Donnerstag, 10. September 2015

Wo bleibt Schweinchen Schlau?

„Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.“ (Oscar Wilde)
Natürlich war früher nicht alles besser. Aber einiges war anders. Manches besser, manches schlechter. Und da das Menschenhirn sich das Gute besser merkt als das Schlechte, macht sich so ein grauhaariger Zausel wie ich in seinem Blog natürlich schon mal Gedanken darüber, was früher besser war. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Intellektuellen. Früher gab es kluge Leute, die mit ihren Beiträgen die öffentlichen Debatten bereichert haben. Philosophen wie Adorno oder Marcuse, Künstler wie Beuys oder Dali, Schriftsteller wie Böll oder Frisch. Man kannte ihre Namen. Man wusste, wo sie politisch standen. Meistens links. Auf der Seite der einfachen Leute, nicht auf Seiten der Elite.
Die Intellektuellen, d.h. die Philosophen und Wissenschaftler, die Künstler und Schriftsteller, hatten nie einen großen Einfluss auf die Gesellschaft und auf die Politik. Man hätte annehmen können, dass mit der zunehmenden Akademisierung (der Anteil der Studierenden am Geburtsjahrgang stieg in Deutschland von 4 Prozent in den fünfziger Jahren auf knapp 60 Prozent heute) ihr Einfluss größer werden würde. Aber ihr Einfluss ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gesunken. Noch schlimmer: Es gibt überhaupt keine Intellektuellen mehr. Welchen Schriftsteller von Rang, welchen Philosophen haben wir noch in der öffentlichen Debatte? Mir fällt nur Jürgen Habermas ein – und der Mann ist 86 Jahre alt.
Wer wird dereinst seine Nachfolge antreten? Oder muss ich alles selbst machen?
Chaka Khan - Ain't Nobody. https://www.youtube.com/watch?v=SvPZo52X5vo

