Sonntag, 24. Mai 2026

Croque

 

Pierres Großvater, Francois Croque, betrieb ein kleines Bistro in Avignon. Eines späten Abends kamen Gäste, die noch hungrig waren. Alles, was er noch in der Küche hatte, war Toastbrot, Käse, Kochschinken und Béchamelsoße. Also bastelte er in der Not ein paar Sandwiches zusammen, die er im Ofen heiß machte. Die Gäste waren begeistert und fragten ihn, wie das Gericht heißen würde. Monsieur Croque sagte einfach, es hieße Croque Monsieur.

In ganz Avignon sprach sich herum, dass es in seinem Bistro dieses köstliche Sandwich gab, und das Bistro war jeden Tag bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Jahr darauf erfand Francois Croque auch nach das Croque Madame, indem er ein Spiegelei hinzufügte. Nach dem damals revolutionären Franchise-System eröffnete er in ganz Frankreich neue Filialen, die alle „Chevalier de Croque“ hießen, dieselbe Speise- und Weinkarte hatten, kleine runde Bistrotische und als Werbefigur einen Mann in Ritterrüstung, der eine Baskenmütze und ein Baguette unter dem Arm trug.

Pierres Vater erbte ein Imperium mit 53 Bistros und heiratete Madeleine Hermés aus dem berühmten Modekonzern. Sie kauften sich ein kleines Schloss an der Loire und wenig später kam Pierre auf die Welt. Er wuchs behütet auf, vertrieb sich die Zeit mit Tennis, Golf und Segeln und ging mit 19 an die Sorbonne. Nach zwanzig Semestern Literaturwissenschaft und Philosophie brach er das Studium ab und eröffnete seinen Eltern, er wolle nach San Francisco gehen, um Schriftsteller zu werden.

Hier fiel niemandem auf, welche bizarre Marotten er entwickelt hatte. Er sprach mit Laternen und Abfalleimern, setzte sich allein in Kneipen und schrieb die Gespräche an den Nachbartischen mit und trug auch im Hochsommer einen altmodischen Tweed-Anzug. Jeder dachte, er wäre auf LSD. Im Summer of Love 1967 lernte er im Golden Gate Park eine barfüßige Hippie-Braut kennen, die wenig später in seinem Apartment in der Lombard Street einzog. Bis 1989 schrieb er an einem Schelmenroman, der in der Renaissance spielte, dann fiel in Berlin die Mauer.

Er zog nach Kreuzberg und verlegte sich aufs Fotografieren. Er verkaufte seine Bilder an französische und amerikanische Zeitungen und verdiente zum ersten Mal im Leben Geld. Heute ist Pierre Croque fast achtzig Jahre alt, hat längst das Vermögen seiner Eltern geerbt, die Bistros an McDonald’s verkauft, die inzwischen auch ein Croque Americaine mit Bulette und Ketchup anbieten, und lebt im Kreise seines Dienstpersonals in seinem Schloss an der Loire. Er hat keine Kinder und hat daher sein großes literarisches Vorbild Andy Bonetti zum Universalerben eingesetzt.   

PS: Das Croque Monsieur wurde zum ersten Mal 1918 von Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erwähnt.

 

9 Kommentare:

  1. Und das Croque Madame bekommt sogar noch ein Spiegelei on top drauf. Frauen mit einer solchen Kalorienbombe zu assoziieren, ist heute wahrscheinlich sexistisch und irgendein Gap.

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  2. Auf dem Croque Bonetti mit drei Scheiben Toast sind noch ein kleines Steak, Chorizo und knuspriger Bacon.

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    1. Foie gras vergessen - parbleu!

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    2. Demnächst in München: Croque Bavaria. Laugenbrötchen mit Leberkäse, Weißwurstscheiben und süßem Senf.

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  3. Ein richtig guter Croque Monsieur wurde übrigens mit bzw. in einem Salamander gemacht. Hab noch so ein Teil aus der alten DDR von unserer Ost-Tante. Verstaubt im Keller mittlerweile.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Salamander_(K%C3%BCchenger%C3%A4t)

    Ich hätte da übrigens noch einen kulinarischen Lecker-Schmecker-Tip aus Belgien für Dich. Nennt sich auf deutsch "Das Maschinengewehr". Echt jetzt.

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    1. Habe ich googeln müssen. Mitraillette Klingt sehr gut.

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  4. Du hast beim googlen vermutlich nur die "Alltags-Mitraillete" auf der Wiki gefunden. Und selbst die ist in der Lage zwei schmalbrüstige Personen flach zu hauen. Die Variante mit Tartar, Kapern, Eiern, Pommes und jede Menge Salat und ein oder zwei/drei typischen belgischen Saucen drüber ist mein ab-und-zu-Favorit. Muss ich nicht weit für fahren.

    So richtig tanzt der Bär allerdings bei einer Mitraillette de Luxe, wo man schon ein bisschen suchen muß für oder sich auskennt. https://www.youtube.com/watch?v=E8ECA0Pk1YU
    In Liège oder Brüssel können sich das zwei Leute für knapp 30 Euro teilen. Die sind auf jeden Fall satt von ...

    Getoppt wir das nur noch von einer portugiesischen "Kleinen Französin".

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    1. Da hast du in Aachen natürlich einen klaren Vorteil. In Berlin bekommt man keine Mitraillette.

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