Dienstag, 5. Januar 2016

Wo ich noch nie war und auch nicht hin will – ein Capriccio

„Julius v. Voß (…) schrieb einmal einen speculativen Roman, eine Fiction aus der Zukunft der kommenden Geschlechter, wo die Personen amüsante Luftfahrten machen und man keine andere Schnellpost mehr kennt als den Ballon. (…) Die Eisenbahnfahrten werden sogar alle Romantik der Reisebeschreibungen aufheben. Man wird (…) mit aller Bequemlichkeit und ohne alles Abenteuer von einem Zivilisationspuncte zum anderen hinrutschen. (…) die Naturromantik der Fußreisen hat so an Credit verloren, daß bald kein Handwerksbursche mehr über Thal und Berg wandert, sobald nur erst die Eisenbahnen im Gange sind. (…) Jeder ist nun bald gut genug, mit der Windesschnelle Gott Mercur’s durch die Welt zu eilen.“ (F.G. Kühne: Der Zeitgeist auf Reisen, in: Zeitung für die elegante Welt, 1. März 1836)
Australien. Das Traumziel jeder Sekretärin. Nur weil es so weit weg ist. Warum nach Australien? Die Kultur ist komplett westlich mit Bier, Steaks und schlechtem Fernsehen. Die Natur? Geröll bis zum Horizont, Strände, die wie alle Strände dieser Welt aussehen, dazu ein wenig Urwald, mit dem man mir als Amazonas-Reisendem nicht kommen braucht. Und die Beuteltiere werden doch sehr überschätzt.
Namib, die angeblich älteste Wüste der Welt. Auch nur ein Haufen Sand. Wüste = Hitze = Schweiß und Durst. Brauch ich nicht. Höchstens den Durst.
Alaska. Schon aus Prinzip nicht. Warum nicht Kamtschatka? Ist genauso, aber ohne Amis.
Ägypten. Mit den Pyramiden ist man in einer Stunde durch. Und dann?
Kambodscha. Mit Angkor Wat ist man in einer Stunde durch. Und dann?
Indien. Laut, dreckig, voller aufdringlicher Menschen. Natur kaputt. Und mit dem Taj Mahal ist man in einer Stunde durch.
Nepal. Wo ist der Unterschied, ob ich auf 5000 Meter stehe und auf einen Achttausender gucke oder ob ich auf 1500 Meter stehe und auf einen Viertausender gucke? Eben. Und in Österreich bekomme ich wenigstens einen ordentlichen Schweinebraten.
Norwegen. Ein Fjord ist ein Tal mit Wasser drin statt mit Wiese. Langweilige Städte, überteuerter Alkohol.
Mexiko. Dort ist man ja seines Lebens nicht mehr sicher! Strand, Urwald – wie praktisch überall. Seit dem Ende der Azteken nicht mehr zu empfehlen.
Buenos Aires. Wegen dem albernen Tango, oder was? Wie blöd muss man sein, um dort Urlaub zu machen?
Hongkong und Singapur. Dann doch lieber zu den richtigen Smog-Chinesen nach Peking und nicht zu den Außenbezirken der fernöstlichen Kultur.
Thailand. Das Mallorca der Mittelschicht. Diesen Leuten will ich ja noch nicht mal im Supermarkt begegnen.
Neuseeland. Kenne ich schon aus “Herr der Ringe”. Macht ohne Orks und Höhlentrolle keinen Spaß.
Dubai. Habe ich noch nie verstanden. Hochhäuser, Sand und eine Kultur, die glaubt, ohne Brauereien existieren zu können.
Jetzt mal im Ernst:
Eine Reise – das war einmal ein Aufbruch ins Ungewisse. Die Fremde hatte ihre Geheimnisse, die man geduldig entschlüsseln musste. Heute hat das Reisen jeden Zauber verloren, es hat etwas Mechanisches bekommen. Man kennt das Ziel der Reise aus dem Internet, hat sich schon die Straßen und die Speisekarten der Restaurants angesehen und in den Geschäften gibt es nichts, was man nicht auch zu Hause kaufen könnte. Keine Überraschungen, keine Abenteuer, keine Geschichten, die man erzählen könnte. Verplante Zeit, ein abgearbeiteter Plan. Nichts hat sich verändert, wenn wir wieder unser Haus betreten.
Icehouse – No promises. https://www.youtube.com/watch?v=ie7ECyuosq0