Mittwoch, 9. September 2015

Meine Fernsehkarriere

Es war im Sommer 1993, als meine kometenhafte, besser: silvesterraketenartige, nein: wunderkerzenmäßige Karriere beim Fernsehen begann. Wie ein asthmatisches Glühwürmchen zog ich einige Wochen lang meine Bahn über den Medienhimmel von Berlin, in jenen Pioniertagen der Privatsender, als jeder tapfere Absolvent eines geisteswissenschaftlichen Studiengangs, der vor diesen damals noch lokomotivgroßen Kameras nicht schreiend davonlief, die Chance bekam, ein Weltstar zu werden.
FAB („Fernsehen aus Berlin“), eine zum damaligen Zeitpunkt in einem Hinterhof der Nollendorfstraße logierende Produktionsgesellschaft mit eigenem Sendebetrieb, suchte damals Nachwuchskräfte, die Magazinbeiträge für einen neuen Sender namens VOX schreiben und drehen sollten. Ich erinnere mich an heitere und unbeschwerte Redaktionssitzungen mit Manuel Werner, der mit seiner ruhigen dunklen Stimme die Novizen an das Medium heranführte.
Ein Themenvorschlag, den ich auf meiner Liste hatte: Warum lächeln die Ziffernblätter der Uhren in der Werbung immer? Sie stehen grundsätzlich auf zehn vor zwei oder zehn nach zehn, oder? Mörderidee. Ich weiß. Von meinem nächsten Vorschlag habe ich sogar noch ein fertiges Skript. Überflüssig zu erwähnen, dass er nie gedreht und ausgestrahlt wurde, da VOX relativ schnell von Eigenproduktionen zum Abspielen von Serienaltglas überging. Es ist eine Parodie auf Verschwörungstheorien – bevor dieses Wort überhaupt in unserem Sprachraum heimisch wurde. Geplant war der Beitrag für die Sendung „Canale Grande“ mit Dieter Moor.
Der letzte Stasi-Akten-Skandal
Ton: Wer ist nicht alles in den Stasi-Akten aufgetaucht. Staunen und namenloses Entsetzen lösen die Namen der entlarvten Spione aus. Doch im untersten Winkel der Gauck’schen Aktenberge ruht der allerschaurigste Fall von Geheimnisverrat: der Fall Michail Sergejewitsch Gorbatschow, genannt Gorbi. Exklusiv für Canale Grande werden wir Ihnen die Karriere dieses Mannes schildern. Ja, es ist wahr: Gorbatschow war ein Agent. Agent des amerikanischen Geheimdienstes!
Bild: Portraitfotos von Stasi-IMs (Lothar de Maizière, Manfred Stolpe, Heiner Müller u.a.), am Ende Gorbatschow-Portrait und eine Luftaufnahme des Pentagon/Washington.
Ton: 1962. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges beschließt das Pentagon, die kommunistische Bedrohung mit einer neuen Strategie zu beantworten. Die Infiltration der sowjetischen Elite durch die CIA soll die entscheidende Wende im Kampf der Systeme bringen. Man beginnt, unter den jungen aufstrebenden Bürokraten der Nomenklatura inoffizielle Mitarbeiter anzuwerben. Diese neuen Agenten, „Schläfer“ genannt, sollen jedoch nicht für belanglose Aufgaben wie Informationsbeschaffung verschlissen werden. Sie sollen erst tätig werden, wenn sie am Ende ihres Marsches durch die Institutionen angelangt sind. Unter ihnen ein Mann, der Geschichte machen wird: Michail Gorbatschow.
Bild: „1. Akt: Die Anwerbung“. Kalter Krieg (US- und SU-Waffen, Kuba-Krise), junge Sowjetbürokraten auf Parteitagen und in der Propaganda, Kreml, Portrait des jungen Gorbatschow.
Ton: Es ist uns gelungen, seinen ehemaligen Führungsoffizier in den USA zu interviewen. William Cody ist inzwischen 85 Jahre alt und lebt in Buffalo.
Frage: Wie kamen Sie auf Gorbatschow?
Antwort: Er ist uns als junger Parteisekretär in Stawropol aufgefallen. Man konnte ihn immer sehr gut an diesem komischen Fleck auf der Stirn erkennen.
Frage: Wie konnten Sie all die Jahre unbemerkt Kontakt mit ihm halten?
Antwort: Wir trafen uns nur sehr selten. Wir organisierten vor allem die gegenseitige Unterstützung der „Schläfer“, die natürlich nichts voneinander wissen durften. Auffällige Geschenke oder Überweisungen hat es im Übrigen nie gegeben.
Frage: Warum schweigt die CIA beharrlich zu den Vorwürfen?
Antwort: Weil es so aussehen soll, als wäre unser System überlegen gewesen. Der Präsident wollte das so.
Bild: Aufnahme des Interviewten von schräg hinten. Englischer Text, der auf Deutsch übersprochen wird.
Ton: Während die USA im Katzenjammer des verlorenen Vietnamkriegs versinken und ein korrupter Präsident das Land regiert, tickt die Zeitbombe im Inneren des roten Imperiums. Scheinbar mühelos machen viele „Schläfer“ Karriere. Doch niemand ist so erfolgreich wie Gorbatschow. Er wird Generalsekretär der KPdSU und ernennt sich bald zum Präsidenten der Sowjetunion. Die CIA ist so überrascht, dass sie zunächst untätig bleibt. Um auf den unverhofften Erfolg ihres Mannes in Moskau angemessen reagieren zu können, wird im Jahr 1989 der ehemalige CIA-Chef George Bush als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Es kann losgehen.
Bild: „2. Akt: Der Aufstieg“. Vietnam-Krieg, Nixon-Portrait, sowjetische Parteitage, Gorbatschow als neuer Generalsekretär im März 1985, Bush-Portrait (60er Jahre), seine Ernennung zum US-Präsidenten.
Ton: Ein ehemaliger Vertrauter Gorbatschows berichtet.
Frage: Wie konnte man ein Weltreich so schnell und gründlich abwickeln?
Antwort: Die Sowjetunion war ein autoritäres System. Ist man erst mal ganz oben, hat man alle Macht der Welt.
Frage: Warum sollte die UdSSR aufgelöst werden?
Antwort: Der ganze Marxismus war eine Schnapsidee. Unser Land blutete für den Rüstungswettlauf mit den Amerikanern. Wir wollten lieber schnelle Autos bauen, gute Fernseher und Kühlschränke haben.
Frage: Was machen Sie heute?
Antwort: Ich leite ein chinesisches Restaurant in Shanghai.
Bild: Gesicht unkenntlich, Nonsens-Russisch, Deutsch übersprochen.
Ton: Die Entsorgung des Warschauer Pakts erfolgt in rasch aufeinander folgenden Schritten. Zunächst wird die sowjetisch besetzte Zone, auch DDR genannt, dem Westen übergeben. Dann werden die Verbündeten entlassen. Hierfür erhält Gorbatschow seinen ersten Lohnscheck. Er bekommt 1990 den Friedensnobelpreis und damit eine siebenstellige Summe. Im darauffolgenden Jahr löst er die Sowjetunion auf, erklärt die Sache mit dem Kommunismus für beendet und öffnet das Land für Pornographie und Kabelfernsehen. Danach geht er in die verdiente Frührente.
Nur die DDR-Staatssicherheit, die bereits 1987 durch einen Überläufer eine Liste der „Schläfer“ erhalten hatte, und Erich Honecker wissen ebenfalls von den hochbrisanten Zusammenhängen. Ihr Eingreifen kommt auf tragische Weise zu spät. Honecker findet sich bald darauf im Gefängnis wieder und wird kurze Zeit später nach Feuerland verbannt.
Bild: „3. Akt: Der Auftrag“. Mauerfall, Wiedervereinigung, Machtwechsel im Ostblock, Ceaușescu-Erschießung, Zerfall der UdSSR, Mielke- und Honecker-Portraits, Honecker-Prozess und Ausweisung.
Ton: Über die Hintergründe erklärte uns ein ehemaliger Stasi-Major folgendes:
Als wir von den konterrevolutionären Absichten des Genossen Gorbatschow erfuhren, haben wir natürlich versucht gegenzusteuern. Doch die heroischen Versuche unseres Generalsekretärs des ZK der SED Erich Honecker, den Sozialismus zu retten, endeten tragisch. Als er Gorbatschow während dessen Besuchs anlässlich des 40. Jahrestags der DDR-Gründung im Oktober 1989 direkt auf den Sachverhalt ansprach, ließ dieser Honecker fallen und wenig später die Mauer öffnen. Die historischen Folgen sind bekannt: der Klassenfeind übernahm unseren Staat.
Bild: Gesicht unkenntlich, Stimme verzerrt (stark sächsischer Akzent).
Ton: Wer war Gorbatschow wirklich? Muss die Geschichte in weiten Teilen neu geschrieben werden? Das historische Ringen zwischen Kapitalismus und Kommunismus – letztlich entschieden durch einen billigen Geheimdiensttrick? Empörte Reaktionen in aller Welt. (Fiktive Bürgerkommentare und Politikerstatements)
Bild: Gorbi-Portrait. Kurze Szenen mit Leuten auf der Straße und Interviewausschnitte mit angeblichen Politikern.
The Temptations - Papa Was A Rolling Stone. https://www.youtube.com/watch?v=pJV2pWFyfn4

