Mittwoch, 13. Juni 2018

Lust, Vergnügen & Genuss


Blogstuff 219
„Dat Glück is mit die Doofen.“ (Ruhrpottweisheit)
Die Bewohner der Berliner Innenstadt und die Affen von Gibraltar haben eines gemeinsam: sie leben davon, begafft zu werden.
Mit der Bewegung meines linken Arms versuche ich, eine winzige Fliege von einem Blatt Papier zu verscheuchen. Mein Arm wiegt vermutlich so viel wie eine Milliarde dieser Fliegen. Mit dieser Bewegung habe ich mehr Energie verbraucht als sie in ihrem ganzen Leben. Erreicht habe ich nichts.
Warum nicht auch mal was Englisches eindeutschen? Wo bleibt der Friseursalon mit dem Namen „Heerkatz“? (dauert vielleicht ein bisschen)
Hätten Sie’s gewusst? Mit einer Wasserwaage können Sie auch Mehl wiegen.
Der bayrische Heimatminister Hinnerk van der Kluntje sagte heute auf einer Pressekonferenz …
Populistische Politik bedient dasselbe Bedürfnis wie schlechtes Fernsehen: die Sehnsucht nach einer heilen Welt und Geborgenheit.
Ich habe mir Anarchy™ von Axe™ gekauft. Ich bin einfach der Typ für dieses Deo.
Schwer im Trend: Tampons, die mit Wodka vollgesogen sind, in Anus oder Vagina einführen. Über die Schleimhäute wird der Alkohol aufgenommen und es kommt wesentlich schneller zum erwünschten Rauschzustand als durch orale Einnahme.
Erinnern Sie sich noch an die roten Teufel vom Betzenberg? 1998 waren sie zuletzt deutscher Fußballmeister, dann folgte der Abstieg in die zweite Liga, in diesem Jahr ging es noch eine Etage tiefer in die dritte Liga. Die Parallelen zu den roten Schnarchnasen von der SPD sind offensichtlich. 1998 feierten sie ihren letzten großen Wahlsieg, in diesem Jahr folgte der Abstieg in die zweite politische Liga. Von der Volkspartei zur Partei zwischen fünf und fünfzehn Prozent – wie die Grünen, die AfD, die FDP und die Linken. Werden wir den Abstieg in die dritte Liga, also unter die Fünf-Prozent-Marke, noch erleben?
„The Busted Condom Society“: Treffpunkt aller unerwünschten Kinder. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Stadt eine Ortsgruppe?
Für wen und zu welchem Ende betreibe ich eigentlich den Schreibaufwand? Schreibt man seine Worte nicht jeden Tag in den Sand, bevor die nächste Flut kommt? Selbst eine Buchveröffentlichung ist kein Trost. Die Zeit wischt unsere Bemühungen immer wieder weg. Trotzdem geht es weiter. Ohne Grund, ohne Happy End.
Immer alles positiv sehen! Fehler sind die Basis deines Verbesserungspotentials. Es sei denn, dein Handy war noch in der Hose, die gerade im Schleudergang durch die Waschmaschine rotiert.
Ursache und Wirkung treffen sich: „Manager eines Energiekonzerns während eines Jogginglaufs von Orkan überrascht und vom Baum erschlagen“.
Hätten Sie’s gewusst? 1881 zieht die Familie Bourbon in die Vanille.
Der Satz „In dieser Nacht steckte er den USB-Stick der Liebe in den Laptop des Lebens“ aus dem Homosexuellenmelodram „Arztbesuch im Popoland“ von Heinz Pralinski wurde vom Bundesverband der Schweinezüchter und Literaturkritiker zum schlechtesten Satz des Jahres gekürt.
P.S.: Alle Produkte von Bonetti Media Unlimited werden seit diesem Jahr von Brainforrest Alliance Deutschland (B.A.D.) zertifiziert.
The Alan Parsons Project - The Fall Of The House Of Usher. https://www.youtube.com/watch?v=Y4K6j0m2mxE

