Dienstag, 8. April 2014

Der Feind heißt Angst

Die amerikanische Schriftstellervereinigung PEN hat eine Untersuchung durchgeführt, ob die Überwachung des Internets durch die NSA das Verhalten ihrer Mitglieder verändert habe. 28 Prozent der Befragten gaben an, ihre Aktivitäten in sozialen Medien eingeschränkt oder ganz eingestellt zu haben. 24 Prozent sagten, sie würden gewisse Themen am Telefon oder im Internet vermeiden.16 Prozent vermieden inzwischen bestimmte Themen sogar in ihren Texten. Offensichtlich ist ein Teil der schreibenden Zunft bereits vom Überwachungsstaat eingeschüchtert. Aber nicht nur unter amerikanischen Schriftstellern, sondern in der gesamten Netzgemeinde sickert das schleichende Gift der Selbstzensur in die Köpfe.
Es gibt Menschen, die sich hinter einen Stacheldrahtverhau von Pseudonymen und falschen Identitäten zurückgezogen haben, die sich selbst und ihre Meinung verstecken, weil sie Angst haben: vor anderen Menschen, vor anderen Meinungen, vor Konzernen, vor Geheimdiensten. Sie haben Angst, ihren Arbeitsplatz, ihre Aufträge, ihre Wohnung oder am Ende ihre Freiheit zu verlieren. Es gibt Menschen, die mit dem Hochfahren des Computers oder dem Einschalten ihres Smartphones nicht fröhlich in die bunte Welt hinausschauen, sondern hinter dem Sehschlitz ihres Bunkers kauern und auf den Feind warten. Sie werden mich kriegen, fürchten sie. Nein, sie kriegen mich nicht, hoffen sie. Sie haben längst verloren, denn der Feind ist bereits da. In ihrem Gehirn. Der Feind ist nicht die NSA oder ein anderer der zahllosen Geheimdienste dieser Welt, der Feind ist die Angst.
Angst gehört zum politischen Geschäft. Nur ängstliche Bürger sind gute Bürger im Sinne der Herrschenden. Also wird uns Angst gemacht: Muslime, Terroristen, Russen - Hormonfleisch, Genmais, Rinderwahnsinn – Atomkraft, Klimawandel, Fracking – Horst Seehofer, Markus Lanz, Florian Silbereisen. Jeder kann diese Liste mit persönlichen Ängsten beliebig verlängern: Krebs, Arbeitslosigkeit, Raubüberfall, Haarausfall usw. ad infinitum. Ich habe mir das Prinzip mal von einem Schäfer erklären lassen. Wir hatten früher selbst einige Schafe, da wir unweit des Hauses noch eine Wiese besitzen. Ich habe ihn gefragt, wie man als einzelner Mann denn so einen riesigen Haufen Schafe überhaupt unter Kontrolle halten kann. Es sei ganz einfach, antwortete der Schäfer. Man habe je nach Herdengröße einen oder mehrere gut abgerichtete Schäferhunde, die permanent bellend und nötigenfalls nach den Schafbeinen schnappend um die Herde laufen. Die Schafe seien dadurch so eingeschüchtert, dass der Schäfer nur das Leittier in die gewünschte Richtung treiben müsse. Der Rest der Herde folge bereitwillig.
Stellen wir uns doch für einen Augenblick folgende Situation vor: Ein Autor sitzt morgens an seinem Schreibtisch. Er hat gerade seine Mails gecheckt, bei Facebook nachgesehen, was seine wenigen echten Freunde so treiben, dann online die Nachrichten gelesen und anschließend als Schmankerl ein wenig Zeit in diversen Blogs verbracht. Stellen wir uns vor, dieser Autor habe weder einen Arbeits- noch einen Mietvertrag, er habe weder einen Auftraggeber, der ihm Inhalte vorgibt, noch eine Redaktion im Nacken, die ihm in Fragen der Textlänge und des Veröffentlichungstermins, des Stils und der Grammatik Grenzen setzt, er zahle weder Steuern noch erhalte er staatliche Transferleistungen, er besäße weder Auto noch Fahrrad, weder Flachbildschirm noch Smartphone, weder Aktien noch Anleihen, dafür habe er im Gegenzug den Zeitreichtum eines Neugeborenen und einen gut gefüllten Weinkeller. Stellen wir uns vor, er sei schon in jungen Jahren wegen des Verdachts auf Teilnahme an einem schweren Raubüberfall auf einen Juwelier vom LKA und wegen der Freundschaft zu einem Menschen, den Interpol (und „Aktenzeichen XY … ungelöst“ – kein Witz!) wegen des Mordes an zwei Polizisten an der Frankfurter Startbahn-West gesucht hat, vom Verfassungsschutz observiert worden, er habe in Texas eine Nacht im Knast gesessen und sei in Handschellen dem Richter vorgeführt worden, ferner habe er sich vor brüllenden Stasi-Offizieren nackt ausziehen müssen. Stellen wir uns vor, er säße gerade bei strahlendem Sonnenschein an seinem Schreibtisch und blickte auf die rosafarbene Pracht einer japanischen Blütenkirsche. Hätte dieser Autor Angst? Oder könnte dieser Autor nicht einfach alles schreiben, was er möchte?