Dienstag, 8. September 2015

Textfragment 8181

„Content is your friend.“ (Lupo Laminetti)
Jeder kennt die Geschichte der Reichsflugscheiben. Die Alliierten hatten im Zweiten Weltkrieg die Flughäfen der deutschen Luftwaffe weitgehend zerstört, also entwickelten Die Nazis kreisrunde Senkrechtstarter. Nach dem Krieg übernahmen die Amerikaner die Technik und erprobten sie auf ihren Militärstützpunkten im Westen der USA, wo die Großeltern der heutigen Verschwörungstheoretiker sie beobachteten. Die Air Force hatte natürlich keine Probleme mit den bizarren Geschichten irgendwelcher hysterischen Amateure. Noch absurder ist nur die Erzählung von Nazi-Spinnern, mit diesen Reichsflugscheiben sei Adolf Hitler mit seinen Getreuen nach Neuschwabenland in der Antarktis geflogen und warte dort wie weiland Kaiser Barbarossa im Kyffhäusergebirge auf sein Comeback.
Ich bin bei meinen Recherchen aber auf eine viel bessere Story gestoßen: die Reichsnussecken. Diese dreieckige Köstlichkeit, die kurz vor Kriegsende in einem der vielen unterirdischen Hohlräume entwickelt wurde, die Bad Nauheim geologisch seit dem Pleistozän prägen, wurde von der polymorph perversen Wissenschaftlerin Prof. Dr. Irmgard Edelknecht entwickelt. Sie wollte auf diese Weise die anrückenden Truppen durch allergische Schocks aufhalten. Die Reichsnussecken wurden an Kriegsgefangenen im berüchtigten Bad Nauheimer Stadtteil Hell’s Kitchen getestet. Die Wirkung war unbeschreiblich grauenhaft und entsetzlich … (Fragment)
P.S.: Das vollständige Manuskript habe ich bei N24 eingereicht und dem Sender vorgeschlagen, eine Dokumentation darüber zu drehen. Leider bekam ich nur eine Absage.
Manfred Mann’s Earth Band - You are - I am. https://www.youtube.com/watch?v=cYJ0iLHeyNM

