Mittwoch, 10. Juni 2015

Griechenland ist eine Katze

Griechenland ist eine schwarze Katze mit grünen Augen. Sie liegt unter einem Tisch, als wir den Biergarten in Bad Windsheim betreten. Es ist brütend heiß an diesem Nachmittag und wir setzen uns in den Schatten eines Olivenbaums. Wir sind die ersten Gäste. Auf einer Bank vor der Taverne sitzt der Wirt mit seinem Bruder. Beide haben dicke schwarze Schnurrbärte. Der Wirt ruft ein Wort, das wie Mama klingt, und eine Frau kommt heraus. Sie nimmt unsere Bestellung auf. Bier und Calamari. Während wir warten, sehen wir dem alten Fischer zu, der auf der Hafenmole sein Netz flickt. Träge schmatzt das Meer an der Kaimauer. Der Himmel ist tiefblau und die weißen Häuser des Dorfes strahlen in der Sonne. Die Fähre ist längst abgefahren. In einer Woche wird sie uns wieder abholen. Deutschland ist weit weg. Wir sind entkommen.
Europa. Das Wort kommt aus Griechenland. Es stand einmal für die Verheißung von Frieden und die Hoffnung auf ein glückliches Leben. Das Ende von Krieg und Hass. Wenn heute von Europa gesprochen wird, dann geht es nur noch ums Geld. Aus einer Liebesheirat ist eine Zweckgemeinschaft geworden. Zankerei und Vorwürfe. Es hätte so schön werden können. Die lustigen und ein wenig verrückten Briten. Frankreichs selbstverliebte Genießer und Charmeure. Die Eleganz und der in Jahrtausenden gewachsene Stolz Italiens. Der gutmütige Schwede und der gewitzte Tscheche, der freche Holländer und der verträumte Portugiese. Und der Grieche, der die Obrigkeit übers Ohr haut und von dem Geld seine Familie und seine Freunde zu einem Festessen einlädt. Eine anspruchsvolle Wohngemeinschaft. Keiner ist wie der andere.
Aber das konnten die Politiker in ihrem Projekt namens EU nicht akzeptieren. Sie wollten die Gleichschaltung. Einförmigkeit. Regeln ohne Toleranzgrenzen. Spanien ohne Siesta. Keine gemeinsamen Feste, aber eine gemeinsame Kasse. Ein europäisches Haus mit einem deutschen Hausmeister. Humorlos. Ordnungsbesessen. Nachtragend. Ohne Interesse an persönlichen Kontakten. Ein Sozialkrüppel, unfähig zu einem lockeren Gespräch. Er will nicht zuhören, sondern lieber Strafzettel verteilen. Europas Herz – die Mitte des Kontinents – ist aus Stein, denkt die Katze, während sie mich beobachtet. Träge und schön liegt sie unter dem Tisch. Ich werde aufstehen und zu ihr gehen müssen, wenn ich meinen Tintenfisch mit ihr teilen möchte. Von alleine wird sie nicht kommen.
P.S.: Geschrieben im Restaurant Delphi, Pastoriusstraße 1, Bad Windsheim.

