„Ich esse dreimal im Tag, in der Zwischenzeit
gar nichts, aber nicht das Geringste.“ (Franz Kafka in einem Brief an Felice
Bauer vom 21. November 1912)
An meine erste Begegnung mit
Andy Bonetti kann ich mich noch gut erinnern. Es war in meinem ersten Semester
an der Heinz-Schenk-Universität in Kassel, als mir der hochgewachsene, aber
doch schmächtige, ja fast knabenhaft wirkende Kommilitone mit dem in der Mitte
gescheitelten schwarzen Haar ins Auge fiel. Es war in der ideologiekritischen
Vorlesung „Der Ismus wo ich mitmuss“ von Professor Ferdinand Klemm, als ich mit
schöner Regelmäßigkeit sein glockenhelles Lachen aus der letzten Reihe hörte.
Vorgestellt wurde ich ihm durch Heinz Pralinski bei einem Mittagessen in der
Mensa und es stellte sich heraus, dass wir alle aus Bad Nauheim stammten.
Tatsächlich hatten wir nur wenige hundert Meter voneinander entfernt gelebt,
ohne uns als Kinder oder Jugendliche je kennengelernt zu haben. Das lag
vermutlich daran, dass Bonettis Vater als Vogelstimmenimitator in den
Gasthäusern der Stadt sein Geld verdiente und gelegentlich die Mülleimer der
Stadt nach Pfandflaschen durchsuchte, während mein Vater Bankdirektor war und
ich meine Freizeit mit Klavierunterricht und Reitstunden verbringen musste.
Ich begann bereits in meinem
ersten Semester, in der Fachschaftszeitschrift der Germanisten kleinere Artikel
zu veröffentlichen. „Der Schrei“ galt an der Universität als avantgardistisches
Blatt und wurde für viele Studenten zum Sprungbrett in die nordhessische
Presselandschaft und das Verlagswesen. Ich verwendete den Künstlernamen „Johnny
Malta“, da meine Eltern nichts von meinen literarischen Ambitionen erfahren
durften. In Wirklichkeit heiße ich Konrad Fleischhauer. Als Studienfächer hatte
ich neben Germanistik noch Philosophie und Spätbyzantinistik gewählt, während
ich meinen Eltern erzählte, ich würde Jura studieren. Bonetti hatte tatsächlich
einige meiner Texte gelesen und erzählte mir, er würde auch schreiben. Und so
trafen wir uns bald regelmäßig in den Weinstuben und Kaffeehäusern der Stadt,
wo ich ihn mit anderen Gleichgesinnten bekannt machte. Bonetti blieb in unseren
literarischen Diskursen jedoch meist ein stiller Beobachter und es fiel mir
schwer, ihn zur Herausgabe eigener Arbeiten zu ermutigen. Bonetti schrieb
damals an einem längeren Werk mit dem Titel „Beschreibung eines Krampfes“, in
der es um eine traumatische Erfahrung während eines Fußballspiels ging. Aber es
gelang mir, kleinere Stücke von ihm, meist Parabeln und Tiergeschichten, zu
lesen. Wenn wir alleine in meiner Studentenbude waren, las er auch gerne aus
seinen Texten vor.
Ein Jahr später gelang es mir,
einen Gedichtband im Selbstverlag zu veröffentlichen, wobei mir der Kontakt der
Fachschaft zur Druckerei der Universität wertvolle Dienste leistete. Der „Bad
Nauheimer Morgen“ wurde auf mich aufmerksam und es gelang mir, einige Gedichte
in der Sonntagsbeilage unterzubringen. Ich begann, Leserbriefe an überregionale
Zeitungen zu schreiben und versuchte, mit anderen Schriftstellern in
brieflichen Kontakt zu treten, was nur von mäßigem Erfolg war. Ich galt unter
den Studierenden der Germanistik nun als arrivierter Schriftsteller und lernte
Hedwig kennen, die meine erste feste Freundin wurde. Bonetti war immer noch ein
schüchterner Mensch, dem es schwerfiel, zu anderen Menschen in Kontakt zu
treten. Aber es ist keinesfalls richtig, dass er den Vergnügungen der Nacht
gegenüber nicht aufgeschlossen gewesen wäre. Wir zogen oft bis in die frühen
Morgenstunden durch die Gasthäuser, tranken Bier, Schnaps und Wein, oft im
Kreise zwielichtiger Gestalten. Wir hörten in seinem WG-Zimmer laute Musik, so
dass es bei seinen Nachbarn und Mitbewohnern bald den Spitznamen „Hauptquartier
des Lärms“ hatte. Wir diskutierten viel über Literatur. Bonetti mochte, wie ich
auch, Flaubert und orientierte sich an dessen präziser Beobachtungsgabe, aber
er las auch immer gerne Abenteuer- und Indianergeschichten.
Bonetti wäre wohl auf ewig
unentdeckt geblieben, wenn es mir nicht eines Abends vergönnt gewesen wäre, ihn
zum Abdruck einer Kurzgeschichte in „Der Schrei“ zu überreden. Schon am
nächsten Tag bereute er seinen Entschluss, aber da hatte ich den Text schon
eingereicht. Das „Gespräch mit dem Betrunkenen“ war seine erste
Veröffentlichung, Bonetti war zu diesem Zeitpunkt vierundzwanzig Jahre alt. In
jenem Sommer fuhren wir gemeinsam mit einigen Freunden in den Urlaub. Es sollte
natürlich in den Süden gehen und so bestiegen wir eines Morgens den Zug, um
nach Frankfurt zu fahren. Die große Stadt machte einen gewaltigen Eindruck auf
uns, stundenlang ließen wir uns durch die Metropole am Main treiben. Wir
staunten über den ungeheuren Straßenverkehr und mit klopfendem Herzen fuhren
wir zum ersten Mal mit der U-Bahn, einem Fortbewegungsmittel, das sich durch
dunkle Tunnel unter der Stadt zwängte und uns an völlig anderen Orten wieder in
das Menschengewimmel entließ. Bonetti war sehr beeindruckt und hat diese
Erlebnisse später in seinem Roman „Labyrinth der Finsternis“ verarbeitet. Eines
Nachmittags fuhren wir auch zum Flughafen hinaus. Das Fliegen, jener alte
Menschheitstraum, steckte damals ja noch in den Kinderschuhen und die Piloten
galten als tollkühne Kerle. Viele Menschen versammelten sich hier, um diesen
Pionieren der Schwerkraftüberwindung bei ihren abenteuerlichen Manövern
zuzuschauen. Bonetti verfasste darüber einen längeren Text mit dem Titel „Die
Aeroplane von Frankfurt“, der bald darauf im „Bad Nauheimer Morgen“ erschien.
Der Rest seiner Geschichte ist bekannt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen