Montag, 25. September 2017

Der Dolchstoß

Treu sei er, behaupten Konservative und völkisch Erweckte gerne vom Deutschen. Treu, ehrlich und fleißig. Was der Deutsche nicht mag, ist Verrat. Ob es der heimtückische Mord am Sagenhelden Siegfried ist oder die Dolchstoßlegende 1918.
Womit wir bei Frauke Petry wären. Parteivorsitzende der AfD mit Mutterkreuz und selbsternannte Gralshüterin des Deutschtums. Es ist noch nicht einen Tag her, dass die Wahlergebnisse bekanntgemacht wurden, da verlässt sie die Bundestagsfraktion. Eine Parteivorsitzende, die mit ihrer Partei im Parlament nichts zu tun haben möchte. Wann hat es das in Deutschland je gegeben?
Die Entscheidung habe sie lange vorher getroffen, sagt sie im ZDF-Interview. Das nennt man Wählertäuschung. Verrat an der Partei und Verrat am Volk. Das Mandat will sie aber behalten, den Platz am Schweinetrog nicht räumen und vier Jahre als Fraktionslose stumm in der letzten Reihe ausharren. Von jedem gemieden, selbst in der Bundestagskantine, im Aufzug oder auf der Damentoilette.
Das ist Realsatire. Hoffentlich geht die Selbstzerfleischung des Hyänenrudels im gleichen Tempo weiter.
Nachtrag:

Paris – Stadt der Liebe

„Wer einen Garten besitzt und eine Bibliothek, hat alles, was er braucht.“ (Cicero)
„Könnten Sie mir bitte das Kalbsfilet mit Kartoffelgratin statt mit Salzkartoffeln bringen? Und das Filet nur leicht anbraten, es sollte keinesfalls zu lange in der Pfanne sein. Den Salat bitte ohne Gurken und Zwiebeln. Welches Öl nehmen Sie für das Dressing?“
Ihre Auftritte vor Publikum waren nervenaufreibend. Bei mir hatte sie es schon längst aufgegeben. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, hatte ich bereits eine gemischte Vorspeisenplatte in Auftrag gegeben. Sicherlich würde die Hälfte der Kleinigkeiten ganz grundsätzlich nicht ihrem Geschmack entsprechen und die andere Hälfte würde einen Makel haben, den sie mir wortreich erläutern musste.
„Wie hat dir die Ausstellung gefallen? Ich kann ja mit der schwedischen Moderne nicht viel anfangen. Wer ist eigentlich dieser Silvio Burlesko?“
Sie hatte mich in diese Ausstellung geschleppt. Ich interessierte mich überhaupt nicht für Kunst. Aber sie brauchte Stoff für die Gespräche mit ihren Freundinnen nach unserer Rückkehr. Natürlich habe ich keine Ahnung von diesem Burlesko. Ich höre schon ihren schnippischen Kommentar: „So, du weißt es also nicht.“ Du weißt es doch auch nicht! Das Fräulein Naseweiß stellt mir seit dreißig Jahren Fragen, die sie selbst nicht beantworten kann. Aber ich bin der Idiot, wenn ich nicht wie aus der Pistole geschossen das Geburtsjahr von Shakespeare nennen kann.
„Was sagst du zu diesen Skulpturen? Waren sie nicht obszön? Oder ist dir das gar nicht aufgefallen?“
Sie hatte ihren zweiten Aperitif gerade ausgetrunken und ich wusste, dass Alkohol sie aggressiv und arrogant machte. Aber ich bin ja selbst schuld. Warum habe ich dieses verwöhnte Einzelkind aus gutem Hause, wie man damals sagte, überhaupt geheiratet? Sie brauchte diese Museums- und Theaterbesuche. Und dann erzählte sie auf Partys immer nur, was für ein Trottel der neue Liebhaber einer berühmten Opernsängerin war, die sie gerade gesehen hatte. Oder wie schrecklich die Modeboutiquen in Salzburg waren, das wir zur Festspielzeit besucht hatten.
„Wir müssen morgen unbedingt noch in die Galerie von Monsieur Popain. Vielleicht kaufen wir uns etwas für unser Schlafzimmer.“
Reisen mit meiner Frau sind wie eine Klassenfahrt. Den ganzen Tag Programm. Das Frühstück im Hotel ist nicht der Anfang eines entspannten Urlaubstags, es ist wie eine Besprechung. Sie stöbert in Reiseführern und zerrt ausgeschnittene Feuilletonartikel aus ihrer Handtasche hervor, ich sitze ihr mit Block und Stift gegenüber und schreibe auf, was wir an diesem Tag erledigen wollen. Dabei ist ihr Kunst so egal wie mir. Die Werkschau von Swetlana Ostrowski neulich in Hamburg hat sechshundert Exponate umfasst. Sie ist in einer halben Stunde durchgerast. Das sind drei Sekunden pro Bild oder Skulptur. Ich habe die Szene noch genau vor mir: Ich bin im ersten Raum und sehe durch die geöffneten Flügeltüren die gesamte Zimmerflucht. Meine Frau rennt gerade vom zweiten in den dritten Raum und stürmt, es ist nicht gelogen, ohne auch nur einmal nach links oder rechts in zehn Sekunden hindurch und ist verschwunden. Warum geht sie eigentlich überhaupt in Ausstellungen? Nur, um es anderen Wichtigtuern erzählen zu können?
„Schatz, das Essen war grauenhaft. Wie kann man nur Pfeffer an ein Kalbsfilet machen? Und der Wein war zu warm. Wir hatten Weißwein bestellt, aber der Temperatur nach war es Rotwein. Ich verzichte auf die Nachspeise. Hier gehen wir nicht mehr hin.“
Wir sind schon draußen auf dem Parkplatz, als sie noch einmal ins Lokal zurückkehrt, um die Toilette aufzusuchen. Ich halte solange ihre Handtasche. Warum bin ich nicht Single? Alleinstehende Männer müssen nie die Handtasche von irgendwelchen Frauen in ihren Händen halten oder nachts an der Tankstelle Tampons kaufen. Aber ich bin zu alt, um das alles noch zu ändern.
The Beatles - If I fell. https://www.youtube.com/watch?v=mdiXmzLAmDE

Sonntag, 24. September 2017

Danke, liebe AfD!

Ab 25.9.2017 sind folgende Sätze endlich wieder erlaubt:
„ Du dreckiger Knoblauchfresser hast mich beim Wechselgeld beschissen.“ (=> türkischer Gemüsehändler)
„Für Untermenschen wie dich gibt es immer einen Platz in der Gaskammer.“ (=> Behinderter, der sein Auto auf einem Behindertenparkplatz abstellt)
„Ihr Judenschweine solltet alle an den Laternen baumeln.“ (=> Sachbearbeiter der Sparkasse)
Endlich haben wir mehr Meinungsvielfalt in Deutschland. Oder hast du diesen Text gar nicht verstanden, weil du aus irgendeiner Ficki-Ficki-Bude in Timbuktu stammst?
Da fällt mir nur noch folgender Witz ein:
Ein Hai macht ein Kreuzworträtsel. Da kommt ein Delphin vorbei. Der Hai sagt: „Hey, Delphin, du bist doch so schlau. Was ist denn ein Raubfisch mit drei Buchstaben?“ Der Delphin antwortet: „Schau dich doch mal selbst an, dann kommst du drauf.“ Der Hai überlegt kurz und schreibt dann: AfD.

+++ breaking news +++ Elvis verlässt das Wahllokal +++

"Ich bin nicht der Typ, der sich gerne in den Vordergrund drängelt. Aber die Weltherrschaft? Ich würde es machen.“ (Andy Bonetti)
Hier sehen Sie Elvis Presley, der gerade das Wahllokal in Memphis, Ostwestfalen, verlässt.

Leider handelt es sich beim folgenden Bild um Fake-News von russischen Bäckern, äh: Hackern. Elvis ist kein Kommunist und hat auch nicht Sahra Wagenknecht gewählt.

EXKLUSIV: DIE ERSTE HOCHRECHNUNG

“Nach dem Reichstagsbrand ist vor dem Reichstagsbrand” (Johnny Malta)
Die Task Force „Horst Wessel“ von Bonetti Media Unlimited hat keine Kosten und Mühen gescheut und in tausend repräsentativ ausgewählten Wahlkabinen Kameras angebracht (gibt’s in „Ute’s Elektronikstübchen“ in Bad Nauheim recht günstig).
Das Ergebnis darf uns nicht überraschen: Die AfD ist mit 15 Prozent drittstärkste Kraft. Für den Abend hat Adolf Kaufland einen Fackelzug durchs Brandenburger Tor angekündigt.
Wer geglaubt hat, unsere „Erinnerungskultur“ würde uns vor den neuen Nazis schützen, wer geglaubt hat, rechtsradikale Bewegungen wie in Frankreich, Ungarn und anderen Ländern könne es bei uns nicht geben, hat sich nie mit dem Thema Rechtsradikalismus in Deutschland befasst. Zehn Prozent der Bevölkerung waren es in der Bundesrepublik zu allen Zeiten – mindestens. Wir sind nicht besser als andere Länder, wir glauben es nur immer noch.
Hier ein paar Zahlen aus der Studie „Die enthemmte Mitte“ (hrsg. von Decker/Kiess/Brähler, 2016):
10,6 Prozent wünschen sich einen Führer.
33,8 Prozent glauben, Deutschland sei durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.
10,9 Prozent sind Antisemiten.
50 Prozent fühlen sich wegen der Muslime als Fremde im eigenen Land. Selbst 37,7 Prozent der Linken-Wähler und 24,7 Prozent der Grünen-Wähler sehen das so.
In der Zusammenfassung kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Rechtsradikalen in der AfD ihre Heimat gefunden hätten und die Gewaltbereitschaft gestiegen sei.
Die Nazis waren schon immer unter uns. Jetzt sind sie auch im Bundestag.

