Mittwoch, 30. Dezember 2015

Berliner Asche, Kapitel 6, Szene 6

Acht Uhr abends im Neuköllner Schillerkiez. Woran erkannte man einen Armutsbezirk in Berlin? An der Hundescheiße pro Quadratmeter auf dem Bürgersteig und dem Anteil der Raucher an den Passanten. Ein Mann in einem knöchellangen schwarzen Wickelrock, Ledergürtel mit angehängtem Beutel, Wams und Lederkäppchen kam vorbei, eine Mischung als Mittelalter und Modenschau. Ein Bus rollte vorüber, ausdruckslose Gesichter, die einander schweigend gegenüber saßen. ‚Klopapier ist alle‘, dachte eine ältere Frau in einem admiralblauen Mantel, ‚Morgen wieder Arbeit‘ eine jüngere Frau mit Foliensträhnchen. Bei KIK gab es das „Neukölln-Survival-Kit“ im Angebot für neun Euro neunundneunzig: Badelatschen, Schirmmütze und Freizeithose aus Fallschirmseide. Er kam an einem Schuhgeschäft names „Schuhbidu“ vorüber, direkt neben einem Laden für „interkulturelle Energiesparberatung“.
Dazu die ortsüblichen Wandbeschriftungen: „Keine Bullen, kein Krawall“, „Integrier dich, Yuppie", „Mieten runter, Löhne rauf" und "No More Rollkoffer" als kleinen Gruß an die Touristen. Namenlose Künstler sind die Aristokratie der Gosse, dachte Mardo. Sie dürfen noch auf Erlösung hoffen. Hier wohnten vor allem arabische, türkische, albanische und jugoslawische Familien. Aber auch hier veränderte sich das Leben: Aus einem ehemaligen Spielcasino war die Studentenkneipe „Frollein Langner“ geworden, hippe Cafés und Delikatessengeschäfte eröffneten im Monatstakt. War das schon die gefürchtete Gentrifizierung? Nach Mardo definierte sich die Sache so: Langweilige Menschen mit Geld suchten die Nähe von interessanten Menschen ohne Geld. Sie zogen also in dieselbe Gegend, weil sie sich die Erlösung von der Langeweile erhofften. Aber die interessanten Menschen mussten wegziehen, weil sie sich die Gegend jetzt nicht mehr leisten konnten. Dann waren die langweiligen Menschen wieder allein mit ihrem Geld und der Kreislauf begann erneut. An einer Haustür hing ein Angebot für die Neuvermietung einer Wohnung: „Ideale, ruhige Mitmieter. Anspruchsvolle und hilfsbereite Mitbewohner. Deutscher Hauswart. Eisbein mit Sauerkraut statt Döner.“ Und an der Innenseite eines Autofensters, es war ein alter Subaru, stand folgender Text: „An die Eigentümer teurer Autos, wie Mercedes, BMW, Audi, Porsche, usw.! Für meinen sehr bescheidenen Lebensunterhalt benötige ich dieses Auto. Meine derzeitige finanzielle Situation macht es mir nicht möglich ein anderes Auto zu kaufen. Auch habe ich nicht die Möglichkeit eine teure Vollkaskoversicherung abzuschließen. Deshalb fordere ich sie auf, Ihre Autos in einem weiträumigen Sicherheitsabstand zu parken. Für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass Ihre Autos angezündet werden, möchte ich verhindern, dass mein Auto mit abbrennt. Den Verlust meines Autos würde ich nur schwer ausgleichen können. Danke“. Die Angst vor dem Brandstifter war in der ganzen Stadt zu spüren.
Ein Mann in hellgrauer Jogginghose und dunkelblauem Kapuzenpullover ohne Aufschrift ging auf der anderen Straßenseite, mächtiger Bauch, kurze Schritte, Kippe in der Hand, Haar vorne schütter, hinten halblang: Das sogenannte Prekariat, wie die Unterschicht von der Mittelschicht gerne genannt wird, damit man das Elend auch sprachlich gar nicht erst anfassen muss. Seine ganze Körperhaltung drückte Unsicherheit aus, so als ginge er mit vollgeschissener Hose über einen Schulhof.
