Freitag, 5. September 2014

Die Gottbegnadeten-Liste

Die “Gottbegnadeten-Liste” wurde 1944 von Adolf Hitler und Joseph Goebbels zusammengestellt. In ihr waren alle Künstler aufgeführt, die den Nazis wichtig genug waren, um sie vor dem „Heldentod“ an der Front zu bewahren. 1041 Menschen standen auf dieser Liste und wurden darüber in einem Schreiben vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels informiert, der zugleich auch Präsident der Reichskulturkammer war. Auf der Sonderliste der sechs wichtigsten Schriftsteller standen Gerhart Hauptmann, Hans Carossa, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel und Ina Seidel. Bis auf den Literaturnobelpreisträger Hauptmann sind diese Leute alle vergessen. Der Germanist Goebbels hat übrigens über Christian Wilhelm von Schütz, einen Schriftsteller aus dem frühen 19. Jahrhundert, promoviert. Den kennt heute auch keiner mehr.
The Trashmen – Surfin Bird. http://www.youtube.com/watch?v=9Gc4QTqslN4

Emanzipation

Der deutsche Salonfeminismus wird maßlos überschätzt. Die Erfinder der Waschmaschine, des Staubsaugers, des Mikrowellenherds und der Spülmaschine haben zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen als sämtliche Alice Schwarzers dieser Welt mit ihren endlosen ideologischen Debatten, in denen Menschen auf ihre Geschlechtsteile reduziert werden. Der technische Fortschritt hat den Frauen erst die Zeit und damit die Möglichkeit gegeben, den Höhlen des Patriarchats zu entfliehen. Und sobald nicht nur die Frage der Hausarbeit, sondern auch der Kinderbetreuung geklärt ist, sind ihre Chancen zum ersten Mal in der Geschichte wirklich gleich. Vielleicht erleben wir es ja noch.
In der Politik ist es ähnlich. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass man in einigen Ländern das Frauenwahlrecht und damit eine echte Demokratie eingeführt hat. In der angeblich ältesten Demokratie der Welt, in der Schweiz, wurde erst 1971 das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Wo nur die Männer, nur die Weißen oder nur die Sklavenhalter wählen dürfen, gibt es keine Demokratie. Andererseits gab es bei Nazis und Kommunisten das Frauenwahlrecht – was dennoch kein Zeichen von Demokratie gewesen ist. Global betrachtet sind wir von der Demokratie noch weit entfernt und kommen ihr im Augenblick keinen Schritt näher.
Die Emanzipation beginnt gerade erst. Und ihre Schlachten werden nicht im Feuilleton oder der deutschen Grammatik geschlagen. Es wäre fatal, dieses zentrale Handlungsfeld den selbsternannten Ordenspriesterinnen der Gender-Ideologie zu überlassen. Feminismus ist Lobbyismus, Kampf um Planstellen und Fördermittel, eiskalte Konkurrenz um Macht und Geld. Wo sind die Frauen und Männer, die für Gleichberechtigung jenseits plumper Interessenvertretung kämpfen? Wer sind die Akteure der Emanzipation? Ein Beispiel: Warum werden die arabischen Chauvinisten durch deutsche Ölimporte und Waffenexporte reich und stark gemacht? Warum pflegt man diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Ländern, in denen Frauen noch nicht einmal Auto fahren dürfen? Warum lassen die BundeskanzlerIN und die VerteidigungsministerIN das zu?
P.S.: Ganz besonders amüsant finde ich diesen sehr deutschen, gönnerhaften Herrenmenschentonfall, in dem Andersdenkende von oben herab belehrt werden. Da ähnelt die teutonische Feministin dem selbstverliebten, rechthaberischen Alt-68er-Macho. Sie arbeitet am liebsten im Sprachkommissariat für eine bessere Welt. Die Wärter der Wörter, die Wörter der Wärter. Es heißt jetzt vermutlich auch nicht mehr „Frau“, sondern „Person mit Menstruationshintergrund“. „It is time we began to ask who are these women who continually rubbish men. The most stupid, ill-educated and nasty woman can rubbish the nicest, kindest and most intelligent man and no one protests.” (Doris Lessing)
Die Sterne – Kein Mitleid. http://www.youtube.com/watch?v=NBk_wreZQi0

Donnerstag, 4. September 2014

Kleiner Badezimmerschrank

In meinem Badezimmer
Da hängt ein kleiner Schrank.
In seines Spiegels Schimmer
Seh‘ ich die weiße Wand.
Ihr werdet mich jetzt fragen:
Wo ist denn dein Gesicht?
Euch kann ich es ja sagen:
Ein solches gibt es nicht.