Der rote Planet – Raumflug zum Marx


Blogstuff 159
„Er lehnte die Stirn gegen die kühle Kachelwand der Herrentoilette, während er am Urinal stand und tief unten nach seinen Genitalien suchte.“
Dieses Zitat stammt aus Andy Bonettis neuem Buch „Nach Mitternacht“. Gestern Morgen wurde die erste Auflage ab neun Uhr in allen deutschen Bahnhofsbuchhandlungen angeboten und schon vor zwölf war sie ausverkauft.
LSD ist unglaublich. Als ich von meinem ersten Trip runterkam, saß ich in einem Müllcontainer hinter McDonald’s und dachte, ich wäre in einer Raumkapsel beim Rücksturz zur Erde.
Es ist ein kniffliger Fall für die Juristen, der gerade am Amtsgericht in Wichtelbach verhandelt wird. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei in der Küche einer Studenten-WG einen Papagei, der linksradikale Parolen krächzte. Frage: Wer von den Bewohnern ist der Schuldige?
Glück ist kein Ziel, auf das man hinarbeitet, sondern das Ergebnis von Ereignissen, von deinen einige auf bloßem Zufall beruhen. Viele verwechseln Glück mit Zufriedenheit. Glück hat man, wenn man einen Euro auf der Straße findet. Zufrieden ist man, wenn man den Schokoriegel isst, den man sich von dem Euro gekauft hat.
Die Wohnungen unserer Großeltern waren mit zukünftigen Antiquitäten möbliert, wir wohnen in zukünftigem Müll.
Hätten Sie’s gewusst? Unser Körper besteht aus 100 Billionen Zellen. Würde man sie aneinanderlegen, wäre die Kette zweieinhalb Millionen Kilometer lang. Unser Blutkreislauf hat eine Gesamtlänge von etwa hunderttausend Kilometer.
„Mein Großonkel Ophelius Bonetti war ein Weltenbummler und Abenteurer, der die Quellen des Sambesi und der CDU gesucht hat, der in Saudi-Arabien mit einem Brauhaus und einem bayrischen Spezialitätenlokal Pleite ging, der dem Sultan von Brunei als Flötenspieler und Büchsenspanner diente, auf Helgoland nach Diamanten suchte, in der deutschen Scrabble-Nationalmannschaft spielte und in Kalkutta ein Steakhaus eröffnet hat. Alles, was er seinen Erben hinterließ, war seine Wasserpfeife, ein Bohnensuppenrezept auf der Rückseite einer Schatzkarte ohne Ortsangaben und eine Sammlung historischer Champagnerkorken.“ (Andy Bonetti: Die Bonettis – Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg in fünf Generationen und sieben Bänden)

Ophelius Bonetti
Ich habe mal zwei Wochen in einer IKEA-Filiale gewohnt und keiner hat’s gemerkt.
Richtigstellung: Die neue Dessous-Serie von Bonetti Enterprises heißt nicht „Schweinemettcontainer“.
99 Prozent der Menschen sind perfekt informiert und wissen doch nichts. Sie kennen die Daten der politischen Meinungsumfragen, kennen aber nicht die Programme der Parteien.
Hätten Sie’s gewusst? Wolfgang Bosbach nimmt sein Toupet nur ab, wenn die deutsche Nationalhymne gespielt wird.
Wenn Andy Bonetti sagt, er arbeite nur halbtags, heißt das: zwölf Stunden.
P.S.: Ich werde heute nicht zur Bundestagswahl gehen. Das ist auch eine Möglichkeit, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Was mir in den letzten Wochen tierisch auf die Klöten gegangen ist: der dumme Spruch, dass man sich anschließend nicht beschweren darf, wenn man nicht gewählt hat. Wer bestimmt das? Gibt es da ein Gesetz, das ich nicht kenne? Ich werde nicht zur Wahl gehen und mich dennoch die nächsten vier Jahre kritisch zur Bundesrepublik äußern. Menschen, die in diesen Zeiten von einer Wahlpflicht, also von einem Wahlzwang sprechen, offenbaren in meinen Augen eine totalitäre Gesinnung. Ich habe auch in den USA nicht gewählt und darf Trump Scheiße finden. Ich kenne ein Ehepaar, das seit vielen Jahren zur Wahl geht und die Stimmzettel in der Wahlkabine ungültig macht. Das ist legitim und ebenso eine Meinungsäußerung wie die Wahl einer Partei. Und mein Kommentar zu den Leuten, die jede Stimme für eine kleine Partei, die es nicht in den Bundestag schafft, für eine „Papierkorbstimme“ halten, mit der man indirekt sogar zum Aufstieg des Faschismus beiträgt: Fickt Euch bitte selbst. Fickt Euch jetzt. Fickt Euch hier.
N.W.A. - Express Yourself. https://www.youtube.com/watch?v=u31FO_4d9TY

Samstag, 23. September 2017

Speed-Dating – noch 24 Stunden

„Mein Name ist König und ich bin hier Kunde.“ (Andy Bonetti in einem Wahllokal)
Morgen ist Bundestagswahl und ich habe mich noch nicht entschieden. In der Turnhalle von Schweppenhausen veranstalte ich daher ein spontanes Speed-Dating mit den Spitzenkandidaten.
„Frau Merkel. Vor vier Jahren haben Sie uns besseres Internet versprochen. Im Hunsrück gibt es immer noch keinen Meter Glasfaserkabel. Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung zu sagen?“
„Wir wollen in der nächsten Legislaturperiode damit anfangen.“
„Das haben Sie vor der letzten Wahl schon gesagt. Warum soll ich Ihnen heute glauben?“
„Für das Internet ist Verkehrsminister Dobrindt zuständig.“
„Der hat aber seinen dämlichen Arsch nicht hochgekriegt und vier Jahre lang an der bescheuerten Autobahnmaut rumgebastelt. In jedem gut geführten Unternehmen hätte man den Mann längst fristlos entlassen.“
„Er ist bei der CSU. Da kann ich nichts machen.“
„Was?! Sie sind doch die Kanzlerin. Warum können Sie als Regierungschefin nix machen? Der Typ kriegt seine Anweisungen doch von Ihnen und nicht aus München. Schwache Ausrede. Ganz schwach.“
Ich stehe auf und gehe zum nächsten Tisch. Dort sitzt ein unrasierter Typ mit Halbglatze.
„Herr Schulz. Die SPD war in den letzten Jahren an der Regierung. Warum haben Sie nichts für die soziale Gerechtigkeit gemacht? Ich denke vor allem an den skandalösen Umgang mit Hartz IV-Empfängern.“
„Sobald ich Kanzler bin, werden wir etwas für die Gesellschaft tun.“
„Aber Ihrem feinen Herrn Schröder, der jetzt für Inkasso-Iwan arbeitet, haben wir den sozialen Kahlschlag doch erst zu verdanken. Er hat den Armen genommen und den Reichen gegeben.“
„Die hart arbeitenden Menschen draußen im Lande …“
Es reicht mir eigentlich schon. Ich habe nur noch 24 Stunden. Ich stehe auf und gehe zu Adolf Kaufland.
„Wann hatten Sie zum letzten Mal Sex?“
„Zählt eine Prostata-Untersuchung auch dazu?“
Für so eine Scheiße habe ich heute wirklich keine Zeit. Ich gehe zum nächsten Tisch. Dort sitzt ein unrasierter Typ, der sich seine Arschhaare auf den Kopf verpflanzt hat.
„Herr Lindner. Warum kriegt Ihr Bonzenschweine eigentlich den Hals nicht voll genug?“
„Knete first. Bedenken second. So ähnlich hat es übrigens schon Bertholt Brecht formuliert.“
„Was machen Sie, wenn Sie noch mehr Geld haben? Lassen Sie sich Ihre Sackhaare in die Nase verpflanzen?“
„Denken wir neu.“
Ich gehe weiter und setze mich zu einer Frau in einem weinroten Tausend-Euro-Kostüm.
„Warum machen die Linken nichts gegen die Armut, Frau Wagenknecht?“
„Wir sind in der Opposition. Wir würden gerne die Sozialgesetzgebung ändern.“
„In Thüringen stellen Sie den Ministerpräsidenten. Warum verändern sich dort nichts? Und warum sind Sie immer noch mit diesem kleinen dicken Champagnersozialisten aus dem Saarland zusammen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten gehe ich zu Katrin Göring-Eckardt.
„Nennen Sie mir einen guten Grund, warum ich euch verlogenen Bio-Spießer wählen soll!“
„Wir werden den Klimawandel stoppen.“
„Du bist so süß. Gibt’s dich auch in rosa und mit Einhorn? Was ist mit eurem Autohausfritzen aus Stuttgart? Kretschmann ist erklärter Diesel- und Merkelfan. Das ist doch nicht euer Ernst, oder?“
Ich gehe zum letzten Tisch. Serdar Somuncu erwartet mich mit einem Sixpack Bier.
Es wurde dann doch noch ein schöner Abend.
Howard Jones – Things Can Only Get Better. https://www.youtube.com/watch?v=-OO9LloDSJo

Andy Bonetti hört am Wahlabend die Ergebnisse der ersten Hochrechnung.