Heute trafen sich die Helden der Revolution im Infoladen Lunte in der Weisestraße zum „anarchosyndikalistischen Tresen“. Die Welt wurde nämlich in diesen Kreisen – wenn überhaupt - erst gegen Abend verändert. Hier fanden aber mittwochs auch das „Erwerbslosenfrühstück“ und die Beratung der „Roten Hilfe Berlin“ statt. Gestern hatte hier noch das ZK gesessen, „Zusammen Kämpfen Berlin“, und ihre Demo „Weg mit den Paragraphen 129 – Freiheit für Özlem Yildirim“ organisiert, die übermorgen vor der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Lichtenberg stattfinden sollte. Die Türkin war angeblich Mitglied der in der Türkei und in Deutschland verbotenen marxistischen »Revolutionären Volksbefreiungspartei/-front« (DHKP-C) und saß seit Monaten im Gefängnis. Auch die „Anti-Nationale Neuköllner Antifa“ und die „Initiative gegen Ausgrenzung und Verdrängung in Nord-Neukölln“ tagten hier regelmäßig. Die Frauen hatten heute ihre eigene Sitzung der Fantifa, der feministischen Antifa, im benachbarten Graefekiez.
Es ging in der Diskussion um den Schillerkiez, dem angeblich ein ebenso brutaler Bevölkerungsaustausch drohte wie dem Prenzlauer Berg. Seit der Flughafen Tempelhof geschlossen worden und kein Fluglärm mehr zu hören war, hatte das Viertel an Attraktivität gewonnen. Ein neues Baufeld am östlichen Rand des früheren Rollfeldes war bereits geplant, alle im Kiez waren dagegen.
Magnus Kirsch trug ein lavendelfarbenes „Vneck Pocket Tee“, ein T-Shirt mit Brusttasche und V-Ausschnitt, von Sub_Urban RIOT: „Die Sozialtanten vom Quartiersmanagement kannst du doch vergessen. Da schickt uns der Staat ein paar Animateure und Pausenclowns vorbei, um von den wirklichen Problemen abzulenken. Da werden irgendwelche Scheißblumen um die Bäume rumgepflanzt, nach dem Motto ‚Unser Dorf soll schöner werden’, während die Leute ganz andere Probleme haben. Arbeitslosigkeit, Stress mit dem Job-Center und anderen Behörden, steigende Mieten, Gentrifizierung und Diskriminierung. Die Leute werden mit Straßenfesten und Töpferkursen ruhig gestellt. Inzwischen krallen sich die Spekulanten die Häuser und setzen die Altmieter unter Druck. Aber diese Quartiersmanagerinnen, alles natürlich biodeutsche Akademikerinnen aus der Mittelschicht, keiner aus dem Kiez und keiner mit Migrationshintergrund, machen nix dagegen. Sitzen in ihrem Büro, verschanzen sich hinter ihren Aktenordnern und quatschen und kichern den ganzen Tag wie Fünfjährige.“
Ben Brauser hatte ein T-Shirt von Levi’s mit weißen und orangefarbenen Querstreifen an: „Mit denen kannst du über die politischen und ökonomischen Zusammenhänge im Kiez gar nicht reden. Dafür gibt’s über jeden Scheiß eine Broschüre. Die machen sogar eine eigene Zeitung, nur reden tun sie nicht mit uns. Weder mit der Antifa, noch mit den Kurden oder den Palästinensern. Nur mit den paar handzahmen Eingeborenen, die für kleines Geld die Handlangerarbeiten für die Sozialtanten machen dürfen. Ich sag dir, erst kommen die Quartiersmanager und dann die Spekulanten. Die wollen uns hier einfach weg haben, irgendwo unsichtbar am Stadtrand oder besser gleich ganz raus aus Berlin.“
Tim Kuhn trug ein schwarzes T-Shirt von Chunk mit Darth Vader als Motiv: „Kenn ich. Meine Freundin wollte mal ehrenamtlich bei der Redaktion von dieser Kiezzeitung mitmachen. Diese Tussis haben da ernsthaft diskutiert, ob man ein Sektglas auf einem Foto sehen darf oder nicht. Die meinten, damit würde man Moslems diskriminieren, weil die doch angeblich keinen Alkohol trinken. Und das Wort ‚türkisch’, also wenn man sagt ‚eine türkische Familie’ oder so, das wäre auch diskriminierend. Hat Susanne dann gefragt, ob es auch diskriminierend wäre, wenn es ‚eine schwedische Familie’ heißen würde. Da sind die richtig sauer geworden und haben sie zusammen geschissen, als ob sie schon mit einem Bein in der rechtsradikalen Szene stehen würde. Als sie mal was über die Gentrifizierungsprozesse hier im Kiez schreiben wollte, haben sie das Thema gleich abgewürgt. Sie ist nie wieder hingegangen. Und die Türken, denen wir das erzählt haben, konnten es gar nicht fassen. Die haben Tränen gelacht. Diese Sozialtanten haben keine Ahnung von der Realität im Kiez.“