Dienstag, 12. Juni 2018

Die letzte Kaiserin

Es war eine große Zeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands kam es zu einem ungeahnten Aufschwung der Wirtschaft. Deutsche Industrieprodukte waren überall in der Welt begehrt, der Handel und das Bankwesen blühten. Die politischen Verhältnisse waren innen- und außenpolitisch stabil. Die Lohnarbeiter kuschten brav unter der Knute ihrer Herren und hatten keinerlei parlamentarische Vertretung.
Mit Österreich-Ungarn und Italien hatte man den „Dreibund“ geschlossen, zwischen den Herrscherhäusern in Berlin, Wien und Sankt Petersburg gab es das „Drei-Kaiser-Bündnis“. Mit dem englischen Königshaus waren die Hohenzollern verwandt, das demokratische Frankreich war eine Großmacht ohne Verbündete. Fun Fact: Der Kilimandscharo war der höchste Berg des Deutschen Reichs.
Aber deutsche Großmannssucht, Überheblichkeit und der Irrglaube an die technische, ökonomische, moralische und rassische Überlegenheit führten dieses Reich erst in die Isolation und dann in die Katastrophe der Weltkriege, in den Untergang und die Hölle des Massenmords.
Nach der Wiedervereinigung 1990 begann es ähnlich verheißungsvoll. Heute sind wir unbestritten ein Globalisierungsgewinner und schwimmen im Geld. Andere müssen Schulden bei uns machen, um überhaupt noch die vielen großartigen Erzeugnisse unserer Konzerne bezahlen zu können. „Made in Germany“ ist ein Qualitätssiegel wie zur Zeit des letzten deutschen Kaisers. Wir hatten in den neunziger Jahren viele Verbündete in der Welt. Das Verhältnis zu den Supermächten USA und Russland, zu Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und Ungarn war entspannt, die Lage stabil.
Welche Verbündeten haben wir heute noch? Das Verhältnis zu Russland ist zerrüttet, die Beziehungen zu den USA gehen in diesen Tagen den Bach hinunter. Großbritannien verabschiedet sich mit dem Brexit von der gemeinsamen Politik, Italien widerspricht offen der deutschen Besserwisserei und nimmt die deutsche Hegemonie in der EU nicht mehr hin. Frankreichs konkrete Vorschläge zur Vertiefung des Bündnisses bleiben seit einem Jahr unbeantwortet. Rassismus und Nationalismus sind in Deutschland wieder salonfähig und finden eine wachsende Anhängerschar.
Merkel geht gerade den Weg, den Wilhelm II. gegangen ist. Dazu passt der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Das Ende ist offen. Noch. Aber ein Blick ins Geschichtsbuch genügt. Wenn es den Deutschen zu gut geht, glauben sie, dass sie niemanden mehr brauchen. Der Starke ist am mächtigsten allein, lässt Schiller seinen Helden Wilhelm Tell sagen. Einsam und unverstanden wie 1914.