Rückblick 2

Am 1.3.1996 wird mir für meine Dissertation über „Beschleunigung und Politik“ am Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaft der FU Berlin die Doktorwürde verliehen, am 1.4.1996 beginne ich als Wissenschaftler in einem Projekt zum Thema Zeitpolitik am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin (difu).
Am 22.9.1996 halte ich zum ersten Mal eine Rede. Ich bin vom „Centre Culturel International de Cerisy-la Salle“ eingeladen und halte auf Englisch einen Vortrag zum Thema „Time Politics“ anlässlich der Tagung „Vivre la ville demain: Quels enjeux? Quels partenaires?“, veranstaltet in einem entzückenden Normandieschlösschen vom 19.-24.9.1996.
Am 30.10.1997 findet meine erste selbstorganisierte Tagung statt, ich spreche über „Kommunale Zeitpolitik“. Eine gemeinsame Veranstaltung von difu und Hans-Böckler-Stiftung.
Am 21.11.1997 halte ich in der Südwestdeutschen Landesbank in Stuttgart einen Vortrag über „Umverteilung – Instrumente und Ziele“.
Am 26.11.1997 muss bei meinem Vortrag anlässlich der Tagung „Stadt der Zukunft“, die von der Hanns-Seidel-Stiftung in Wildbad Kreuth organisiert wurde, der Saal mehrfach zur Ruhe aufgefordert werden. Schnurrbärtige CSU-Bürgermeister springen wütend auf und ballen die Fäuste.
Am 25.3.1998 doziere ich auf einer Konferenz der IG Metall zum Thema „Wie wünschen sich Frauen die Arbeitszeitpolitik der Zukunft?“ Wer wüsste das – gegen ein gutes Honorar - besser als ich? Zitat aus meinem Vortrag: „Seit den siebziger Jahren vollzieht sich ein Wandel im Rollenverständnis von Frauen.“ Ich spreche von der „Eigenzeit der Kinder“ (die ich nicht habe), der gestresste Eltern nicht gerecht werden können und fordere „Chronotope“ analog zu räumlichen Biotopen.
Am 27.4.1998 „Die Entdeckung der Langsamkeit“ beim Umweltberatungszentrum Rostock.
In „Die Mitbestimmung“ (Ausgabe Juli 1998) fordere ich unter der Überschrift „Der Faktor Zeit“ einen Neuentwurf von Politik (S. 60/61). Kurze Zeit später endet die Amtszeit von Helmut Kohl.
Am 17.12.1998 trage ich meine Forschungsergebnisse und politischen Schlussfolgerungen dem Vorstand der Volkswagen AG in Wolfsburg vor.
Am 15.6.1999 halte ich für die Heinrich-Böll-Stiftung in Kreuzberg einen Vortrag zum Thema „Wer macht die Zeit?“ im Rahmen der Reihe „Brennpunkt Berlin: Wem gehört die Stadt?“ Von der „Sesshaftwerdung des Menschen“ bis zur Globalisierung in einer Stunde – kritische Reflexion und Emanzipation vom Selbstzwang inklusive.
24.6.1999: Vortrag zum Thema „Zeitstrukturen und Zeitkonflikte in Bremen“ anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Zeiten der Stadt“ des DGB Bremen.
Am 27.7.1999 schreibt mir der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Christoph Zöpel (der zwei Monate später zum Staatsminister im Auswärtigen Amt der Regierung Schröder berufen wird), zu meinem Buch über Zeitpolitik: „Und nun will ich noch eine etwas egozentrische Bemerkung machen: Wenn es denn so ist, daß dieser Begriff auf meine ‚geistige Vaterschaft‘ zurückzuführen ist, so würde es natürlich meinem Selbstwertgefühl schon entsprechen, wenn sich dies auch in Literaturlisten oder Zitaten von Veröffentlichungen wiederfände.“
Am 16.3.2000 bin ich – und eine gewisse Andrea Nahles (muss man nicht kennen) - als Referent zum Thema Arbeitszeiten auf einer ver.di-Tagung im Hotel Maritim in Frankfurt.
Am 6.5.2000 diskutiere ich auf Einladung der Evangelischen Akademie Loccum mit dem Schriftsteller Sten Nadolny über „Zeit & Form“.
Am 29.5.2000 spreche ich in der Politischen Akademie in Wien über „Die Stadt als Non-Stop-Gesellschaft“.
Am 6.11.2000 bin ich in Leer, wo ich mit dem Chefredakteur der „Ostfriesen Zeitung“ öffentlich das Thema „Leer 2010 – wohin führt der Weg in die Zukunft?“ erörtere.
Am 26.4.2001 halte ich einen Vortrag über die „Nonstop-Gesellschaft“ bei einer Tagung der Hans-Böckler-Stiftung in Dortmund.
2003 bin ich Jury-Mitglied beim Deutschen Studienpreis, Thema: „Tempo! Die beschleunigte Welt“.
Ich rede in Kassel, Münster, Berlin, Karlsruhe, Bonn, Frankfurt, Hamburg, Köln, Wolfsburg, Bremen und selbst kleinere Orte wie Hude, Sprockhövel oder Rheine lasse ich nicht aus. Genutzt hat es nichts. Wir machen uns bis ans Ende unserer Tage gegenseitig krank mit unserer rastlosen Gier und unserer lächerlichen Wichtigtuerei.
Hildegard Knef feat. Extrabreit – Für mich soll‘s rote Rosen regnen. http://www.youtube.com/watch?v=x8Pf2b9hxOY