Dienstag, 9. Juni 2015

Fragen und Antworten zum Thema Klimawandel

Häufig sprechen junge Leute oder linke Spinner vom sogenannten „Klimawandel“. Hier eine kleine Argumentationshilfe für den Umgang mit diesen arbeits- und lichtscheuen „Weltverbesserern“.
1. „Die Temperaturen auf der Erde erhöhen sich. Das ist schlecht.“
Das ist falsch. Erstens erhöhen sich die Temperaturen nur sehr wenig. Um 0,1 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Das merkt man kaum. Außerdem ist es gut, wenn sich die Temperaturen erhöhen, denn es spart Heizkosten. Der Verbrauch von Kohle, Heizöl, Gas usw. sinkt – das ist wiederum gut für die Umwelt.
2. „Die Polarkappen und Gletscher schmelzen.“
Na und? Die Eiswürfel in meinem Cocktail schmelzen ja auch. Was sollte daran problematisch sein? Packeis ist ein schwerwiegendes Hindernis für die Schifffahrt. Eisberge können lebensgefährlich sein, Stichwort „Titanic“. Mit dem Polareis verschwinden auch die Eisbären, die häufig Menschen und süße Robbenbabys angreifen.
3. „Der Meeresspiegel steigt.“
Nicht unbedingt. Durch die Erwärmung der Erde verdunstet ja auch mehr Wasser. Das gleicht sich alles wieder aus.
4. „Die Inseln in der Südsee versinken, wenn der Meeresspiegel steigt.“
Andererseits entstehen auch immer wieder neue Inseln. Das kann man regelmäßig in der Zeitung lesen. Vor Island und Japan sind Inseln entstanden, es gibt sogar die Hoffnung auf eine zusätzliche kanarische Insel für Urlaubsreisende. Kleine Inseln kommen und gehen, Kontinente bestehen. Die Inseln in der Südsee versinken übrigens so langsam, dass man ihre Bewohner in aller Ruhe umsiedeln kann. Zum Beispiel auf neue Inseln oder nach Sylt, wo es ca. 58.000 Gästebetten gibt. Dort könnte die Bevölkerung der drei Südseestaaten Palau, Nauru und Tuvalu problemlos angesiedelt werden und es wäre immer noch Platz für einige Samoaner. Die sanftmütigen Bastrockträger mit ihren Blumenketten und Ukulelen wären eine Bereicherung für den Tourismus. Und durch die Erderwärmung käme die Nordsee den Südseebewohnern sogar klimatisch entgegen. Eine win-win-Situation für alle Beteiligten.
5. „Städte und Küstengegenden in Europa verschwinden.“
Das wird nicht passieren. Wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt, bauen wir einfach die Dämme und Hafenmolen einen Meter höher. Das schafft Arbeitsplätze und bietet die Möglichkeit, in unsere Infrastruktur zu investieren. All das trägt zur Erhöhung des Bruttosozialprodukts und damit zum Wirtschaftswachstum bei. Städte und Länder, die man nicht mag (Holland), könnte man auf diese Weise übrigens stressfrei entsorgen.
Ganz grundsätzlich gilt: Wandel ist etwas Positives. Wir sollten keine Angst vor Veränderung haben. Wir sollten dem Wandel nicht ablehnend gegenüberstehen. Es kann nicht immer alles beim Alten bleiben. Warum sagen wir statt „Klimawandel“ nicht einfach Klimareform, Klimaentwicklung oder Klimaerneuerung? Gerade wir Deutschen sollten dankbar sein, wenn es ein paar Sonnentage mehr gibt. Schon der letzte Kaiser forderte einen Platz an der Sonne für sein Volk. Jetzt bekommen wir ihn von Mutter Natur. Freuen wir uns auf das neue Klima! Begrüßen wir die Klimawende!
Young MC – Bust A Move. http://www.youtube.com/watch?v=xy4FXhkm6Nw

Montag, 8. Juni 2015

Die wichtigsten Ergebnisse des G 7-Gipfels

1. 2020 höre ich mit dem Rauchen auf. Und diesmal ist es ernst, Leute! 2030 kann es zu spät sein.
2. Im Konflikt mit meinem Nachbarn (Bayern-Fan!) werden die Sanktionen verschärft, falls es erforderlich ist (keine Paketannahme mehr).
3. Ich bin weiterhin entschlossen gegen alles Böse in der Welt (Zucker im Senf, Helene Fischer, jegliche Form von Diät).
4. Das Gipfeltreffen war schön. Das machen wir nochmal. Diesmal aber nicht in meinem Wohnzimmer (360 Milliarden Euro Kosten!).
Das Abschlussdokument im Wortlaut: „Wir bekräftigen unsere Entschlossenheit uswusf. Nach Diktat verreist.“

