Samstag, 10. Mai 2014

Drei unappetitliche Geschichten

Als vor einiger Zeit – vor allem in den Medien - die Vogelgrippe grassierte, hat ein Freund im Supermarkt an der Kasse herzhaft geniest und dann ganz laut zu mir gesagt: “Seit ich aus Hongkong zurück bin, geht’s mir total beschissen.” Die Blicke in der Schlange waren waffenscheinpflichtig.
Bei uns im Dorf gab es mal einen Mann, der bei der Fremdenlegion gewesen ist. Als Koch. Er hat jedoch so schlecht gekocht, dass er ständig von seinen Kameraden Prügel bezogen hat und wieder in unser Dorf zurückgekehrt ist. Gelernt hatte er den Beruf in der „Fressbude“, dem übelsten Lokal der Altstadt von Bad Kreuznach. Ich habe ein Jahr in der Nähe am Eiermarkt gelebt. Alles an dem Laden war fettig: Die Tische, die Stühle, das Haar des Wirts und natürlich das Essen. Man hat so nach Fett gestunken, wenn man dieses Lokal verlassen hat, dass man zu Hause sämtliche Klamotten waschen und selbst unter die Dusche musste. Aber ich wollte etwas ganz anderes erzählen. Von seinen vielen Anekdoten ist folgende die schönste: Er habe einmal nachts bei strömendem Regen eine Frau auf der Kühlerhaube seines Wagens geknallt, während seine Frau den Regenschirm über ihn gehalten habe. Auf meine fassungslose Frage, warum seine Frau das getan hätte, antwortete er trocken: „Damit ich nicht nass werde.“ Leider hat er sich vor einigen Jahren die Waffe eines alten SS-Manns aus seiner Nachbarschaft geliehen und sich erschossen.
Als ich noch ein junger Mann war, traf ich mich eines Abends in meiner alten Heimatstadt Ingelheim mit einigen Freunden in einem griechischen Lokal. Nach einem opulenten Mahl artete der Abend alsbald in ein wüstes Zechgelage aus. In unserem jugendlichen Übermut versuchten wir, uns gegenseitig im Verzehr alkoholischer Getränke zu überbieten. Ich schlug einem der Anwesenden ein kurzweiliges Trinkspiel vor: H. solle innerhalb von zehn Minuten zehn Ouzo trinken, dann würde ich seine gesamte Rechnung übernehmen. Er stimmte freudig erregt zu, zehn Ouzo wurden bestellt und in einer Reihe aufgestellt, derweil die anderen Freunde eifrig Wetten abschlossen, da sie sein Talent für Katastrophen aller Art (Frauen, Autos, Klassenarbeiten) zur Genüge kannten. Nach dem neunten Schnaps wurde es uns jedoch langsam unbehaglich. Noch ganze zwei Minuten und H.s zitternde Hand griff bereits bedrohlich zielsicher nach dem letzten Glas. Da kam mir die rettende Idee: Ich stellte dem selbsternannten Mathematikgenie H. eine schwierige Rechenaufgabe. Er warf unwillig den Kopf zurück und begann, Zahlen vor sich hin zu murmeln. Böse mit den Augen rollend dachte er eine Zeitlang nach. Dann senkte sich sein Kopf ganz langsam wieder in Richtung Tisch – und er erbrach sich über das gesamte Arrangement aus Geschirr und Gläsern. Der Wirt eilte herbei, sah das Fiasko und lief lauthals lamentierend in die Küche, um Hilfe zu holen. H. erhob sich, in seiner Besinnungslosigkeit beinahe majestätisch, von seinem Platz und torkelte zu den Toiletten, wo er sich, späteren Berichten zu Folge, noch einmal auf dem Fußboden übergab und daraufhin in eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem gerade urinierenden Gast geriet. Zwei Küchenmägde hatten inzwischen die vier Zipfel der Tischdecke gepackt und aus dem ganzen Durcheinander ein tragbares Bündel gemacht. H. kam zurück an den Tisch und verlangte energisch das Öffnen des Bündels, da sich zum Zeitpunkt des Unglücks seine Brille und seine Brieftasche auf dem Tisch befunden hätten. Als die Frauen das Tuch wieder auseinander falteten, wurde es einer von ihnen schlecht und sie erbrach sich – so unbewusst den Höhepunkt des Abends bildend – in das Chaos. Am Tag darauf trafen wir uns beim Italiener.
Ein musikalischer Dank von Alanis Morissette an alle Beteiligten: „Thank You“. http://www.youtube.com/watch?v=OOgpT5rEKIU