Freitag, 22. September 2017

Die Erfindung von Journalismus und Literatur

„Die alte Gomolke gehörte zu den Frauen, die das Husten eines Flohes auf einen Kilometer Entfernung mit der Präzision einer Waldohreule wahrnehmen konnte. Sie kannte alle Geschichten aller Menschen, die jemals in diesem großen Haus gewohnt hatten.“ (Johnny Malta: Tantrasex für Alleinstehende)
Es war an einem Abend, lange bevor die Zeitrechnung erfunden wurde. Harry, Larry und Barry saßen mit ihren Frauen Sandy, Candy und Mandy um das Lagerfeuer am Höhleneingang und fraßen wie die Wilden. Sie schmatzten, grunzten und rülpsten, was das Zeug hielt und ihre zotteligen Kinder waren auch nicht viel besser.
Als sie mit ihrer Mahlzeit fertig waren, ließ Harry einen letzten, ohrenbetäubenden Rülpser hören, der die Affen vor Schreck von den Bäumen fallen ließ.
„Ich war heute mit Larry auf der Jagd, als wir plötzlich dieses Rascheln im Gebüsch hörten.“
Alle hörten ihm aufmerksam zu.
„Ich gehe in das Gebüsch und wen sehe ich?“
„Wen siehst du, Harry?“ fragte seine Frau Sandy gespannt.
„Einen riesigen Bären.“
„Er war echt riesig“, ergänzte Larry.
„Er faucht mich an und schlägt mit seinen gewaltigen Pranken nach mir. Aber ich bin nicht weggerannt. Ich habe ihm mit der Keule so richtig die Fresse poliert.“
„Habt ihr ihn getötet?“ fragte Candy. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an gebratene Bärentatzen und die leckeren Bärenschinken dachte.
„Nein, das Mistvieh ist einfach weggelaufen.“
„Ist einfach weggelaufen“, fügte Larry zur Bestätigung hinzu.
„Wir haben heute Pilze gefunden, die waren so groß wie Köpfe“, begann Mandy zu erzählen. „Wir haben sie hinten in der Höhle zum Trocknen aufgehängt.“
„Das war ganz schön gefährlich“, sagte Sandy.
„Warum?“ fragte Harry seine Frau.
„Weil da überall Schlangen waren“, sagte Candy, die auch dabei war. „Aber die Kinder haben mit Stöcken auf den Boden geschlagen und die Schlangen sind abgehauen.“
„Das ist gar nichts“, sagte Barry, der sich bisher zurückgehalten hatte. „Ich war auf der Lichtung hinter dem Eichenhain. Ihr wisst schon, dieser Ort, der von Dämonen verhext wurde. Der Wind heulte über die Wiese und es lag ein merkwürdiger Dunst über allem, so dass ich kaum etwas sehen konnte. Ich trat näher – und dann sah ich es.“
„Was?“ riefen sie alle wie aus einem Mund.
„Ein weißes Einhorn. Es war fast so groß wie ein Mammut und wenn es mit den Hufen aufstampfte, zitterte die Erde. Und dann sprach es zu mir.“
„Was hat es gesagt?“ fragte Harry.
„Haltet euch von dieser Lichtung fern oder die Götter werden euch mit Fieber schlagen, ein gewaltiger Sturm wird kommen und eure Kinder davontragen.“
Sie alle schwiegen betreten. Die Männer sahen in die Finsternis hinaus, die Frauen hatten die Köpfe gesenkt und jammerten leise.
Er hatte es wieder einmal geschafft. Seine Geschichte war die Beste. Aber er hatte ja auch genügend Zeit gehabt, sich die Story auszudenken, als er bei schönstem Sonnenschein auf der Wiese gelegen und gedöst hatte.
Iggy Pop – Candy. https://www.youtube.com/watch?v=6bLOjmY--TA

Copyright: Olga Rotova.

Was haben Bayern, Katalanen und Ostukrainer gemeinsam?

Separatismus ist der neue heiße Scheiß. Das ist völkischer Egoismus auf niedrigstem Niveau – passt also wunderbar in die heutige Zeit. In meiner Jugend gab es nur die Basken, die von Spanien unabhängig werden wollten, und die Korsen, die von Frankreich unabhängig werden wollten. Dann kam die Lega Nord und wollte sich vom sonnigen Süden Italiens abseilen. In den neunziger Jahren schließlich wurde es in Jugoslawien richtig hässlich.
Was läuft aktuell in Sachen Separatismus? Nächste Woche gibt es ein Referendum zur Unabhängigkeit im Nordosten Spaniens. In der Ostukraine ballern sich seit Jahren russische Milizen in die Schlagzeilen – und Bayern hat es in diesem Jahr auch probiert. Der Antrag der Bayernpartei zu einem Referendum über den Austritt des Freistaats wurde im Januar vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt. Begründung: „In der Bundesrepublik Deutschland als auf der verfassunggebenden Gewalt des deutschen Volkes beruhendem Nationalstaat sind die Länder nicht ,Herren des Grundgesetzes‘. Für Sezessionsbestrebungen einzelner Länder ist unter dem Grundgesetz daher kein Raum. Sie verstoßen gegen die verfassungsmäßige Ordnung.“
Zur bayrischen Separatistenbewegung merkt Wikipedia lapidar an: „unbewaffnet, wird teilweise ohne Franken angestrebt“ (Artikel: Liste derzeitiger Sezessionsbestrebungen in Europa). Ich sage: noch unbewaffnet. Bergkarabach liegt am Chiemsee.

