Bisweilen ereignen sich in
unserer ebenso ruhigen wie reizenden Grafschaft doch bemerkenswerte
Geschichten, von denen ich Ihnen die folgende nicht vorenthalten möchte:
Es war gegen elf Uhr morgens,
ich war gerade mit der Lektüre des „Bad Nauheimer Morgen“ beschäftigt, als
Johann, mein braver Kammerdiener, den Besuch einer jungen Dame meldete, die
mich dringend zu sprechen wünschte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, bin ich
kein Freund unangemeldeter Besuche, da sie erstens den geregelten Tagesablauf
durcheinander zu bringen pflegen, zweitens häufig mit unangenehmen Nachrichten
verbunden sind und drittens einen mehr als deutlichen Hinweis auf die
mangelnden Umgangsformen des Besuchers geben.
Ich empfing also die junge Dame,
entgegen meinen Gepflogenheiten, in meinem Salon, obwohl ich nur mit einem
seidenen Morgenrock, meinem rot-weiß-blau-gestreiften Pyjama und
Plüschpantoffeln bekleidet war.
„Mister Bonetti, ich muss Sie
unbedingt um Ihren Rat bitten.“ Die Frau mochte Anfang Zwanzig sein, sie war
von schlankem Wuchs und hatte auffallend hellblonde lange Haare.
„Nehmen Sie bitte Platz, meine
Werteste. Welche Angelegenheit führt Sie zu mir, wenn ich mir die Frage
erlauben darf?“
Sie nahm Platz und schlug ihre
auffallend langen Beine übereinander. „Mein Name ist Juliette Baxter. Es geht
um ein Stellenangebot und ich weiß nicht, ob ich es annehmen kann.“
„Nun, ich bin unglücklicherweise
kein Berufsberater“, antwortete ich kühl.
„Das Stellenangebot ist so
rätselhaft, dass ich keinen anderen Ausweg wusste, als mich an Sie zu wenden,
Mister Bonetti. Ich habe meine Unterlagen bei einer Casting-Agentur eingereicht
und gestern bin ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Ein
älterer und offenbar wohlhabender Herr hat mir eine Stelle als Gesellschafterin
seiner Gattin angeboten. Ich soll in seinem Haus wohnen und bekomme dafür
50.000 Euro jährlich.“
„Das klingt doch sehr
interessant für eine junge Dame, oder nicht?“ fragte ich mit kaum verhohlenem
Desinteresse.
„Dieser Mann stellte aber einige
seltsame Bedingungen: Ich solle mein Haar abschneiden und schwarz färben,
außerdem müsse ich immer ein bestimmtes dunkelblaues Kleid tragen, das er für
mich bereithalte. Und ich darf das Haus in den ersten Wochen nur in seiner
Begleitung verlassen. Ist das nicht ungewöhnlich?“
„Das ist sicher richtig, aber
ich verstehe nicht ganz, wie ich Ihnen in dieser Angelegenheit behilflich sein
kann?“
Sie sah mich flehend mit ihren
großen türkisfarbenen Augen an. „Ich kenne niemanden in dieser Grafschaft,
Mister Bonetti, und jeder schätzt Sie hier als vollendeten Gentleman. Kann ich
auf Ihre Hilfe zählen, wenn ich mich allein und schutzlos in diese abgelegene
Villa begebe?“
Nun war ich natürlich bei meiner
Ehre gepackt. „Selbstverständlich, Miss Baxter. Lassen Sie mir eine Nachricht
zukommen, falls Sie in Schwierigkeiten sind.“
Dann klingelte ich mit meinem
kleinen silbernen Glöckchen nach Johann, der die junge Dame hinaus begleitete.
Eine Woche später erhielt ich
ein Telegramm eben jener Dame, die mich bat, sie am Flussufer in der Nähe des
Hauses zu treffen, das im Volksmund den Namen „The Copper Beeches“ trug. Ich
ließ Johann also die Kutsche anspannen und meinen Reiseanzug herauslegen.