Freitag, 9. Mai 2014

Ein rheinhessischer Abend

Seht den Trinker an der Theke:
Er braut nicht, er keltert nicht
Und der Herrgott macht ihn doch besoffen.
An einem düsteren Winterabend des Jahres 1988 saß K. in seinem Sessel und dachte über die Gestaltung der nächsten Stunden nach. Sein Fenster zeigte ihm einen glimmenden Horizont, unter dem sich schwarze Eisenbahnschienen endlos streckten. Es lockte das Gasthaus, ein Ort der Ausschweifungen und Vergnügungen, wo das Volk sich traf und wo Hitze und Lärm den Durst zur Gnade werden ließen. Es drohten andererseits jedoch unerwartete Gespräche, ungewohnte Musik und die ungeklärte Frage der Finanzierung. Nachdem er sich aus den Beständen im Kühlschrank einen oralen Motivationsimpuls verschafft hatte, nahm er die Wagenschlüssel vom Tisch und ging zu seinem Alfa Romeo.
Einige Zeit später blickte er aus dem Wagenfenster nachdenklich in das hell erleuchtete Etablissement am Bahnhof. Es war voller Menschen, fröhlicher Lärm drang zu ihm hinaus. Zu spät – das Geschehen hatte ihn bereits magisch in seinen Bann gezogen. Er stellte den Wagen ab und betrat das Gasthaus. Mächtig erschollen die Stimmen, ein Rauschen umfing ihn, die Worte der Einzelnen verloren sich im schwermütigen Chor der Verdammten. Die Luft war rauchgeschwängert, die Tische waren voller Gläser und Krüge, man zog K. an einen Tisch. Am anderen Ende saßen geheimnisvolle Kartenspieler und neben ihm ein Hesse-besessener blonder Nachwuchsalkoholiker namens B., der in ein Glas Weizenbier starrte. Nun spürte auch K. ein hartnäckiges Kratzen in der Kehle, dem er auch nach einem trockenen Schlucken widerstandslos nachgab. Bald hatte er einen Rotwein mit Cola, in diesen Kreisen auch einfach „Schoppen“ genannt, vor sich stehen, ein höchst bemerkenswertes Getränk, dessen beständiger Gebrauch in jene Sphären der Erleuchtung führte, denen man Beinamen wie „Schoppengesicht“ oder „Trinkmaschine“ verdankte.
B. begann, offensichtlich schon länger anwesend, mir von seinem aktuellen Erkenntnisstand zu berichten: “Die Dinge werden in jenem Augenblick geboren, in dem ich sie in meinen Händen halte.“ Der Satz erhielt seine komische Fallhöhe durch die erklärende Armbewegung von B., mit der er in einem eleganten parabolischen Schwung sein Bierglas umriss, das seinen gesamten Inhalt als gelbliche Flutwelle in K.s Richtung ergoss. K. sah die ganze Szene wie in Zeitlupe: sein entsetztes Zurückrutschen, sein gleichzeitiges Aufspringen und das Auseinanderreißen der Beine. Dazu lief AC/DC.
Jene Tage erhielten ihren Ereignisreichtum durch das permanente Auftreten von M., einem notorisch lustlosen Menschen aus einem weit entfernten Dorf. Auch an diesem Abend glänzte er durch sein plötzliches Erscheinen. Missmutig an der Nase kratzend setzte er sich an den Tisch und begann, nach Abtausch der üblichen Eingangsfloskeln, die noch zu klärende Frage einer eventuellen Getränkebestellung in aller Länge und Breite zu erörtern. Alsbald wurde eine dralle Studentin der Sozialpädagogik namens Susi hinzugezogen, die allerdings erst einmal ermahnende Worte zu B.s Desaster äußerte. M. konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und winkte kollegial zu B. hinüber.