Montag, 11. Juni 2018

Emilija

„There’’s more room in a broken heart.“ (Carly Simon: Coming Around Again)
Er lag auf dem Bett wie jemand, der gar nicht vorhatte zu schlafen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit offenen Augen. Seine Tage waren leer wie ein japanischer Zen-Garten, aber voller Ruhe und Gelassenheit. Er bewohnte den ersten Stock eines alten Backsteinhauses. Im Erdgeschoss lag die Kneipe, die er bis vor einigen Jahren betrieben hatte. „Lobotomie 21“. Jetzt war der Rollladen der Eingangstür für immer geschlossen.
Der Hinterhof war von einer verwitterten Mauer umgeben. Am hinteren Ende war eine Werkstatt, der er schon seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Neben dem Hoftor war ein Schuppen voller rostigem Trödel. Auf dem Hof stand ein alter Opel Diplomat, der seit zehn Jahren abgemeldet war. Im Hoftor, das aus Holzbrettern bestand, von dem die lindgrüne Farbe abblätterte, war eine kleine Tür eingelassen, durch die er gelegentlich die Straße betrat, wenn er einkaufen ging.
Das Haus lag an den stillgelegten Schienen zwischen einer Großstadt und der Provinz. Unmittelbar an sein Grundstück grenzte ein Gewerbegebiet mit gigantischen fensterlosen Würfeln von Versandhändlern und Logistikzentren. Er sah auf der Straße nur die vielen Lkws, aber keine Menschen, wenn er von seinem Wohnzimmerfenster hinabblickte. Schlafzimmer, Bad und Küche lagen auf der Rückseite des Hauses, vor den Fenstern lagen der Hinterhof und die Gleise.
Eines Tages eröffnete am Ende der Straße eine Imbissbude. Auf dem Weg zum Supermarkt an der Landstraße legte er eine Pause ein, aß eine Currywurst und trank einen Kaffee. Er hörte sich das Fernfahrergequatsche an und plauderte gelegentlich ein paar Takte mit der Würstchenverkäuferin. Sie hieß Emilija und kam aus Lettland. Irgendwann kam er jeden Tag und blieb immer länger. Nachmittags war wenig los und es tat ihm gut, mit einem Menschen zu reden.
Es war im Frühling, als ein Stammgast sich den Spaß erlaubte und zu ihnen sagte: „Ihr würdet ein tolles Paar abgeben.“
Emilija lachte. „Ich brauche keinen Mann.“ Dann warf sie zwei Hände voll Pommes in die Fritteuse.
„Ich interessiere mich nicht für Frauen“, sagte er leise.
Dann sah er Emilija in die Augen.
Am nächsten Tag zog sie bei ihm ein. Es war der Beginn einer wunderbaren Zeit. Sie eröffneten die alte Kneipe wieder. „Trucker’s Delight“ war der neue Name. Das Autowrack verschwand vom Hof und der Schuppen wurde entrümpelt. Morgens duftete es herrlich nach Kaffee, mittags nach Bratwurst. Die Fahrer kamen gerne in das gemütliche Lokal und im Winter hatten sie es warm. Das ist schon die ganze Geschichte. Nichts Besonderes, aber Emilija und ihm gefiel es.

Saint Germain - Sure Thing (feat.John Lee Hooker). https://www.youtube.com/watch?v=y7soACtNgJo

Samstag, 9. Juni 2018

Amtlicher WM-Tipp

Seit 1986 sehe ich die Fußballwelt- und europameisterschaften mit Freunden in Wackernheim. Je wichtiger das Spiel, desto voller das Wohnzimmer. Bis zu fünfzehn Leute sitzen dann vor der Glotze. Traditionell wird in Rheinhessen Weißweinschorle und Spundekäs zum TV-Event gereicht. Spundekäs ist vegetarisches Fingerfood, leicht herstellbar und wird mit kleinen Bretzeln genossen. Natürlich gibt es eine Tipprunde, die ich traditionell - mit Ausnahme der WM 2002 - haushoch verliere. Etwa zwanzig Spielerinnen und Spieler haben sich in diesem Jahr mit fünf Euro beteiligt. Früher hat der einzige von uns, der Mathe studiert hat, den Sieger errechnet, heute gibt es Computerprogramme.
Mein Tipp: Deutschland fliegt im Achtelfinale gegen Brasilien raus, Spanien wird Weltmeister. Was denken Sie? Geben Sie Ihren Tipp im Kommentarbereich ab! Schreiben Sie mir nicht, wie unwichtig Fußball ist. Das weiß ich selbst. Wer für den TuS 09 Schweppenhausen und die Spielvereinigung Ingelheim in der Kreisklasse gespielt hat, hat keine Illusionen mehr.
Der erste Gegner der DFB-Auswahl ist Mexiko. Erkennen Sie Lothar Matthäus unter seinem Sombrero? https://www.youtube.com/watch?v=tffACIijQ8k