Montag, 7. April 2014

Restmüll

Aus einer heute wiedergefundenen Datei vom Mai 2013:
„Hi XY! Hier gab es in der letzten Woche Tage, da bist du um acht Uhr losspaziert und es war schon T-Shirt-Wetter. Da macht es einen Riesenspaß, durch die Stadt zu latschen. Die letzten Zecher und die behelmten Väter, die ihr Kind in die Kita fahren, begegnen einander. Im Tiergarten habe ich einen brüllenden Schwachkopf beobachtet, der von seinem Fahrrad aus eine Frau angeschrien hat, weil sie ihren netten kleinen Hund nicht angeleint hatte. Ich spreche sie an und frage, ob ihr das als Hundebesitzerin öfter passiert. Da erzählt mit die Frau (ca. Mitte 30, schmal, höchstens 1,60), dass dieser Typ alle Leute im Park anbrüllt, sie sollen ihre Hunde anleinen. Es laufen schon mehrere Anzeigen gegen ihn. Dieser Fettsack (mit schwäbischem Akzent, ich muss es leider sagen) hat die Frau sogar mal mit einem Stock verprügelt! Und er läuft halt bis zur Verhandlung frei rum und ich werde Zeuge erneuter Beleidigungen und Bedrohungen. Wenn dir das mit Ruthie passiert wäre, könnte der Typ vermutlich die nächsten Wochen durch einen Strohhalm frühstücken. So geht's ab im großen B., wenn man einfach unterwegs ist und Rohstoff für Mails und More sammelt.“
Entwurf für eine Werbung: „Neukölln kann mehr sein als Blümchenleggins, ein tiefergelegter Subaru und Doppelkorn-Cola aus dem Plastikbecher.“
Izzo the bleichman – hinter diesem berühmten Blogger-Pseudonym verbirgt sich in Wirklichkeit eine adipöse samoanische Witwe, die derzeit in einem schwedischen Gefängnis eine Haftstrafe wegen Uranschmuggels absitzen muss.
Von Naturvölkern lernen: Beim Stamm der Nuer gilt es als böses Omen, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu arbeiten.
Vernünftiges Handeln ist nicht aufregend, aufregende Erlebnisse sind nicht vernünftig. Und in diesem Dilemma bewegen wir uns.
„Oh mein Gott, habe ich Akrobat statt Advokat gesagt? Hol das Alzheimer-Gewehr! Das ist ein Notfall. Es ist soweit. Du musst mich innerhalb von zehn Minuten erschießen, sonst verwandle ich mich in einen Gremlin, äh, ich meine, in einen Redakteur von Lifestyle-Magazinen für Versicherungssachbearbeiterinnen in den Wechseljahren.“
Rheinhessen produziert 250 Millionen Liter Wein im Jahr. Es leben gut 600.000 Menschen in Rheinhessen. Das sind 416 Flaschen Wein pro Kopf und Jahr. Das kann man schaffen, Leute! Man muss also nichts von dem Zeug verkaufen und man muss sich auch keinen Wein von auswärts liefern lassen.
Was waren das noch für schöne Zeiten, als die Jungs vom Verfassungsschutz im Pony Express am Nachbartisch saßen. Hielten sich den ganzen Abend an einem Bier fest. Kurze Haare und Bullenschnauzbart. Niemand hatte sie je in unserer Kleinstadtkneipe am Bahnhof gesehen und damals in den frühen Achtzigern trugen die Männer das Haar noch schulterlang. Die Agenten waren ungefähr so unauffällig wie zwei Zeugen Jehovas in einem Darkroom. Wir haben uns köstlich amüsiert und eine Runde Schnaps auf das Wohl der RAF getrunken.
„Ich sage ja nicht, dass ich Batman bin. Ich sage nur, niemand hat mich und Batman jemals zusammen in einem Raum gesehen.“
Da gibt man bei Google aus Spaß einen beliebigen Ausdruck wie „Gedenkwichsen“ ein, weil man glaubt, so was gibt’s doch nicht, und kommt glatt auf 47 Einträge. Es gibt so viele perverse Schweine auf der Welt, das glaubst du gar nicht!
Wenn die Getränkemärkte „Trinkerbedarf“ hießen, würden weniger Leute hingehen.
Ronny, der Selfmade-Arbeitslose aus Marzahn
Ich mache mir keine Sorgen um den FC Bayern. Ein Uli Hoeneß kann den Verein auch aus der Zelle führen wie einst Don Vito Corleone die New Yorker Familien.
Alltagsarmut: Ich stehe bei Aldi an der Kasse, als ein älterer Herr die Kassiererin anspricht: „Hier, die Kiwi hab ich auf dem Boden gefunden.“ Dann dreht er sich um und geht mit seinen Einkäufen hinaus. Die Kassiererin grinst mich an und sagt: „Super, die esse ich in der Pause.“
Ziegel Online – das Internetmagazin für den Maurer
Merkwürdig: Erst sehen sich die Leute stundenlang eine Kochsendung an und dann machen sie sich in der Mikrowelle etwas warm, weil es schnell gehen muss.

