Donnerstag, 12. März 2026

Dekadenz, Unzucht und Poesie

 

Er wusste nicht, woher das Geld seiner Familie stammte. Vermutlich aus der legendären Gründerzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als im Deutschen Reich der Industrialisierungsturbo gezündet wurde und aus dem Land der Dichter und Denker das Land der Erfinder und Fabrikbesitzer wurde, bevor 1945 alles in Massenmord und Zerstörung endete.

Schon sein Urgroßvater, der als Großwildjäger in den deutschen Kolonien Kamerun und dem heutigen Tansania unterwegs war, machte sich vermutlich keine Gedanken darüber. Vor seiner Villa lagen zwei riesige Elefantenschädel auf dem Rasen, Anfang der 1940er Jahre erlag er der Malaria. Glücklicherweise hatte er das Vermögen hauptsächlich in Grundbesitz und Immobilien angelegt, so dass es den Zusammenbruch des Reichs und die Währungsreform 1948 überlebte.

Sein Großvater war ebenfalls passionierter Jäger. Der Familie gehörten fünfzig Quadratkilometer im Pfälzer Wald, er ließ sich nach dem Krieg ein Jagdhaus bauen und erlegte weniger exotische Tiere wie Hirsch und Wildschwein, die allerdings für veritable Festessen in der Familienvilla am Rhein verwendet werden konnten. Die Elefantenschädel verschwanden in der Remise. Er ließ mit staatlichen Fördermitteln ganze Siedlungen für Ostflüchtlinge bauen und lebte fürstlich von den Mieten.

Sein Vater war ein kunstsinniger Mensch und legte ein Gemäldesammlung an. Damals konnte man Werke von Picasso, Matisse und Richter noch für kleines Geld kaufen. Was seine Vorfahren sähten, konnte er nach dessen Tod ernten. Er verkaufte Immobilien und Grundstücke, ließ für die Gemälde ein Museum bauen und für sich selbst eine Villa in Südfrankreich.

Dort lebte er als Poet und Maler, wobei die Malerei nur ein Vorwand war, um schöne Frauen in sein Haus zu locken und unbekleidet posieren zu lassen. Er war völlig unbegabt und die Frauen auf seinen Bildern waren so klobig und deformiert wie bei Picasso. Aber mit Champagner, Kokain und fürstlichen Honoraren machte er sich die Dorfschönheiten der Umgebung gefügig.

Wie im Privatfernsehen gibt es vor dem Showdown einen sehr langen Werbeblock. HB - Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Jakobs Dröhnung. Raider heißt jetzt Twix. Like ice in the sunshine. Fruchtzwerge – So wertvoll wie ein kleines Steak. Sie baden gerade ihre Hände darin.

Dann lernte er Lilou kennen, die in Aix-en-Provence im Café „Les Fleurs Du Mal“ als Kellnerin arbeitete. Lange schwarze Haare, die in der Sonne glänzten, als wären sie frisch lackiert. Jeden Tag fuhr er in seinem knallroten Maserati-Cabrio vor, trank Milchkaffee und las Zeitung. Er verliebte sich rettungslos in die schöne Lilou und tatsächlich heiratete er sie im zarten Alter von 52 Jahren.

Sie gebar ihm einen Sohn und danach war es mit dem Savoir-vivre vorbei. Keine nackten Frauen, kein Koks, kein Champagner. Stattdessen Gymnastik, Gartenarbeit und Gemüse. Er war in die Falle gegangen – so wie alle Männer seiner Familie. Mit seinem Nachkommen würde der Fluch weitergehen. Sein letztes Gedicht hieß „An einem Dienstag in Pirmasens“ und wurde nie veröffentlicht.

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