Montag, 21. Dezember 2015

Das Sandbuch

„Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“ (Jorge Luis Borges)
In seiner kleinen Erzählung „Das Sandbuch“, die 1975 erschienen ist, nimmt Jorge Luis Borges das Internet vorweg. Ein geheimnisvoller fahrender Buchhändler klingelt an der Haustür des Erzählers, dessen Namen wir nicht erfahren. Er bietet ihm das Sandbuch an, ein Buch ohne Anfang und Ende – so wie der Sand keinen Anfang und kein Ende hat. „Dieses Buch hat nämlich eine unendliche Zahl von Seiten. Keine ist die erste, keine die letzte.“ Egal, wo man es aufschlägt, es findet sich immer wieder eine neue Seite, eine neue Geschichte, eine neue Illustration; die Seitenzahlen erscheinen völlig willkürlich. Der Erzähler fragt den Buchhändler, woher das Buch sei. Er antwortet, er habe es einem indischen Eingeborenen abgekauft, der des Lesens nicht mächtig gewesen sei und das Buch als Amulett betrachtet habe. Der Inder sei aus der niedrigsten Kaste gewesen, „wer auf seinen Schatten tritt, verunreinigt sich.“ Schließlich kauft der Erzähler dem Buchhändler das unheimliche, das „unmögliche“ Buch ab und versteckt es in seinem Buchregal hinter den Bänden von „Tausendundeine Nacht“. Eines Tages beginnt er zu lesen und wird Gefangener des Buchs. Er kann nicht mehr aufhören zu lesen. Also beschließt er, das Buch loszuwerden. Er denkt an die Verbrennung des Sandbuchs, aber er fürchtet, dass die Verbrennung eines unendlichen Buches auch unendliches Feuer erzeugen würde, dessen Rauch die ganze Erde einhüllen könnte. Darum trägt er das Buch in die Nationalbibliothek und stellt es in einem unbeobachteten Moment irgendwo in ein Regal und hofft, dass es zwischen den Myriaden von Büchern für immer verschwunden sei.
Und so fügen wir Blogger dem Sandbuch jeden Tag wieder ein paar neue Seiten hinzu. Das Internet – ein Buch ohne Anfang und Ende. Wie der Sand.
This Eternal Waiting ‎- The Prize. https://www.youtube.com/watch?v=u4iPVb088k4