Mittwoch, 3. September 2014

Wie Prognosen entstehen

Die Indianer wollten wissen, ob ihnen ein harter Winter bevorsteht. Also fragten sie ihren alten Häuptling. Der Häuptling wusste es natürlich nicht, aber von einem weisen Mann erwartet man eine Antwort, also sagte er seinem Stamm, ein harter Winter würde kommen. Schließlich ist es besser, man legt Vorräte an und ist auf alles vorbereitet. Die Indianer hörten es und fingen an, Nüsse zu sammeln, Fleisch einzusalzen und Früchte zu trocknen. Nach einer Weile fragte sich der Häuptling selbst, ob es einen harten Winter gäbe oder nicht. Also rief er den Wetterdienst in der Stadt an. Am Telefon sagte man ihm, es käme ein harter Winter. Er fragte den Menschen vom Wetterdienst, woher er das wüsste. Der Meteorologe antwortete, er habe beobachtet, dass die Indianer Vorräte anlegen.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es dunkle Materie gibt, die zwar nicht direkt sichtbar, aber aufgrund ihrer Gravitations-Wechselwirkung messbar ist. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass 27 Prozent der Materie in unserem Universum dunkle Materie ist. Tendenz steigend. Noch schlimmer ist die dunkle Energie. Sie macht 68 Prozent unseres Universums aus. Diese rätselhafte Energieform, über die selbst die besten Physiker kaum etwas wissen, zerstreut den Kosmos in alle Himmelsrichtungen. Tendenz: Beschleunigung. Es fliegt gerade alles auseinander. Gewöhnliche Materie, also Atome und solche Sachen, Typen wie Sie und ich, der Hund, die Waschmaschine oder Bargeld machen gerade mal knapp fünf Prozent des Universums aus. Eine gruselige Vorstellung, oder? Darum sollte es uns alle nicht wundern, dass der größte Teil der Information in unserer Informationsgesellschaft dunkle Information ist, die von unsichtbaren Leuten in die Welt gesetzt wird, die wiederum von dunklen Energien geleitet werden. Wir können sie nur anhand ihrer Wechselwirkungen mit Politikern und Militärs erkennen. Und das meiste Kapital im Kapitalismus ist ebenfalls unsichtbar. Wir können es nur anhand seiner Wechselwirkungen mit unseren Mieten und Ersparnissen erkennen. Wissenschaft? Magie? Und wo ist da der Unterschied? Wer kann uns das sagen?
Und weil noch Platz im Blog ist, hier zwei Geschenkideen. Nicht vergessen: Nur noch 112 Tage bis Weihnachten!
Plattentipp des Monats: „West End Until I Die“ von der Bad Nauheimer Post-Punk-New-Romance-Revival-Band „Sinnvolle Freizeitbeschäftigung mit geistig Behinderten“.
Buchempfehlung des Monats: „Charmante Dilettanten“ von Maike Schwurbel und Edelgard von Hugentobler-Schmahl.
P.S.: Hier auf dem Land ist Technik immer noch Glückssache. Als ich gerade den oscar-reifen Subtext einer Büchner-Preis-würdigen Mail formuliere, bricht wetterbedingt das Netz zusammen. Aber selbst auf die finsterste Nacht folgt ein neuer Tag. Als Rex Gildo damals gestorben ist, wussten wir ja auch alle nicht, wie es weitergehen soll.
Ideal – Erschießen. http://www.youtube.com/watch?v=gIxti-HEbkQ

