Montag, 4. Januar 2016

Eine kurze Zwischenbemerkung zum Thema Internet & Kommunikation

"Was ihr den Geist der Zeiten heißt, // Das ist im Grund der Herren eigner Geist, // In dem die Zeiten sich bespiegeln." (Goethe: Faust I)
Das Internet ist voll von protokollierten Selbstgesprächen. Der Dialog als Form der Kommunikation kommt überhaupt nicht darin vor, obwohl das Medium doch ebenso wie alle anderen Medien dazu geeignet wäre. Man könnte in Echtzeit coram publico miteinander diskutieren. Mit oder ohne Bild. Schriftlich, mündlich oder mit Signalflaggen. Aber es findet nicht statt. Der Dialog bleibt den etablierten Medien überlassen, in denen wir nur noch seine Warenform betrachten können: bezahlte Interessenvertreter geben im moderierten Wechsel die Meinungen bekannt, für die vorab ein Preis vereinbart wurde. Das Netz ist voller Autisten, die sich jeden Tag wieder aufs Neue darüber wundern, warum sie gemeinsam nichts erreichen. Aber ohne Dialog gibt es eben auch keine Aktion.
Ende des Monologs. Bitte liken, sharen und ein Ei drauf pellen.
The Smiths - Heaven Knows I’m Miserable Now. https://www.youtube.com/watch?v=TaUUYV7wKos

Bockenheim Confidential

„Ich finde Groschenromane auch widerlich, aber irgendjemand muss das Zeug doch schreiben, oder? Mach dich kaputt, bevor sie dich kaputt machen.“ (Andy Bonetti)
Cheyenne Mooswieser, eine Prekarette mit albinoblond gefärbten Haaren, hatte schon mit sechzehn ein Doppelkinn.
Sergej Sonnenstrahl, ihr dunkelhaariger Freund, hatte einen Schnurrbart und sah aus wie ein Pornodarsteller aus den siebziger Jahren.
Sie hatten sich bei einem Konzert von DJ Waschzwang & MC Falschgeld kennengelernt.
Ihr himbeerrot geschminkter Mund schien in der teigigen Blässe ihres Gesichts zu schweben.
Er hatte einen geflügelten Drachen auf dem Rücken und weitere Tätowierungen auf den Oberarmen: Eine faltige, triefäugige Micky Maus mit Heroin-Nadel im Arm und einen kiffenden Totenkopf.
Sie hatte eine Harlekinpuppe mit aufgemalter Träne auf dem Sofa sitzen.
Er half seiner Mutter manchmal im Garten.
Sie war zerbrechlich wie ein chinesischer Glückskeks.
Er hielt sich für einen harten Hund.
Sie machte gerade eine Ausbildung zur Tierarzthelferin.
Er verdiente als Marketender auf Demonstrationen sein Geld. Bundesweit verkaufte er am Wochenende Energy-Drinks und Bier.
Sie lebten In Frankfurt. Diese Stadt ist so falsch und verlogen wie das Lächeln einer Striptease-Tänzerin.
Sergej arbeitete auf beiden Seiten der Straße. Und so kam er mit Mansur ins Geschäft, der Crystal Meth aus Tschechien in ganz Deutschland verkaufte.
Mansur Oje Talibaba ist eine Kapazität im Drogenhandel und eine feste Größe der Frankfurter Unterwelt. Mit seinen dicken Tränensäcken und Augenlidern blickte er dich an wie ein Molch.
Sergej war immer unterwegs. Die Welt ist groß und diese Dinge sind klein. Alles lief. Eine ganze Weile. Ganz ohne Probleme. Er lieferte den Stoff ab und bekam seine Provision.
Bis es eines Tages nicht mehr lief. Jemand klaute Sergejs Rucksack, als er im ICE nach Berlin einschlief. Ein Kilo Meth fehlte plötzlich.
„That’s my favorite punchline“, sagte Mansur im abschließenden Gespräch. Das ist aus irgendeinem Film. Wer interessiert sich schon für Ausreden, wenn es um viel Geld geht?
Niemand hört gerne, wie ein sterbender Fisch mit der Schwanzflosse auf das Deck schlägt, deswegen mache ich es kurz.
Mansur ist stolzer Besitzer einer Thompson Model 1928 der Colt Firearms Company. Die gute alte Tommy Gun. Die amerikanischen Gangster der zwanziger Jahre nannten diese Maschinenpistole auch „Chicago-Typewriter“.
Sergej wanderte ins Fundament des Bundeskanzleramts und ist seitdem ständiger Bewohner des Regierungsviertels, Willy-Brandt-Straße 1.
Und Cheyenne verschwand so schnell aus Frankfurt wie das Mondlicht auf der kalten Pepperoni-Pizza eines Berliner Junkies.
The Outcasts – I Love You For Never. https://www.youtube.com/watch?v=EI6DPp3vKps

