Frank stand hinter dem Tresen und blickte melancholisch über die wenigen Gäste seiner Kneipe. Da waren L & L, Lars und Lutz, zwei alte Schulfreunde, beide arbeitslos, die in der ersten Monatshälfte ihre Stütze bei ihm versoffen, bevor sie in der zweiten Monatshälfte auf Oettinger umstiegen. Dann der alte Wamsler, ein Rentner, der seine BILD-Zeitung mit der Aufmerksamkeit eines Bibliothekars studierte. In der Ecke ein aufgekratztes Damenkränzchen, das Wein und Likör bevorzugte. Den Fremden mit dem dunklen Anzug konnte er nicht einschätzen, vermutlich ein durchreisender Vertreter.
Die vergilbten Gardinen, in
denen das Nikotin der letzten zwanzig Jahre konserviert war, ließ keinen Blick
auf die Hauptstraße der Kleinstadt zu. Zum Glück. Direkt gegenüber hatte ein „Investor“
den pleitegegangenen Eisenwarenladen abgerissen, aber anschließend doch nicht
neu gebaut. Ein Maschendrahtzaun trennte den Bürgersteig von dem verwilderten
Grundstück, das sich allmählich mit Abfällen füllte. Auf der rechten Seite war
früher ein Bekleidungsgeschäft gewesen, in das nach der Insolvenz ein KIK
eingezogen war, der jedoch nach einem Jahr auch aufgegeben hatte. Auf der
linken Seite war die langgezogene Backsteinwand einer ehemaligen Schuhfabrik.
Schuhe kamen jetzt aus Asien. Sie waren billig, zerfielen aber nach einem Jahr.
Das bemerkten die Käufer jedoch nicht, weil sie alle sechs Monate in ihrem
Modewahn im Internet neue Schuhe bestellten.
Die ganze Stadt ging den Bach
hinunter. Frank hatte die Kneipe vor zehn Jahren gekauft. Er dachte, es wäre
ein gutes Geschäft. Er wohnte in einer Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock.
Heute würde er für das Gebäude keinen roten Heller mehr bekommen. Er war
gefangen. Er musste als Wirt weitermachen, er hatte kein Geld für eine Flucht
und einen Neuanfang in weiter Ferne. Warme Mahlzeiten anbieten? Dann hätte er
einen Koch anstellen müssen. Dafür hatte er kein Geld.
Frank dachte an seine Kindheit
zurück, als Smodritschka noch Stalinstadt hieß. Er lebte im Ortsteil Veloziped,
wo jeden Samstag Subbotnik war, die Nachbarn sich gegenseitig die Fensterläden
strichen und Blumenkästen bepflanzt wurden. Alle waren arm, keiner hatte Kaffee
oder Bananen. Glückliche Zeiten.
Plötzlich stand der Fremde vor
ihm und schob einen zusammengefalteten Zettel über den Tresen.
Frank nahm den Zettel. Eine
Zahl.
„Wir möchten Ihr Haus kaufen,
Herr Laumann.“
Es war nicht viel, aber für ein
Wohnmobil würde es reichen. Davon hatte er immer geträumt. Seit zehn Jahren
hatte er keinen Urlaub mehr gemacht. Damals Ostsee. Wohin auch sonst als
Ostdeutscher? Aber jetzt lockte das Mittelmeer. Zusammen mit seiner Freundin
Crazy Dawn. Manchmal nannte sie sich auch Dawn Crazy. Bipolar. Sie verstehen?
„Wozu brauchen Sie das Haus?“
„Als Kulisse für einen
Hollywood-Blockbuster. Er spielt nach der Apokalypse. Im Anschluss wird das ein
Gips-Melson-Erlebnispark.“
„Sie wollen mich verarschen?“
„Sehe ich so aus?“
Tat er nicht. Heute lebt Frank mit
seiner Perle auf einem Campingplatz in Montpellier.

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