M. begann seine Geschichte. Immer wieder von B.s grunzenden Einwürfen, den inhaltlichen Wert des Gesagten in philosophischer Hinsicht betreffend, unterbrochen und gestört, entspann er das Geflecht einer zarten Liebesgeschichte, in der er, so entnahm ich seinen Worten, eine bisher nicht unkomische, jedoch grundsätzlich tragische Rolle spielte. Er hatte die T. anlässlich eines mittwochabendlichen Volleyballtrainings in der Dorfturnhalle kennengelernt und vertiefte nun diese Bekanntschaft bei den anschließenden Umtrünken der Sportlerinnen im Gasthaus „Zur Pfalz“. Ihr Verhalten ihm gegenüber war durchaus aufgeschlossen, nahm aber nach einem für M. typischen Fauxpas merklich kühlere Züge an. M. war zu einem Training, das gewöhnlich gegen zwanzig Uhr begann, völlig betrunken erschienen, hatte Unverständliches geschrien, eine Weile mitgespielt und war dabei mehrmals kläglich auf dem Parkettboden gelandet. Danach war er ins Gasthaus „Zur Pfalz“ gewankt und lag bei Ankunft der Volleyballerinnen bereits halb schlafend über dem Tresen. X., der Dorfschwule, saß neben ihm auf einem Barhocker und redete unaufhörlich auf ihn ein. M. brummte gelegentlich und schien verstört, vor allem nachdem ihn X. auf das rechte Ohr geküsst hatte. T. saß am Tisch und beobachtete die Szene mit misstrauischen Blicken, später mit Gelächter. Am folgenden Mittwoch musste M. wegen diverser Wirtshaus- und Spielschulden zu Hause bleiben, doch „gestern“, wie M. drohend hervorhob, hatte er mit ihr ein längeres Gespräch vor der Umkleidekabine. Es ging vornehmlich um Belangloses, doch glaubte er einen verspielten, ja zärtlichen Unterton aus ihren Monologen über Mode und Musik herausgehört zu haben. Er hatte sich fast ein Herz gefasst und wollte sie gerade um einen gemeinsamen Abend bitten, da trat eine Mitspielerin dazwischen und zog die T. mit einigen Scherzworten, auch M. betreffend, in die Damenkabine. Nun war M. unschlüssig, was im Weiteren zu tun sei.
Bedächtig trank K. sein Glas aus und versuchte, M. durch Anbieten einer Zigarette innere Stärke und Selbstvertrauen zurückzugeben. Dieser nahm an, rauchte langsam und starrte kopfschüttelnd in den Aschenbecher. Bevor B. mit einem philosophischen Exkurs dazwischen fahren konnte, sagte K.: „Bedenket eines, werter Herr! Noch ist nichts verloren. Euer Minnefräulein, jenes holde Mägdelein aus S., liebt wohl das feine Spiel der Worte. Angelegentlich eines jener ominösen Mittwochabende solltet Ihr in der Runde mutig das Wort ergreifen und durch kluge Rede ihr Wohlwollen erlangen.“ M. schwieg und hob der Kellnerin mit einem vorwurfsvollen Blick sein leeres Glas entgegen. Wenig später saß er alleine vor einem Geldspielautomaten und war von den rotierenden Scheiben wie betäubt.
Am Ende des Abends standen K. und M. auf einem Turm hoch über der Stadt. Sie rauchten gemeinsam eine selbstgedrehte Zigarette mit unbekanntem Inhalt. „Was soll ich denn jetzt machen?“ fragte M. „Glaubst du, mir ginge es besser?“ antwortete K. Sie blickten hinunter und schätzten die Höhe des Turms sowie die voraussichtliche Fallgeschwindigkeit. Ein gleichzeitiges Aufseufzen, dann fuhren sie zurück in die Stadt. So ging es in jenen Tagen in den rheinhessischen Gasthäusern zu.
P.S.: In Erinnerung an die vielen schönen Abende im „Pony Express“, der Mutter aller Gasthäuser. Musik: „Good Times“ von Chic. http://www.youtube.com/watch?v=8g6bUe5MDRo