Sonntag, 3. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Kiezneurotiker,

mit großem Vergnügen habe ich Ihren Beitrag zum Kollegen Eberling gelesen und kann Ihnen versichern, dass ich Ihnen in allen Punkten zustimme. Während ich hier in der Villa Bonetti an meinem unschätzbar wertvollen Louis Seize-Sekretär sitze und zu den Klängen von Mozart wieder einmal Weltliteratur entstehen lasse, denke ich mit Schrecken an einen Besuch bei diesem unerfreulichen Exemplar der Gattung „Künstler“ zurück.
Den Anblick dieses Deportiertenverschlags in Berlin, dem ich mit der Bezeichnung „Wohnklo“ zuviel der Ehre antun würde, werde ich nie vergessen. Und es ist geradezu gepenstisch, ja gewissermaßen sogar gruselig, mit welcher visionären Präzision Sie die Szenerie beschrieben haben. Es stimmt jedes Detail: die teilweise leeren Pizzakartons, aus denen er sich tagelang ernähren konnte, wenn er die Kraft zum Kampf gegen Kakerlaken und Schmeißfliegen aufbrachte, die notorische Feinrippunterhose, die einmal weiß gewesen sein musste, die unordentlichen Stapel alter Zeitschriften und Bücher, in denen Perlen der Literaturgeschichte neben Mad-Heften aus den Siebzigern und (tatsächlich!) Penthouse-Ausgaben aus den Achtzigern lagen, deren verklebte Seiten ich nicht einmal mit Handschuhen anfassen würde, die alte Heinz-Baked-Beans-Dose, in der seine Kugelschreiber standen, das schmuddelige Beavis&Butt-head-T-Shirt, an dem man die Speisefolge der letzten acht Tage ablesen konnte, überall hatten sich Gruppen leerer Weinflaschen und Bierdosen gebildet und über der ganzen Szenerie lag ein unbeschreiblicher Geruch, eine Mischung aus Dope, Blähungen, Mundgeruch und allgemeiner Zersetzung.
Aber all das sind nur die oberflächlichen Phänomene einer auf bizarre Weise gestörten Persönlichkeit, die über keinerlei Ordnungssinn verfügt und trotz des manischen täglichen Schreibens offenbar den Sinn von Kommunikation leugnet. Ganze Manuskripte finden sich auf seinem Rechner in einem Dateiordner namens „Textgerümpel“. Bis zu hundert Texte seines Blogs finden sich unter rätselhaften Dateinamen wie „Zeug“ oder „So la la“, so dass er schon seit Jahrzehnten den Überblick und die Kontrolle über den uferlos mäandernden Strom seiner Erzählungen verloren hat. Diesem Mann – und da haben Sie vollkommen Recht, geschätzter Kollege aus dem Prenzlauer Berg – kann man keine Buchhaltung anvertrauen, da er selbst ein haltloser Mensch ist. Herr Eberling erinnert mich fatalerweise an William Kotzwinkles „Fan Man“, der einfach irgendwo Chaos anrichtet und dann plötzlich von Berlin nach Schweppenhausen zieht, nur mit einer Plastiktüte voller Notizbücher und Tennissocken in der Hand, um dort mit dem Chaos wieder von vorne anzufangen, ohne auch nur einen einzigen Blick zurück zu werfen.
Kommen wir zur Technik: Begriffe wie Frame, Theme und Freehoster kennt dieser Mensch nicht. Er besitzt auch kein Smartphone und weiß noch nicht einmal, wie man eine SMS schreibt, obwohl SMS schon längst wieder aus der Mode ist. Sein koreanisches Billig-Handy aus lackiertem Sperrholz mit aufgemalten Akku-Balken kann nicht fotografieren, er selbst sowieso nicht. Und weil dieser Mensch nichts kann, kann er natürlich auch das wichtigste auf der Welt nicht: Er ist unfähig, sich selbst zu vermarkten. Seinen ersten Roman hat er 1985 nur an einen einzigen Verlag geschickt (weil er nur eine Kopie hatte), an den Verlag am Galgenberg. Weil ihm der Name so gut gefiel. Nach einem halben Jahr hat man es ihm mit der Bemerkung zurückgeschickt, falls man jemals eine Reihe unter dem Titel „Neue Kuriosa“ aufmache, würde man sein Buch veröffentlichen. Dann hat er erstmal zehn Jahre nichts bei einem Verlag eingereicht.
Was soll aus einem solchen Menschen noch werden? Wir wollen nicht weiter von ihm sprechen. Aber wenn Sie mein neues Werk „Es lebe Andy Bonetti! Er lebe hoch, hoch, hoch“ in Ihrem Blog bewerben könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Nauheim
Stets Ihr Andy Bonetti, Esq.
P.S.: Geben Sie dem Mann um Gottes Willen kein Geld! Er wird es nur zu einem obskuren Drogenhändler namens Fat Cairo oder in den nächstbesten Schnapsladen tragen, auf dem Flohmarkt irgendwelche Comics und Platten kaufen oder andere nutzlose und schädliche Einfälle haben.
P.P.S.: Und natürlich hat er die wichtigste Szene, den Höhepunkt, den Showdown grandios vermasselt. Hatten Sie ernsthaft etwas anderes erwartet?
 This Eternal Waiting - Culture. https://www.youtube.com/watch?v=MrXTtBaBXT0