Dienstag, 2. September 2014

Rückblick 1

Andy Warhol hat jedem Menschen einen kurzen Moment des Ruhms in den Medien prophezeit. Das waren meine größten Augenblicke:
Das erste Highlight ist ein Bericht in der „Berliner Morgenpost“ vom 19.9.1992. Direkt im Haus gegenüber findet „Das Massaker von Wilmersdorf“ statt, die Mykonos-Morde des iranischen Geheimdienstes. Ich bin mit Bild auf Seite 13, Überschrift: „Die Augenzeugen“. Der Text: „Matthias Eberling (26), Politologie-Student, wohnt im dritten Stock des Hauses, das direkt gegenüber vom Tatort liegt: ‚Als die Schüsse fielen, bin ich zum Fenster gestürzt. Kurz darauf kam auch schon die Polizei. Die Beamten – es war zunächst nur eine Streifenwagen-Besatzung – wollten die Gäste als Zeugen festhalten, doch in der Panik liefen alle Leute davon. Erst eine Stunde nach der Tat wurden die Leichen aus dem Lokal getragen. Sie waren nicht zugedeckt. Ich wohne erst vier Wochen hier, komme aus Mainz, und schon passiert hier so etwas Schreckliches‘.“ Und schon bin ich zum ersten Mal auf der anderen Seite des Mikrophons in der Zeitung (1984 habe ich selbst als Lokalreporter bei der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“ angefangen).
Am 2.5.1995 berichtet das brasilianische „Jornal da tarde“ über meinen Besuch an Sennas Grab in Sao Paulo am ersten Todestag. Ich bin gemeinsam mit dem gleichen Freund gekommen, mit dem ich im Jahr zuvor auch auf der Beerdigung gewesen bin. „Ele era carismático“, werde ich zitiert, Michael Schumacher bezeichne ich hingegen als eiskalt und charakterlos (er war nicht zur Beerdigung gekommen). Auf dem Foto tragen wir Senna-Shirts und –Mützen. Am gleichen Tag berichtet auch die „A gazeta esportiva“ von uns.
Am 2.5.1997 bin ich als Zeitexperte in die neunzigminütige SWR-Fernseh-Talkshow „Streit im Schloss“ in Saarbrücken eingeladen. Das Honorar, 1000 DM, gibt es direkt vor der Sendung in bar in einem neutralen weißen Umschlag.
In der „Zeit“ vom 21.11.1997 macht sich Thomas Kerstan unter der Überschrift „Einsteins Erben“ über meine Forschungsergebnisse lustig (S. 50): „Mit dem raffinierten Trick, alles unter dem Aspekt der Zeit zu betrachten, reißen die Forscher alte Erkenntnisbarrieren nieder.“ Am Telefon klang der Journalist noch so freundlich.
Am 31.7.1998 ein ausführliches Interview in der „Wolfsburger Allgemeinen“. Zitat: „WAZ: Wie wird die Zukunft aussehen? – Eberling: Die atmende Fabrik wird sich weiter flexibilisieren. Aber irgendwann ist eben eine Schmerzgrenze erreicht.“
Am gleichen Tag sieht der „Soziologe Matthias Eberling“ nach Einführung flexibler Arbeitszeiten in Wolfsburg das Chaos ausbrechen, so das „Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“ auf Seite 17. „Ein Fußballverein erwägt sogar die Rückgabe der Lizenz an den DFB, weil keine elf Spieler mehr zeitgleich zusammenfinden.“ So ein wörtliches Zitat von mir. Vom Zusammenbruch des Nahverkehrs und „Pinnbrett-Familien“ spreche ich auch.