Die FAZ-Diät

"Wenn Mephisto mir erschiene und mir die Wiedererlangung der sogenannten Virilität anböte, würde ich sagen: Nein, vielen Dank, daran liegt mir nichts, aber meine Leber und meine Lunge könntest du kräftigen, damit ich mehr trinken und rauchen kann". Luis Bunuel
Die geradezu zwanghafte Selbstoptimierung ist die zentrale Obsession des modernen Menschen. Er will immer besser werden, konkret: immer schlanker, immer gesünder, immer älter, immer schöner, immer stärker, immer schneller, immer erfolgreicher, immer wohlhabender. Dazu machen wir sinnlose Überstunden in überflüssigen Berufen (Gott hat den Immobilienmakler nicht erschaffen!), fahren riesige Autos mit sinnlos vielen Pferdestärken, lassen sinnlose Schönheitsoperationen über uns ergehen (obwohl unsere Kinder wieder mit zu großen Nasen und zu kleinen Brüsten geboren werden), machen sinnlose Bewegungen in Fitnesshöllen, hetzen uns selbst sinnlos durch die Gegend (neulich wieder dieser leere, starre Blick einer Horde Jogger, als ich sonntags Brötchen holen ging – so muss die Wehrmacht bei der Ardennenoffensive ausgesehen haben) und lassen uns durch sinnlose Illustrierte, die absurde Maßstäbe für irgendwelche Äußerlichkeiten propagieren, geistig versklaven. Inzwischen gibt es sogar olympische Spiele für Behinderte, damit selbst die Einbeinigen noch den Schnellsten unter sich ausmachen und die Blinden sich im Orientierungslauf miteinander messen können.
Da Fastenzeit ist, möchte ich an dieser Stelle exemplarisch nur den Schlankheitswahn herausgreifen. Nichts gegen das Fasten, ich selbst habe zwei Wochen „technisches Fasten“ hinter mir, wie ich es nenne. Kein Computer, kein Internet. Das ist hart gewesen, aber ich habe es geschafft. Aber manche Menschen treiben um ihr Gewicht und ihre Ernährung inzwischen einen regelrechten Kult. In meiner Kindheit gab es nur Karnivoren (Fleischesser) oder besser gesagt Omnivoren (Allesesser). Es wurde klaglos gegessen, was auf den Tisch kam. Und wer meckerte, bekam endlose Geschichten vom Krieg zu hören, wo es offenbar nur heißes Wasser mit Spucke gab und Nutella noch nicht erfunden war. Wir haben als Kinder sogar Rosenkohl gegessen, weil wir wussten, dass uns bei Zuwiderhandlung eine mehrstündige Suada meines Großvaters über seine Ernährung während der Kriegsgefangenschaft in Frankreich drohte. In den Achtzigern traf ich den ersten Vegetarier. Es war bei einem Zivildienstlehrgang in Karlsruhe und der Koch konnte mit diesem Außenseiter nichts anfangen. Er bekam also einen Sack Äpfel hingestellt und jeden Morgen ein Sechskornbrot – damals eine Sensation. Wir kannten ja nur Grau-, Schwarz- und Weißbrot. Inzwischen ist der Vegetarier durch den Veganer ersetzt worden und die nächste Stufe ist der Frutarier. Er ernährt sich von Früchten und Nüssen, die bereits vom Baum gefallen sind, weil er keine Pflanzen verletzen möchte.