V 3

„Ich mache diese Aufzeichnungen über meine letzten Jahre ohne den mindesten Gedanken an ihre Publikation. Das lächerliche und schädliche Phänomen, das man Literatur nennt, habe ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt definitiv aus meinem Leben verbannt. Ich hege nur den Wunsch, durch diese Seiten zu einem besseren Verständnis meiner selbst zu gelangen. Meine, und die allen anderen Unfähigen eigene Marotte, nur mit der Feder in der Hand denken zu können (…), zwingt mich zu diesem Opfer.“ (Italo Svevo: Tagebuch, 1902)
V 3. Das war der Anfang und beinahe auch schon das Ende. V 3 ist keine Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern ein Verhütungsmittel aus den sechziger Jahren. Er hatte die kleine rote Plastikschachtel beim Aufräumen des Kellers seiner Eltern gefunden. Die Rechnung lag bei, der Inhalt war unversehrt. Das Datum passte zum Zeitpunkt, an dem seine Mutter ihn empfangen haben musste. Hatte es sein Vater dort versteckt, um seine Mutter zu schwängern? Wollte sie ihn gar nicht?
Er dachte an seine Kindheit. Die frühesten Bilder waren von seinen Unfällen. Einmal wäre er im Schwimmbad fast ertrunken, er sah die glitzernde Wasseroberfläche, die sich von ihm entfernte, während er zu Boden sank. Noch Monate später bekam er Schreikrämpfe, wenn er nur den Wasserhahn im Badezimmer rauschen hörte. Auf dem abschüssigen Hof rollte er nur wenige Monate später mit seinem Dreirad immer schneller auf das Eisentor zu, im Krankenhaus wurde die Platzwunde am Kopf genäht. Sein letzter Gedanke vor dem Aufprall war zugleich der erste Gedanke, der ihm im Gedächtnis geblieben ist: Wie bremst man das Ding?
Er erinnerte sich an eine Amsel, die auf der Straße saß und sich nicht mehr bewegen konnte. Ein Auto überfuhr sie, der aufgeplatzte Bauch war voller Körner. Die wilden Kaninchen, die er dennoch streicheln konnte, weil sie sterbenskrank und blind waren. Da sind Bilder von einem Wanderzirkus, der im Sommer immer am Rande der Stadt sein Zelt aufschlug. Affen und Pferde auf einer Wiese, Kinder, die Seiltanz übten. Er war sehr oft bei seinen Großeltern, wo er auf seine Eltern wartete, während er aus dem Fenster starrte.
Der Großvater war ein Säufer, der schon vormittags in die Dorfkneipe ging und dann betrunken nach Hause kam. Dann saß er in seinem Sessel und schimpfte auf die ganze Welt. Die Großmutter schwatzte den ganzen Tag, meist mit sich selbst. Der Garten war voller Kartoffeln, Bohnen, Blumenkohl und Erdbeeren.
Die Reise an die Ostsee, die Überfahrt nach Dänemark scheiterte an seinem fehlenden Kinderausweis. „Nur wegen dir können wir nicht dorthin“, hatte seine Mutter gesagt. Von Fehmarn konnte man das andere Land schon sehen, aber es blieb unerreichbar. Er sah die Bilder von seinem Vater, der seine Mutter schlug. Der sein Butterbrot so gegen eine Tür warf, dass es kleben blieb.
Er sah seine Mutter wieder in sein Zimmer kriechen, in Tränen aufgelöst. Sie verabschiedete sich von ihm, sie hatte angeblich Schlaftabletten genommen. Am nächsten Morgen saßen wieder alle am Frühstückstisch. Es war ihm immer peinlich gewesen, seine Mutter und seine Großmutter beim Einkaufen zu begleiten, wenn sie die Preisschilder wechselten, sich selbst und ihm Obst in den Mund schoben oder Ware stahlen. Die langen Spaziergänge mit seinen Großeltern in die nächste Kleinstadt, am Gefängnis vorbei.
Die Drohungen des Vaters, wenn er eine schlechte Note hatte, einmal als Straßenkehrer zu enden. Der erzwungene erste Kuss eines Mädchens im Vorschulalter, der Vater wollte ein Osterfoto machen und drohte dem zögernden Jungen mit Schlägen. Die Alpträume, in denen er von Dutzenden Baggern umgeben war, die ihn alle zerquetschen wollten. Sein Großvater in der Rolle des Teufels. In diesen Träumen konnte er sich seinen Eltern nur bis auf wenige Meter nähern, dann rannten sie vor ihm weg.
Nicht eine Berührung seiner Eltern in diesem Träumen. Er erinnerte sich an die kleine Lampe, die immer brennen musste, damit er überhaupt einschlief. Die Finsternis war voller Gespenster, grauenerregender Gesichter und Arme, die nach ihm griffen. Es hatte keinen Sinn, sich an seine Kindheit erinnern zu wollen.
(aus „Tote leben ewig“)
Xmal Deutschland – Allein. https://www.youtube.com/watch?v=GwjHcQFCXQA