Weiche Ökonomie, Teil 1: Das Schenken


Blogstuff 158

„Als Künstler hat man eigentlich nie Feierabend. Man fängt auch nie richtig an, es geht einfach immer weiter. Alles ist Rohstoff, so wie für den Graffiti-Künstler die ganze Stadt eine Leinwand ist. Wenn man mit so einem außerordentlichen Talent gesegnet ist wie ich, ist jeder Augenblick kostbar. Jede Minute, in der ich nicht schreibe, ist eine Sünde, denn ich habe die Pflicht, Tag für Tag großartige Werke zu schaffen. Kunst ist – auf meinem Niveau – Dienst an der Menschheit, ist Fortschritt in seiner unmittelbarsten und schönsten Form.“ (Andy Bonetti)
Meine erste Million habe ich mit einer Offshore-Änderungsschneiderei gemacht.
Woher kommen Sie? Was sagt uns die Antwort „Kiel“? Was machen Sie beruflich? Was sagt uns die Antwort „Sachbearbeiter“? Wie alt sind Sie? Was sagt uns die Antwort „38“? Diese ganzen Standardfragen führen ins Leere.
Achtung Fake-News! Es gibt keine Gruppierung mit dem Namen „Brauner Halbmond – Muslime gegen Muslime“.
Zum Fußballgeschäft: Das Schöne an dieser sozial-christ-frei-demokratischen Welt mit Biosiegel ist ja, dass der Staat zwar den Fußball nicht reguliert, ihn aber via alternativloser Rundfunkgebühr von allen Haushalten finanzieren lässt. Das ist so wie mit den Kirchen und den Autobahnen, die ja auch von den atheistischen Fußgängern mitfinanziert werden, ohne dass es eine Ausstiegsmöglichkeit gibt. Das ist der Fortschritt: als die Scheichs ihr Geld noch in die Zucht von Rennpferden oder in Wetten bei Kamelrennen investiert haben, mussten sie das komplett aus eigener Kasse bezahlen.
Ist Ihnen mal aufgefallen, dass die großen Vögel, Tauben oder Krähen, gehen wie Menschen, die kleinen Singvögel aber hüpfen wie Kängurus?
„Operation Unthinkable“ hieß der Plan der USA und Großbritanniens, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Sowjetunion anzugreifen und militärisch zu unterwerfen. Als Termin für den Angriff wurde der 1. Juli 1945 festgelegt, neben amerikanischen und britischen Truppen sollten auch Teile der ehemaligen deutschen Wehrmacht eingesetzt werden. Der Plan wurde dann jedoch aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit der sowjetischen Truppen auf deutschem Boden fallengelassen.
Stichwort „Treuhandanstalt“. Warum ist es gelungen, die Gebäude und die Infrastruktur auf dem Gebiet der früheren DDR zu erneuern, aber nicht die Betriebe? Man hätte doch nur alte Maschinen durch neue Maschinen ersetzen müssen, bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten müssen – dann hätten die intakten Strukturen ebenso erhalten werden können wie die Innenstädte und Straßennetze.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hätten wir die Amerikaner als Schutzmacht eigentlich gar nicht mehr gebraucht. Sie sind immer noch da. 28 Jahre später. Warum eigentlich?
Gibt es für ein Image auch ein Verfallsdatum? Was ist zum Beispiel mit dem Fußballclub FC St. Pauli? Szene, Prostituierte, Drogen? Linksalternativer Szene-Club oder wie? Geht’s hier nicht um Geld oder was? Ist das Christiane F. mit Stollen?
Es gibt nicht nur Fake News, sondern auch Fake-TV. Ein kleines Gerät, made in Malaysia, das flackert wie ein echter Fernseher und auf diese Weise die Einbrecher von meinem Haus fernhält.
Es gibt verschiedene Methoden, um das Unkraut im Garten zu bekämpfen. Man kann es selbst beseitigen, aber das ist harte Arbeit, die nie enden wird. Man kann, wie mein Nachbar, den Vorgarten mit Kunststoffmatten auslegen, auf denen dunkelgraues Geröll geschüttet wird. Dann sieht das eigene Grundstück wie ein Holocaust-Mahnmal aus. Oder man lässt wasserdurchlässige Folie ausbringen, auf dem Rindenmulch liegt. Rund um die Büsche und Rosensträucher. Dann sehen wir im Garten nur das, was wir uns wünschen. Das war auch unsere Lösung. Als ich im Esszimmer saß und durch die Panoramascheibe des Wintergartens bei einem ausgezeichneten Filetsteak und Rotwein die beiden polnischen Arbeiter beobachten musste, die in sengender Hitze diese Arbeit verrichteten, kam ich mir allerdings vor wie ein Plantagenbesitzer. Ich ließ daraufhin die Vorhänge schließen.
Die Scheibe Brot, die ich zum Frühstück mit Marillenkonfitüre bestrich, hatte die Umrisse von Österreich. Die Welt ist voller Zeichen und Wunder.
Echo and the Bunnymen - Lips Like Sugar. https://www.youtube.com/watch?v=OLQ7xr_Urag

Donnerstag, 21. September 2017

Berlin - eine Stadtrundfahrt mit dem Kiezschreiber

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie heute auf eine Stadtrundfahrt durch Berlin mitnehmen, die einige unvergessliche Höhepunkte für Sie bereithält. Wie Sie wissen, habe ich mich viele Jahre mit der Geschichte dieser Stadt beschäftigt und möchte Sie nun an einige Orte entführen, die Ihnen von anderen Reiseanbietern nicht präsentiert werden.
Wir beginnen unsere Stadtrundfahrt am Bahnhof Zoo. Ich zeige Ihnen die Stelle, an der sich Christiane F. ihre erste Crackpfeife angezündet hat. Schräg gegenüber, da wo heute das Waldorf Astoria steht, war übrigens früher die Modelschule, in der Heidi Klum Laufen gelernt hat.
Wir fahren weiter zum Hotel Adlon am Brandenburger Tor, wo John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch eine heiße Nacht mit Marlene Dietrich verbracht haben soll.
Anschließend besuchen wir, nur wenige Meter entfernt auf dem Prachtboulevard Unter den Linden, die russische Botschaft, an deren Gitterstäben einst Gerhard Schröder rüttelte und rief: „Ich will hier rein.“
Dann geht es zum Fernsehturm auf dem Alexanderplatz, wo wir die höchste Brauerei der Welt besichtigen werden. Hier können Sie beim Blick über die Stadt das berühmte Berliner Kellerbier genießen.
Der nächste Haltepunkt ist der Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße. Wir besuchen das Grab von Adolf Hitler, dem hier wegen seines fehlenden linken Hodens ein Platz zugewiesen wurde. Er liegt zwischen Bertholt Brecht und Rex Gildo. Fans hinterlassen hier gerne selbstgeschmiedete Hakenkreuze und AfD-Fähnchen.
Dann kommen wir zum Höhepunkt der Rundfahrt, dem Geburtshaus von Angela Merkel. Es steht im Prenzlauer Berg, Knaackstraße 97. Es handelt sich um ein äußerst unscheinbares Gebäude ohne besondere Kennzeichen. Wer abergläubisch ist, steckt einen Wunschzettel in den Briefkasten der Kanzlerin.
Weiter geht es in die Normannenstraße in Lichtenberg. Hier ist der Firmensitz des VEB Walter Ulbricht, einem erfolgreichen Bauunternehmen. Der Firmengründer erfand 1961 die berühmte Berliner Mauer. Eine der großen Attraktionen der Stadt.
Zum Abschluss unserer Rundfahrt kehren wir ins Gasthaus „Zum alten Fritz“ ein. Das Fachwerkgebäude, Baujahr 1753, ist das älteste Restaurant Berlins. Hier wurde die erste Bratwurst der Welt serviert. Sie finden es in der Allee der Kosmonauten im Stadtteil Marzahn.
Vielen Dank! Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.
Yello - Cuad El Habib. https://www.youtube.com/watch?v=1CE--qJai8U

Mittwoch, 20. September 2017

Erstaunliche Fortschritte der Nanopoesie


Blogstuff 157
„Die meisten Bücher von heute scheinen an einem einzigen Tage geschrieben zu sein, nach Büchern, die am Abend vorher gelesen wurden.“ (Nicolas Chamfort)
Zu alt für die angesagten Clubs, zu jung fürs Altersheim. 51 ist ein Scheißalter.
Pfaff vs. Singer – der große Nähmaschinenkrieg. Aber dafür kann man die Jugend heute nicht mehr begeistern.
Hätten Sie’s gewusst? 1965 war Roberto Blanco der einzige Schwarze in Deutschland.
Früher waren Medien Scharlatane, die behaupteten, bei spiritistischen Sitzungen den Kontakt zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Geister herstellen zu können. So betrachtet hat sich ja nicht viel geändert. Wir bezahlen Leute, die angeblich Stimmen hören.
Seit es arbeitsteilige Gesellschaften gibt, richtet sich die Tätigkeit des Einzelnen im günstigsten Fall an eigenen Neigungen und Fähigkeiten aus. Die einen sind handwerklich begabt, die anderen arbeiten gerne mit Vieh oder haben das richtige Händchen, um Getreide und Gemüse anzubauen. Später wird mancher Bauer, der auf dem Markt erfolgreich ist, zum hauptberuflichen Händler, und der Wirthausphilosoph zum Berufspolitiker. Die Arbeitsteilung differenziert sich aus. Der Ökonom David Ricardo hat dieses Prinzip einfach auf die Nationen übertragen. Ein Land verkauft Orangen, weil sie dort wachsen, das andere Land verkauft Nägel, weil dort keine Orangen wachsen. Diese Theorie ist dermaßen schlicht, dass man sich wundern muss, warum sie noch heute an unseren Universitäten gelehrt wird. In Zeiten, wo man in Gewächshäusern alles züchten und in Fabriken alles herstellen kann.
Hätten Sie’s gewusst? Der Begriff „neoliberal“ fällt bereits im Programm „Wir werden uns schon schaffen“ der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von 1971.
Vier Jahre lebe ich jetzt in diesem Haus und in dieser Zeit sind alle Uhren irgendwann einmal stehengeblieben. Ich habe keine neuen Batterien mehr gekauft. In jedem Raum ist jetzt eine andere Zeit. In der Küche ist es immer viertel vor sechs, im Wohnzimmer ist es halb vier. Zweimal am Tag zeigen sie aber immer noch die korrekte Uhrzeit an.
Beim Lesen können wir drei Mal so viele Informationen aufnehmen wie beim Zuhören. Ein geübter Leser schafft tausend Worte pro Minute. Niemand kann so schnell sprechen. Deswegen werden schriftliche Informationen wie Bücher oder Zeitungen – ob in Papierform oder auf einem Monitor – nie durch Radio, Podcasts oder Fernsehen verdrängt werden.
Schlechte Bücher oder Drehbücher spielen immer in der Welt der Reichen, weil Geld so viele Möglichkeiten eröffnet. Wer arm ist, besitzt eigentlich nur sehr wenige Alternativen. Er kann nicht in Wladiwostok einen Laden für Anglerbedarf eröffnen, um sich selbst zu finden. Er kauft keinen Fesselballon, um ein Rennen um die Welt zu gewinnen. Deswegen sind Bücher, in denen es um Arme geht, eine echte Herausforderung für jeden Autor.
Die Angst baut größere Häuser als die Gewissheit.
Man müsse unbedingt etwas gegen den Klimawandel unternehmen, sagte der Mann, der neben mir im Flugzeug saß.
An den ägyptischen Tempeln von Abu Simbel finden sich griechische Graffiti aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. Der Drang, irgendwo seinen Namen zu hinterlassen, ist älter, als wir denken.
Ganz im Süden von Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Frankreich, liegt das Dorf Schweigen mit 720 Einwohnern.
„Gestern Schwestern – Heute Beute – Morgen Sorgen. Geschichte aus ostdeutscher Perspektive“. Dieses Werk wird pünktlich zur Frankfurter Buchmesse bei Bonetti Media Unlimited erscheinen.
Über mein Heimatdorf Schweppenhausen wird ja gerne gelacht, aber wie ist es mit Hermann Schweppenhäuser? Der aus Frankfurt stammende Philosoph hat bei Adorno, Gadamer und Horkheimer studiert, war Assistent Adornos und hat später als Professor die Kritische Theorie bis in die neunziger Jahre vertreten.
Iggy Pop - Real Wild Child (Wild One). https://www.youtube.com/watch?v=def3ob2h-1s

