Als sich der Himmel am frühen
Morgen langsam aufhellte, erwachten die Vögel als Erste und sie begannen zu
zwitschern. Nichts Besonderes: Ich lebe noch, du lebst noch, ein neuer Tag
beginnt, keine Gefahr. Das übliche Gezwitscher. Sonst war es wunderbar ruhig in
der Villa Bonetti. Ich blieb noch eine Weile liegen, obwohl ich längst wach
war. Dieser Genuss ist mir nicht jeden Morgen vergönnt. An manchen Tagen,
gerade im Hochsommer, wird Mister Bonetti schon vor fünf Uhr wach und drückt
die Eins auf seinem Smartphone. „Eins“ bedeutet, in sein Schlafzimmer zu
kommen, da er etwas von mir wünscht. Meistens ist es ein Glas Wasser,
gelegentlich auch eine Tasse Tee oder ein frisch gepresster Fruchtsaft. „Zwei“
bedeutet Arbeitszimmer, „Drei“ Wohnzimmer und bei „Vier“ nehme ich tatsächlich
ab. Dann ist er irgendwo anders oder hat einen Wunsch, für dessen Erfüllung ich
nicht in ein Zimmer kommen muss. Etwa, wenn ihm einfällt, dass er gerne mal
wieder Popcorn am Wochenende essen würde oder wenn er Freunde einladen möchte.
Die ersten vier Nummern seines Telefons sind für mich reserviert, ich kenne die
unterschiedlichen Melodien längst auswendig. „Fünf“ steht für Sekretärin,
„Sechs“ für Chauffeur, „Sieben“ für Verleger, „Acht“ für Oberbürgermeister,
„Neun“ für Kultusminister und die „Null“ ist angeblich eine Direktleitung zum Bundeskanzler – aber über die „Null“ schweigt Mister Bonetti beharrlich.
Was nur die wenigsten wissen:
Mister Bonetti zieht sich zum Schreiben gerne um. Natürlich sitzt er
gelegentlich auch im Morgenmantel an seinem Schreibtisch. Und an heißen Tagen
trägt er nur eine Unterhose. Dann hat er ein großes Badehandtuch auf seinem Ledersessel
ausgebreitet, ein Handtuch hängt über der Sessellehne und seine stark
schwitzende Denkerstirn wird von zwei Ventilatoren angeblasen, die links und
rechts neben seinem Notebook stehen. Sehr gerne trägt er beim Schreiben seiner
Abenteuergeschichten ein Batman-Kostüm. Er hat auch einen großen Spiegel in
seinem Arbeitszimmer, vor dem er Heldenposen einstudiert. Ich gestehe, dass ich
ihn bisweilen durch das Schlüsselloch beobachte. Manchmal kleidet er sich auch
wie seine großen Vorbilder Oscar Wilde und Charles Baudelaire. Ich habe ihn
aber auch schon in einem japanischen Kimono gesehen – oder in grauen
Jogginghosen.
Die linke Seite seines riesigen
schwarzen Schreibtischs enthält eine Minibar, die immer mit fränkischem Bier,
rheinhessischem Wein, schottischem Whisky, Bourbon und Gin gefüllt ist. Dazu
passt auch der gerahmte Sinnspruch über seinem Sofa: „Da man aber nicht immer
nur schreiben kann, gab es große Lücken zu füllen. Ich füllte sie mit Scotch,
Bier, Ale und Frauen. Mit den Frauen hatte ich meistens Pech, und die Folge
war, dass ich mich stark aufs Trinken konzentrierte.“ (Charles Bukowski). Sein
Notebook in der Mitte des Schreibtischs ist trichterförmig von Papieren,
Büchern, Zetteln, leeren Pralinenschachteln und allerlei anderem bunten Durcheinander
eingefasst, zu dem der zweite Sinnspruch passt: „Chaos ist das halbe Leben -
und die andere Hälfte suche ich gerade“ (Andy Bonetti). Dieser Raum ist sein
Heiligtum. Für die eigenartige Unordnung auf seinem Schreibtisch hat Mister
Bonetti ein fotografisches Gedächntis. Selbst offensichtlich wertloser Müll
darf erst entsorgt werden, wenn er im Papierkorb liegt. Es könnte ja sein, dass
der Meister ein Gedicht auf die Innenseite einer Schokoladenverpackung
geschrieben hat. Wenn Bonetti mit dem Schreiben fertig ist, schickt er mir den
Text per Mail ins Büro im Erdgeschoss, wo ich ihn zweimal ausdrucke, einmal für
meine Ablage, einmal für Mister Bonetti.
Gegen sieben Uhr klingelte es an
der Hofeinfahrt. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise kam der Bote der
Konditorei Schwalbenheim aus der Innenstadt erst um kurz nach Zehn, um für
Bonettis zweites Frühstück Sesambrötchen und französische Zitronentarte sowie
ein frischgebackenes Brot zu bringen. Ich ging zur Haustür und sah auf den
kleinen Monitor, der das Bild der Kamera am Eingangstor zeigte. Vor dem
schmiedeeisernen Gitter standen Tino und Toni Schwendlinger, die beiden
Gehilfen Bonettis.
„Schnell, lassen Sie uns hinein,
Johann!“ rief einer von ihnen. Es ist mir unmöglich, die eineiigen Zwillinge
voneinander zu unterscheiden. „Und schließen Sie augenblicklich das Tor, wenn
wir hindurchgefahren sind!“ sagte der andere.