Urlaubsbilder

Im Frühstücksraum des Hotels sitzt eine Frau am Nachbartisch. Sie beobachtet mich, während ich Weißwürste mit süßem Senf, Mini-Frikadellen, Rührei, Mozzarella mit Tomate, Käse- und Schinkenbrötchen verdrücke, abwechselnd Orangensaft und Kaffee trinke und mit N. den Tagesplan bespreche. Neben unseren Tellern liegen Bücher, Stadtpläne und Landkarten. Sie beobachtet mich, während sie ganz langsam das Obst auf ihrem Teller verspeist und Mineralwasser trinkt. Trotz ihrer jungen Jahre ist sie unglaublich dick. Sie beobachtet nicht mich, sondern meinen Teller. Sie träumt sich in mein Essen hinein, sie erinnert sich an den Geschmack von Wurst und Brot, während sie ein Stück Honigmelone in ihren Mund schiebt.
Direkt neben dem Hoteleingang ist eine Spielhölle voller blinkender Automaten. Am Eingang steht ein Glatzkopf mit Tanktop und komplett tätowierten Armen, der ein Handy an sein Ohr hält und raucht. Gegenüber sehe ich die „World of Sex“ und „WurstDurst“. Erotische Tänze werden auf dieser Straße auch angeboten. Ist das eine Anmutung von Rotlichtmilieu im Auenland? Bin ich auf dem Reeperbähnchen gelandet, St. Paulinchen hinter den sieben Bergen?
Nachts weckt mich der dumpfe Lärm einer Disco. Erst denke ich, es ist eine Maschine, aber der Rhythmus wechselt gelegentlich. Es ist Techno. Das ganze Haus vibriert wie ein Schiff.
Nürnberg: Hier haben sich die Nazis feiern lassen, hier wurde ihnen der Prozess gemacht.
Abends auf dem Bierfest. Über uns die Burg. Als N. sich für keines der drei Biere am Stand einer Brauerei entscheiden kann, bekommt er drei Gläser angezapft und darf alle probieren. Die freundliche Gelassenheit der Franken. Später sitzen wir in der Dämmerung auf einer Piazza vor einer Kirche. Die Stille. Junge Leute sitzen auf den Stufen vor einem riesigen alten Haus.
Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man mit der Fernsehzeitschrift im Gepäck verreist. In fünf Jahren bin ich bereit für ein Barry Manilow-Konzert – wenn er dann noch lebt.
Wo Raucher sind, ist auch Feuer.
Das fränkische Alphabet ist kürzer als das deutsche. T und K fehlen („Dürge“). Vokal des Monats: O.
Bettelnde Punks, überhaupt Bettler und Punks. Zwischen Königstor und Marientor gibt es in einem Gässchen an der Stadtmauer eine regelrechte Alternativszene. All das habe ich in Franken noch nie gesehen. Offenbar ist Nürnberg der einzige Ort in Franken, wo man als Aussteiger oder Künstler leben kann – wenn man nicht gleich nach Berlin geht.
Germanisches Nationalmuseum. Monster-Ausstellung. Lucas Cranach d.Ä. zeichnet Werwölfe, Edvard Munch malt Vampire. Das Monster als Projektion des Bösen im Menschen, als Manifestation der Sünde. Die Nacht in uns. Grässliches Bild von Azzolino: Seele in der Hölle. Monster von der Antike bis heute (Weißer Hai, Frankenstein), Dystopien wie Blade Runner. Ist die heutige Obsession für Monster (Film, Fernsehen, Computerspiel usw.) das Zeichen eines schlechten Gewissens? Blicken wir in den Spiegel, wenn wir Vampire, Werwölfe, Mutanten und Zombies sehen, diese egozentrischen Weltzerstörer, diese Vernichter des Lebens?
Dauerausstellung des Museums. Rembrandt-Selfie: Er malt sich, als sei er ein Kind. Faltenloses Gesicht, weiche Nase, kleines rotes Mündchen. Cranachs „ungleiches Paar“: die junge Frau und der alte Bonze. Die Gier und die Geilheit. Er hat das Thema über vierzig Mal auf der Leinwand verewigt, oft hat die Frau die Hand am Geldbeutel des Mannes, der Mann die Hand am Busen der Frau. Ein weiteres Highlight: der erste Globus. Amerika fehlt. Eine schöne Welt.