Donnerstag, 8. Mai 2014

Al-Qaida Hochhaus Bombe - AL-QAIDA HOCHHAUS BOMBE !!!

Dies ist eine Botschaft an die amerikanischen Ungläubigen: Obama muss sterben!
Warum schreibe ich das? Weil ich keine Angst habe. Natürlich bin ich kein Anhänger von Gewalt – und dazu muss man nicht erst meine Gandhi-Biographie gelesen haben. Aber ich bin ein großer Freund von zivilem Ungehorsam. Wieso haben wir plötzlich alle Angst vor Überwachung? Den Überwachungsstaat gab es schon vor unserer Geburt. Wieso haben wir Angst vor dem Staat? Vor allem: Warum haben wir Angst vor der NSA und anderen Geheimdiensten? Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass in einer Stunde ein paar Witzblattfiguren mit dunklen Sonnenbrillen und amerikanischem Akzent vor meinem Haus in Schweppenhausen auftauchen, weil ich hier „Al-Qaida Hochhaus Bombe“ schreibe? Oder unsere deutschen Rohrkrepierer vom Verfassungsschutz? Wenn wir alle diese Stichwörter in unseren Telefonaten, Mails und Blogs unterbringen, kann keiner von uns Ärger kriegen – weil die Karo-Luschen vom Geheimdienst gar nicht auf massenhaften Widerstand eingestellt sind. Steht alle auf! Zeigt euer Gesicht! Sagt euren Namen! AL-QAIDA HOCHHAUS BOMBE !!! Küss mich, Putin! Teheran und Pjöngjang – ich komme!
Das habe ich nicht nur von Gandhi, sondern von einer Ingelheimer Freundin gelernt, die in Istanbul geboren wurde und als Journalistin arbeitet. Und von einem alten Freund, der mehr zu verlieren hat, als viele meiner Leser: eine Professur, den Beamtenstatus, seine Kolumne in einer großen deutschen Tageszeitung und diverse Buchpreise. Sie machen es genauso: Am Telefon oder in Mails streuen wir „verbotene“ Wörter ein, um den Arschmaden, die mithören, mitschreiben usw., klarzumachen: Ihr könnt uns mal! Ihr macht uns keine Angst! Wir bezahlen diesen Staat mit unseren Steuern, wir sind die Herren, nicht die Knechte! Bück dich, Angela, wenn ich dir meinen Steuergroschen vor die Füße werfe! Sehr sympathisch finde ich das Wahlversprechen der PARTEI: Wenn sie gewählt werden, stellen sie die hundert reichsten Deutschen an die Wand und lassen sie erschießen. Wohl gesprochen! Wo bleiben die pro-demokratischen Separatisten, die Rathäuser besetzen und Ursula von der Leyen als Geisel nehmen?
P.S.: Musikalisch passt eigentlich nur „Anarchy In The UK“ von den Sex Pistols. http://www.youtube.com/watch?v=pOe9PJrbo0s

