Donnerstag, 8. April 2021

Compact Disc Read-Only Memory

Es ist wie immer. Ich suche etwas, finde es nicht, habe dafür aber andere interessante Sachen in der Hand. Zu den Magazinen über Ufologie, Parapsychologie und Futurologie aus den frühen Achtzigern bald mehr. Aber mir ist auch eine alte CD-ROM in die Hände gefallen, auf der Rohmaterial zu meinem Roman "Rheinkind" ist. Hier ein Textbaustein: 


Großeltern: Landleben, dass sich heute keiner mehr vorstellen kann. Um acht Uhr lagen wir abends in den Betten, zwischen sechs und sieben wurde aufgestanden, die Frühstückseier holte man sich aus dem Hühnerstall.

Das Haus meiner Großeltern hatte vier Stockwerke. Im Keller waren die Waschküche, die Heizungsanlage und die Hühner. Im Erdgeschoss wohnten meine Großeltern, im ersten Stock eine pensionierte Lehrerin zur Miete und das Dachgeschoss war als Ferienwohnung ausgebaut worden, wenn wir hier als Familie übernachteten. War ich alleine bei meinen Großeltern, schlief ich in der Küche auf dem Sofa. Vor dem Haus war ein Hof mit einer Garage, in der jedoch nie ein Auto stand. Mein Großvater hatte weder einen Wagen noch einen Führerschein. Vielleicht hat er von besseren Zeiten geträumt, als er sie gebaut hat. Und er hat sie tatsächlich eigenhändig gebaut, denn er war Mauer von Beruf gewesen. Er hatte auch das Haus selbst gebaut, mein Vater hat als Jugendlicher dabei geholfen. Seinen Wagen ließ er aber meistens auf der Straße stehen, manchmal fuhr er in den Hof, aber nie in die Garage. Auf der Straße war viel Platz, wie immer auf dem Dorf, und das gegenüberliegende Grundstück war nicht bewohnt. Eine Familie aus dem Dorf hatte auf diesem Stück Land einen Gemüsegarten angelegt. Genau wie meine Großeltern, die keinen normalen Garten mit einer großen Rasenfläche und einem Sitzbänkchen hatten wie die Menschen in den Vorstädten, sondern alles für ihre Miniaturlandwirtschaft nutzten: Kartoffeln, Möhren, Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Stachelbeeren, Kräuter, Blumenkohl, Rosenkohl, Salat, Äpfel und Kirschen. Kein Nanometer Boden blieb ungenutzt, dazwischen schmale steinerne Wege.

Meine Großmutter sehe ich in gebückter Haltung Unkraut rupfen. Wir sammeln Erdbeeren für den Nachtisch. Erdbeeren mit viel Zucker. Sie zeigt mir lachend die dicksten Beeren, die ich mir sofort in den Mund stopfe. Wir sind jeden Tag im Garten. Morgens gehen wir zuerst zu den drei oder vier Hühnern. Sie legen nicht jeden Tag ein Ei, aber manchmal finden wir eins oder zwei. Sonntags gibt es ein gekochtes Ei zum Frühstück, ansonsten brauchen wir die Eier zum Kuchenbacken. Deswegen kommen die Eier zunächst ins Türfach des Kühlschranks.   

Neben dem Kühlschrank stand ein klobiger Holzschrank, in dem es Schubfächer für Mehl, Salz und Zucker gab, und in dem die Besteckschublade, der Kaffee und die Schokolade waren. Außerdem alle Teller, Töpfe und Tassen, die meine Großeltern besaßen. Mittelpunkt der Küche war der Tisch, drei Stühle und dieses merkwürdige Sofa standen um ihn herum. Das Sofa hatte keine Rückenlehne, war uralt und abgewetzt, irgend so ein helles Minzgrün, wenn ich mich nicht irre, aber es verfügte über ein gepolstertes Kopfteil, so dass man auch bequem ein Nickerchen auf dieser Chaiselounge machen konnte. Auf einem Brettchen an der Wand über dem Sofa war das Radio. Sonntags ab fünfzehn Uhr lief hier die „volkstümliche Hitparade“, ein unerträglicher und permanent gleich klingender Scheißdreck aus Südtirol und anderen ehemals deutschen Gebieten, die zum Glück in irgendwelchen Kriegen verloren gegangen sind.  

Das Sofa war uralt, vielleicht aus der Zeit, als meine Großeltern geheiratet haben. Das war so etwa 1930 oder 1931, Weltwirtschaftskrise. Damals gab es noch kein Ikea und kein Internet, wo man sich die Sofas anschauen konnte. Inzwischen war es 1979, und wenn ich über die Zukunft nachdachte, zehn Jahre nach der Mondlandung der Amerikaner, dann fragte ich mich, wann der erste Mensch ein anderes Sonnensystem erforschen würde und ob es Leben auf anderen Planeten gäbe. Ans Internet dachte zu dieser Zeit noch niemand, es gab schließlich Telefon und Fernsehen. Zusätzliche Kommunikationssysteme wie CB-Funk, Bildschirmtext und Walkie-Talkies waren nur was für Technik-Freaks und andere Außenseiter. Ich hatte übrigens ein Paar Walkie-Talkies zu Weihnachten geschenkt bekommen und hatte sie noch nie benutzt. Außer ein Mal. Aber die Reichweite der Funkgeräte war wirklich miserabel. Da konnte man auch genauso gut schreien. Und das kostete außerdem kein Geld für Batterien.