Freitag, 8. Juni 2018

Es lebe der Populismus – eine Entgleisung

„Vergessen wir nicht, dass das Imperium Romanum auch nur ein skrupelloses Geschäftsunternehmen war und die großen Römer sämtlich Spekulanten waren. Und trotzdem liegt Schönheit über dem Römertum. Für das ‚Imperium Germanicum’ der Zukunft wünsche ich viel tun zu können. Die ungeheuren Dimensionen adeln da alles, was in kleinen Verhältnissen krämerhaft wirkt.“ (Oswald Spengler)
Träge schippert der rostige Datenkreuzer Bonetti durch die Weiten des Internets. Nirgends Hoffnung, nirgends Licht. Das verdammte dreizehnte Jahr der Merkelherrschaft, das Universum wird von den Borg-Drohnen aus Wirtschaft, Politik und Medien dominiert.
Ich bin müde, ich bin alt. Links und rechts von mir sehe ich Blogger in den Staub sinken, ihre Texte verglühen in der Sonne des Konzernkapitalismus. Wie weit werde ich mich noch schleppen? Die DSGVO hat mich den Kommentarbereich, die Musik und die Bilder gekostet. Es laufen nur noch die Notstromaggregate, der WARP-Antrieb ist ausgefallen. Die Mannschaft findet die Antwort auf ihre Fragen im Alkohol, ich bin alleine auf der Brücke. Einer muss da sein, denke ich, einer hält Wache.
Aber dann kommt plötzlich Hoffnung auf. Italien. Sehnsuchtsort. Heimliche Liebe jedes aufrechten Poeten. Il Popolo hat das Establishment hinweggefegt. Die grauen Herren der Berliner Zeitsparkasse verlieren die Kontrolle. Merkel lässt die Bestien ihrer Medien von der Kette. Schnorrer seien sie, die Italiener, Worte wie Arbeitslager klingen unausgesprochen im Hintergrund. Die Griechen haben als erste den Ausbruch aus den Ketten des deutschen Spardiktats gewagt. Sie sind gescheitert. Aber der Spartakus-Aufstand der Italiener ist ungleich stärker. Wir wollen leben! Wir wollen nicht auf Morgen warten!
Amerika ruft derweil einen Handelskrieg gegen die Deutschen aus. Der teutonische Exportchauvinismus kommt von zwei Seiten unter Druck. Drecksautos, die den Planeten verpesten, Chemikalien, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, Maschinen, die sinnlosen Plastikmüll produzieren. Weg damit! Dem ökonomischen Imperium Germanicum wird der Kampf angesagt.
Ich wünsche Euch viel Glück! Das selbstgefällige, besserwisserische Deutschland, an dessen Wesen wieder einmal die Welt genesen soll, braucht richtig was in die Fresse. Schon jammern die Sith-Lords der Volkswirtschaftslehre über sinkende Auftragseingänge und abgeschwächtes Wachstum. YEAH !!!

Das letzte Geheimnis der DDR

Sie galt als das größte Geheimnis von Honecker und Mielke: die „Gesellschaft für lyrische Rätsel“, kurz GLR. Eigentlich stand die Abkürzung für „Geheimes Labor für Raumfahrtsimulation“. Hier sollte die Teilnahme von Kosmonauten der DDR an Weltraummissionen der UdSSR vorgetäuscht werden, falls den Russen mal das Geld ausgehen sollte oder etwas schief gelaufen wäre.
Auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlereviers in der Nähe von Cottbus war das eingezäunte Gebiet der GLR. In einem Gebäude war das Innere einer Raumstation nachgebaut. Kamera und Tonband konnten bei Bedarf sofort von den Mitarbeitern der zuständigen Stasi-Abteilung, Code-Name „Peterchens Mondfahrt“, eingeschaltet werden. Einer der drei Pseudokosmonauten, die im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr arbeiteten, saß immer in voller Montur, d.h. im Raumanzug, den Helm griffbereit, in der Kopie einer Sojus-Kapsel vor dem Steuerpult.
Im zweiten Gebäude lebten Dieter, Olaf und Peter zusammen mit dem vierten GLR-Mitarbeiter. Erich musste keinen Schichtdienst machen. Er war ein lakonischer Phlegmatiker, der sich verpflichtet hatte, im Falle des Todes eines DDR-Kosmonauten die Leiche zu spielen. Wäre ein Kosmonaut im Weltraum verschollen oder seine Leiche nach dem Absturz einer Raumfähre unauffindbar gewesen, hätte man seinen toten Körper bei einer festlichen Bestattung als Held des Sozialismus gewürdigt. Er musste immer eine Zyankalikapsel bei sich tragen. Arbeiten musste er nie. Ihre Bilder waren regelmäßig im Neuen Deutschland und der Aktuellen Kamera zu sehen, so dass die Bevölkerung an den Anblick ihrer Allerweltsgesichter gewöhnt war.
Eine Woche nach dem Rücktritt von Honecker beschlossen die vier Jungs, mit ihrem Geländewagen das Gittertor der Umzäunung zu durchbrechen. Es war eine abenteuerliche Fahrt, die Stasi-Bewacher verfolgten sie mit zwei Wartburg. Es gelang ihnen, die Stasi mit einer kleinen Querfeldeinvorstellung abzuhängen. In einer bedeutungslosen Seitenstraße von Cottbus besuchten sie einen Freund von Olaf, der sie mit Zivilklamotten versorgte und ihnen seinen Trabi im Tausch gegen den Jeep gab. Beim Abschied sagten sie ihm, er müsse den Wohnort und den Namen wechseln, weil die Stasi vermutlich bald bei ihm wäre. Das fand der Freund nicht so gut.
Aber schon quietschten die Reifen und es ging weiter nach Ost-Berlin. Dort tauchten sie in der Menschenmenge unter, die täglich nach West-Berlin pilgerte, um sich McDonald’s und Deichmann anzuschauen. Sie gerieten in Kreuzberg in eine Kiffer-WG und nahmen zum ersten Mal in ihrem Leben Drogen. Ein kleiner brauner Erdklumpen auf einem alten Holztisch, hart und seltsam duftend, wenn man ihn anzündete, sollte ihr Leben verändern. Der Osten brauchte nicht nur Opel und Marlboro – er brauchte Dope in rauen Mengen. Dieter, Olaf, Peter und Erich hatten endlich ihre eigentliche Bestimmung gefunden und dienen auf diese Weise bis heute der Gesellschaft.