Die deutsche Stahlbiene

Die Frau eines pfälzischen Freundes erzählte einmal beim Abendessen von ihren Forschungsprojekten aus dem Bereich Organisationspsychologie. Diese Projekte waren überwiegend mit EU-Geldern gefördert, so dass es also internationaler Kooperationspartner bedurfte, um an die Kohle aus Brüssel zu kommen – so waren und sind die Voraussetzungen einer Förderung. Das bedeutete nicht nur, viele schöne Dienstreisen ins Ausland machen zu dürfen, sondern auch, mit Iren und Letten, Finnen und „-Innen“ an einem Tisch zu sitzen. Die Griechen, so erzählte sie lächelnd, hätten sich bei diesen Projekttreffen grundsätzlich geweigert, nachmittags zu arbeiten. Vormittags Besprechungen, dann ein gutes Essen und anschließend Freizeit. So waren es die Griechen seit uralter Zeit gewohnt. Sie fand das anfangs doof, gewöhnte sich aber wie der Rest der Gruppe an diese Form des Arbeitens und fand es bald darauf sogar sehr sympathisch. So blieb Zeit, sich im Gastland umzusehen oder als Gastgeberin anderen Kollegen die eigene Heimat zu präsentieren.
Deutsche sind immer so korrekt, so ernst und erfolgsorientiert. Immer mit Bienenfleiß bei der Sache. Noch schlimmer als US-Amerikaner. Kurze Mittagspause, kleiner Snack, ein Schluck Wasser und dann gleich weitermachen – wenn die Spanier ihre Siesta einklagen möchten. Heute etwas erledigen, damit man es morgen nicht mehr machen muss. Aber am nächsten Tag wird bei den Deutschen ja nicht weniger gearbeitet. Und das hört nie auf. Es ist nicht nur die Besserwisserei und Korinthenkackerei, die uns Deutsche unbeliebt macht, und es ist auch nicht unsere Nazi-Vergangenheit, sondern in erster Linie unser verdammter Fleiß. Der typische Deutsche ist mit seinem Beruf verheiratet, die Arbeit ist sein Familienersatz.
Die echten Bienen sind übrigens weniger fleißig als ihre stählernen Artgenossen aus der Bundesrepublik. Sie sind nur sechs Stunden am Tag unterwegs. Und ihre Tätigkeit würde ich auch nicht als „Arbeit“ bezeichnen. Sie fliegen von Blume zu Blume und trinken Nektar. Das ist, als gingen wir von Kneipe zu Kneipe und tränken überall ein Bier. Das hat nichts mit Ausbeutung oder Entfremdung zu tun. Außerdem sind die Bienen in den letzten Millionen Jahren ohne McKinsey und Konsorten ausgekommen – und ohne Burn-Out-Syndrom. Wir sollten von den Bienen lernen. Von den Griechen. Von den Katzen. Von Bäumen und Steinen. Sie schenken uns, was wir uns selbst nicht mehr geben können: Ruhe und Gelassenheit.
P.S.: Ich erinnere mich noch gut an ein dreitägiges Treffen kluger Köpfe in der Normandie: Cerisy-la-Salle. Im Foyer hingen die Porträts der vielen illustren Gäste dieses Hauses, die klüger sind, als ich es je sein werde, Sartre zum Beispiel. Keines dieser verkehrsgünstig gelegenen, seelenlosen Tagungshotels, sondern ein zauberhaftes Schlösschen mit einem weitläufigen Park, kilometerweit entfernt von jeder Zivilisation. Thema war die Beschleunigung der Moderne und der Entwurf einer Gegenwelt. Mein Vortrag war kurz, die Diskussion lang. Tempi passati. Es ist seit 1996 eine Generation herangewachsen, die wie für die Beschleunigung gezüchtet erscheint. Die Mittagessen waren mehrgängig, opulent und selbstverständlich wurde zu jedem Gang ein guter Wein eingeschenkt. Nach den angenehmen Tischgesprächen und dem obligatorischen Käse nahmen sich die Gäste viel Zeit für gemeinsame Spaziergänge im Park oder ein ausgedehntes Nickerchen. Und trotzdem war der Gewinn an Erkenntnis und Kontakten höher als bei den zahllosen deutschen Veranstaltungen mit ihrem Vortragsmarathon und den abgewürgten Diskussionen (der Zeitplan!), die ich erleben musste, denn in Frankreich haben wir abends noch am Kamin gesessen und weiter miteinander gesprochen, anstatt allein vor dem Hotelfernseher zu hocken oder alberne Computerspiele zu machen.
Die Musik ist von New Order: “Blue Monday”. http://www.youtube.com/watch?v=FYH8DsU2WCk