Dienstag, 19. September 2017

Mein rechter rechter Platz ist frei

… ich wünsche mir die AfD herbei.
Meine These: Mittelfristig wird die AfD zur Mehrheitsbeschafferin einer neokonservativen Regierung der Union in der Post-Merkel-Ära. Sozialdemokraten und Grüne haben als Regierungsparteien, die seit 1998 an der Zerschlagung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte maßgeblichen Anteil hatten, ausgedient. Eine weitere Sozialdemokratisierung der Union ist daher gar nicht notwendig. Mithilfe der AfD als Koalitionspartner wird die Union ihr altes konservatives Profil schärfen können, da sämtliche politischen Ziele – Marginalisierung des linken Spektrums auf die zahnlose PdL und Splittergruppen, neoliberale Reformen, Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft, Stärkung der Arbeitgeberposition – erreicht wurden.
Sehen wir uns kurz die wesentlichen Programmpunkte der AfD an und überprüfen wir sie auf ihre Kompatibilität mit der Union:
Stärkung des Nationalstaats. Völlige Übereinstimmung mit der CSU, die auch aktuell an ihrer feudalen Außenpolitik festhält, wenn z.B. Seehofer Staatsbesuche bei Orban oder Putin unternimmt. Eine Ausweitung des europäischen Engagements der Union ist in der Post-Merkel-Ära nicht zu befürchten.
Aufrüstung des Militärs. Völlige Übereinstimmung mit der aktuellen Politik der Union.
Austritt aus dem Euro und dem ESM. Keine Übereinstimmung mit der Union. Wird aufgrund des fehlenden Konsens‘ marginalisiert wie zuvor die Themen Finanztransaktionssteuer oder Reform der Erbschaftssteuer bei Koalitionen mit der SPD.
Aufrüstung der Polizei, Erleichterung von Ausbürgerungen und Abschiebungen von Migranten, Begrenzung der Einwanderung. Völlige Übereinstimmung mit der Union.
Stärkung von Familien und der Ehe zwischen Mann und Frau, Kampf gegen Gender-Ideologie. Völlige Übereinstimmung mit der Union, selbst Merkel hat gegen die Ehe für alle gestimmt.
Deutsche Leitkultur. Völlige Übereinstimmung, v.a. mit der CSU.
Steuersenkungen, Abschaffung der Erbschaftssteuer. Übereinstimmung mit der CSU.
Kein Tempolimit auf Autobahnen, Ausstieg aus der Energiewende, Abschaffung der Umweltzonen. Übereinstimmung mit der CSU.
Schlanker Staat, Senkung der Subventionen und der Staatsquote. An diesem Punkt wird die Anschlussfähigkeit zur FDP als möglichem Partner einer sogenannten Scheißhauskoalition® (schwarz-braun-gelb) hergestellt.
P.S.: Im Kinderspiel „Mein rechter rechter Platz ist frei“ gibt es weder Gewinner noch Verlierer. In der politischen Variante gibt es 99 Prozent Verlierer. Die meisten von ihnen werden es – mal wieder – gar nicht oder zu spät begreifen.
Industry - State Of The Nation. https://www.youtube.com/watch?v=_SEn4Cc8BVM

Die Hinrichtung

„Eine Zeitlang waren sie alle still – der irdene Krug mit einem Wasserrest, der allen Gefangenen der Welt zu trinken angeboten hatte; die Wände, die Arme um die Schultern gelegt wie ein Quartett, das unhörbar flüsternd ein quadratisches Geheimnis bespricht.“ (Wladimir Nabokov: Einladung zur Enthauptung)
Am Ende saß er alleine auf der Bühne. Ein Holzstuhl ohne Lehnen, sehr schlicht. Ein älterer Herr in einem altmodischen Frack und mit beeindruckenden Tränensäcken trat aus der Kulisse und trug ein Silbertablett, auf dem ein Briefumschlag lag.
Er nahm den Umschlag. Der ältere Herr verließ wortlos die Bühne. Das Publikum schwieg gespannt. Er öffnete den Umschlag und entfaltete ein weißes Blatt Papier. Auf dem Blatt stand nur ein Wort: Schuldig.
Applaus brandete auf. Minutenlang. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nun standen sie auf und klatschten begeistert. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Aber irgendwann war auch der letzte Zuschauer gegangen.
Er ließ das Blatt fallen und verließ die Bühne. Der Gang, den er nun betrat, war leer. Hier waren die Garderoben der Anklage, der Verteidigung und des Richters. Er schaute in jeden Raum, aber es war niemand zu sehen. Nur Schminke und Kostüme.
Eine Wendeltreppe führte hinauf in das nächste Stockwerk. Hier war der Fundus. In der Ecke standen die beiden Scheinwerfer, mit denen ihm Sonne und Mond vorgegaukelt worden waren. Er fand die Handpuppen, mit denen man ihm Politik vorgespielt hatte.
Endlich erkannte er, wie alles funktionierte. Am Ende des Raums war ein kreisrundes Fenster. Er ging hinüber, um es zu öffnen. War es gerade Tag oder Nacht? Wie schmeckte wohl die Luft außerhalb des Theaters?
Er streckte den Kopf aus dem Fenster und das Fallbeil raste augenblicklich auf seinen Nacken hinunter.
Beatles – Strawberry Fields. https://www.youtube.com/watch?v=0aX9-dhii3o

Barcelona. Copyright: David J. Lew.

Montag, 18. September 2017

Finde nette Politiker in deiner Nähe. Jetzt kostenlos anmelden und ausprobieren!


„Hi, du süßer kleiner Wähler. Ich möchte mir dir über DIE PARTEI sprechen.“

Blogstuff 156
„Ich hatte sechs Jahre revolutionäre Tätigkeit aufzuweisen, lediglich unterbrochen von einem Jahr Festungshaft. Eher als viele andere spürte ich das Nahen des Sturms, und gelassener als sie begegnete ich ihm.“ (Alexander Bogdanow: Der rote Stern)
Wir kennen es von unseren nächtlichen Träumen: es fehlt ihnen an Logik, sie ergeben keinen kohärenten Sinn. So ist es mit unseren Tagträumen auch. Der Traummann ist ein Latin Lover, der gerne Windeln wechselt, ein Literat, der die defekte Klospülung reparieren kann. Die Traumfrau ist Heilige und Hure zugleich usw. Wie ist der Traumstaat? Er überwacht nur die Bösen mit totalitärer Präzision, den Guten lässt er alle Freiheiten. Er hält Flüchtlinge und Zigeuner fern, erfreut uns aber sonntags mit geschliffenen Reden zur Pluralität unserer Gesellschaft. Er sorgt für ein funktionierendes Gesundheits-, Straßen- und Bildungssystem, verlangt aber praktisch kein Geld dafür. Wir sind wie Kinder. Immer verlangen wir das Unmögliche.
Der Doppler-Effekt sieht aus wie eine Katze:

Quelle: Wikipedia.
In der Ökonomie spricht man übrigens vom Bonetti-Effekt: Geld geht schneller als es kommt. Diesen Zusammenhang hat Andy Bonetti zum ersten Mal 1988 auf der Rückseite eines Kontoauszugs notiert. Die Formel lautet „Geld : Zeit = Verschwindibus“. Das Tempo dieses Vorgangs liegt irgendwo zwischen Reise- und Lichtgeschwindigkeit.
Hätten Sie’s gewusst? Clarence Nash, der Donald Duck ab 1934 seine Stimme geliehen hat, ist vorher als hauptberuflicher Vogelstimmenimitator im Varieté aufgetreten. Er war auf einem Bauernhof groß geworden und hatte sich die Zeit damit vertrieben, die verschiedenen Tiere zu imitieren.
Das einzige, was bleiben wird, wenn die Zivilisation längst untergegangen und überwuchert ist, sind diese albernen Fernseh- und Spionagesatelliten im Orbit.
Bonetti hat in seinem Testament festgelegt, dass sein gesamtes Vermögen für den Bau einer Pyramide verwendet werden soll.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mein Großvater Milliardär war? Das war 1923.
Wenn man sieht, wie sich mancher Türsteher oder manche alleinerziehende Mutter zum Despoten entwickeln kann, muss man sich über die vielen durchgeknallten Diktatoren und Könige in der Weltgeschichte nicht wundern.
Der Beauty Case ist der Werkzeugkasten der Frau. Wann haben Männer und Frauen endlich beides?
Andy Bonetti hat einige seltsame Angewohnheiten. Im Winter lässt er sich, verpackt in einen dicken Mantel und mit einer russischen Fellmütze auf dem Kopf, von seinem Chauffeur in einem Cabrio durch die Gegend fahren. Er liest in neuen Büchern immer zuerst die Seite mit der Schnapszahl 111. Er geht nie ohne seine kleine Jadeschildkröte Orlando auf Reisen. Grundsätzlich läuft er Katzen durch die Stadt hinterher und hat deswegen schon mal einen Termin bei der Bundeskanzlerin verpasst.
Eine Marotte teilt er jedoch mit vielen großen Geistern: die meiste Zeit des Tages verbringt er im Bett. Der Philosoph René Descartes verbrachte sechzehn Stunden des Tages in seinem Bett, weil er dort besser denken konnte. Goethe und Churchill diktierten ihre Werke gerne vom Bett oder einem Diwan aus. Richelieu wickelte seine Staatsgeschäfte vom Bett aus ab, Könige und Gräfinnen empfingen ihre Besucher im Bett. In der Renaissance gehörten sogenannte Schaubetten zur Ausstattung des Adels, eine Einladung ins Bett – allerdings nur zur Konversation – war eine Auszeichnung. Damals wurden übrigens Hunde im Winter als lebende Wärmflaschen genutzt: „Von einer Eiderdaunendecke hab ich mein Leben nichts gehört. Was mich recht warm im Bett hält, sind sechs kleine Hündchen, so um mich herum liegen.“ (Liselotte von der Pfalz)
Da lacht Rheinhessen: http://www.wormser-zeitung.de/lokales/polizei/worms-feuerwehr-befreit-bestes-teil-eines-mannes-mit-trennschleifer-aus-hantelscheibe_18182723.htm
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Sonntag, 17. September 2017

Billardkugeln in der Dunkelheit

„Von vielen Künstlern lese ich in der Zeitung, sagte mein Vater, von dir nichts.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Wer heute als junger Mensch die Arbeitswelt betritt, macht eine Reise ins Ungewisse. Am Ende des Arbeitslebens wird man so viele Jobs und Projekte gehabt haben, dass man sich durch einen gigantischen Lebenslauf scrollen muss, um auch nur die Stichworte überschauen zu können. Es werden Jobs und Unternehmen dabei sein, die es heute noch gar nicht gibt oder die längst verschwunden sind.
Ständig trifft man neue Leute. Wie Billardkugeln, die im Dunkeln gegeneinander stoßen. Du kommst in ein Projekt und arbeitest mit einem Typen zusammen, mit dem du dich gut verstehst. Der Typ macht sich ein halbes Jahr später mit einem eigenen Projekt selbständig und fragt dich, ob du mit nach Chicago kommst. Jemand anderes geht und es wird eine Stelle im Unternehmen frei, die dich interessiert und auf die du wechseln kannst. Du hast nur wenige Tage, um über alles nachzudenken. Türen öffnen sich, Türen schließen sich. Permanent. Du triffst eine Entscheidung, die im Nachhinein zum Jackpot deines Lebens führt – oder in die Sackgasse. Du weißt es vorher nicht. Öffnen sich in Chicago weitere Türen oder stehst du ein Jahr später mit deiner Gitarre in der U-Bahn und spielst für die nächste warme Mahlzeit?
Ein Leben in Bewegung, die Phasen der Ruhe werden sich oft nur in Monaten messen lassen. Es wird Lücken zwischen Projektabschluss und Projektanfang geben, die man mit Arbeitslosengeld oder einem bedingungslosen Grundeinkommen überbrücken muss. Vollgas und Chill-Out, Arbeit und private Projekte wechseln sich ab. Im Lebenslauf steht dann auch: zwei Monate am Strand in Südfrankreich. Oder: Ich habe zwei Jahre für meine neugeborene Tochter gebraucht und sie mir genommen. Und das muss ohne Hartz IV-Stigmatisierungskeule funktionieren.
Für diese Abenteuerreise brauchst du gute Nerven, Selbstvertrauen und einen Körper, der dich nicht im Stich lässt.
P.S.: Was ist das Schlimmste, das uns im Arbeitsleben passieren kann? Hartz IV – länger als ein Jahr Arbeitslosigkeit. Das ist die Katastrophe. Davor haben wir alle Angst. Ich habe diesen Horror tatsächlich erlebt. Von 2006 bis 2008. War es der Tiefpunkt meines Lebens? Nein, in der Rückbetrachtung war es eine der besten Zeiten, die ich je hatte. Ich habe in dieser Zeit mein wichtigstes Sachbuch geschrieben (2006: die Gandhi-Biographie für Suhrkamp) und meinen ersten Roman (der Anfang 2009 erschien). Unter dem Pseudonym Rondo Delaforce habe ich zwei Bücher mit Kurzgeschichten, Skizzen und Aphorismen veröffentlicht, die der Arbeit am späteren Blog schon sehr nahe kamen: „Die singende Fleischwurst“ (2007) und „Beamtenanwärter in Seenot“ (2008). Außerdem entstand ein zweiter Krimi, den ich erst Jahre später publiziert habe. Ich erfüllte mir einen Jugendtraum und machte als Ostasien-Fan eine dreiwöchige Reise nach China (2007) und eine zweiwöchige Reise nach Japan (2008). Dann bekam ich den Job als Kiezschreiber im Wedding (ab 1.12.2008). Voraussetzung für die Bewerbung war: man musste Hartz IV-Empfänger sein. Ohne diesen Tiefpunkt meiner „Karriere“ hätte ich also diese Stelle nie bekommen, hätte dieses Blog nie gemacht und wäre nicht in die aktuelle Phase meines Lebens gekommen, in der ich so produktiv, so frei und so zufrieden bin wie noch nie zuvor. Hartz IV war das Beste, was mir passieren konnte. Ansonsten wäre vielleicht ein ausgebrannter Hochschullehrer aus mir geworden, der den ganzen herrlichen Stuss auf dieser Internetseite nie produziert hätte.
Yes – Time And A Word. https://www.youtube.com/watch?v=vYwSxZXy_Tk
Quelle: CJ Henry.

Samstag, 16. September 2017

Mädchen dürfen nicht ins Baumhaus


Blogstuff 155
„Ich bin frei wie ein Vogel, habe keine Idole, verbeuge mich vor nichts. Heldentum ist ein leeres Wort für mich. Die Liebe – nackte Physiologie. Kinder – eine subtile Rechnung mit der Unsterblichkeit. Der Staat – ein System der Vergewaltigung. Geld – ein Mythos. Ich lebe sorglos in den Tag hinein. Los, trinken wir auf das sorgenfreie Leben!“ (Konstantin Waginow: Auf der Suche nach dem Gesang der Nachtigall)
U-Topos – das Nicht-Örtchen: Warum sind Toiletten immer nur Gegenstand alberner Komödien, warum befasst sich die zeitgenössische Kunst nicht mit ihnen? Marcel Duchamps‘ „Fountaine“ von 1917