Leo Streiwieser, mit einer roten Adidas-Trainingsjacke, einem weißen T-Shirt und einer dreiviertellange Trekkinghosen bekleidet: „Du musst dir nur die anderen Gegenden anschauen, in denen es Quartiersmanagement gegeben hat, zum Beispiel im Prenzlauer Berg. Diese Pseudo-Gutmenschen sind die Vorhut der Gentrifizierung. Erst erzählen sie ihre Gender-Scheiße, um die staatlich finanzierten Jobs für irgendwelche Kampflesben zu sichern, dann steigen die Mieten und die Leute werden in irgendwelche Stadtrandghettos in Marzahn oder Spandau abgeschoben.“
Elias Merck trug an diesem Abend einen anthrazitfarbenen Hoodie von Carhartt. Hoodie war die liebevolle Abkürzung für ein „Full Zip Hooded Sweatshirt“, einen Kapuzenpullover mit Reißverschluss. Und auch die Streetwear der Marke Bench war vertreten – wenigstens die Bekleidungsindustrie ging auf die Bedürfnisse der jungen urbanen Protestgeneration ein. „Genau: Reden von Gender Diversity und am Ende hast du eine Weibermonokultur. Reden von Multikulti, aber die Deutschen bestimmen, wer die Fördergelder bekommt.“
Mardo war genervt von dem endlosen Gelaber. Wie hielten die Studenten das den ganzen Tag aus? Hatten Sie nichts Besseres zu tun? Natürlich waren die Neonazis wesentlich unangenehmer, gerade für ihn als Migranten. Von denen mochte man wirklich niemanden kennenlernen. Aber eigentlich hatte er schon nach den wenigen Tagen in der linken Szene die Schnauze voll von Politik. Vor allem die Berliner Lokalpolitik hatte ihn ja ohnehin noch nie intertessiert. Da ging es auch nicht um die großen Fragen, sondern um Dinge, die bis zur Unerträglichkeit konkret waren wie Parkraumzonen und Baugenehmigungen. Hier musste man schon die Fähigkeiten eines Loriot besitzen, um bei den verschiedenen Parteien noch die entsprechenden Positionen zu erkennen: mausgrau, staubgrau, aschgrau, steingrau, bleigrau und zementgrau.
Tim Kuhn ergriff wieder das Wort: „Wir müssen die Gentrifizierer und Spießer abschrecken. Wir alle können jeden Tag Widerstand ohne Gewalt leisten. Hässliche Fassaden, miese Klamotten, Dreck auf der Straße. Das ist unsere Antwort.“
Während Kuhn redete, beobachtete Mardo fasziniert, wie ein grünes geflügeltes Insekt seinen Kragen entlang lief, unbemerkt eine Gesichtsbacke überquerte und dann in sein Ohr kroch – was zu hektischen Zuckungen und Kratzbewegungen seitens des Agitators führte. Leute wie Kuhn fand Mardo komisch: Sie meckerten gegen Gentrifizierung und waren selbst Teil davon. Sie waren als Studenten in den Kiez gezogen und vorher hatte wahrscheinlich ein Hartz IV-Empfänger in ihrer Bude gewohnt. Die Arbeitslosenquote lag hier über vierzig Prozent. Auch die Studenten gehörten zur Mittelschicht, die hier ins Viertel strömte. So hatte Julia es ihm erklärt: Als Wegbereiter der Mittelschicht ziehen zunächst Studenten und Kreative in einen Stadtteil. Sie sind die Vorhut der Lehrerfamilien und gutbezahlten Angestellten. Man hat es im Kiez immer mehr mit Studentenkneipen, schrägen Läden und lustigen Vögeln zu tun, und immer weniger mit Ausländern, trostlosen Eckkneipen und besoffenen Schlägertypen. Dann wohnten hier Leute, die für die drei Meter bis zu ihrem nächsten Chai Latte natürlich eine Trekking-Jacke von Jack Wolfskin benötigen, die man auch im nepalesischen Winter tragen könnte. Und da redeten diese Mittelschichtkinder von Revolution. Die Mittelschicht hat noch nie eine Revolution gemacht, dachte Mardo. Sie hat zu viel zu verlieren. Und wer etwas zu verlieren hat, macht auch keine Revolution. Nur wer nichts mehr zu verlieren hat, wird mutig.