Montag, 7. September 2015

Der politisch-mediale Komplex

„So etwas gibt es bis zum heutigen Tage nicht in der Weltgeschichte, auch nicht in Amerika: eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß das. Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, also was soll das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ (John Swinton, New York Times, 1880)
Journalisten sind nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern ihrem Arbeitgeber. Abgeordnete sind nicht ihrem Gewissen verpflichtet, sondern ihrer Partei, d.h. ihrem Arbeitgeber. Wer das Gegenteil behauptet, ist entweder naiv oder verlogen. Medien und Politik sind selbstverständlich käuflich, das sind sie immer gewesen. Es gibt keine Loyalität gegenüber der Leserschaft oder der Wählerschaft. Es gibt Arbeitgeber und Arbeitnehmer, es gibt Befehl und Gehorsam.
Früher gab es in Berlin die Institution des Leierkastenmanns. Er stand an einer Straßenecke und drehte die Kurbel seines Leierkastens, der immer dieselbe Melodie spielte. Die Leute gaben ihm etwas Kleingeld und er spielte weiter. Heute gibt es keinen Leierkastenmann mehr. Warum? Weil die Leute das Lied nicht mehr hören können. Die ewig gleiche Leier. Diese Erfahrung machen gerade die Journalisten und Politiker, die Verlage und Parteien.
Der Deutsche als Lehrer, die Welt als Klassenzimmer. Wer nicht exakt die gleiche Politik wie Deutschland macht, hat „seine Hausaufgaben nicht gemacht“. Rohrstockpädagogik.
„Es gibt Fernsehprogramme, bei denen man seine eingeschlafenen Füße beneidet“ (Robert Lembke). Für Parteiprogramme gilt das gleiche.
Journalisten fragen, Politiker antworten. Kein Wunder, dass die Zahl der Abonnenten jedes Jahr sinkt.
Angst ist der Punkt, an dem Politik und Medien sich treffen. Die Politiker brauchen ein Klima der Angst, um die Bevölkerung effektiv kontrollieren zu können. Journalisten verkaufen uns Horrorgeschichten, weil sich damit hohe Umsätze erzielen lassen. Und über die Medien können sich die Politiker wiederum als Beschützer und Problemlöser verkaufen.
Religion funktioniert übrigens nach dem gleichen Muster:
„Religion is based, I think, primarily and mainly upon fear. (…) Fear is the basis of the whole thing -- fear of the mysterious, fear of defeat, fear of death. Fear is the parent of cruelty, and therefore it is no wonder if cruelty and religion have gone hand in hand.” (Bertrand Russell: Why I Am Not a Christian)
Foghat - Slow Ride. https://www.youtube.com/watch?v=GcCNcgoyG_0