und die goldene Toilette im Guggenheim-Museum

– war’s das etwa schon?
Bald kommt der Herbst in unsere Firma, mit einer Aktentasche voll buntem Laub.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, ist schon eine Menge erreicht worden, wenn es um die Emanzipation der Frau von der Rolle der Hausfrau und Mutter geht. In Sachen Emanzipation des Mannes von der Rolle des arbeitenden Familienernährers ist dagegen kaum etwas passiert.
Um einen Hobbygärtner zu beeindrucken, der mich neulich besucht hat, habe ich im Supermarkt die größten Möhren gekauft, die ich kriegen konnte. Dann habe ich sie in meinem Garten eingegraben und vor seinen Augen wieder ausgebuddelt. Er war schwer beeindruckt. Vor seinem nächsten Besuch koche ich einen großen Topf Spaghetti und lade ihn zur Ernte an meinem Pastabaum ein.
Wu-xiu nennt man in China die Mittagspause, bei der man gerne auch ein Nickerchen macht. Laut New York Times von 1982 dauerte sie damals bis zu drei Stunden. Das ist im Kapitalismus zum Glück vorbei. Dafür haben die Chinesen jetzt mehr Geld und viele schöne Sachen.
Die Autokorrektur macht aus Sachkenntnis tatsächlich Sachsentennis. Die Maschinen übernehmen die Macht, oder? Nein. Zum Glück habe ich kein Smartphone, sondern produziere solchen Blödsinn beim analogen Lesen noch selbst.
Die Bierpreisentwicklung macht mir große Sorgen. Vor zwei Jahren hat der halbe Liter Bier in Berlin noch etwa zehn Prozent weniger gekostet. Oft steht inzwischen die Vier vorne. Als Indikator nehme ich mal die Entwicklung auf dem Oktoberfest in München, wo die Maß 1980 noch 2,40 € gekostet hat, dieses Jahr aber bis 10,95. Der Preis hat sich also zu meinen Lebzeiten mehr als verbierfacht, Verzeihung: vervierfacht. Dazu schlägt der Fiskus wirklich dreist zu: 16 Prozent Mehrwertsteuer und sechs Prozent Biersteuer beim Flaschenbier. Zum Glück trinke ich hauptsächlich Wein, dessen Preis – zumindest bei meinem Winzer und im Supermarkt - recht stabil ist. Ich könnte ansonsten bei dieser Inflation kein Auge mehr zu machen.
Haustierbesitzer versuchen einen immer mit dem Spruch „Bei anderen Leuten macht er das nie“ um den Finger zu wickeln.
Der altehrwürdige Beruf des Schlangenbeschwörers ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Die jungen Leute wollen ja heutzutage alle studieren.
„Bonetti“, brüllte der Verleger. „Wie sind Sie überhaupt zur Literatur gekommen?“ – „Mit der U 9. Ab Güntzelstraße.“
Bildung kann gefährlich sein. Neulich hat man in Palermo einen Mann erschossen, weil er zu viel wusste.
Thor hatte nur einen Hammer und wurde weltberühmt. Ich habe einen ganzen Werkzeugkasten, aber es interessiert kein Schwein.
Es gibt Lehrer, die schaffen es, ein Wunder zu vollbringen, das physikalisch unmöglich ist: in ihrem Unterricht bleibt die Zeit stehen.
Am Eingang zum Jahrmarkt in Bad Kreuznach werden Taschen und Rucksäcke nach Waffen durchsucht – aber auf dem Festgelände kann man Messer kaufen. #Terror
Da lacht der Hunsrück: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/117703/3730891

Danke, Ackerboy!
Modern English - I Melt With You. https://www.youtube.com/watch?v=LuN6gs0AJls

Kommunismus ist doof

Der ganze Kommunismus ist viel zu oberflächlich und typisch westlich. Was nutzen mir die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und völlige Lohngleichheit, wenn ich hinterher immer noch dieselbe Scheiße herstelle, weil der Mensch auch als Kommunist noch nach Smartphones und Nutella schreit, und ich – nur eben auf andere Weise - immer noch die Natur ausbeute und die Welt kaputt mache? Wir brauchen Buddha statt Marx: den ewigen Kreislauf von Produktion und Konsum durchbrechen, unseren endlosen Begierden entsagen, Askese und innere Einkehr statt Jägerschnitzel und Mallorca.
P.S.: Lustigerweise wird das iPhone, das globale Feldzeichen des siegreichen Kapitalismus, in einem kommunistischen Land von glücklich befreiten Proletariern hergestellt. Selbstverständlich hat der „Schwarze Block“ bei der Randale rund um den G20-Gipfel in Hamburg auch einen Apple-Store geplündert. Vor dem Gott des Konsums und der Gier sind offenbar alle Menschen gleich. Den technischen Fortschritt und die Abrichtung des Menschen zu Jägern oberflächlicher Glücksmomente der Aneignung von Tinnef & Talmi stellt niemand mehr ernsthaft in Frage. Smartphones als Teil des Systems, gegen das man eigentlich revoltieren wollte? Soweit denkt der pseudopolitische Eventtourist zwischen 18 und 29 nicht mehr. Zu Lebzeiten von Herbert Marcuse und seiner Forderung nach „totalem Protest“, nach der „großen Weigerung“ war der Gedanke der persönlichen Bereicherung nicht so ubiquitär wie 2017.

Freitag, 15. September 2017

Wenn ich wählen würde, hätte DIE PARTEI meine Stimme

Es ist ganz einfach: Typen mit Kapuze sehen geil aus.



Pläne

„Je weniger Bedürfnisse wir haben, desto ähnlicher sind wir den Göttern.“ (Sokrates)
„Lass uns das Haus für vier Wochen mieten“, sagte sie.
„Abgemacht.“ Er strahlte sie an.
„Wir werden den Sommer genießen“, sagte sie, als sie im Aufzug nach oben fuhren.
„Wir werden uns jeden Abend auf der Veranda den Sonnenuntergang anschauen“, sagte er, als er die Wohnungstür aufschloss.
„Kein Fernsehen, kein Internet“, sagte sie, als sie ihren Mantel an die Garderobe hängte.
„Die Stille und Einsamkeit der Bergwelt“, sagte er, als er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm.
„Nur das Zwitschern der Vögel, wenn wir beim Frühstück auf der Holzbank im Garten sitzen“, sagte sie, als sie den Fernseher einschaltete.
„Keine Elektrizität, kein Herd, kein Licht. Wir werden am Lagerfeuer grillen und abends eine Kerze anzünden“, sagte er, während er seine Mails checkte.
„Keine hochhackigen Schuhe, kein Make-up, keine Partys“, rief sie aus dem Badezimmer, als sie sich die Haare wusch.
„Kein Handyempfang, keine Zeitung, keine Informationen. Es wird absolut entspannend werden“, sagte er, als er sich ins Bett legte.
Am nächsten Tag beschlossen sie, zu Hause zu bleiben.
Public Image Limited - Bad Life. https://www.youtube.com/watch?v=fwD7_iQ5S6Q

Donnerstag, 14. September 2017

Stürzen – Fallen – Fliegen

„Jemand sagte, Sie können da nicht bleiben. Ich konnte da nicht bleiben, und ich konnte nicht weiter.“ (Samuel Beckett: Texte um Nichts)
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob ich die Treppe hinunter stürzte oder ob ich hinab geworfen wurde. Es war ein langer und verwirrender Abend gewesen. Ich spürte es kaum, als ich Stufe für Stufe hinter mich brachte. War es der Alkohol, waren es Drogen? Ich spürte keinen Schmerz.
Ich dachte an ihre Lippen, an ihre schönen weißen Zähne. Sie saß auf meinem Schoß und ich betrachtete einfach nur ihren Mund, während sie sprach. Die Worte habe ich längst vergessen.
Ich stürzte weiter und dachte an das Meer. Den Schaum vor dem Bug des Schiffes, die Gischt, die zischend mein Gesicht traf. Ich schmeckte das Salz und freute mich in diesem Augenblick maßlos, denn der Geschmack von Salz verhieß neue Abenteuer.
Alles drehte sich um mich und ich dachte an den schönen Garten hinter dem Haus. Die großen ruhigen Bäume. Wie wir damals über die schmalen Wege schlenderten, das ausgelassene Geschrei der Kinder im Ohr.
Ich dachte an meine Mutter, während ich fiel. An Schokolade. An Bücher. Musik. Feste. Farben. Gerüche.
Du kannst im Rinnstein liegen. Kein Problem. Aber nicht mit dem Gesicht nach unten. Da ist die Grenze.
Grace Jones – The Crossing. https://www.youtube.com/watch?v=XZz4RI628B4

