Am
Ende blieben nur stumme Zeichen. Etwa einmal im Monat fand ich eine leere
Plastikverpackung von Wurst oder Käse in meinem Vorgarten, zerknüllte
Werbeblättchen und ähnliches. Wer außer ihm wäre auf die Idee gekommen?
Schließlich lebte ich in einem gutbürgerlichen Neubaugebiet am Dorfrand. Ohne
Durchgangsverkehr, ohne Fremde, ohne Halbstarke und Betrunkene. Für echten Hass
war er zu feige und es gab auch keinen Anlass. Glühender lodernder Hass hätte
bedeutet, mir einen ganzen Beutel Müll bei Nacht und Nebel in den Garten zu
schütten, die Hauswände zu beschmieren oder vor meine Tür zu scheißen. Ich
wusste, von wem es kam. Sollte ich ihm deswegen die Reifen an seinem
auseinanderfallenden, fast dreißig Jahren alten Wagen zerstechen? Nein. Ich
warf den Müll in die Tonne. Immer wieder. Bis auch das schließlich aufhörte.
Als
wir in den siebziger Jahren ins Dorf zogen, wurde kurze Zeit später das
Grundstück schräg gegenüber bebaut. Eine Familie aus Norddeutschland. Vater,
Mutter, Sohn, Tochter. Irgendwann kam die Mutter zu uns herüber und fragte, ob
ich nicht ihren gleichaltrigen Sohn kennenlernen wollte. Ich besuchte ihn, wir
hörten Musik und maßen unsere Kräfte im Tischtennis und im Schachspiel. Wir
wurden Freunde. Über ihn lernte ich später die anderen Jungs im Dorf kennen.
Auch M. Bald darauf besuchte mich nicht nur der Nachbarsjunge, sondern auch er.
Ich war immer am Wochenende bei meinem Vater, während der Schulwoche bei meiner
Mutter in der Stadt. Ich erinnere mich an endlose Nachmittage, an denen wir Quartett
spielten, am liebsten Kriegsschiffe aus den Weltkriegen und Militärflugzeuge.
Mein Vater brachte uns Berge von Wurstbroten. Wir rauchten die ersten
Zigaretten zusammen und hatten unseren ersten Vollrausch mit einer Flasche
Kirschwasser aus den Beständen meines alten Herrn. Ich erwachte morgens in
meiner eigenen Kotze, aber immerhin erstickte ich nicht daran wie Jimmy
Hendrix.
Ich
bin vermutlich der letzte Mensch gewesen, der seine Wohnung betreten hat. Andere
Freunde ließ er nicht mehr hinein und seine Familie hatte diese Hölle aus Dreck
und Müll ohnehin nie betreten. Im Eingangsbereich ein Meer von leeren Flaschen,
an der Garderobe alte Jacken, die er schon längst nicht mehr trug. Im Bad war
seit zwanzig Jahren die Toilettenspülung kaputt und man musste mit einem
Wassereimer die Fäkalien wegspülen. Ich habe ihm hundertmal gesagt, die
Vermieterin würde für die Reparatur aufkommen. Er hat nie einen Handwerker
kommen lassen. Der klebrige Boden ist nie geputzt worden. Eine Zahnbürste hatte
er am Ende auch nicht mehr, die Zähne verrotteten einfach. In der Küche stand
Geschirr in der Spüle und auf dem fettverkrusteten Herd, dass seit Jahren nicht
mehr gespült worden war. Die Spülmaschine benutzte er nicht, weil ihm das Ein-
und Ausräumen zu mühselig erschien. Der Kühlschrank war immer leer und wurde
nur zur Kühlung von Wein, Bier und Jackie-Dosen benutzt. Bei einem unserer
letzten Treffen hat er mich tatsächlich um Essen angebettelt. Selbst die
Obdachlosen in der Fußgängerzone fragen nach Geld, aber nie nach Essen. Das
Schlafzimmer war eine düstere Höhle, mit einer durchgelegenen Matratze auf dem
Boden und Kleiderhaufen an den Wänden. Das Wohnzimmer bestand aus Kartons
voller Kram, einem ewig zugemüllten Tisch, einem durchgesessenen Sofa, das er
mal geschenkt bekommen hatte, und einem Sessel. Schmale Pfade führten durch das
Chaos zum Fernseher und zur Stereoanlage, die er in den Achtzigern gekauft
hatte.
Mir
fallen weitere Anekdoten aus seinem Leben ein. Jeder kennt doch diese
Lockvogelangebote mit einem kostenlosen Busausflug plus Gratis-Mahlzeit, auf
die verzweifelte oder senile Rentner gerne reinfallen. Er war dabei. Am Abend
vor der Abfahrt versuchte er hartnäckig, mich zur Teilnahme zu überreden.
Geduldig erläuterte ich ihm das Geschäftsprinzip dieser Gewerbefahrten. Man
wird zu einem einsamen Landgasthof gebracht, von dem man nicht fliehen kann,
und wird dann so lange von professionellen Abzockern zermürbt, bis man für 500
Euro eine Heizdecke kauft, die im Geschäft nur fünfzig Euro kostet. Er wendet
ein, unter den Teilnehmern werde ein Hauptpreis von 100.000 Euro verlost. Ich
erkläre ihm, dass der Veranstalter, der den Fahrer, den Bus und das Essen bezahlen
muss, mit der gesamten Fahrt überhaupt nicht so viel Geld verdienen kann.
Schließlich fährt er allein. Man muss ihm zugutehalten, standhaft geblieben zu
sein. Er hat nichts gekauft, schließlich ist er ja auch chronisch pleite. Der
Verkäufer hat sich ihn persönlich vorgeknöpft und ihm gesagt, er solle doch zu
OBI fahren. Er fragte, warum er das tun solle. Darauf der Verkäufer: Er solle
sich dort einen Strick kaufen, in den nächsten Wald gehen und sich einfach
aufhängen. Der Hauptgewinn war angeblich in einem Tresor, neben dem ein
Körbchen mit Schlüsseln lag. Jeder durfte sich einen Schlüssel nehmen und
versuchen, den Tresor zu öffnen. Dann sollte er ihn wieder zurücklegen.
Natürlich passte kein Schlüssel, es gab keinen Gewinner und in der kleinen Blechbox
waren natürlich auch niemals 100.000 Euro.