Sonntag, 9. April 2017

Zufall, Ironie und tiefere Bedeutung

„Die Romanschreiber missbrauchen unser Vertrauen, indem sie Individuen darstellen, deren Einengung durch die Umwelt sie außer Acht lassen. Der Wald gestaltet den Baum. Wie wenig Platz ist dem Einzelnen gelassen!“ (André Gide: Die Falschmünzer)
Was ist in einer Erzählung möglich? Sie kann nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit oder der Phantasie sein. Je kürzer sie ist, desto kleiner ist der Ausschnitt. Wo setze ich als Erzähler den Schnitt an? Zu welcher Zeit und an welchem Ort beginnt die Geschichte, wo hört sie auf?
Da ist diese Frau, die mich vor dem Bahnhof anspricht. Sie hat nachtschwarzes Haar und riecht nach Armut. Ich bin fremd an diesem Ort und gebe ihr offenbar zu viel Geld, als sie mich um ein Almosen bittet. Sie folgt mir, als ich weitergehe.
Ich fliehe in den Lärm und das Gewühl der Bahnhofshalle. Aus den Lautsprechern werden offenbar Züge, Gleise und Abfahrtszeiten gerufen. Ich verstehe kein Wort. Der verlockende Geruch von Süßigkeiten, als ich an einem Stand vorbeikomme. Die Frau hat nichts mit dieser Geschichte zu tun, aber ohne sie wäre ich nicht in den Bahnhof gegangen.
***
Schließfächer. Immer wieder tauchen Schließfächer in Erzählungen auf. Viel häufiger als im wirklichen Leben. Der Gang mit den Schließfächern ist leer. Ich atme tief durch. Endlich allein. Ich setze mich auf eine Bank, ohne auf etwas zu warten. Natürlich dauert es nicht lange und die Geschichte geht weiter. Keine Erzählung erträgt die Leere. Weiße Seiten ergeben kein Buch. Also kommt ein Mann, der nicht weit von mir entfernt ein Schließfach öffnet. Sein Haar ist so grau wie ein Zimmer in der Abenddämmerung.
Ich sehe nicht, was er hineinlegt. Er wirft eine Münze ein und dreht den Schlüssel im Schloss. Dann höre ich in der Ferne den harten Aufschlag von Absätzen. Kurz darauf sehe ich drei junge Männer, die in unsere Richtung rennen. Der Klang ihrer Schritte hallt bedrohlich von den Wänden wider.
Der Mann ist längst in die andere Richtung davongerannt. Ich sehe, wie er am Ende des Ganges den Schlüssel in einen Papierkorb wirft. Er ist schon verschwunden, als die Männer an mir vorbeistürmen. Ihre Mantelschöße wehen wie schwarze Banner. Sie beachten mich gar nicht.
Als es wieder still geworden ist, gehe ich zum Papierkorb und finde den Schlüssel zum Schließfach.
***
Ich öffne die Tür zu einem neuen Kapitel. Am Ende des Textes haben wir kein Ziel erreicht, sondern einen neuen Ausgangspunkt.
P.S.: Im Vergleich mit der Literatur sind die Malerei und die bildende Kunst viel weiter gekommen. Sie haben sich von der gegenständlichen Darstellung gelöst, von der Logik und der Chronologie, von Harmonie und Symmetrie. Sie sind viel freier in ihren Werken als die heutige Literatur, die so konventionell wirkt wie die Malerei des 17. oder 18. Jahrhunderts. Üblicherweise gibt es eine Romanstruktur von der Stange nebst herkömmlichen Charakterzeichnungen und braven Ursache-Wirkungs-Ketten („Handlungsmotive“), einen Anfang und ein Ende. Wo ist der Anfang eines abstrakten Gemäldes? In der Literatur folgt stumm und ergeben Seite auf Seite, der lineare Ablauf einer Textkarawane. Selbst mit Farben wagt man nicht zu experimentieren, obwohl es längst möglich wäre: schwarze Buchstaben auf weißem Hintergrund – selbst bei E-Books und im Internet. Die Erzählung tritt auf der Stelle. Wer Neues wagt, wird durch Nichtbeachtung bestraft. In der Literatur hat die digitale Revolution noch gar nicht stattgefunden. Die Debatte um den „Hypertext“ aus der Frühphase des Netzes in den neunziger Jahren endete im Nichts.
„Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren. Doch unsere behutsamen Literaten fürchten sich vor dem hohen Meer: das Geschäft, das sie betreiben, ist Küstenschifffahrt.“ (André Gide: Die Falschmünzer)
Genesis – Squonk. https://www.youtube.com/watch?v=TzL-up4ZKgI