Ich drückte einen Knopf und das
Tor öffnete sich. Ein 1958er Chevrolet Impala Sport Coupé, den die
Schwendlingers für eine längere Recherche aus dem Fuhrpark Bonettis entliehen
hatten, rollte knirschend auf den Kies vor den säulenbewehrten Portikus der
Villa. Hastig stiegen die beiden großen Männer aus und rannten durch die Tür an
mir vorbei in die Vorhalle. Sie trugen ockerfarbene Multifunktionsjacken mit
einem ganzen Universum kleiner und kleinster Taschen, die alle mit einem
Reißverschluss versehen waren, khakifarbene Hosen und verstaubte, knöchelhohe
Schnürstiefel. Ungewöhnlich waren vor allem die Tropenhelme auf ihren Köpfen.
„Wir müssen sofort Mister
Bonetti sprechen“, riefen sie im Chor. Nun steht Mister Bonetti aber gewöhnlich
erst um neun Uhr auf und verbittet sich jedwede Störung seines Schlafes. In
seinen Augen ist es eine schwere Sünde, einen schlafenden Menschen zu wecken.
Also sagte ich: „Darf ich die
Herren fragen, in welcher Angelegenheit Sie Mister Bonetti zu sprechen
wünschen?“
„Es ist wirklich dringend“,
flehte mich einer der beiden an. Ob es Tino oder Toni, oder um es mit Bonetti
zu sagen: ob es Schwendlinger Eins oder Schwendlinger Zwo war, konnte ich beim
besten Willen nicht sagen. „Es geht um Shangri-La“.
Nun wusste ich, dass Mister
Bonetti seine beiden Gehilfen nach Tibet geschickt hatte, um für seinen neuen
Roman etwas über das legendäre Shangri-La herauszufinden, ein abgelegenes Tal,
in dem angeblich das Geheimnis des ewigen Lebens gehütet wurde. Der andere
Schwendlinger trat unruhig von einem Bein auf das andere und schwenkte dabei
eine Pergamentrolle über seinem Kopf. Also bat ich sie, mir leise vor die
Schlafzimmertür von Mister Bonetti zu folgen und keinen Laut von sich zu geben.
Währenddessen klingelte es an der Hofeinfahrt. Ich klopfte behutsam an die Tür.
Aus dem Schlafzimmer war nichts zu hören. Ich klopfte etwas fester und sagte:
„Mister Bonetti, verzeihen Sie die Störung, aber es scheint dringend zu sein.“
Es klingelte erneut, ich konnte es schwach aus dem Erdgeschoss hören.
Endlich rief Bonetti „Herein“
und ich öffnete die Tür. Sofort liefen die Schwendlingers an das riesige
Himmelbett von Mister Bonetti, der den seidenen Vorhang etwas zur Seite zog.
„Wir haben das Geheimnis
entdeckt, Mister Bonetti. Aber die Chinesen sind hinter uns her“, sagte einer
der Schwendlingers und übergab Bonetti die Pergamentrolle.
Mister Bonetti sah mich an und
nickte in Richtung Fenster. Ich ging zum Fenster und warf einen kurzen Blick
zwischen den geschlossenen dunkelblauen Brokatvorhängen nach draußen. Ich sah
einige Asiaten in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen, die gerade über die
Grundstücksmauer kletterten. Da werde selbst ich unleidlich. Das ist nicht
korrekt. Ich informierte Mister Bonetti, der sich augenblicklich erhob.
Er ging zu einem Schrank
hinüber, öffnete ihn und nahm zwei Jagdgewehre heraus. „Schwendlinger Eins und
Schwendlinger Zwo, Sie halten die Chinesen auf! Johann, Sie kommen mit mir!“
Nur mit einem Pyjama bekleidet und in Seidenpantoffeln lief er eilig in sein
Arbeitszimmer. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte. Bonetti ging ins Separee
des Zimmers, in dem sich nur eine Toilette und ein Waschbecken befanden. Er
drückte auf die Steckdose und eine schmale Tür öffnete sich. Diesen geheimen
Mechanismus kannte ich gar nicht. Er verschwand dahinter und ich lief
hinterher. Über eine Wendeltreppe aus Metallgittern gingen wir in einen Keller
hinab, dessen Wände aus grob behauenem Fels bestanden. Hier war ein
Laboratorium aufgebaut, von dem ich noch nie gehört hatte. Mister Bonetti hatte
diese Räumlichkeiten in all den Jahren mit keinem Wort erwähnt.
Er zog sich einen dreiteiligen
weißen Anzug an und ich band ihm den karmesinroten Schlips. Nachdem er auch
seine dunkelbraunen Lederhalbschuhe an den Füßen hatte, stiegen wir in einen
Bugatti Type 57 SC Atlantic. Von diesem Modell wurden nur vier Stück gebaut,
wovon noch zwei erhalten sind. Es ist derzeit das teuerste Auto der Welt. Auch
seine Existenz in dieser Höhle war mir unbekannt geblieben. Mister Bonetti
startete den Wagen und nahm die Scheinwerfer in Betrieb. Vor uns lag ein
Tunnel, durch den wir mit hoher Geschwindigkeit fuhren. Nach einigen Minuten
drückte Mister Bonetti einen Knopf am Armaturenbrett und vor uns öffnete sich
ein Tor. Wir fuhren ins helle Sonnenlicht hinaus und neuen Abenteuern entgegen.
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