Rothenburg ob der Tauber, unsere nächste Station. Mekka für Spitzweg-Epigonen. Essen im „Reichsküchenmeister“, im Mittelalter war das ein Staatsamt, der Inhaber nur dem Kaiser verpflichtet. 2015 liegt links von unserem Tisch Dallas, rechts Yokohama.
Über dreißig Grad im Schatten. Ich wechsle die Hemden wie ein Rockstar die Frauen.
Pension „Zum Birnbaum“ in Bad Windsheim: Als ich mit N. in die Gaststube komme, nimmt die Wirtin zwei Zimmerschlüssel aus einer Schublade. Während ich die Anmeldung ausfülle, wartet N. – gewichtsmäßig wie ich im dreistelligen Bereich – im Vorraum. Anschließend drückt mir die Wirtin einen Schlüssel in die Hand und sagt: „Ihr Kollege ist ja eher schmächtig. Ich gebe Ihnen das größere Zimmer.“ Seitdem heißt N. „der Schmächtige“. In Franken darf man dick sein.
In einer Halterung unter der Zimmerdecke kauert die TV-Briefmarke mit Röhrenbetrieb, wie ich sie als Reisender aus den amerikanischen Motels des vergangenen Jahrhunderts kenne.
Auf dem Nachttisch steht eine Lampe, aber sie geht nicht an, wenn man auf den Schalter drückt. Ich verfolge das Kabel, sie ist nicht angeschlossen. Und nirgendwo in der Nähe ist eine Steckdose. Wieso?! Wo ist da der Sinn? Aber sie ist hübsch mit ihrem gehäkelten vanillepuddingfarbenen Überzug und passt zu meiner Bettlektüre, Falladas „Kleiner Mann – was nun?“
Auf dem Frühstücksbuffettisch steht ein Teller mit Donauwelle. Einer meiner vielen Lieblingskuchen. Ich esse unverschämt viele der kleinen Stücke. Es ist wie ein Rausch.
Bad Windsheim. Das älteste Haus ist von 1210. Vor dem Rathaus blickt man durch Scheiben in die Tiefe, wo tausend Jahre alte Skelette liegen. Hier brach der erste Deutsche auf, der Alaska gesehen hat. Vormittag am Brunnen vor dem Gasthaus Döbler. Das vorzügliche Altstadt Hell. Einheimische am Nachbartisch, dort ist das Erdbeben von Nepal noch ein Thema: „Katmandu konnsd vagessa, konnsd nemma hi.“ Wo ist Polt, wenn man ihn braucht?
Ein Tisch weiter eine Gruppe junger Amerikaner bei Weißbier, Weißwürsten und Obstler. Ich würde ihnen gerne das Geheimnis der Würste mithilfe des Begriffs „Monkeybrain“ erläutern, unterdrücke aber das Böse in mir. Was mir auffällt: Dumme Leute sind oft gut gelaunt.
Im Ort gibt es keine „Dauerkampfpreise“ oder Filialen großer Ketten, sondern Fachgeschäfte und Einzelhändler. Gute Bäcker, keine Aufbäcker.
Marktbreit. Ochsenfurt. Unbekannte Perlen. Frühschoppen in einem unprätentiösen Hinterhofbiergarten. Alte Männer mit Hüten, denen sofort das Stammgetränk gebracht wird, wenn sie sich niedergelassen haben. Die winzige fassförmige Kellnerin mit dem Bubikopf.
P.S.: Was war los, während ich weg war?
1. Irgendwo in meinem Urlaubsbundesland hat eine Raubritterbande namens „G 7“ auf einem Schloss ein Fest gefeiert. Kosten: 360 Millionen Euro. Wenn etwas 360 Millionen kostet, dann hat auch jemand 360 Millionen verdient. Darüber hätte ich mir von den Medien Aufklärung erhofft: Wohin geht das viele Geld? Immerhin hat die Sause eine Million Mal mehr gekostet als mein fünftägiger Urlaub.
2. Helmut Kohl, eine feste Größe in meinem Hassuniversum, liegt auf der Intensivstation.
3. Für die griechische Regierung gab es mal wieder ein „allerallerletztes Angebot“. Die Flohmarktsprache der Medien. Das ist jetzt wirklich mein letztes Angebot. Als erfahrener Flohmarktbesucher weiß man ja, dass man einfach nur warten und die Nerven behalten muss. Wird alles noch billiger.
Pet Shop Boys – Jealousy. https://www.youtube.com/watch?v=RmV_-Eu_OQ0