Am 7.8.1998 ein großer Bericht mit Foto in den „Wolfsburger Nachrichten“. Es wird berichtet, dass „Vortrag und Diskussion eine philosophische Ebene erreichten: Wer gibt Zeit? Gott oder Mensch? (…) Wer hat die Macht über die Zeit? (…) Diese Fragen warf Eberlings Vortrag auf.“ Und im Schlussabsatz heißt es: „Aber Eberling machte Hoffnung.“
Am 23.8.1998 berichtet die „Bild am Sonntag“ ganzseitig über „Die Pinnwand-Familie“ (S. 40) als neuen Trend, den „Zeitforscher Eberling“ erkannt habe. Als weitere Zeugen werden das Allensbach-Institut und Professor Opaschowski hinzugezogen. Arbeitszeitflexibilisierung, Zeitdruck und „Streß-Rallye“ werden als Ursache genannt. Zitat: „Und die hört selbst am Sonntag nicht auf: ‚Früher ging der Mann zum Frühschoppen, die Kinder spielten – doch spätestens zum Mittagessen saßen alle friedlich zusammen‘, sagt Eberling. ‚Heute hingegen leiden viele unterm Wochenstreß, denken darum auch am Wochenende eher mal an sich. Spaziergänge und Fußballgucken mit der Familie stehen nicht mehr grundsätzlich an allererster Stelle‘.“ Das habe ich tatsächlich im Interview gesagt?
Im „Spiegel“ 40/1998 wird aus meiner Studie zitiert, ohne mich namentlich zu nennen (S. 107).
Das „DeutschlandRadio“ hat mich am 24.11.1999 ins „Journal am Vormittag“ (10:10 bis 11:30 Uhr) eingeladen. Zum Thema „Konsumrausch statt Kirchgang“ diskutiere ich im Maritim Hotel an der Berliner Friedrichstraße mit einem Probst, einem Gewerkschaftsboss und zwei Pressesprechern (Dussmann, Senat). Das Honorar beträgt 700 DM.
Am 17.8.2001 stehe ich im Studio von „nano“ (3Sat) als Experte für die Arbeitswelt der Zukunft. Ich prophezeie einen Rückgang auf zwei Millionen Arbeitslose für 2010-2015. 700 DM Honorar plus Spesen für drei Minuten.
„Die Welt“ berichtet am 27.3.2002, ich hätte bei einer Podiumsdiskussion zum „Dom Aquarée“ in Berlin-Mitte „kein Haar in der Suppe gefunden“, die Gewerbeimmobilie werde ihren Zweck erfüllen. Und siehe da: Der Gebäudekomplex steht immer noch!
Im Sommer 2002 erscheint das Buch „Alles zu jeder Zeit?“, in der es um die Entwicklung zu einer rund um die Uhr aktiven Gesellschaft geht. Mein Kollege und ich rocken das Sommerloch! Hier nur die Überschriften: „Rastloses Stadtleben hat seinen Preis“ (Netzeitung, 17.7.2002), „Die Stadt schläft nie“ (Neues Deutschland, 20./21.7.2002), „Sozialer Halt ist in Gefahr“ (Westfälisches Volksblatt, 22.7.2002), „Die schlaflosen Städte“ (Pinneberger Tageblatt, 27.7.2002), „Die schlaflosen Städte“ (Dithmarscher Rundschau, 27.7.2002), „Wien ist auf dem Weg zu einer ‚Nonstop-City‘, die niemals schläft“ (Der Standard, 1.8.2002), „Wien ‚verschläft‘ Zeit-Debatte“ (ORF On Science, 2.8.2002), „Im hektischen Puls der Großstadt“ (Kieler Nachrichten, 3.8.2002), „Die Non-Stop-Gesellschaft“ (Rheinische Post, 3.8.2002), „Pausenlose 24-Stunden-Gesellschaft schadet Menschen“ (Thüringische Landeszeitung, 12.8.2002), „24-Stunden-Gesellschaft schadet dem Menschen“ (Offenbach-Post, 20.8.2002), „Die Nacht wird zum Tag“ (Nürnberger Nachrichten, 29.8.2002), „Rastloses Leben rund um die Uhr“ (Westdeutsche Allgemeine, 14.9.2002), „Der Stress der Stadt, die niemals schläft“ (Darmstädter Echo, 18.9.2002).