Samstag, 2. Januar 2016

Blogstuff 16

Ob im Süden, ob im Norden
Wollte ich die Leute morden
Ob im Osten, ob im Westen
Dachte man, ich wär am besten
(Johnny Malta: Haarmann – das Gedicht)
Ich habe nichts gegen Ausländer, aber die Sachsen sind ein Grenzfall.
Ich glaube, die Sache mit den Walgesängen, die man auf CD kaufen kann, ist ein gigantischer Betrug. Wie sollte man denn diese riesigen Tiere in ein Tonstudio bekommen? Man hat ganz einfach menschliche Rülpser und Blähungen aufgezeichnet, die gaaanz langsam abgespielt werden.
Mail an einen Freund vom 23. Mai 2000: „Letztens steht ein Zappa-Verschnitt neben mir an der Würstchenbude, ordert ein paar Flachmänner und O-Saft, zahlt die vierzehn Mark mit einem Zwanziger und gibt den Rest als Trinkgeld. Dann hält er ein Bündel kleiner Scheine in die Höhe und meint: ‚Muss wohl ma‘ wieder‘n Bruch machen.‘ Berlin eben.“
Mail an einen Freund vom 8. Juni 2000: „Heute bin ich offiziell auf Kleidergröße 40 umgestiegen. Levi’s gibt’s nicht in dieser Größe – aber Mustang. Ich bin also unter die Arschloch-Jeans-Träger gegangen. Gestern im Mauerpark, beim Fußballspielen mit Kollegen, ist mir die letzte Jeans der genannten Marke, der ich zwanzig Jahre die Treue hielt, mit einem Schlag im Schritt gerissen und ich stand im Freien. Da ich noch einen Abendtermin an der Humboldt-Uni hatte, musste ich tatsächlich einen Kollegen um seine Hose bitten. Keiner hatte mehr als 34! Zum Glück war einer mit einer weiten Gummizughose da. Bei mir sah das eher wie Wurstpelle aus. *heul* Wenn du mich suchst, ich bin im Kühlschrank.“
Diese beiden Mails habe ich in einer alten Datei gefunden (Motto: Das Haus verliert nix). In einer anderen Mail habe ich erzählt, dass ein Freund im Herbst 2000 mit einer Kiste Federweißer im Flugzeug nach Berlin gekommen ist. Da man Federweißer-Flaschen bekanntlich nicht hinlegen darf (weil unverkorkt, weil Gärprozess, Sie verstehen? Federweißer => Vollmond => Mitternacht => Werwölfe => Schuhe … verstehen Sie jetzt – oder haben Sie noch nie Al Bundy gesehen?), hatte er die Kiste im Flieger zwischen den Füßen stehen. Ist das nicht unglaublich? Ein Märchen aus längst vergangener Zeit, ein Jahr vor Nine-Eleven, als man noch Flaschen mit ins Flugzeug nehmen durfte und nicht bis auf die Socken kontrolliert wurde („Könnten Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen?“). Was für eine verrückte Welt: kein Terror, kein Euro und Sigmar Gabriel wurde wenig später zum Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs der SPD befördert (Frage: Gab es jemals außerhalb der Sozialdemokratie einen „Popdiskurs“?).
Hätten Sie’s gewusst? Die Texte für den Wetterbericht von Radio Flottikowski 111,11 werden seit Anfang des Monats von Johnny Malta geschrieben.
Tagalptraum: Joschka Fischer feixend mit Zigarre, Zylinder und Monokel in einem Werbespot für TTIP.
Lothar Irrgang ist der einzige Kunstmaler, die noch nie ein Bild gemalt hat. Er schreibt seit 1968 an seinem „Manifest zur Erneuerung der Avantgarde-Kunst“.
„Kannst du bis 49 zählen? Dann kannst du in meiner Lottoberatung arbeiten. Die Leute wissen ja gar nicht mehr, was sie tippen sollen. Und wenn du gut bist, machst du deine eigene Filiale auf und lebst von den Provisionen deiner Mitarbeiter. Interesse? Oder wie wäre es mit einem Job als Traumdeuter? Das hat Zukunft, dieser Markt ist noch gar nicht richtig erschlossen.“
Vor einem Jahr war das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Was haben wir eigentlich gegen den Terror gemacht, als es noch kein Facebook gab, wo wir diensteifrig unser Profilfoto ändern können, um unsere Heuchelei, Pardon: Anteilnahme zu dokumentieren?
Was dürfen wir 2016 erwarten? Cher wird siebzig, zumindest Teile von ihr. Und Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten.
„Wahrlich, Paris ist auf dem besten Wege, ein elendes Chicago zu werden. Und ganz melancholisch geworden, sagte sich Monsieur Folantin immer wieder: Nutzen wir die Zeit, bis die Flegelei der Neuen Welt uns endgültig überrollt.“ (Joris-Karl Huysmans: Die Misere des Monsieur Folantin, 1882)
Silvia - Sauf und Stirb. https://www.youtube.com/watch?v=5Iye8gnGhzQ