Ich beginne mir Sorgen zu machen. Erst haben die Leute das Rauchen aufgegeben, dann wechselten viele Menschen vom Bier zum Mineralwasser und jetzt essen sie nicht mehr richtig. Ich kenne gestandene Männer, die über Diäten sprechen und die Figur eines Teenagers haben. Man muss sich doch nur einmal die Fotos vergangener Epochen anschauen, die Männer meines Alters zeigen: Alle haben einen Bauch. Schlank ist man in der Jugend, jenseits der vierzig hat man sich einen gewissen Wohlstand angefuttert. Ich erinnere mich an eine dreiwöchige Reise durch China, auf der gelegentlich ein Einheimischer die Hand auf meinen prachtvollen runden Buddhabauch gelegt hat. Ich habe irgendwann mal den Reiseführer gefragt, warum die Leute das machen. Er sagte, es bringe Glück, einen großen Bauch zu berühren, denn ein großer Bauch stehe für Reichtum und Erfolg. Beim Abitur 1985 habe ich auch nur 74 Kilogramm gewogen (bei 1,89 Meter Körpergröße), aber Ende der Neunziger war ich dann im dreistelligen Bereich und habe dieses Gewicht, mit einer kurzen Unterbrechung (2003 war ich auf 84 Kilogramm abgemagert, weil mir ein Arzt aus Kreuzberg das gesunde Leben eingeredet hat) bis heute gehalten. Wie habe ich das geschafft, wird der Leser jetzt fragen?
Mein Erfolgsgeheimnis ist die FAZ-Diät. Das hat nichts mit der gleichnamigen Zeitung aus Hessen zu tun. FAZ heißt: Fett, Alkohol, Zucker. Man sollte alle Nahrungsmittel nach diesen Kriterien auswählen. Enthält eine Speise oder ein Getränk weder Fett, noch Alkohol oder Zucker, sollte man es meiden. Das heißt nicht, dass ich keinen Salat esse. Aber gerne mit gebratener Putenbrust oder Schinken- und Käsewürfeln. Und ganz wichtig ist das Lustprinzip. Warten bis der Hunger und der Durst kommen, dann aufmerksam in den eigenen Körper hineinlauschen und genau das zu sich nehmen, worauf man in diesem Augenblick die meiste Lust hat. Nur so kann man in Zeiten des Schlankheitswahns sein Gewicht halten und besitzt die notwendigen Reserven für Zeiten der Not und der Krankheit. Und was für den Erwerb von Kalorien gilt, sollte beim Verbrauch derselben ebenfalls berücksichtigt werden: Maßvolle Bewegung, Schonen statt Schinden. Kinder rennen, Erwachsene gehen. Liegen lernen.