Sonntag, 6. September 2015

Ein Blogonaut schwebt durch die Weiten des Netzes

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ (Pablo Picasso)
Du hast dein Leben nicht selbst in der Hand. Das glaubst du nur, wenn du jung und wild bist. Aber wenn du alt und zahm geworden bist, wenn du es endlich begriffen hast, ist es zu spät, um es noch zu ändern.
Als profaner Religionsersatz dienen heute ein paar zusammengesuchte buddhistische Sentenzen oder die Kalendersprüche des Dalai Lama. Fertig ist der mundgerecht verpackte und pflegeleichte „Billig-Sinn aus Fernost“ (Albrecht Wellmer: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne).
Rätsel der Menschheit, Teil 1: Frauen ist es zu kalt und Männern ist es zu warm – im selben Raum. Woher kommen die Kinder?
Früher wollte man nach einem guten Mittagessen einfach mal seine Ruhe haben, heute nennt man das Powernapping und verbringt seine Zeit damit, Tipps zu diesem Thema im Netz zu recherchieren. Ich beneide den Süden um seine sonnendurchflutete Stille zur Mittagszeit, um diese lichtgesättigte zufriedene Mattheit, in der das Nichtstun als zwingende Notwendigkeit und jahrtausendealte Tradition erscheint.
Hätten Sie’s gewusst? „Ethnophaulismus“ ist der Fachbegriff für die abwertende Bezeichnung einer ethnischen Gruppe. Beispiel: Neger, Polacke, Kraut. Diese Beleidigungen können auch Personen betreffen, die bereits lange tot sind. So wird die Alpenmumie Ötzi im englischsprachigen Raum als „Frozen Fritz“ bezeichnet.
Kennen Sie Schwindeldorf, ganz in der Nähe von Schweppenhausen, wo sich das mittlere Management aus Wiesbaden und Frankfurt Wochenendhäuser gebaut hat? Ich meine die Leute, bei denen es für eine Villa im Taunus nicht gereicht hat. Muss man gesehen haben. Hat jetzt sogar einen Golfplatz, womit sich Golf als exklusive Freizeitbeschäftigung der Oberschicht wohl endgültig verabschiedet hat. Und seinen Vulgärmaterialismus lebt das neureiche Pack dann in der „Stromburg“ von TV-Koch Johann Lafer aus – nur drei Kilometer von meinem Domizil entfernt.
Ich schreibe gerade an meinem ersten Blues-Stück. Den Anfang habe ich schon: Woke up this morning. Hammermäßig, oder?
Natürlich gibt es kaum noch Momente der Fortpflanzung in einem Land, in dem der Sex mit Leuten, die man nicht geheiratet hat, als UNZUCHT bezeichnet wird. Sprechen Sie es laut aus: UNZUCHT. Aus diesem Wort hört man noch den brüllenden, felltragenden Waldbewohner der deutschen Vergangenheit heraus.
Auch im Traum schauen wir nicht hinter uns selbst. Die Optik ist immer die gleiche: Wir schauen aus unserem Schädelei heraus und erleben irgendwelche Sachen. Sachen, die es sonst nicht gibt. Wir können keinen Schritt zurücktreten. Wie junge Hunde springen wir einem Traumereignis hinterher. Es ist uns unmöglich, die Laufrichtung oder die Perspektive zu ändern.
Bundesallee, Ecke Trautenaustraße: Wo heute ein Biomarkt ist, war früher eine Filiale des Café Josty. Erich Kästner war Stammgast und schrieb dort „Emil und die Detektive“. Die Brüder Josty sind im späten 18. Jahrhundert aus Sils (Kanton Graubünden) nach Berlin eingewandert. Schräg gegenüber meiner Wohnung in der Prager Straße hat Kästner gewohnt.
Willy-Brandt-Straße 1 in Berlin: Hier steht – laut wikipedia – „das größte Regierungshauptquartier der Welt“. Achtmal so groß wie das Weiße Haus.
Neu: Die Rubrik „Finden wir das gut?“ Diskutieren Sie bitte folgendes Statement:
„Bei Jugendlichen ist gerade angesagt, einen Kaugummi an Sehenswürdigkeiten zu kleben und ein Foto davon auf Facebook zu posten. In Berlin sieht man das an den Resten der Mauer am Potsdamer Platz: alles voller Kaugummi.“ (Boris Hesse)

Rätsel der Menschheit, Teil 2: Warum gibt es bei Besprechungen immer Kekse, die niemand jemals für sich oder seine Familie kaufen würde?
„In meiner Drogenphase hatte ich mehr Namen für Schnee als die Eskimos.“ (Lupo Laminetti)
Träumen Blogonauten von virtuellen Schafen?
Häuptling Kleiner Hunger meldet sich. Und er macht keine Gefangenen.
Wayne Fontana and the Mindbenders - A Groovy Kind of Love. https://www.youtube.com/watch?v=b3kXqlJhGuE