Bei meinen Großeltern habe ich immer alleine gespielt. In der Straße, in der sie wohnten, sie hieß Obere Dorfstraße, gab es nur noch drei andere Häuser. In keinem dieser Häuser wohnte ein anderes Kind. Und ich durfte nur bis zum Ende der Straße laufen, danach kam die Hauptstraße, die in die nahe Kleinstadt namens Katzenelnbogen führte. Dort war es zu gefährlich für mich, sagten meine Großeltern. Sie hatten mich schon einmal als Kleinkind ohnmächtig und in einer Blutlache liegend auf dem Hof gefunden, weil ich mit meinem Dreirad gegen das eiserne Hoftor geknallt war und mir den Kopf aufgeschlagen hatte. Es musste im Krankenhaus genäht werden und hatte schwere Vorwürfe seitens meiner Mutter zur Folge.

Ich spielte allein im Hof oder ich saß am Wohnzimmertisch und malte. Bilder schildern (=> Ordner neben TV). Ich las Bücher (Beispiele, Jules Verne!) und manchmal durfte ich mir im Vorabendprogramm des Fernsehens Zeichentrickfilme oder Serien anschauen. TV damals beschreiben.

In Ingelheim hatte ich früher viele Freunde gehabt, mit denen ich am Nachmittag Fußball oder Verstecken spielte. Ich erinnere mich, dass ich einmal in meinem Zimmer gesessen und gelesen habe, als ich von Ferne meinen Namen hörte. Dann noch einmal. Es waren die anderen Kinder, die im Chor meinen Namen riefen. Ich ging ans Fenster und sie forderten mich auf, hinunterzukommen. Ein Junge hatte einen Ball unter dem Arm. Ich habe mir natürlich gleich die Schuhe geschnappt und bin die Treppe runter gelaufen. An diesen Moment erinnere ich mich heute noch gerne: Alle Freunde rufen gemeinsam meinen Namen, völlig überraschend und es ist auch nie wieder passiert, und möchten mich treffen. Die Selbstverständlichkeit und Vertrautheit dieser Gemeinschaft, dieser Clique aus den umliegenden Mietskasernen – daran erinnere ich mich gerne. Als ich dann mit zehn Jahren aufs Gymnasium gekommen war, begann sich diese Gemeinschaft aufzulösen. Ich war der Einzige, der auf eine höhere Schule ging, während die anderen auf der Hauptschule im Stadtteil blieben, auf deren Gelände auch unsere Grundschule war.

Kommentare:

  1. Wie haben sie denn gerufen, Matthias oder Matze?
    " Matzäää ?!"

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  2. Kenne auch einen Ebi, hierzulande aber eher "Äbi" intoniert.
    Ansonsten ja, genau so war es.
    Herrgott, und es hat an nichts gefehlt.
    Und wie oft kam man blutend heim. Nicht wegen körperlicher Gewalt, einfach Mißgeschicke, kleinere Unfälle. War irgendwie nie ein Problem.
    Ich könnte heulen.....

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  3. Hallo Ebi,
    besten Dank für deine Texte
    und Anregungen.

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  4. oh mann, dieser text erinnert mich an so vieles, was verloren ist. und da ist meine 14-jährige enkelin, die sich seit über einem jahr nur mit einem freundin treffen darf, deren klassenfahrt, ferien und konfirmation ausfielen. deren lehrer den stundenplan trotz vielem unterrichtsausfall und onlineunterricht durchziehen. wobei z.b. kunst, worin sie richtig gut war, oder auch sport und musik nicht mehr stattfinden. das ist wirklich eine ganz andere zeit!

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    1. Ja, es sind brutale ein bis zwei Jahre, aber genau diese Zeit prägt die jungen Leute und sie haben später mal - wenn sie selbst Kinder und Enkel haben - etwas zu erzählen. Jede Generation hat ihr Brandzeichen, aber keine Generation zerbricht an diesen Erfahrungen. Bleib zuversichtlich, Roswitha!

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  5. Sehr gut das mit dem Brandzeichen!

    Das Auftreten von AIDS, pünktlich zur eigenen Pubertät war nicht so geil.
    Wir haben dazu "Ab In Den Sarg" gesagt...

    Der kalte Krieg, Le Waldsterben, all das habe ich (mit Brandzeichen!!!) überlebt.

    Hach....

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