Sonntag, 8. Februar 2026

Das Ende der Illusionen

 

„Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Büchern, das habt ihr mir getan.“ (Bonetti 25, 40)

Es heißt, man soll seinen Helden nie im wirklichen Leben begegnen.

Es war vier Uhr nachmittags, als ich das „Love is in the hair“ betrat. Ein ehemaliger Friseursalon, der zu einer Kneipe umgebaut worden war. Das Schild über dem Eingang hatte man hängen lassen.  Stammgäste von Uli, dem Wirt, nannten die Kaschemme einfach nur das „Loch“.

Er saß in einer Ecke am Tresen, der Glücksspielautomat neben ihm piepste. Ein ausgeblichenes Shirt mit der Aufschrift „Hard Rock Café Leverkusen“ spannte über seinem Bierbauch, der über den Gürtel hing. Mit glasigen Augen schaute er in das Whiskyglas vor ihm. Die Literaturlegende, von seinen weiblichen Fans einfach nur „Love God“ genannt.

Andy Bonetti.

Sein Anblick hatte nichts mit den Fotos auf den Innenseiten seiner Buchcover zu tun. Aufgedunsenes Gesicht, ein handbreiter Scheitel, wo man seine berühmte Elvis-Tolle vermutet hätte, warzenbedeckte Wurstfinger.

Ich setzte mich zwei Barhocker weiter und bestellte mir einen Asbach-Cola on the rocks. Nach einer Weile kamen wir ins Gespräch. Von seinem Esprit war nichts geblieben. Er dachte, Witze über Holländer seien geistreiche Bemerkungen, und lästerte über Heinrich Böll und Hermann Hesse. Was machte dieser Mann eigentlich in Moabit?

Dann fing er an, über das neue Buch zu sprechen, an dem er gerade arbeitete. Es geht um einen dreibeinigen Hund namens Gregory, der bei einer jungen Frau lebt. Er kann mit Mary sprechen, aber mit keinem anderen Menschen. Die Geschichte spielt in den frühen sechziger Jahren in Manitoba. Mary lernt einen Mountie kennen, sie heiraten und ziehen zusammen. Gregory verstummt und verlässt eines Nachts das Haus. Er geht auf Wanderschaft und lernt, dass er auch mit Waschbären und Eichhörnchen sprechen kann. Bonetti sagte, er sei sich über den Ausgang der Geschichte noch unschlüssig.

Irgendwann war er so besoffen, dass Uli ihn rauswarf. Er konnte nicht mehr selbständig laufen, also packte ich ihn und legte meinen Arm um seine Schultern. Auf die Frage, wo er wohne, sagte er mir, er könne sich nicht erinnern. Also nahm ich ihn mit nach Hause.

Auf der Fahrt kotzte er aus dem Fenster und hinterließ breite Schlieren auf meiner Beifahrerseite. Beim Sternburg-Schlummifix zeigte Bonetti mir seine Tätowierung auf dem Oberarm. S.O.B. Sons of Bockenheim. Später gestand er mir, er sei völlig abgebrannt. Selbst seine Unterwäsche sei nur geleast. Er schlief auf der Couch und plünderte am nächsten Morgen meinen Kühlschrank.

Bonetti blieb eine Woche. Schließlich warf ich ihn raus.

 

 

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