Donnerstag, 7. Juni 2018

IG GAGA

„Komm schon. Beim letzten Mal hast du Ja gesagt.“ Henry lachte.
„Ich habe nur gesagt, dass ich es mir überlege“, antwortete Stefan.
Die beiden standen im Fahrstuhl. Wiener Straße, Kreuzberg. Feierabend.
„Wann warst du zum letzten Mal im Park?“
Henry sprach einen wichtigen Punkt an. Seit Jahren war er nicht mehr auf der anderen Straßenseite im Görlitzer Park gewesen. Nachdem die Drogenszene von der Polizei vertrieben worden war, hatten sich die christlichen Sekten den Park unter den Nagel gerissen. Tagsüber veranstalteten sie dort ihre Treffen, nachts war der Park gesperrt. Drogen gab es jetzt am Mariannenplatz zu kaufen.
„Samstag gibt es das Abendmahl mit Tofu-Hot Dogs und Riesling.“ Henry ließ nicht locker.
„Vielleicht komme ich mit“, sagte Stefan.
„Ich kann ja mal bei dir klingeln. Kostet ja nichts.“
Dann stiegen sie aus dem Fahrstuhl und gingen in ihre Wohnungen, die sich auf dem gleichen Stockwerk gegenüber lagen.
Am Abend dachte Stefan über die ganze Sache nach. Viele Menschen waren Mitglieder der neuen Sekten geworden. In Berlin war die IG GAGA die Sekte, die am erfolgreichsten in der Anwerbung neuer Anhänger war. Die Abkürzung stand für „Internationale Gemeinschaft – Glauben an God Allmighty“.
Die Mitgliedschaft war kostenlos und er würde endlich mal wieder in den Park kommen. Außerdem könnte er dort Johanna treffen. Sie arbeitete in derselben Abteilung bei Percy Hempel & Tochter in Britz wie er. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Die IG GAGA war auch politisch aktiv. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus hatte sie sieben Prozent bekommen. Sie versprach ein Ende des Egozentrismus und der Ellbogengesellschaft. Sie setzte sich gegen den Islam ein, war aber nicht rechts. Das gefiel Stefan.
Am Samstag ging er mit Henry in den Park. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einer Aldi-Drohne geortet, die sich sofort auf sie stürzte. Sie flog dicht über ihren Köpfen und plapperte Werbesprüche und Sonderangebote vor sich hin. Diese Biester ließen sich nicht abschütteln. Zum Glück waren die Werbedrohnen nur auf öffentlichen Straßen und Plätzen erlaubt, nicht bei religiösen und politischen Veranstaltungen.
Im Görlitzer Parkt wehte das Banner der IG GAGA auf einem hohen Mast, unter dem sich hunderte Menschen versammelt hatten. Henry stellte Stefan dem Priester und anderen Sektenmitgliedern vor. Er wurde von vielen Menschen umarmt, alle lächelten ihn an.
Er würde für immer zu ihnen gehören. Er war nicht mehr allein.