Mittwoch, 7. Mai 2014

Der Hundegeist

Vor vielen hundert Jahren lebte einmal ein Holzfäller mit seiner Frau im Ingelheimer Wald. Bei ihnen lebte ein kleiner lebhafter Hund, den sie beide sehr lieb hatten. Eines Morgens ging der Holzfäller hinaus in den Wald und wie immer begleitete ihn sein treuer Geselle. Als sie auf eine Lichtung kamen, sprang der Hund davon und bellte wild. Er begann, mit seinen Pfoten an einer Stelle zu graben und wedelte mit seinem Schwanz. Der Holzfäller trat hinzu und grub mit seinen Händen ein tiefes Loch. Da stieß er auf eine Truhe und als er sie öffnete, schimmerten Gold und Geschmeide im hellen Sonnenlicht. Er trug seinen Schatz nach Hause und freute sich mit seiner Frau über dieses Glück. Nun hatte alle Not ein Ende.
Von dieser Begebenheit erfuhr alsbald ein Köhler und er kam zur Hütte des Holzfällers und seiner Frau. Er bat die beiden, sich den Hund einmal ausleihen zu dürfen. Da der Holzfäller und seine Frau arglose und gute Menschen waren, willigten sie ein und so führte der Köhler den kleinen Hund zu seiner Hütte. Der Hund aber wurde traurig und nahm keinen Bissen zu sich. Er wollte auch die Hütte des Köhlers nicht verlassen. Da band der Köhler den Hund an einen Strick und zerrte ihn durch den Wald. Aber so weit er auch lief, der Hund blieb stumm. Den Köhler, der von der Gier nach einem Schatz wie von Sinnen war, packte die Wut und als der Hund am darauf folgenden Tag wieder keinen Laut von sich gab, schlug er das arme Tier tot und vergrub es unter einer alten Eiche.
In der Nacht erschien der Geist des Hundes dem Holzfäller und klagte ihm sein bitteres Leid. Am nächsten Morgen nahm der Holzfäller seine Axt und seine Frau packte ihm Wurst, Brot und eine Flasche Wein in seinen Rucksack. Dann ging der Holzfäller zur Hütte des Köhlers. Als der ihn von weitem kommen sah, packte ihn die Angst und er rannte in den Wald davon. Der Holzfäller folgte ihm, doch er konnte den Köhler im tiefen Wald nicht finden. Da setzte er sich auf einen Stein und packte seine Vorräte aus. Alsbald erschien ein Wolf und sagte zu ihm: „Wenn du mir die Wurst gibst, so will ich dir helfen.“ Der Holzfäller gab ihm die Wurst und der Wolf wurde sein treuer Gefährte. Kurz darauf kam ein Falke und sagte zu ihm: „Wenn du mir den Wein gibst, so will ich dir helfen.“ Also gab der Holzfäller auch seinen Wein. Am Ende kam ein riesiger Bär und sagte: „Wenn du mir das Brot gibst, so will ich dir helfen.“ Und so gab der brave Holzfäller auch seinen letzten Bissen fort.
Der Falke flog davon und suchte den flüchtenden Köhler. Er schwebte über den Bäumen und es dauerte nicht lange, da hatte er ihn gefunden. Er flog zum Holzfäller zurück und wies ihm den Weg. Mit großen Schritten lief der Holzfäller in die Richtung, die ihm der Falke gezeigt hatte, und bald darauf sah er den Köhler. Der Köhler erblickte den Holzfäller, lachte böse und zog ein großes Messer aus seinem Gürtel. Der Wolf, der treu ergeben an der Seite des Holzfällers gegangen war, löste sich von ihm und rannte mit gefletschten Zähnen auf den Köhler zu. Als der Köhler den Wolf sah, drehte er sich um und lief davon, so schnell er konnte. Er floh in eine Höhle, um sich vor dem Wolf und dem Holzfäller zu verstecken. Aber dort wartete schon der Bär und fraß den Köhler mit Haut und Haaren.
Noch heute, viele hundert Jahre später, soll der Geist des Hundes die Tiere im Ingelheimer Wald beschützen, so heißt es des Abends bei Weck, Worscht unn Woi.
P.S.: Band of Horses fragen „Is there a Ghost”? http://www.youtube.com/watch?v=JK716RqoUms

Dienstag, 6. Mai 2014

Das Tempelhofer Feld 2054

Es ist ein strahlender Sonntagmorgen, als meine von jungen Ukrainern gezogene Rikscha das Tempelhofer Feld erreicht. Unter dem tiefblauen Himmelsgewölbe segeln einige schneeweiße Wolken bedächtig dahin. Dicht an dicht stehen die Monolithen zehngeschossiger Wohnbauten bis zum fernen Horizont. In der Mitte des prachtvoll schimmernden Nobelviertels aus Stahl und Glas, vom Neuköllner Pöbel auch als „unsozialer Brennpunkt“ bezeichnet, ist ein Eichenhain, der eine weitläufige Tempelanlage aus edelstem Marmor umgibt. Er ist der CDU gewidmet, die diesem Land die Einheit und den Wohlstand gebracht hat. Am Eingang stehen zwei Skulpturen, die Adenauer und Erhardt darstellen. Sie bewachen wie steinerne Hunde den Eingang zum Tempel. Die Skulpturen sind von zwei Brunnen umgeben. Die Pilger werfen traditionell Geld oder Schmuck ins geweihte Wasser, um sich die Götter gewogen zu machen. Nachdem ich mich vor den beiden Kanzlern verbeugt und mein gesamtes Münzgeld in die beiden Brunnen geworfen habe, betrete ich den ersten Tempel. Er ist der Gottheit Helmut Kohl geweiht, der als prächtige Buddhafigur mit rundem Bauch auf einer Empore thront. Der Sage nach bringt es Glück, den Bauch der riesigen Figur zu streicheln. Der echte Helmut Kohl liegt unterhalb des Tempels in einer Krypta. Sein Hirn ist schon lange tot, aber der Körper wird von Maschinen seit Jahrzehnten am Leben gehalten. Wie im Moskauer Lenin-Mausoleum schützt ein gläserner Sarkophag den gewaltigen Leib. Ein Besuch der Krypta wird leider nur hohen Staatsbesuchern und Milliardären gewährt. Im Haupttempel steht eine vergoldete Merkel-Statue, die Wände sind mit Euro-Symbolen aus glänzenden Edelsteinen bedeckt. Es ist guter Brauch in Deutschland, in den geöffneten Mund der Statue einen Geldschein zu legen und leise seinen Wunsch auszusprechen. Je größer der Schein, desto höher die Wahrscheinlichkeit seiner Erfüllung, wie mir ein schwarz gekleideter Tempeldiener versichert, der stündlich die Opfergaben abholt. Am 17. Juli, dem Geburtstag der Schutzgöttin aller Mächtigen und Reichen, bilden sich endlose Schlangen von Pilgern, die bis hinaus ins Wohnviertel reichen. Alle Wartenden haben ihre Hände zu einer Raute geformt. Zu ihrem hundertsten Geburtstag 2054 sollen es über eine Million Menschen gewesen sein. Es heißt, dass die Götter der christlichen Demokratie ihre schützende Hand über jeden wahrhaft Gläubigen halten, der sich reinen Herzens der Merkel nähert. So lasset uns alle beten.
Musik: „Heroes“ von David Bowie. http://www.youtube.com/watch?v=jBuwC4VJi50