Und am 23.9.2002 schließlich eine Rezension des Buchs in der „FAZ“, S. 18: „Spätestens mit dem Aufkommen der New Economy befinden wir uns auf dem Weg in eine 24/7-Gesellschaft“, schreibt ein gewisser Hanno Beck. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wirtschaft/rezension-sachbuch-wirtschaftsbuecher-neu-auf-dem-markt-174587.html
In der „Frankfurter Rundschau“ am 27.7.2002 ein Artikel unter der Überschrift „Die Nonstop-Gesellschaft erreicht auch Frankfurt“. Dazu auf der gleichen Seite noch ein Kommentar unter der Überschrift „Stets verfügbar“: „Die Berliner Autoren stellen zu Recht fest, dass Frankfurt weit davon entfernt ist, eine 24-Stunden-Stadt zu sein.“ Auch am 14.1.2003 geht es in der gleichen Zeitung um die Studie zur „Nonstop-Gesellschaft“. Ich plädiere für den freien Sonntag, „einen Tag ohne Produktion und Konsum. (…) eine Pause als Chance zur Besinnung.“
Am 18.2.2004 berichtet Holger Dambeck für „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Fluch der Flexibilität“ über ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse unter dem Titel „Prekäre Balancen“ in Buchform erschienen sind.
Die „taz“ zieht am 20.2.2004 gleich in der Überschrift ein Fazit unserer Studie: „Flexible Arbeitszeit und kein Spaß dabei.“
Die „Frankfurter Rundschau“ widmet dem Forschungsbericht am 25.2.2004 eine ganze Seite: „Die Balance von Arbeit und Leben.“
Am 1.5.2004 werde ich im Autodromo Enzo e Dino Ferrari in Imola, wo Ayrton Senna vor zehn Jahren ums Leben kam, von Reuters-TV interviewt. Es ist das erste Interview, das ich mit einer Bierflasche in der Hand und einer brasilianischen Fahne um die Hüften führe.
Der „Freitag“ schreibt am 23.7.2004, unsere Studie „Prekäre Balancen“ rücke manches zurecht, was an Visionen und Leitbildern rund um das Thema Arbeitszeitflexibilisierung entstanden ist und wie weit die Realität von „Hoffnungen und Versprechungen“ entfernt ist.
Und zum Thema Gewaltfreier Widerstand bin ich selbstverständlich auch Experte: „Dr. Eberling sagte kürzlich in Frankfurt auf einer Podiumsdiskussion, dass er, solange Bush (…) den Irak besetzt habe, keine US-amerikanischen Produkte wie Coca-Cola, Marlboro, (…) kaufen wolle.“ (Zeilsheimer Anzeiger, 18.10.2006)
Im Mai 2009 erscheint eine Rezension meines ersten Krimis „Ich träume deinen Tod“ unter der Überschrift „Berliner Hass“. http://www.berlinkriminell.de/1/buecher_286.htm
Im selben Monat berichtet der Radiosender „Star FM“ positiv über den Roman und verlost einige Exemplare. Der öffentlich-rechtliche Sender RadioBERLIN 88,8 lädt mich am 7.6.2009 sogar für ein Interview ins Studio ein.
Eine weitere Rezension findet sich unter: http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=14539&title=Ich_traeume_deinen_Tod
Am 13.1.2011 bin ich als Kiezschreiber in einer Radiosendung von „Alex 88 vier“, lese eine Stunde lang Kurzgeschichten vor und gebe ein Interview - inzwischen honorarfrei.
P.S.: Alle Berichte, Sendungen und Zitate sind real. Warhol hat es gut mit mir gemeint.
David Bowie – Look Back in Anger. http://www.youtube.com/watch?v=VU8HjP-aLKM

