Donnerstag, 9. Februar 2017

Im Gefängnis

“Darf es noch eine Wachtelbrust sein, Herr Gefängnisdirektor?“
„Danke. Ich kriege nichts mehr rein.“
„Aber ich habe zum Nachtisch noch eine Käseplatte bestellt.“
„Sie verwöhnen mich, Herr Schönfärber.“
„Ich empfehle Ihnen den Ziegenkäse und dazu müssen Sie unbedingt den Feigensenf probieren. Eine Delikatesse.“
Die beiden Männer stießen mit Rotwein an. Die teuren Gläser hatten einen angenehmen Klang.
Seit Heribert Schönfärber in Untersuchungshaft saß, lebte der Gefängnisdirektor wie Gott in Frankreich. Frühstück, Mittagessen und Abendbrot wurden vom Restaurant „Chez Maurice“ herübergebracht und serviert. Das „Chez Maurice“ hatte einen Michelin-Stern und man munkelte, der zweite Stern sei nicht mehr weit entfernt.
„Manchmal frage ich mich, wie Sie sich das leisten können. Angeblich hat die Staatsanwaltschaft doch alle Ihre Konten gesperrt und das Geld beschlagnahmt.“
Schönfärber lächelte. „Anlagebetrug ist ein sehrt komplexes Geschäft. Sie benötigen eine Menge Konten auf vielen Banken in diversen Ländern. Die Staatsanwaltschaft hat nur die Spitze des Eisbergs kassiert. Viele meiner Geschäfte laufen über Strohmänner oder die Strohmänner von Strohmännern.“
Direktor Kleingärtner lächelte ebenfalls. „Ich verstehe. Dann müssen wir uns um Sie also keine Sorgen machen?“
„Ich bitte Sie, meine lieber Herr Direktor. Wir sollten uns den Fall so angenehm wie möglich machen. Oberstaatsanwalt Kehrnich ist ein Dilettant, ein Dreier-Jurist, der den Job nur bekommen hat, weil er das richtige Parteibuch besitzt und gegen eine Versetzung in diesen Landkreis nichts einzuwenden hatte. Ich rechne mit einer Bewährungsstrafe. Und die Geldstrafe dürfte kein Problem sein.“
Kleingärtner genoss den vorzüglichen Käse und gab milde zu bedenken: „Die Medien haben sich aber auf Ihren Fall eingeschossen.“
Schönfärber schüttelte den Kopf. „Ich habe ja Fernsehen und Internet in meiner Zelle, da bekommt man so einiges mit. In den Kommentarspalten und in den sozialen Medien sind meine Leute unterwegs. Manchmal mische ich auch selbst ein bisschen mit. Der Wind beginnt sich zu drehen. Mein Fall ist nur einen Terroranschlag von der Bedeutungslosigkeit entfernt.“
„Sie schreiben im Netz aber hoffentlich nicht unter Ihrem richtigen Namen. Sonst komme ich in Teufels Küche, denn bekanntlich dürfen Sie kein Internet in Ihrer Zelle haben.“
„Das ist klar. Ich darf ja auch kein Himmelbett und keinen Mahagonischreibtisch in meiner Zelle haben.“
Beide lachten laut und stießen mit einem Kräuterschnaps an.
„Nein, im Ernst, mein lieber Direktor. Ich schreibe nur unter diversen Pseudonymen. Die Presse ist ja auch nur ein Nebenkriegsschauplatz. Meine beste Waffe ist Dr. Nerlinger.“
Kleingärtner nickte. „Ein großartiger Verteidiger. Er hat für die Deutsche Bank und VW gearbeitet. An dem wird sich der Staatsanwalt die Zähne ausbeißen. Und in der Frage der Anlageberatung steht schließlich das Wort der Zeugen gegen Ihr Wort.“
„Eben. Es stand ja alles im Kleingedruckten. Man sollte alles gründlich durchlesen, was man unterschreibt. Man kann heute niemandem mehr trauen.“
„Richtig, Herr Schönfärber. Dann wünsche ich Ihnen gutes Gelingen morgen im Gerichtssaal.“
„Danke, Herr Kleingärtner. Noch etwas Brie?“
Tangerine Dream - Dr. Destructo. https://www.youtube.com/watch?v=T4WO1uMP2B0