Dienstag, 2. Juni 2015

Neulich im Regionalexpress

A: Warum bist du denn bei Facebook? Die verkaufen doch unsere Daten weiter.
B: Na klar ist Facebook Scheiße. Na und? Ich finde ja auch McDonald’s Scheiße und esse Big Mäcs. Ich finde Fernsehen Scheiße und gucke jeden Abend. Ich finde auch die Bahn Scheiße und sitze gerade im Zug. Das ganze Leben ist beschissen.

Audienz beim Großschriftsteller

„Die Deutschen haben eine dunkle und eine weniger dunkle Seite.“ (Maurice de la Chaussee)
Ich traf Andy Bonetti im Salon der Pension Fontane an der Rehwiese in Berlin-Nikolassee, in der traditionell Maler, Musiker, Schriftsteller und Bildhauer abzusteigen pflegen, die auf Publicity keinen Wert legen. Die Besitzerin, Modestia Jankel, ist bekannt für ihre unbedingte Diskretion, so dass ich nicht fürchten musste, andere Journalisten in der Pension zu treffen.
Bonetti stand an einem Bücherregal und las ein wenig Dostojewski, „Erniedrigte und Beleidigte“, wenn ich mich Recht entsinne. Er trug chinesische Seidenpantoffeln, ein rotkariertes Holzfällerhemd mit einer Krawatte im gleichen Muster und dunkelgrüne Knickerbocker. Seine Schläfen begannen damals schon grau zu werden, und er hatte einen Schnurrbart, aber noch nicht jenen patriarchalisch wirkenden silberfarbenen Vollbart, der ihm auf Fotografien später jenen Ausdruck von Heiligkeit und Unschuld verleihen sollte.
Als ich ihn nach seiner Einschätzung zu Dostojewski fragte, lächelte er. „Ich habe mein Leben lang versucht, ein besserer Schriftsteller zu werden. Dabei habe ich mich an anderen Schriftstellern orientiert. Ich fing bescheiden an und schlug eines Tages Joseph Roth und Heinrich Böll. Dann stieg ich mit Thomas Mann und Hermann Hesse in den Ring. Ich arbeitete hart und eines Tages habe ich sie besiegt. Ich bilde mir ein, an guten Tagen ein Unentschieden gegen Kafka erkämpft zu haben. Aber gegen Dostojewski habe ich keine Chance.“

Ich fragte ihn, warum er Dostojewski so schätze. Er antwortete, niemand könne Figuren so präzise zeichnen wie er. Niemand könne die Emotionen der Leser so steuern, wie es der spielsüchtige Russe aus dem neunzehnten Jahrhundert könne. Ich wies Bonetti darauf hin, dass der aktuelle Pulitzerpreisträger Maurice de la Chaussee, ein Romancier aus Nancy, für eben diese Qualität geschätzt würde.

„Ich bitte Sie“, sagte er und Zornesfalten verwandelten seine glatte hohe Stirn in eine stürmische See, „dieser Mann ist doch total überschätzt. Im New Yorker wird er seit Jahren in den Himmel gelobt. Der Autor dieser Ergüsse ist immer der gleiche: Professor Jeremy T. Pendercraft von der Unlikely Occurence Society. Dieser Gesellschaft gehören zufällig 49 Prozent am Verlag Dédain in Paris, das die Werke von de la Chaussee seit vielen Jahren betreut.“
Er ging wütend auf und ab. Ich wagte nicht, Bonetti zu unterbrechen. „Das absolutistische Bedürfnis nach barocker Prachtentfaltung schwitzt aus jeder Pore seiner infantilen Unterhaltungsliteratur. Warum kann man diese Machwerke an jedem Flughafen der Welt kaufen? Weil die Leser diesen schwülstigen französischen Stil mögen. ‚Mich dünkt‘ – wer benutzt denn heute noch solche Formulierungen? Oder ‚So ließ ich mir denn zum Zwecke eines Meuchelmords von der Gräfin einen Dolch aushändigen‘. Selbst in einem historischen Roman lasse ich das nicht durchgehen.“
Er kam mir bedrohlich nahe und seine Augen funkelten mich wütend an. Jetzt roch ich auch seine Fahne. Sein Gesicht war rot von Schnaps und gekränkter Ehre. „Dieser blasierte Franzmann! Eine Geschichte muss die Menschen mitreißen. Sie muss wie die Axt durch heißen Kartoffelbrei gehen. Kennen Sie Kenny Lannister? ‚Sharks don’t play‘ und ‚Swollen Things‘ sind einfach großartig geschrieben. Lannister hat die Welt gesehen. Den Mann können Sie an jeden Bartresen, auf jede Bühne, in jeden leeren Raum dieser Welt stellen. De la Chausee hat doch Nancy nie verlassen. Seine ganzen Romane spielen in dieser langweiligen Stadt. Das öde Provinznest war früher bekannt für seine Fabrik, in der Glasaugen für Teddybären hergestellt wurden, bevor die Chinesen diesen Markt übernommen haben.“
„Wussten Sie, das Maurice de la Chaussee in diesem Jahr den Literaturnobelpreis bekommen soll? Es ist noch nicht offiziell, aber die Feuilleton-Spatzen pfeifen es von den Kaffeehausdächern“, sagte ich.
„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“, schrie das Männlein, und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen, und riss sich selbst mitten entzwei.
Adam & the Ants - Prince Charming. https://www.youtube.com/watch?v=9p__WmyAE3g