Freitag, 1. Januar 2016

Kalender 2016

Jaguar
Zebruar
Nerz
Mandrill
Hai
Huhni
Muli
Taubust
Und dann kommen die vier Bären: Septembär, Oktobär, Novembär und Dezembär
U2 - New Year’s Day. https://www.youtube.com/watch?v=vdLuk2Agamk

München

„Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu.“ (Friedrich Hölderlin: Hyperion)
Überall lese ich, dass 2015 so ein schreckliches Jahr gewesen ist. Aber in der „guten alten Zeit“ meiner Kindheit war es nicht besser. Arabische Terroristen bei den Olympischen Spielen von München 1972, ein Nazi-Terroranschlag 1980 in derselben Stadt, dazwischen RAF. Vietnamkrieg, Bürgerkrieg im Libanon, Afghanistankrieg. Das Waldsterben, die Katastrophen von Seveso, Bhopal und Tschernobyl. Reagan, Breschnew, Ayatollah Khomeini. Früher war es schon genauso schlimm wie heute. Gier, Gleichgültigkeit und Gewalt. Narzissmus, Nepotismus und Nihilismus. Die Menschheit ist immer noch eine Seuche – und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Wir sind nicht frei und wir waren es nie. Wir sind nicht gleich und wir waren es nie. Und das Wort Brüderlichkeit hat schon lange niemand mehr gebraucht.
2016 beginnt mit einer Terrorwarnung, die ich in der Silvesternacht im Fernsehprogramm des Bayrischen Rundfunks sehe. Seit einigen Wochen sind wir Kriegspartei im Nahen Osten. Wir befinden uns mitten im syrischen Bürgerkrieg. Und die Front ist jeder Bürgersteig, jeder Bahnhof, jedes Einkaufszentrum und jede Schule in dieser Republik. Frau Merkel hat den Arabern den Krieg erklärt, mit den Stimmen von CDU, CSU, SPD und den Grünen. In unseren Medien wurde und wird diese Kriegserklärung verharmlost. In der arabischen Presse wurde in großen Schlagzeilen verkündet, dass Deutschland in den Krieg gezogen ist. Der IS hat verkündet, Deutschland habe ihm den Krieg erklärt, also erkläre man auch Deutschland den Krieg. Der verhinderte Terroranschlag von München ist kein gutes Omen für das Jahr 2016. Ein neues Annus horribilis hat begonnen.
Ton Steine Scherben - Halt dich an deiner Liebe fest. https://www.youtube.com/watch?v=sWDQxBi8vlg