Er beschloss, sich eine Weile aufs Klo zu setzen, bis das Gespräch weiter mäandert war. Alles kam darauf an, den Köder für den Brandstifter im richtigen Augenblick auszuwerfen. Nach einer Viertelstunde stand er am Waschbecken und reinigte gründlich seine Hände. Diese Gebläse in öffentlichen Toiletten sind die reinsten Brutstätten für Bakterien, dachte Mardo. Genauso gut könnte man sich von einem Tuberkulosekranken die Hände trocken husten lassen. Im „Seven Heavens“ in der Brunnenstraße hatten Julia und er die guten alten Papiertuchspender aufgehängt.
Als er wieder zurück im Versammlungsraum war, ging es gerade um den neuen Polizeichef, der für diesen Kiez oder „Abschnitt“ zuständig war. Er hatte bereits in Gorleben als Einsatzleiter gearbeitet und war maßgeblich an der Räumung der Liebig 14 beteiligt gewesen.
Die Hausbesetzerszene lebt doch auch nur noch von ihren Erinnerungen und ihrer Folklore, dachte Mardo. Seit den frühen Neunzigern war kein Haus dauerhaft besetzt. Sie haben vielleicht weniger Miete gezahlt, okay. Aber sie haben natürlich ihren Strom und ihr Wasser genauso zahlen müssen wie alle anderen Hausbewohner. Im Laufe der Zeit sind sogar viele ehemals besetzte Häuser in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Mit zwanzig Jahren waren die Bewohner noch Besetzer, jetzt sind sie längst über vierzig, haben einen festen und oft auch einen gut bezahlten Job, haben eine Familie gegründet und ein Auto vor der Tür. Diese Leute finden es inzwischen Scheiße, wenn ihr Eigentum mit Graffiti beschmiert wird. So ändern sich die Zeiten, aber die Figur des „Hausbesetzers“ ist inzwischen genauso ein Teil des Berliner Traditionslebens wie der Trachtenjankertyp in Oberbayern.
Und dann legte er los: „Die Bullen machen heute eine Riesenparty. Habt ihr schon davon gehört?“
Alle schauten ihn an und schüttelten nur stumm die Köpfe.
„Hab ich von meinem Kumpel Marek gehört. Der Polizeipräsident feiert seinen Geburtstag und alle Oberbullen kommen vorbei. Vielleicht kommt sogar Wowi und die anderen Mitglieder des Politbüros.“
„Wie geil! Wo treffen die sich denn?“
„In Schmöckwitz. Das liegt Richtung Müggelsee. Windwallstraße 15. Der Polizeipräsident fährt übrigens einen schwarzen 7er BMW.“
Alle lachten.
„Da wimmelt es aber mit Sicherheit vor Polizei. Da kriegen wir jede Menge Ärger.“ Tim Kuhn war ein vorsichtiger Mensch geworden, seit ihn die Russen in der Mangel gehabt hatten.
Aber in Mercks Augen sah Mardo ein Leuchten. Der Brandstifter lächelte versonnen. Vielleicht dachte er über die Krönung seiner Serie nach? Der landesweit bekannte und gesuchte Feuerteufel geht direkt auf den Polizeipräsidenten los und fackelt ihm seine Limousine vor der Haustür ab – an seinem Geburtstag und im Beisein der lokalen Politprominenz. Was für eine Geschichte!
„Das schafft keiner. Das ist zu gefährlich. Vergesst es einfach“, sagte Mardo und winkte ab. Er wusste, dass Merck den Köder geschluckt hatte.
Jetzt musste er nur noch abwarten.