Freitag, 4. April 2014

Erinnerungen von drei Kontinenten

Prag 1986: Eine Stadt wie ein Schwarz-Weiß-Film. Leere krumme Gassen mit Kopfsteinpflaster und altertümlichen Laternen, die an Hauswände geschraubt sind. Die morbide Grandezza der verfallenden Häuser aus der Kaiserzeit. Nachmittage und Abende in lichtlosen Gasthäusern sitzen und über dem Bierglas philosophieren. Im milden Rausch die Stunden und Tage seines Lebens an die Ewigkeit verschenken, während aufmerksame Kellner in stummem Einverständnis die Gläser austauschen.
San Francisco 1993: Die amerikanische Flagge im Zelt eines Obdachlosen, bei dem ich im Golden Gate Park übernachtet habe. Ich war mit einer Freundin in einem Supermarkt gewesen, um Wein zu kaufen, als er uns angesprochen hatte. Er habe Hausverbot, ob wir ihm nicht eine Flasche mitbringen könnten. Wir tranken dann zusammen auf einer Wiese im Park und er nahm uns anschließend ins Lager der Hobos mit. Eine Nacht am Lagerfeuer, vom Pazifik wehte eine sanfte Brise heran. Am nächsten Morgen schenkte mir ein junger Bursche, der sich „Kid“ nannte, zum Abschied seine Halskette.
Tokio 2008: Das Obst in der Feinkostabteilung von Mitsukoshi auf der Ginza. Unser Gastgeber hatte uns empfohlen, eine Runde durch diese Abteilung zu drehen, von allen Gratishäppchen zu probieren und so die Kosten für das Mittagessen zu sparen. Ich erinnere mich an ein Sechserpack Äpfel, die so perfekt waren, als wären sie für ihren Auftritt gecastet worden. Jeder Apfel war einzeln wie ein Törtchen in eine gefaltete Papierschale gebettet. Die Äpfel lagen in einer zierlichen Holzkiste auf grünem Kunststoff, der wie Stroh aussah. Man hätte es nicht gewagt, dieses Obst zu berühren, geschweige denn, es zu essen. Auch der Preis von dreißig Euro für dieses Arrangement gebot, ehrfürchtig Abstand zu halten. Die Mohrrüben gleich neben den Äpfeln sahen aus, als hätte sie ein eigens hierfür ausgebildeter Experte unter zehntausenden Mohrrüben für einen Werbefilm ausgewählt.

Donnerstag, 3. April 2014

Der Häuble-Schitler-Vergleich

Jetzt ist es mir also auch passiert. Gerade eben beim Frühstück. Ich habe Vergleiche angestellt. Es fing eigentlich ganz harmlos an. Ich habe den Mittelstürmer unserer ruhmreichen SG Steyerbachtal, die dem aktuellen Tabellenführer am Sonntagnachmittag in heroischem Kampf auf dem heimischen Feld der Ehre ein 0:0 abgetrotzt hat, mit Christiano Ronaldo von Real Madrid verglichen. Schließlich spielen beide gerade eine erfolgreiche Saison. Dann habe ich anlässlich der im Mai bevorstehenden Bürgermeisterwahlen die Kandidaten verglichen. Und könnte man nicht Schweppenhausen mit einem Schlag auf die Weltkarte katapultieren, beginne ich zu träumen, wenn unsere sämtlichen Kampftrinker friedlich und in Uniformjacken ohne Kennzeichen die Wirtshaustische von Stromberg besetzen? Und ein Honigbrötchen später war es dann soweit: Der Hitler-Putin-Vergleich.
Ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Um mit Hitler verglichen werden zu können, muss Putin erst einmal Leistung zeigen. Auch wenn er eine gute Saison spielt – die Besetzung der Krim ist einfach zu wenig. Hat es da überhaupt Tote gegeben? Hitler hat den zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen, es gab fünfzig Millionen Tote, und noch heute feiern sie in Sachsen-Anhalt seinen Geburtstag! Hätte er nur das Sudetenland besetzt, wäre sein Name längst vergessen. Nein, einen solchen Vergleich muss sich Putin erst noch verdienen. Noch einmal: Leistung! Einen solchen Vergleich muss man sich erarbeiten. Um ins Geschichtsbuch zu kommen, muss der Blutzoll mindestens sechsstellig sein (Hitler: achtstellig!). Nehmen wir zum Beispiel George W. Bush. Der hat das geschafft. Und der ist nicht irgendwo in ein Nachbarland einmarschiert, der hat sich wenigstens was getraut: Irak und Afghanistan. Richtig weit weg und die Leute verstehen kein Englisch! Aber wie steht der Mann jetzt da: stabile Demokratien und blühende Landschaften an Euphrat und Tigris sowie im Hindukusch. Und der hat auch keine schwulen „Argumente“ gebraucht wie Putin. Der hat sich einfach irgendwelche Massenvernichtungswaffen ausgedacht und hinterher auch zugegeben, dass es nur ein Marketing-Gag war (wenn auch ziemlich makaber: Giftgasbomben, mit denen die Juden in Israel vergast werden sollten – aber medientechnisch natürlich eine Spitzenidee). Und dann Guantanamo: ein Vorbild in völkerrechtlicher Hinsicht. Ja, man könnte sogar Schulungen in Sachen Völkerecht in diesem Straflager auf Kuba veranstalten.
Im Augenblick würde ich Putin also noch nicht einmal mit George W. Bush vergleichen. Da ist leistungsmäßig einfach eine zu große Lücke. Vielleicht könnte man den Kremlchef auch mal mit Sigmar Gabriel vergleichen? Wie Siggi Pop wohl mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd aussehen würde? Die alte ostpreußische Provinzhauptstadt Kaliningrad harrt ihrer Befreiung! Mist, jetzt ist mir der Appetit vergangen.