Montag, 5. Mai 2014

Rabenstein und Greifenklau

„Ein Wirtshaus, ein Brauhaus, ein Gotteshaus, umgeben von einigen Bauernhöfen und Wohnhäusern. Der siebte Tag der Schöpfung. Das Helle!“ Diese handschriftlich notierten Zeilen finde ich auf der Rückseite eines Bierdeckels von „Held-Bräu“ in Oberailsfeld, den ich nach der Rückkehr aus Franken in der Innentasche meiner Jacke entdecke. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Zum Niederknien köstlich ist das Bier, mit dem die schöne Wirtstochter den durstigen Wandersmann labt. „Sanfter Blick aus hellen Augen – hier einheiraten!“ steht dazu in meinem Notizbuch. Die Einkehr in dieses Gasthaus ist der Höhepunkt einer herrlichen Wanderung. Von unserem Landgasthof in Langenloh, wo in einer winzigen, kaum gästeklogroßen Kapelle morgens um sechs der Tag eingeläutet wird, sind wir nach dem Frühstück zur Burg Rabenstein aufgebrochen, einer traumschön gelegenen Ritterburg hoch über dem Tal. Wunderbare schmale Waldwege winden sich durch die Hügel, wir laufen an Felsen vorbei, auf denen Moos, Blumen und kleine Bäume wachsen. Es geht buchstäblich über Stock und Stein, durch Felsspalten und Höhlen hindurch, an deren Eingang Fred Feuerstein seinen Namen gemeißelt hätte. In der fränkischen Schweiz hat man das Gefühl, in ferner Vergangenheit zu leben.
Aber auch in der Stadt war es schön. In Bamberg gibt es noch einige Lonely Planet-freie Zonen, wo man weder auf quäkende Amerikaner noch auf Japaner mit Gruppenzwang trifft. Da wäre zunächst „Mahrs Bräu“ zu nennen, eine uralte und verwinkelte Gaststube im Stadtteil Wunderburg (was für ein Name!), wo ein großartiges „U“ ausgeschenkt wird, ein ungefiltertes Bier. Dann der Brauereigasthof „Greifenklau“ am Laurenziplatz, wo man in einem idyllischen Biergarten unter Linden und Kastanienbäumen statt unter Plastikschirmen mit Reklameaufdruck sitzt und mit Blick auf einen bewaldeten Hügel, der von einer Burgruine gekrönt wird, ein perfektes helles Lagerbier im Steinkrug genießen kann. Und wer danach immer noch durstig ist, läuft durch ein hübsches kleines Wohnviertel hinüber zur „wilden Rose“ auf dem Stephansberg. Hier spielen die Kinder noch auf der Straße und verzieren mit bunter Kreide das graue Band des Asphalts. Der Wirt vom „Greifenklau“ hat es uns persönlich empfohlen, weil man von diesem Biergarten aus einen besonders guten Blick auf die Altstadt Bambergs hat. Aber am schönsten ist es doch in den Dorfkneipen, wo am Vormittag nur die Einheimischen beim Bier sitzen, Zeitung lesen oder ein Schwätzchen halten. Über der Theke stehen die Krüge der Stammgäste, auf denen ihre Namen zu lesen sind.
Störend habe ich bei unseren Wanderungen nur die gelegentlichen, abschätzigen Blicke der geföhnten Susis empfunden, die uns mit ihrer grellbunten und pseudomodischen Wanderausrüstung entgegen gekommen sind. Wir nennen es „Wanderkarneval“, wenn uns Leute mit Kirmesklamotten begegnen, die vermutlich auch im Dunkeln leuchten. Man kann nicht einfach loslatschen, nein, man braucht unbedingt diesen ganzen Fitnesströdel für mindestens fünfhundert Euro von Globetrottel oder Jakob Wolfshaut. So wie Radfahrer ohne Wurstpelle in Signalfarben offenbar nicht mehr leben können, brauchen die urbanen Profilneurotiker zum