Samstag, 5. September 2015

Chalk and cheese

Jetzt machen sie alle für einen Augenblick große Augen. Der Deutsche, dieser kaltherzige Zwingherr des griechischen Schuldenknechts, dieser zynische Globalisierungsgewinner, dieser Hegemon des europäischen Kontinents, macht die Tore auf für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, für Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika und Südosteuropa. Mein Respekt gilt den unzähligen Freiwilligen, die den erschöpften Heimatvertriebenen an den Bahnhöfen dieser Republik helfen. Vor dieser selbstlosen Barmherzigkeit neige ich mein Haupt.
Misstrauisch werde ich bei den flankierenden Lobeshymnen der Wirtschaft und der Politik. Ein Verdacht schleicht sich in diesem Augenblick in meine Gedanken. Den Eliten geht es gar nicht um Barmherzigkeit. Es geht ihnen darum, eine neue industrielle Reservearmee auf das Schlachtfeld des globalen Wirtschaftskriegs zu stellen. Billige Arbeitskräfte, verzweifelte Menschen, die alles verloren haben, die noch billiger als Polen und Rumänen sind. Menschen, die alles machen, um bei uns bleiben zu dürfen. Dagegen waren die Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit gar nichts, denn die neuen Hilfstruppen wollen überhaupt nicht mehr nach Hause. Sie werden für jeden Lohn arbeiten – Arbeitserlaubnis hin oder her – und sind ein willkommenes Druckmittel für die saturierte Arbeiterschaft in den deutschen Betrieben.
Nichts ist umsonst. Schon gar nicht, wenn Deutschland plötzlich ein „menschliches Antlitz“ zeigt. Alles findet seinen Zweck in der Geldvermehrung. Umso größer und heller erscheint darum die altruistische Hilfe der sogenannten „normalen Bürger" für ihre neuen Nachbarn.
P.S.: Die Redewendung „as different as chalk and cheese” entspricht der deutschen Formulierung “so unterschiedlich wie Tag und Nacht“.
Joy Division – Dead Souls. https://www.youtube.com/watch?v=yGs0g2m2Mxc

