Montag, 7. April 2014

Die FAZ-Diät

"Wenn Mephisto mir erschiene und mir die Wiedererlangung der sogenannten Virilität anböte, würde ich sagen: Nein, vielen Dank, daran liegt mir nichts, aber meine Leber und meine Lunge könntest du kräftigen, damit ich mehr trinken und rauchen kann". Luis Bunuel
Die geradezu zwanghafte Selbstoptimierung ist die zentrale Obsession des modernen Menschen. Er will immer besser werden, konkret: immer schlanker, immer gesünder, immer älter, immer schöner, immer stärker, immer schneller, immer erfolgreicher, immer wohlhabender. Dazu machen wir sinnlose Überstunden in überflüssigen Berufen (Gott hat den Immobilienmakler nicht erschaffen!), fahren riesige Autos mit sinnlos vielen Pferdestärken, lassen sinnlose Schönheitsoperationen über uns ergehen (obwohl unsere Kinder wieder mit zu großen Nasen und zu kleinen Brüsten geboren werden), machen sinnlose Bewegungen in Fitnesshöllen, hetzen uns selbst sinnlos durch die Gegend (neulich wieder dieser leere, starre Blick einer Horde Jogger, als ich sonntags Brötchen holen ging – so muss die Wehrmacht bei der Ardennenoffensive ausgesehen haben) und lassen uns durch sinnlose Illustrierte, die absurde Maßstäbe für irgendwelche Äußerlichkeiten propagieren, geistig versklaven. Inzwischen gibt es sogar olympische Spiele für Behinderte, damit selbst die Einbeinigen noch den Schnellsten unter sich ausmachen und die Blinden sich im Orientierungslauf miteinander messen können.
Da Fastenzeit ist, möchte ich an dieser Stelle exemplarisch nur den Schlankheitswahn herausgreifen. Nichts gegen das Fasten, ich selbst habe zwei Wochen „technisches Fasten“ hinter mir, wie ich es nenne. Kein Computer, kein Internet. Das ist hart gewesen, aber ich habe es geschafft. Aber manche Menschen treiben um ihr Gewicht und ihre Ernährung inzwischen einen regelrechten Kult. In meiner Kindheit gab es nur Karnivoren (Fleischesser) oder besser gesagt Omnivoren (Allesesser). Es wurde klaglos gegessen, was auf den Tisch kam. Und wer meckerte, bekam endlose Geschichten vom Krieg zu hören, wo es offenbar nur heißes Wasser mit Spucke gab und Nutella noch nicht erfunden war. Wir haben als Kinder sogar Rosenkohl gegessen, weil wir wussten, dass uns bei Zuwiderhandlung eine mehrstündige Suada meines Großvaters über seine Ernährung während der Kriegsgefangenschaft in Frankreich drohte. In den Achtzigern traf ich den ersten Vegetarier. Es war bei einem Zivildienstlehrgang in Karlsruhe und der Koch konnte mit diesem Außenseiter nichts anfangen. Er bekam also einen Sack Äpfel hingestellt und jeden Morgen ein Sechskornbrot – damals eine Sensation. Wir kannten ja nur Grau-, Schwarz- und Weißbrot. Inzwischen ist der Vegetarier durch den Veganer ersetzt worden und die nächste Stufe ist der Frutarier. Er ernährt sich von Früchten und Nüssen, die bereits vom Baum gefallen sind, weil er keine Pflanzen verletzen möchte.
Ich beginne mir Sorgen zu machen. Erst haben die Leute das Rauchen aufgegeben, dann wechselten viele Menschen vom Bier zum Mineralwasser und jetzt essen sie nicht mehr richtig. Ich kenne gestandene Männer, die über Diäten sprechen und die Figur eines Teenagers haben. Man muss sich doch nur einmal die Fotos vergangener Epochen anschauen, die Männer meines Alters zeigen: Alle haben einen Bauch. Schlank ist man in der Jugend, jenseits der vierzig hat man sich einen gewissen Wohlstand angefuttert. Ich erinnere mich an eine dreiwöchige Reise durch China, auf der gelegentlich ein Einheimischer die Hand auf meinen prachtvollen runden Buddhabauch gelegt hat. Ich habe irgendwann mal den Reiseführer gefragt, warum die Leute das machen. Er sagte, es bringe Glück, einen großen Bauch zu berühren, denn ein großer Bauch stehe für Reichtum und Erfolg. Beim Abitur 1985 habe ich auch nur 74 Kilogramm gewogen (bei 1,89 Meter Körpergröße), aber Ende der Neunziger war ich dann im dreistelligen Bereich und habe dieses Gewicht, mit einer kurzen Unterbrechung (2003 war ich auf 84 Kilogramm abgemagert, weil mir ein Arzt aus Kreuzberg das gesunde Leben eingeredet hat) bis heute gehalten. Wie habe ich das geschafft, wird der Leser jetzt fragen?
Mein Erfolgsgeheimnis ist die FAZ-Diät. Das hat nichts mit der gleichnamigen Zeitung aus Hessen zu tun. FAZ heißt: Fett, Alkohol, Zucker. Man sollte alle Nahrungsmittel nach diesen Kriterien auswählen. Enthält eine Speise oder ein Getränk weder Fett, noch Alkohol oder Zucker, sollte man es meiden. Das heißt nicht, dass ich keinen Salat esse. Aber gerne mit gebratener Putenbrust oder Schinken- und Käsewürfeln. Und ganz wichtig ist das Lustprinzip. Warten bis der Hunger und der Durst kommen, dann aufmerksam in den eigenen Körper hineinlauschen und genau das zu sich nehmen, worauf man in diesem Augenblick die meiste Lust hat. Nur so kann man in Zeiten des Schlankheitswahns sein Gewicht halten und besitzt die notwendigen Reserven für Zeiten der Not und der Krankheit. Und was für den Erwerb von Kalorien gilt, sollte beim Verbrauch derselben ebenfalls berücksichtigt werden: Maßvolle Bewegung, Schonen statt Schinden. Kinder rennen, Erwachsene gehen. Liegen lernen.