Freitag, 4. April 2014

Erinnerungen von drei Kontinenten

Prag 1986: Eine Stadt wie ein Schwarz-Weiß-Film. Leere krumme Gassen mit Kopfsteinpflaster und altertümlichen Laternen, die an Hauswände geschraubt sind. Die morbide Grandezza der verfallenden Häuser aus der Kaiserzeit. Nachmittage und Abende in lichtlosen Gasthäusern sitzen und über dem Bierglas philosophieren. Im milden Rausch die Stunden und Tage seines Lebens an die Ewigkeit verschenken, während aufmerksame Kellner in stummem Einverständnis die Gläser austauschen.
San Francisco 1993: Die amerikanische Flagge im Zelt eines Obdachlosen, bei dem ich im Golden Gate Park übernachtet habe. Ich war mit einer Freundin in einem Supermarkt gewesen, um Wein zu kaufen, als er uns angesprochen hatte. Er habe Hausverbot, ob wir ihm nicht eine Flasche mitbringen könnten. Wir tranken dann zusammen auf einer Wiese im Park und er nahm uns anschließend ins Lager der Hobos mit. Eine Nacht am Lagerfeuer, vom Pazifik wehte eine sanfte Brise heran. Am nächsten Morgen schenkte mir ein junger Bursche, der sich „Kid“ nannte, zum Abschied seine Halskette.
Tokio 2008: Das Obst in der Feinkostabteilung von Mitsukoshi auf der Ginza. Unser Gastgeber hatte uns empfohlen, eine Runde durch diese Abteilung zu drehen, von allen Gratishäppchen zu probieren und so die Kosten für das Mittagessen zu sparen. Ich erinnere mich an ein Sechserpack Äpfel, die so perfekt waren, als wären sie für ihren Auftritt gecastet worden. Jeder Apfel war einzeln wie ein Törtchen in eine gefaltete Papierschale gebettet. Die Äpfel lagen in einer zierlichen Holzkiste auf grünem Kunststoff, der wie Stroh aussah. Man hätte es nicht gewagt, dieses Obst zu berühren, geschweige denn, es zu essen. Auch der Preis von dreißig Euro für dieses Arrangement gebot, ehrfürchtig Abstand zu halten. Die Mohrrüben gleich neben den Äpfeln sahen aus, als hätte sie ein eigens hierfür ausgebildeter Experte unter zehntausenden Mohrrüben für einen Werbefilm ausgewählt.