Bereits eine Stunde später verließen wir mein Anwesen in Upper Ingleham und
waren auf dem Weg nach Lower Ingleham. Es dämmerte schon, als ich die junge
Dame am verabredeten Treffpunkt vorfand. Sie trug ein blaues Kleid, ihr Haar
war kurz und schwarz.
„Nun, meine Liebe. Sie wünschen
mich zu sprechen?“
„Mister Bonetti, ich bin so
froh, Sie zu sehen. Mister und Mistress Wilshire sind im Theater. Sie müssen
bald zurück sein, daher habe ich nur wenig Zeit.“
„Erzählen Sie mir alles und
lassen Sie nichts aus, so unwichtig es Ihnen auch erscheinen mag“, sagte ich
mit der beruhigenden Stimme eines erfahrenen Kriminalisten.
„Jeden Tag muss ich in diesem
blauen Kleid, das mir Mistress Wilshire gegeben hat, stundenlang am offenen
Fenster sitzen. Mister Wilshire erzählt mir köstliche Anekdoten und bringt mich
zum Lachen. Ich bekomme Kuchen und Kaffee gereicht, darf mich aber nicht vom
Fenster wegbewegen. Eines Tages, als ich mich zufällig umdrehe, sehe ich einen
jungen Mann vor dem Fenster, der mich anstarrt. Als es Mister Wilshire
bemerkte, war er sehr ungehalten und schloss das Fenster. Außerdem habe ich bei
meinen Gartenspaziergängen mit Mistress Wilshire bemerkt, dass in einem Flügel
des Anwesens die Fenster permanent geschlossen sind. Eines Nachts habe ich mich
in diesen Flügel geschlichen, aber die Zugangstür war verschlossen. Gestern
Abend habe ich gesehen, dass der Schlüssel zu diesem Flügel im Schloss steckte.
Also sah ich mich vorsichtig um und schlüpfte hinein. Ich fand drei leere
Zimmer, deren Türen offen standen. Die vierte Tür jedoch war verschlossen und
mit schweren eisenbeschlagenen Balken verriegelt. Ich habe einen grauenhaftes
Stöhnen von dort vernommen.“
„Ich verstehe, Miss Baxter. Mir
scheint, als sei Eile geboten. Führen Sie mich bitte zum Haus der Wilshires.“
Als wir im Haus bei den
Blutbuchen waren, ging ich sogleich zur Tür, die in jenen geheimnisvollen
Flügel führte und die ich verschlossen vorfand. Ich zog einen Bund Dietriche
hervor und in kurzer Zeit hatte ich die Tür geöffnet. Die mit eisenbeschlagenen
Balken bewehrte Tür machte etwas mehr Mühe, aber auch sie ward schließlich
geöffnet.
Auf einem Diwan lag eine junge
Frau, gefesselt und geknebelt, die Miss Baxter aufs Haar glich. Ich löste den
Knebel und die Fesseln, die Frau schlug die Augen auf. Mit ein wenig Riechsalz
und Franzbranntwein holte ich sie ins Leben zurück und sie erzählte mir Ihre
Geschichte. Mister Wilshire habe sie geschlagen und misshandelt. Ferner sei es
ihrem Verlobten nicht erlaubt gewesen, sie zu besuchen. Als sie ihrem Hausherrn
mit Anzeige gedroht habe, hätte er sie gefesselt und geknebelt in diesem Raum
eingesperrt.
Plötzlich hörte ich einen
Schrei. Das musste Miss Baxter sein. Offensichtlich waren die Wilshires
zurückgekehrt. Ich versteckte mich hinter der Tür und tatsächlich kam wenige
Augenblicke später Mister Wilshire durch die Tür ins Zimmer gestürmt. Ich trat hinter
der Tür hervor, packte ihn am Schlafittchen und drehte ihm den Arm auf den
Rücken.
„Mister Wilshire, hätten Sie die
Liebenswürdigkeit, mich zu Polizei zu begleiten?“
Und so war auch dieser Fall
gelöst. Für das Double ihrer Gefangenen hatten die Wilshires keine Verwendung
mehr und so engagierten sie als nächstes einen Rechtsanwalt. In einer der
folgenden Nächte brannte das Haus bei den Blutbuchen vollständig nieder. Der
Täter wurde nie gefasst.
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