Montag, 1. Juni 2015

Für Johanna, Charlotte und Justus

Kind: Wer bist du?
Kiezschreiber: Ich bin der Kiezschreiber.
K: Was machst du?
K: Ich denke mir Geschichten aus. Die schreibe ich auf.
K: Und wie geht das?
K: Dazu muss ich alleine sein. Und es muss ganz still sein. Dann kommt irgendwann die Geschichte angeschlichen. Zuerst ein Bild oder ein Gesicht. Vielleicht sehe ich ein Haus oder einen Menschen, der die Straße lang geht.
K: Träumst du die Geschichten?
K: Manche Geschichten träume ich auch. Dann wache ich morgens auf habe eine fertige Geschichte im Kopf.
K: Wie geht denn das?
K: Das weiß ich auch nicht. Im Schlaf macht der Kopf, was er will. Dann denkt er sich Sachen aus, die es vielleicht gar nicht gibt.
K: Du bist also ein Geschichtenerzähler. Was ist denn ein Kiez?
K: Das sagt man so in Berlin. Ein Kiez ist ein Ort, wo man seine Nachbarn kennt und den Bäcker und wo man Freunde hat. Wie in deinem Dorf. Die Kieze sind die kleinen Puzzlestücke, aus denen sich die große Stadt zusammensetzt.
K: Was ist Berlin?
K: Das ist die Hauptstadt vom ganzen Land. Da wohnen die Königin und ganz viele Menschen. Nur dass die Königin Kanzlerin heißt und nicht mehr in einem Schloss lebt, sondern in einem Büro sitzt.
K: Warum?
K: Das weiß ich auch nicht. Das war schon immer so.
K: Spielen alle deine Geschichten in Berlin?
K: Nein, die können überall spielen. Ich kann mir ja auch einen Ort ausdenken, den es gar nicht gibt.
K: Erzähl mal eine Geschichte!
K: Da ist zum Beispiel die Geschichte von dem Jungen, der ganz viel Geld verdienen will. Einen Riesenhaufen Geld. Und von dem Geld will ich er sich eine zweite Mutter kaufen.
K: Und schafft er das?
K: Nein, es gibt Dinge, die kann man sich nicht kaufen. Niemand hat zwei Mütter.
K: Warum?
K: Weil jeder Mensch nur eine Mutter und einen Vater hat. Mehr gibt’s nicht. Jeder hat genau eine Mutter und einen Vater – und das war’s.
K: Und bei den Tieren?
K: Jede Katze hat eine Katzenmutter und einen Katzenvater. Jedes Pony hat eine Ponymutter und einen Ponyvater. Das ist bei allen Menschen und Tieren so.
K: Erzähl noch eine Geschichte!
K: Da gibt es noch die Geschichte von dem Mädchen, dass älter werden will als seine Schwester, obwohl die drei Jahre älter ist.
K: Wie will sie das machen?
K: Sie isst so viel Schokolade, bis sie fast platzt. Sie denkt, wenn sie ganz viel Schokolade isst, kann sie ihre Schwester einholen.
K: Und was passiert dann?
K: Ihr wird schlecht.
K: Sie kotzt!
K: Kotzt? Es schießt so ein armdicker Strahl brauner Brühe aus ihrem Mund, dass sie am Ende bis zu den Knien in Kotze steht.
K: Iiiih!
K: Ja, aber so geht die Geschichte.
K: Ich habe auch eine Geschichte.
K: Erzähl mal!
P.S.: Johanna, Charlotte und Justus sind 7, 5 und 3 Jahre alt. Sie leben bei Georg und Ulrike. Da war ich gestern zu Besuch. Kann man sich nicht ausdenken.
K: Hast du auch Kinder?
K: Nein. An dem Tag, an dem die Kinder verteilt wurden, habe ich verschlafen. Als ich hinkam, waren schon alle weg.
Ken Boothe - Everything I Own. https://www.youtube.com/watch?v=bfFNnXc1By4