Montag, 1. September 2014

Eine hessische Affäre

Es war schon später Abend und Bonetti saß vor dem Kamin, dessen Feuer eine wohlige Wärme verbreitete, und las ein wenig Boethius, von dem der kluge Satz stammt: „Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben“. Da hörte er von der Gasse den harten Aufschlag von Pferdehufen. Wer mochte so spät noch unterwegs sein? Wenig später hörte man ein lautes und herrisches Klopfen an der Tür. Wenige Minuten später betrat Johann, der famose Kammerdiener Bonettis, das Kaminzimmer und meldete Besuch.
Bonetti seufzte, nahm die Lesebrille ab und klappte das Buch zu. „Führen Sie ihn herein, Johann. Ich will sehen, was ich für unseren Überraschungsgast tun kann.“
Kurz darauf betrat ein großer Mann das Kaminzimmer, machte eine kurze Verbeugung und gab Bonetti die Hand. „Guten Abend, Mister Bonetti. Bitte verzeihen Sie die späte Störung. Mein Dienstherr, Graf Yoster von Blaustern, schickt mich in einer dringenden Angelegenheit zu Ihnen. Es ist eine äußerst delikate Affäre und es ist von großer Bedeutung, dass Sie alles mit äußerster Diskretion behandeln. Die gekrönten Häupter Hessens könnten kompromittiert werden und es droht ein Skandal, der den Wetterau-Kreis bis weit über seine Grenzen für immer lächerlich machen könnte. Ich darf doch annehmen, dass Sie ein Mann von Ehre und Verschwiegenheit sind?“
„Aber sicher doch, Euer Durchlaucht“, antwortete Bonetti ruhig und fügte mit einem gutmütigen Lächeln hinzu: „Nehmen Sie doch der Einfachheit halber die Maske ab und setzen Sie sich zu mir an den Kamin. Offensichtlich ist Ihnen kalt.“
„Wie haben Sie das alles so schnell erkannt?“ fragte der Besucher verblüfft.
„Ganz einfach, Euer Hochwohlgeboren“, antwortete Bonetti, „der Schnurrbart ist offensichtlich falsch, denn er entspricht nicht der Farbe ihrer Koteletten und Augenbrauen, in der Brille ist kein Glas und die große rote Nase macht die Verkleidung vollends unglaubwürdig. Vermutlich haben Sie dieses Arrangement in ‚McTiffany’s Wunderbare Welt der Scherzartikel‘ in der Bond Street in Lower Ingleham gekauft. Sie tragen sündhaft teure Bekleidung aus dem Hause Noblewood, offensichtlich maßgeschneidert. Ihr Umhang aus Leopardenfell ist innen mit flammendroter Seide gefüttert und ihre nagelneuen Stiefel sind aus Schlangenleder. Zudem verströmen Sie den Duft von ‚Jet Set‘ von Calvin Little. Keiner Ihrer Bediensteten könnte sich einen solchen Aufwand leisten, für den wiederum Graf Yoster von Blaustern in der ganzen Grafschaft berühmt ist. Ihre Hände sind eiskalt und haben eine ungesunde blaurote Farbe, was mich auf eine lange Fahrt in einer ungeheizten Kutsche vom Schloss bis zu mir schließen lässt.“
„Ich wusste, dass Sie der beste Mann für diesen Fall sind“, sagte der Graf hocherfreut und nahm die Maske ab. Er setzte sich in einen der bequemen Ledersessel zu Bonetti und nahm ein Glas Single Malt Whisky vom Tablett, das Johann ihm entgegenhielt. „Lassen Sie mich gleich zur Sache kommen. Ich bin inkognito zu Ihnen gekommen, weil ich in großen Schwierigkeiten bin. Im nächsten Monat möchte ich die Gräfin von Murmelbach zum Traualtar führen. In der nächsten Woche werde ich die Presse informieren. Dummerweise hatte ich mit einer Bürgerlichen vor einigen Jahren eine Affäre und diese Frau hat mir für den Fall, dass ich eine andere heiraten würde, mit der Veröffentlichung meiner Liebesbriefe und eines Fotos, das uns zusammen zeigt, gedroht. Diese Hochzeit ist aus politischen Gründen von äußerster Wichtigkeit, der gesamte deutsche Hochadel ist zu den Feierlichkeiten eingeladen."
Bonetti kannte die „politischen Gründe“, der Graf war bankrott, aber er schwieg zu diesem Aspekt des Falls. „Nun, die Briefe könnten eine Fälschung sein und ein Foto muss Sie nicht unbedingt kompromittieren.“
„Es zeigt uns Arm in Arm – und wir sitzen splitternackt in der Sauna.“
„Das verändert die Lage natürlich“, sagte Bonetti. „Haben Sie versucht, das Foto zu kaufen?“
„Sie will es nicht verkaufen. Zu keinem Preis. Ich habe sogar schon einen Einbrecher in ihr Haus geschickt, er hat alles durchwühlt, aber nichts gefunden“, antwortete der Graf niedergeschlagen und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.
„Ein entzückendes kleines Problem. Ich nehme an, Sie möchten, dass ich Ihnen das Bild beschaffe.“