Les Bateaux rouges

„Es gibt drei goldene Regeln, um eine Novelle zu schreiben - leider sind sie unbekannt.“ (Somerset Maugham)
Sie war ihm sofort aufgefallen. Die einzige rote Yacht im Hafen von Bad Nauheim. Elegant und geheimnisvoll lag sie im Dunkeln.
Er schlich näher. Nichts zu hören. Er kletterte an Bord. Eine schmale Treppe führte abwärts. Dann sah er die Kombüse. Im Kühlschrank fand er Lachs und Kabeljaufilets. Auch Brot gab es in einem Holzkasten. Rotwein war in einem Vorratsschrank. Dazu „Windspiel“, ein deutscher Gin. Er hatte so lange schon nichts mehr gegessen und getrunken. Und irgendwann schlief er ein.
„He, du!“
Jemand schüttelte ihn an der Schulter. Er öffnete die schweren Lider ein wenig. Ein voluminöser Mann mit strohblondem Schnurrbart und einer Kochmütze auf dem Kopf blickte ihn an.
„Wer bist du denn?“
„Paul Getto.“
„Was machst du auf unserer Yacht?“
„Ich hatte Hunger.“
„Das Problem hast du ja offensichtlich gelöst. Komm mit, ich bring dich zum Chef.“
Paul erhob sich mühsam. Er wurde von zwei Seiten gestützt. Jetzt sah er auch den anderen Mann. Ein breitschultriger Typ mit Schiffermütze und Pfeife.
Das Licht an Deck blendete ihn. Auf einem Liegestuhl saß ein gutaussehender Mann mittleren Alters in langen weißen Hosen und einem marineblauen Kaschmirpullover.
„Den haben wir gefunden, Mister Bonetti. Paul Getto heißt unser blinder Passagier.“
„Schau an, wir haben einen Gast. Herzlich willkommen! Mein Name ist Andy Bonetti. Die beiden Herren sind Horst und Anton Lederhos, mein Koch und mein Maschinist. Und das ist unsere Pilotin, Alaska Jones, und mein Famulus Johann.“
Er deutete auf eine hochgewachsene nubische Göttin mit kurzem Haar, die einen hautengen, schneeweißen Lederoverall trug, und einen jungen Mann mit einer längsgestreiften Weste, der zur Begrüßung die rechte Augenbraue hob.
„Wo … wo bin ich hier?“
„Ich darf Sie an Bord der Pegasus begrüßen, meiner Luftyacht. Schauen Sie mal über die Reling“, fuhr der weltberühmte Schriftsteller gutgelaunt fort.
Paul trat ans Geländer und blickte hinab. Sie waren mindestens in hundert Meter Höhe. Unter ihm war eine ausgedehnte Waldfläche zu erkennen.
„Die Eifel. Die Luftyacht wird durch Elektromotoren angetrieben und bewegt sich mit zweihundert Stundenkilometern fort. Sie ist fast vollständig aus Karbon angefertigt.“
„Darf ich Ihnen einen Aperitif anbieten?“ fragte Johann den jungen Mann.
„Gerne. Vielleicht einen Prosecco?“
„Ich bitte Sie, wir werden in Paris zu Mittag essen." Bonetti lachte. „Johann! Champagner für den Herrn. Und dann erzählen Sie mir, was Sie zu mir geführt hat.“
Sie plauderten fast drei Stunden. Paul erzählte von seinem abgebrochenen Studium der Spätpolonistik im Interdisziplinären Individuellen Humanistischen Studiengang an der Universität in Katowice. In Deutschland habe er dann keine Wohnung gefunden und lebe nun als Hobo auf der Straße. Seine Eltern glaubten immer noch, er würde in Bielefeld Jura studieren.
Gegen Mittag legten sie am Eiffelturm an. Horst Lederhos servierte zunächst Moules marinières, Muscheln in Weißwein. Gefolgt von Blanquette de veau à l'ancienne - Kalbsragout mit Champignons, Schalotten und Wildreis. Zum Abschluss kredenzte er eine Crème brûlée. Dazu tranken sie einen jungen Montrachet Marquis De Laguiche und zum Abschluss eine Tasse Mokka. Tief unter ihnen bildete sich eine Menschenmenge, die eifrig eine rote Luftyacht fotografierte, die an der Spitze des weltberühmten Wahrzeichens vor Anker lag.
Frisch gestärkt flogen sie weiter Richtung Süden. Über die grünen Vulkankrater der Auvergne. Über das schmale Band der Rhône, das in der Sonne glitzerte. Am Abend sahen sie unter sich die Lichter von Marseilles. Winzige Segelboote zogen weiße Gischtbahnen durch das Meer. Sie wechselten den Kurs und folgten der Côte d'Azur bis Monte Carlo. Dort begann Alaska Jones mit dem Sinkflug, und wenig später gingen sie im Hafen vor Anker.
Neben ihnen lag die Luftyacht von Johnny Malta. An Bord von Johnnys Yacht feierten sie einen rauschenden Abend. Am nächsten Tag sollte Andy Bonetti in Cannes die silberne Möwe für sein faszinierend schlecht geschriebenes Machwerk „La Vie de Bohème“ verliehen werden.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Lichtgott der nordhessischen Literatur von seinem Gast, nicht ohne Paul Getto noch fünfhundert Euro für die Weiterreise und seinen Aufenthalt in Südfrankreich zu überreichen.
P.S.: Hätten Sie’s gewusst? 1739 erfand der Comte de Fricassée, Armand le Dangereux, das Kalbsragout. Damals wurde das Ragout noch in Blätterteigkörbchen gefüllt, später hat sich dann Reis als Beilage durchgesetzt. In Belgien isst man es noch heute ausschließlich mit Pommes frites.
Level 42 - Love Games. https://www.youtube.com/watch?v=Wvq85yKCydg
Claude Monet - Les Bateaux rouges. https://pt.wikipedia.org/wiki/Les_bateaux_rouges#/media/File:Les_bateaux_rouges.jpg