Nationalhymne mit der ich als 17 jähriger, 5 Mark und 'ner Mundharmonika in der Hosentasche, der Welt erklärt habe: "Hurra, Ich komme!"

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    1. Danke, hatte für heute kein Musikstück, aber das passt.

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  2. Von der Mitte zur Titte zum Sack zack zack.

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    1. Ist der Ruf erst ruiniert ... kann man auch gleich Schriftsteller werden ;o)

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    2. Das Problem sind immer halbe Zitate.
      Vollständig heißt es:
      "Wie säuft ein deutscher Fallschirmjäger ?
      Von der Mitte zur Titte zum Sack zack zack"
      Alles bitte gebrüllt, ist auch wichtig.
      ...tut mir leid....

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  3. Schon in jungen Jahren begriffen, damals in DM, heute in Euro.
    Zwischen 1000 und 10.000 brutto im Monat bist du in Deutschland im Allerwertesten.
    Drunter hilft das Amt, drüber Banken und Steuerberater.

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  4. "Leistung und Disziplin sind die prägenden Begriffe für die Welt der Mittelschicht."

    *SEUFzzzend UNTERSCHREIB !!!*

    Es lachen nur die geistig Tiefstehenden und die geistig Hochstehenden.
    Die Mittelschicht mit geübtem Verstand und geschwächtem Instinkt lacht nicht.

    Walther Rathenau

    *daraufeinenDUJARDIN...hicks*

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