Gerechtigkeit gibt es im
Kapitalismus so wenig wie einen Gott im Marxismus. Aber es gibt die ganze
schillernde Welt der Hoffnung und der Enttäuschung, von Gelingen und Versagen.
Oft sind beide Sphären räumlich sehr eng miteinander verwoben: Vor einem unglaublich
noblen Restaurant sitzt vor Kälte und Hunger zitternd der bettelnde Obdachlose.
Im Restaurant sitzen der Finanzmogul Jochen Goldschildt und Andy Bonetti.
„Mister Bonetti, was halten Sie
von den Demonstrationen gegen Israel wegen des Gaza-Kriegs?“
„Sie sind für mich ein Ausdruck
von Narzissmus und westlicher Dekadenz. Niemand kann ernsthaft glauben, mit
einer Demonstration, die nicht länger als eine übliche Sportveranstaltung oder
ein Popkonzert dauert, einen Krieg, der viele tausend Kilometer entfernt
stattfindet, stoppen zu können. Selbst wenn die Demonstrationsteilnehmer einen
oder zwei Sprecher auswählen dürften, die mit den verantwortlichen Staatschefs
reden – es würde sich nichts ändern. Keine Demonstration kann einen Krieg
beenden. Aber es hilft den Demonstrationsteilnehmern, sie fühlen sich besser.
Den Kriegsopfern hilft es nicht. Die Demonstranten haben jedoch das Gefühl,
etwas getan zu haben. Das nenne ich Narzissmus.“
„Was halten Sie von der
ständigen Kritik an den Banken?“
„Das ist eine rein rhetorische
Problembearbeitung. Ich sehe nicht, dass die Menschen ihr Geld oder ihre
Geschäfte von den Banken abziehen. Alles läuft weiter wie bisher, weil alle
Menschen weiter wie bisher laufen. Selbst linksalternative Weltverbesserer
haben ein Girokonto und einen Bausparvertrag.“
„Dann müssen wir uns keine
Gedanken über die Demonstrationen vor unseren Verwaltungsgebäuden machen?“
„Nein. Das sind nur junge Leute,
die ein Zeltlager oder eine andere Aktion veranstalten, um sich vor ihren
Freunden und Freundinnen in der sogenannten Szene aufzuplustern. Reine
Selbstdarstellung. Und die Zeltlager werden recht schnell von Roma und Sinti,
von Asylbewerbern und Obdachlosen übernommen, wenn die wohlhabenden
Akademikerkinder übers Wochenende in die heimischen Einfamilienhausviertel
verschwinden.“
„Was sollen wir tun, Mister
Bonetti?“
„Versuchen Sie, die besten von
ihnen als Mitarbeiter zu gewinnen. Und dem Rest drehen Sie einen Investmentfond
an oder eine Lebensversicherung.“
„Es tut immer gut, mit Ihnen zu
sprechen.“
„Und ich freue mich immer wieder
über einen gelungenen Dialog zwischen Wirtschaft und Kultur, Mister Goldschildt.
Wollen wir den Nachtisch bestellen?“
„Gerne. Die Creme brüllé soll
hier ja ganz hervorragend sein. Es wird also keine Revolution geben, solange
ich im Vorstand sitze?“
„Nö. Vergessen Sie’s. Alte
Menschen machen keine Revolution mehr und sie sind langfristig in der Mehrheit.
Junge Menschen werden durch neue Computerspiele und Social Media abgelenkt, wo
sie sich gegenseitig Katzenvideos und Fotografien ihrer Mahlzeiten zuschicken.“
„Was halten Sie von der heutigen
Jugend, Mister Bonetti?“
„Die Jugend ist immer gleich.
Ihr Vorteil ist, dass sich das Rouletterad immer noch dreht, während wir Alten
die Zahl leben müssen, die wir zufällig zugewiesen bekommen haben. Ihr Nachteil
ist, dass sie sich verlieben und blind werden. Und dann gründen sie eine
Familie und bereuen es ihr ganzes Leben. Die Natur ist teuflisch. Erst im Alter
erkennen wir den Zufall und die Liebe als billige Taschenspielertricks des
Schicksals.“
P.S.: Im nächsten Monat
erscheint Andy Bonettis Frauenratgeber „Das war’s, Lars – So beenden Sie eine
Beziehung richtig“.
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