„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir in dieser Angelegenheit behilflich sein könnten, Mister Bonetti. Die besagte Dame heißt Miss Fisher und wohnt in einem kleinen Haus in den Weinbergen von Upper Ingleham, unweit der alten Kapelle.“ Nach diesen Worten zog der Graf eine schwere Brieftasche aus schwarzem Chamoisleder aus seiner Weste und legte die beeindruckende Summe von tausend Pfund in druckfrischen Scheinen auf den winzigen Tisch, der zwischen ihnen stand. Zur damaligen Zeit hat ein Dienstmädchen, bei freier Kost und Logis (damit sind die Essensreste der Herrschaften und eine Matratze in der Küche oder einem Flur gemeint), etwa zwanzig Pfund im Jahr verdient.
Am folgenden Morgen begab sich Bonetti, der sich mit einer schwarzen Soutane, einem ebenso schwarzen Hut und einem milden Lächeln in einen Priester verwandelt hatte, zum Haus von Miss Fisher und klopfte an die Haustür.
Miss Fisher, eine aparte junge Dame mit kastanienbraunen Locken, öffnete die Tür.
„Guten Morgen, mein Name ist Reverend Rosebud. Ich bin neu in der Gemeinde und möchte mich kurz vorstellen.“
„Aber kommen Sie doch herein, Hochwürden“, sagte Miss Fisher und führte ihn in ihr Wohnzimmer. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Ein Glas Wasser, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, antwortete Bonetti.
„Keineswegs“, sagte die junge Dame und verließ das Wohnzimmer.
Bonetti holte eine Rauchpatrone hervor und öffnete sie. Augenblicklich füllte sich das Zimmer mit dichtem Qualm. „Feuer“, rief er laut, „Feuer!“
Miss Fisher kam herbeigeeilt, sah den Rauch und lief zum Kamin, über dem ein gerahmtes Bild hing, das einen Dreimaster in stürmischer See zeigte. Sie nahm das Bild und rannte schreiend zur Tür hinaus.
Bonetti schlich sich durch die Hintertür davon und ging zum nächsten Telegrafenamt, um dem Grafen ein Telegramm zu schicken. Wenig später saßen sie in der prächtigen Kutsche des Grafen und Bonetti erstattete ihm Bericht. „Ich habe der Dame ein Feuer vorgegaukelt. Wenn es brennt, nehmen die Menschen immer die Dinge mit, die ihnen am wichtigsten erscheinen, Wertsachen, Urkunden und Erinnerungsstücke. Miss Fisher schnappte sich einen wertlosen Druck im Wohnzimmer, sonst nichts. Vermutlich befinden sich die Briefe und das Foto im Rahmen hinter dem Bild. Ich werde Ihnen das Bild noch heute besorgen, Euer Durchlaucht.“
Wenig später klopfte Bonetti, diesmal als Polizist verkleidet und mit einem äußerst amtlichen Gesichtsausdruck, erneut an die Tür von Miss Fisher.
Sie öffnete die Tür und lächelte ihn an.
„Ich nehme an, Sie sind Miss Fisher. Mir ist zu Ohren gekommen, dass es hier gebrannt hat. Mein Name ist Sergeant Honeybunch. Darf ich kurz hereinkommen?“
„Aber kommen Sie doch herein, Sergeant“, sagte Miss Fisher und führte ihn in ihr Wohnzimmer. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Ein Glas Wasser, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, antwortete Bonetti.
„Keineswegs“, sagte die junge Dame und verließ das Wohnzimmer.
Bonetti nahm das Bild, das wieder über dem Kamin hing, von der Wand und flüchtete durch die Hintertür ins Freie.
Am Abend saß er wieder mit Graf Yoster von Blaustern vor seinem Kamin und überreichte ihm das Bild. Voller Freude löste der Graf die Metallspangen auf der Rückseite des Rahmens – und tatsächlich hielt er alsbald die Briefe und das kompromittierende Bild in seinen Händen. Es war jedoch ein weiterer Brief im Bilderrahmen, den Miss Fisher an den Grafen geschrieben hatte:
„Lieber Yossi-Bär, hier sind Deine Briefe und das Foto. Wenn Dir die ganze Angelegenheit so wichtig erscheint, dass Du aus einem Gentleman wie Mister Bonetti einen gewöhnlichen Dieb machst, muss es Dir mit dieser Gräfin ja wirklich ernst sein. Ich will Deinem Glück nicht im Wege stehen. Seit einem halben Jahr bin ich selbst frisch verliebt und werde vermutlich auch bald heiraten. Die Erinnerungsstücke an unsere Beziehung brauche ich dann sicher nicht mehr. Ich erwarte von Dir keinen Dank und keine Einladung zu Deiner Hochzeit. Aber richte doch bitte Mister Bonetti meine herzlichsten Grüße aus. Ich habe seine schauspielerische Darbietung sehr genossen. Hochachtungsvoll, Mary Fisher.“
Von so viel Großmut waren beide Männer beschämt. Wir haben keine Kultur. Wir bezahlen nur ein paar Leute, die für uns Kultur machen.
Ideal - Aşk mark ve ölüm. http://www.youtube.com/watch?v=YuG0-20fGRg. Deutsche Übersetzung des Titels: Liebe, D-Mark und Tod. „Die D-Mark ist eine falsche Liebe“, heißt es im Text.