Mittwoch, 2. April 2014

Die Freiheit der Anderen

Die Befreiung Polens vom Zarenjoch – das war ein Thema, das die Demokraten in Europa und in aller Welt im neunzehnten Jahrhundert begeistert hat. Eine tapfere, aufrechte Kulturnation – seiner Selbstbestimmung beraubt und aufgeteilt zwischen den Großmächten Preußen, Österreich und Russland. Eine solche himmelschreiende Ungerechtigkeit hat die Herzen der Jugend entflammt und den ehrlichen Bürger empört. „Noch ist Polen nicht verloren“ war ein berühmter politischer Schlager in deutschen Landen. Und kaum hatte Polen im zwanzigsten Jahrhundert seine Unabhängigkeit erreicht, marschierte die Wehrmacht auf Hitlers Befehl ein. An diesem Punkt war es mit der demokratischen Toleranz gegenüber der deutschen Expansionspolitik vorbei, Frankreich und Großbritannien erklärten dem Deutschen Reich den Krieg – der zweite Weltkrieg begann um der polnischen Freiheit willen. 1980 waren wir auf dem dritten Höhepunkt der Polenbegeisterung. Lech Walesa kämpfte mit seiner Gewerkschaftsbewegung gegen die kommunistische Unterdrückung. Es drohte der Einmarsch der roten Armee, die polnische Bevölkerung reagierte mit Streiks und besetzte die Betriebe. Die Sowjetunion wurde von Ronald Reagan zum „Evil Empire“ („Reich des Bösen“) erklärt und „der Russe“ war das Feindbild meiner Jugend. Wer damals den Kriegsdienst verweigert hat, wurde von der zuständigen Kommission für staatliche "Gewissensprüfung" gefragt, ob er denn tatenlos zusehen wolle, „wenn der Russe kommt“. Der Russe kam nie, aus dem Kalten Krieg wurde kein dritter Weltkrieg und die Polen haben sich mit den ersten freien Wahlen im damaligen „Ostblock“ im Juni 1989 selbst befreit.
Heute habe ich den Eindruck, die Ukraine sei das neue Polen. Viele im Westen, vor allem die Medien in seltener Eintracht, sehen eine tapfere Nation vom Neo-Zarismus bedroht. Sie sehen ein Volk, das einen heroischen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit gegen die finsteren Unterdrücker aus Moskau führt – schon wieder steckt der Kreml dahinter. Kennt man doch! Die Ukraine bietet eine herrliche Projektionsfläche für den Idealismus zahlreicher Verbalethiker, die sich in einem Land, von dem sie nicht viel wissen, eine Art Marienerscheinung ihrer tief empfundenen Vorstellung von einer besseren Welt erhoffen: Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, am besten gleich noch Umweltschutz, Frauenquote und Mindestlohn. Und am Ende bekommen die Ukrainer, was auch die Polen letztlich von uns bekommen haben: Coca-Cola und Nutella, Apple und BMW, Hollywood und RTL, F-16-Bomber und Leopard 2-Panzer. Aber Hauptsache, wir haben wieder ein neues Feindbild, nachdem der islamistische Terror in den vergangenen dreizehn Jahren nach 9/11 trotz medialer Dauerpropaganda in Deutschland noch kein einziges Todesopfer gefordert hat. Gestern war ein Freund mit seinem Sohn im Kino, um sich den neuesten Superhelden-Action-Kracher aus den USA anzusehen. Ich habe nur gefragt, ob die Bösewichter im Film Moslems oder Russen wären. Seine Antwort: „Russen“.