Laufen ein paar Skistöcke („Nordic Walking“ heißt die Erfindung skandinavischer Marketing-Profis), spezielle Trekkinghosen mit „Funktionen“, eine „atmungsaktive“ Jacke mit einem Labyrinth von sinnlos kleinen Taschen und einer Million Reißverschlüssen, weltraumtaugliche Unterwäsche und einen Designerrucksack, in dem sich Lebensmittelvorräte für drei Wochen, ein Sextant zur Berechnung der Position auf hoher See, ein Höhenmesser (weil es eminent wichtig ist, wieviel Meter über Meereshöhe man gerade einen Furz lässt), Verbandskasten und Warndreieck befinden. Neuester Schrei sind elektronische Armbänder, die Puls, Körpertemperatur, Kalorienverbrauch, Mondphase, Börsenkurse und Horoskop anzeigen. Eine Art Armaturenbrett für den eigenen Körper. Und natürlich ist das unvermeidliche Smartphone immer dabei, denn da gibt es die tolle App, die einem per GPS die genaue Lage des eigenen Quadratarschs im Stadtpark anzeigt. Der moderne Wichtigtuer muss selbstverständlich permanent erreichbar sein und zwanghaft seinen Social Media-Status kontrollieren sowie alle fünfzehn Minuten den Ukraine-Newsticker aufrufen. Manchmal frage ich mich: Bin ich der einzige Erwachsene in diesem Land? Dieser ganze Ausrüstungswahnsinn ist das Ergebnis einer umfassenden Gehirnwäsche durch die Sportindustrie. Man redet den Menschen Bedürfnisse ein, die sie gar nicht haben. Ich trage eine abgewetzte Jeansjacke und Wanderstiefel, die aussehen, als seien Erdklumpen an meinen Füßen festgewachsen. Man braucht nur gute Schuhe, sonst gar nichts, denn die Schuhe sind das einzige, das uns mit dem Erdboden verbindet. Dieses ganze Muschileckergedöns braucht kein Mensch!
P.S.: Der junge Wirt und Brauer vom „Schwan“ in Burgebrach setzte sich, da wir die letzten Gäste waren, zu uns an den Tisch und erzählte einige lustige Anekdoten über seine neue Kundengeneration, die “Digital Natives”, wie sich dieser selbstverliebte Eingeborenenstamm im NSA-Land auf Neudeutsch gerne nennt. Wir bezeichnen sie als „Pisa-Generation“ und lachen einfach über ihr analoges Amateurdasein jenseits von Playstation und Facebook-„Freundschaft“, weil sie gerade vom hochnäsig verhöhnten Establishment aus Parteien und Nachrichtendiensten sowie den von ihnen hochverehrten Konzernleitungen (Apple, Google und Co.) ganz gepflegt in den Allerwertesten gevögelt werden, ohne es beim endlosen Rumgefummel an ihren Smartphones wirklich zu merken. Vier Angehörige dieses Stammes saßen neulich am Wirtshaustisch und starrten stumm auf die Anzeigetäfelchen ihrer phantastischen Telefonapparate. Lange sprach niemand von ihnen ein Wort und der Wirt fragte besorgt, was denn los sei. Sie antworteten, dass sie gerade gemeinsam eine Partie Schafskopf spielen würden. Das vom Wirt angebotene Päckchen Spielkarten lehnten sie mit der Begründung ab, dass man die Karten ja dann eigenhändig mischen müsse. Egal. Viel wichtiger: Das Bockbier im „Schwan“ ist das Beste, das ich jemals getrunken habe. Aber auch das Kellerbier ist sehr zu empfehlen. Dazu sollte man den herrlichen Nussschnaps probieren.
Musik auf der Heimfahrt: „Relax“ als 12 Inch von FGTH. Dazu ein Fläschchen „Held-Bräu Hell“ mit einem Ritter auf dem Etikett, dessen Schild ein Rabe ziert. http://www.youtube.com/watch?v=QFLBIamw7SE