Samstag, 9. Januar 2016

Talk

„Die Wahrheit kennt keinen Pfad. Wahrheit ist Leben und deshalb immer wechselnd. Sie hat keinen Ruheplatz, keine Form, keine organisierte Institution, keine Philosophie. Wenn man das begreift, versteht man auch, dass die Wahrheit ebenso lebt, wie man selbst. Man kann sich nicht durch statische, zusammengezimmerte Formen, durch stilisierte Bewegungen ausdrücken und lebendig sein.“ (Bruce Lee)
Im Fernsehstudio sitzen der Moderator Ralf Pfeiffenhüter (M), der französische Kabarettist Pierre Blanchimont (F) und der deutsche Schauspieler Beau Steinjäger (D).
M: Herr D, was fällt Ihnen zu Frankreich ein?
D: Als Kind war ich mit meiner Familie oft in Frankreich. Im Sommerurlaub. Ansonsten sind es einige Wörter wie Bonjour oder Merci, Baguette oder L’amour. Viele Begriffe aus der Welt der Genüsse fallen mir ein: Champagner und Bordeaux, Camembert und Brie.
M: Monsieur F, welche Worte fallen Ihnen zu Deutschland ein?
F: Audi und Schnitzel. Achtung! Tschüss.
M: Herr D, hatten Sie Französisch in der Schule?
D: Qui. Aber mein Französisch ist trés mal. In den vier Jahren Französisch-Unterricht hatte ich andere Sachen im Kopf als französische Vokabeln.
M: Warum?
D: Das war von der siebten bis zur zehnten Klasse. Damals kam ich in die Pubertät. Die erste Zigarette, der erste Kuss, das erste Bier.
F: In dieser Reihenfolge?
D: Die erste Zigarette habe ich mit 13 geraucht. Aber es hat noch einige Monate gedauert, bis ich das erste Mal inhaliert habe. Der erste Kuss war im Konfirmantenunterricht. Also danach. Sie hieß Anja. Und in dieser Zeit haben wir auch schon Bier getrunken.
M: Monsieur F, hatten sie Deutsch in der Schule?
F: Ja, aber mir ging es ähnlich. Da ist vom Unterricht nicht viel hängen geblieben. Und wir sind auch nie nach Deutschland gefahren. Mit Anfang zwanzig war ich zum ersten Mal in Deutschland. In Berlin. Und da habe ich Englisch gesprochen.
D: Das geht mir ähnlich. Wenn ich nach Frankreich fahre, spreche ich Englisch. Aber man erkennt mich an meinem schweren deutschen Akzent.
F: Kenne ich. Wenn wir Franzosen Englisch oder Deutsch sprechen, klingt es immer wie Französisch.
M: Monsieur F, was würden Sie gerne mit Herrn D in Deutschland erleben?
F: Ich würde gerne einmal mit einem Deutschen in einen Baumarkt gehen und ihm beim Einkaufen zusehen. Dann würde ich ihm zuschauen, wie er etwas zusammenbaut.
M: Herr D, was würden Sie gerne mit Herrn F machen?
D: Ich würde gerne mit ihm kochen. Können Sie kochen?
F: Ja, ich koche sehr gerne.
D: Großartig. Ich esse sehr gerne. Das passt doch. Kochen kann ich überhaupt nicht, aber ich könnte Ihr Sous-Chef sein, die Zwiebeln schneiden und so weiter. Ich würde Ihnen auch nicht reinreden. Sie wären der Chef.
F: Aber wir könnten doch zusammen kochen. Wir überlegen uns, was wir essen wollen, dann gehen wir auf den Markt. Und wir schmecken beide die Soße ab. Verstehen Sie?
D: Aber beim Kochen muss es doch manchmal schnell gehen. Da kann man nicht ewig diskutieren. Ich bin für eine klare Hierarchie in der Küche. Sie sind der Küchenchef und ich helfe Ihnen.
F: Was ist mit der Demokratie? Deutsche denken doch auch demokratisch.
D: Ach was, das ist alles nur Show. Wir lieben klare Hierarchien, präzise Befehlsketten, preußische Disziplin. Das Wort Ordnungsliebe konnten nur wir erfinden.
F: Ich bin hemmungslos begeistert von der Vorstellung, einem Deutschen Befehle geben zu können. Allez, allez! Vite, vite!
M: Monsieur F, Herr D, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Woody Guthrie – Hobo’s Lullaby. https://www.youtube.com/watch?v=NN_xvE79iXE