Dienstag, 1. April 2014

Erst gelacht, dann nachgedacht

Im Oktober 1986 sorgte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl für einen diplomatischen Eklat, als er den damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow mit Goebbels verglich: "Das ist ein moderner kommunistischer Führer, der war nie in Kalifornien, nie in Hollywood, aber der versteht etwas von PR. Der Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen!" Kohl hat diesen Vergleich aus einem Interview mit dem amerikanischen Magazin „Newsweek“ später bitter bereut und ihn als einen seiner größten Fehler in seiner jahrzehntelangen politischen Laufbahn bezeichnet. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Gerade als Deutscher sollte man mit Nazi-Vergleichen sehr vorsichtig sein. Mi einem Hitler-Finger zeigt der blütenweiße teutonische Volksvertreter auf einen ausländischen Politiker, vier Finger (Herrenrasse, Lebensraum, Holocaust und Weltkrieg) zeigen auf ihn zurück. Zweitens: Was ist mit einem solchen Vergleich, mit einer solchen Beleidigung im politischen Spiel gewonnen? Was helfen mir populistische Vergleiche oder Fäkalsprache („Fuck the EU“ zum Beispiel) im diplomatischen Verhandlungsprozess? Irgendwann sitze ich mit den Leuten, die ich gerade so vollmundig angepöbelt habe, wieder am Verhandlungstisch und dann belasten diese pubertären Sprüche die Arbeitsatmosphäre und vermutlich auch die Verhandlungsergebnisse.
Wer die Nerven verliert, verliert das Gesicht, wie man in Asien sagt. Wer die Nerven verliert, zeigt Schwäche oder schlimmstenfalls Angst. Wer die Nerven verliert, macht Fehler und verliert am Ende das Spiel. Das jahrhundertealte Erfolgsgeheimnis der britischen Diplomatie ist die „stiff upper lip“, heute würde man sagen: das Pokerface. Das jahrhundertealte Erfolgsgeheimnis der französischen Diplomatie ist die geschliffene Sprache und die Fähigkeit, Kompromisse auch in schwieriger Lage zu finden. Umso enttäuschender ist es, dass ein so erfahrener Politiker wie Schäuble jetzt Putin mit Hitler vergleicht. Was ist damit gewonnen? Seine Parteifreunde müssen sich von ihm distanzieren, seine Kabinettskollegen müssen sich für ihn auf Dienstreisen entschuldigen – und die nächste Verhandlungsrunde, bei der auch Schäuble als Finanzminister wieder mit seinem russischen Pendant an einem Tisch sitzt, kommt bestimmt. Dann ist die Krim-Krise längst vergessen, die persönliche Beleidigung eines Staatsoberhaupts vermutlich nicht (by the way: Ist die Bundeswehr derzeit nicht auf drei Kontinenten - im Kosovo, in Afghanistan und in Mali - in militärische Abenteuer verwickelt?).
Kohl hat Gorbatschow nur wenige Jahre später bei den Verhandlungen zur Wiedervereinigung als Freund der Deutschen bitter nötig gehabt. Den leichtfertigen Vergleich mit Goebbels hat er in dieser Zeit sicher täglich bereut. Schäuble ist seit 1984 – mit Unterbrechung der Schröder-Jahre – Bundesminister, er ist mit 41 Jahren Parlamentszugehörigkeit der dienstälteste Abgeordnete in der Geschichte dieser Republik. Das Sprüche-Klopfen sollte er drittklassigen Politikern wie dieser durchgeknallten ukrainischen Oligarchin mit der völkischen Bauernkriegsfrisur überlassen, die öffentlich davon träumt, den gewählten Präsidenten Russlands wie einen räudigen Hund zu erschießen.