Wenn beim Cabrio die rote Sonne im Meer versinkt



Blogstuff 154
„Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit (…). Wir Europäer (…) haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung (…). Nehmen Sie unsere großen Städte als Sinnbild (…). In demselben Maße, wie der Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße (…) wird dort auch die Zeit immer kostbarer.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Mein Vater ist neulich mit meinem Neffen (20) in ein Museum gegangen. Kommentar des jungen Mannes zu den Gemälden: „Die kauft doch kein Mensch, die hängen bestimmt noch in zehn Jahren hier.“ Kann man sich nicht ausdenken …
Er hörte den Bass seines Chefs, den Bariton des Abteilungsleiters, den Tenor des Gruppenleiters und den Sopran des Betriebsrats, schließlich die Fistelstimme seines Kollegen. Sie näherten sich seinem Büro wie ein Gewitter. So war der Augenblick seiner Entlassung.
Ich würde gerne eine Universität für Jedermann gründen, mit Seminaren, Diskussionen und kurzen Impulsreferaten im Internet. Aber dann fiel mir ein, dass ich mich als Anarchist ja gar nicht organisieren darf – sonst fliege ich aus meinem Verein „Herrschaftsfrei statt alkoholfrei e.V.“. Dabei bin ich schon bei „Heidenspaß – Atheisten mit Humor“ mit meinen Beiträgen im Rückstand.
Gemüse? Kenne ich nur vom Möhrensagen.
Angela Merkel ist nicht unser Hauptproblem – es sind ihre Wähler.
Im Mittelalter hatte man Prophezeiungen, heute haben wir Prognosen. Früher las man die Zukunft aus den Eingeweiden von Opfertieren, jetzt studieren wir die neuesten Meinungsumfragen.
„Die CSU repräsentiert den engstirnigen Katholizismus und den Bauernstolz des vormodernen Bayern. Himmelherrgottsakrament! Malefizlumpen, elendige!“ (Professor Nepomuk Wirsing, Experte)
„Ich verstehe das nicht. Bald sind wieder diese Bundesligawahlen, aber mein Verein steht nicht auf dem Zettel. Dann eben ohne mich.“ (Heinz Pralinski: Ansonsten einwandfrei – Malbuch für Nichtmaler)
Es kann immer passieren, aber es ist nie passiert. Und dann passiert es doch: Ich schlage am Abend meiner Ankunft die Bettdecke zurück und darunter sitzt eine Spinne.
Manche Hindus tragen auf der Stirn ein Bindi, einen aufgemalten Punkt, wo das spirituelle dritte Auge vermutet wird. Andy Bonetti trägt bei öffentlichen Auftritten einen aufgeklebten Kronkorken auf der Stirn, um gegen die Diskriminierung von „kultureller Aneignung“ durch die Critical Whiteness-Bewegung zu demonstrieren.
Ich kenne einen Amerikaner aus der Kleinstadt Mexico in Missouri. Wie nennen sich die Einwohner im rassistischen Trump-Amerika, wenn sie nicht Mexicans sagen wollen? Sie nennen sich „MexicOans“. Gott schütze dieses Nest in the middle of nothingness.
Sandkuchen backen, Sandhäuser bauen. Mein Leben lang habe ich nichts anderes gemacht.
Für die Leserinnen und Leser aus Berlin ist der Leiter des Hauptstadtarchivs von Bonetti Media Unlimited tief in seine Katakomben gestiegen. Radio-Legende Lord Knud spricht zu uns. Danke, Harri!
http://rias1.de/sound4/rias_/knud/knud_interviews/000000_interview.html#radio972
Hier noch ein historisches Stück Radiogeschichte. Die ersten jemals gesendeten Worte aus der Weimarer Republik:
http://www.rias1.de/sound4/timeline_nachrichten/1920-1929/19231029_mitteilung_aus_dem_vox_haus_krutschke_.mp3

Mittwoch, 13. September 2017

Neulich im Restaurant

„Ein Tisch für eine Person oder erwarten Sie noch jemanden?“
„Für eine Person.“
„Raucher oder Nichtraucher?“
„Nichtraucher.“
„Am Fenster, auf der Terrasse oder lieber im hinteren Teil des Lokals?“
„Am Fenster.“
„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“
„Ein Bier.“
„Ein Pils, ein Export, ein Schwarzbier, ein Weizenbier oder ein alkoholfreies Bier?“
„Ein Pils.“
„Vom Fass oder aus der Flasche?“
„Vom Fass.“
„Warsteiner, Krombacher, Pilsner Urquell oder Radeberger?“
„Ein Urquell.“
„Als Vorspeise Suppe oder Salat?“
„Suppe.“
„Gulaschsuppe, Leberknödelsuppe oder Soup du Jour?“
„Gulaschsuppe. Und danach ein Schnitzel.“
„Jägerschnitzel, Rahmschnitzel, Paprikaschnitzel oder Schnitzel Wiener Art?“
„Jägerschnitzel.“
„Mit Pommes frites, Kroketten, Bratkartoffeln oder Spätzle?“
„Wenn Sie mir noch eine Frage stellen, werde ich Ihnen das ungewaschene Maul blutig schlagen.“
„Gleich hier, vor dem Haupteingang oder im Hinterhof?“
„Gleich hier.“
„Kinnhaken oder Leberhaken?“
„Kinnhaken.“
Der Kellner schlägt wortlos zu. Der Gast geht zu Boden.
„Soll ich Ihnen einen Krankenwagen rufen?“
„Ja.“
„Johanniter, Malteser oder Rotes Kreuz?“
„Rotes Kreuz.“
„Wohin möchten Sie gebracht werden? Evangelisches Stadtkrankenhaus, katholische Diakonie oder die konfessionslose Klinik?“
„Evangelisches Krankenhaus.“
„Sind Sie Kassenpatient oder Privatpatient?“
„Kassenpatient.“
„Soll ich Ihnen ein Bett in einem Zweibettzimmer oder in einem Vierbettzimmer reservieren lassen?“
„Zweibettzimmer.“
„Möchten Sie das Bett am Fenster oder an der Tür?“
„Am Fenster.“
„Welches Essen soll ich für Sie bestellen? Vollkost, Schonkost oder Trennkost?“
Alison Krauss & Union Station – Blue And Lonesome. https://www.youtube.com/watch?v=-F4wYj_BnRE

Dienstag, 12. September 2017

Der perfide Alarmismus der Medien

Es geht auch anders. Ohne den wöchentlichen Weltuntergang, ohne Geflenne, ohne düstere Prophezeihungen.
Hier eine Meldung der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens 1986:
http://www.mdr.de/damals/archiv/video-128426.html
Sachliche Berichterstattung statt Panikmache:
http://www.mdr.de/damals/archiv/video-128432.html

WELTUNTERGANG – Hier geht’s zum Live-Ticker


Blogstuff 153
„Er wollte immer nur Geld. Nicht um etwas damit kaufen zu können, sondern um es zu besitzen, um es zu vermehren. Er schrieb wie besessen einen Schundroman nach dem anderen und er hatte Erfolg. Er verdiente Geld mit Geld, in dem er mit Aktien Geschäfte machte. Er wurde reich und das Geld war wie ein Panzer, der ihn vor der Welt schützte. Er musste nicht mehr das Haus verlassen, er ließ sich Essen, Kleidung und alles andere liefern. Er musste nicht mehr freundlich sein, denn das Geld machte ihn unabhängig von anderen Menschen. Der Reichtum gab ihm Sicherheit. Das Dienstpersonal, mit dem er sich umgab, musste lernen, seine Schrullen und Marotten zu ertragen. Er konnte es sich am Ende leisten, sich völlig verwahrlosen zu lassen und andere zu schikanieren, die bereit waren, sich gegen eine fürstliche Entlohnung zum Sklaven seiner Boshaftigkeit zu machen. Er bewarf seine Köche mit ihrem eigenen Essen, er beleidigte und bedrohte seine Diener, er zerschlug beim geringsten Anlass das Porzellan und warf die Bücher seiner Konkurrenten, die er sich kistenweiße liefern ließ, ins Feuer seines Kamins. Er war ein Tyrann, der sich seine eigene Hölle geschaffen hatte.“ (Lupo Laminetti: Bonettis letzte Jahre)
Der Tod kontaminiert die Dinge und verwandelt sie in Gespenster. Die Kleidung eines Verstorbenen will niemand mehr tragen. Wer möchte die Löffel haben, die der Verstorbene in seinem Mund hatte? Erinnerungsstücke und Andenken haben ihren Wert nur in den Augen einer Person, die es nicht mehr gibt. Die Wohnung des Toten verwandelt sich in ein Gruselkabinett, obwohl sie doch vorher so vertraut war.
Warum messen wir die Entfernung zwischen Geburt und Tod in Jahren?
Bis 1989 gab es nicht nur ein militärisches Wettrüsten zwischen Ost und West, sondern auch ein Wettrüsten bei den Arbeitslöhnen. Deswegen stagnieren die Reallöhne ja auch seit 1990.
Coolness: Ich war schon im Kindergarten bei den Haribo Angels – aber ich hänge solche Sachen eben nicht an die große Glocke.
Ich sehe ein kleines Kind, das in seinem Kinderwagen fröhlich ein Lied vor sich hin kräht, und denke mir: beim nächsten Mal kommst du auch als Baby auf die Welt.
Sommerabend am Marheinekeplatz in Kreuzberg. Ich sitze mit Freunden auf der Terrasse eines italienischen Restaurants, am Nachbartisch ein einsamer Mann mit Halbglatze. Eine füllige Frau um die vierzig kommt vorüber und fragt den Mann: „Sind Sie alleine?“ Er antwortet: „Ja.“ Sie fragt: „Wollen Sie alleine bleiben?“ Er antwortet wieder mit Ja. Sie geht wortlos weiter. Flirten 2017. Kein Land für Romantiker.
Woher kommt die Formulierung „Der Furz des Kolumbus“? Die Königin von Spanien stellte den Entdecker vor die Aufgabe, einen Furz in fünf Teile zu spalten. Kolumbus löste das Rätsel, indem er in einen Handschuh furzte.
„Ich finde die US-Streitkräfte einfach großartig. Schon als Kind wollte ich zu den Fallschirmspringern. Ich packte meine Schmusedecke in einen Rucksack und sprang vom Küchentisch. Auf dem Fußboden rollte ich mich ab und robbte zum Kühlschrank hinüber.“ (Trump bei einer Ansprache vor hohen Militärs)
Wie alle Mythen lebt auch der Mythos von der Berliner Trümmerfrau von der Vereinfachung. Die Trümmerfrauen haben die Stadt nicht wieder aufgebaut, sondern die Handwerker. Mit den Trümmersteinen allein baut man keine Stadt, man braucht auch Mörtel. Die Trümmerfrauen haben nicht aus reiner Barmherzigkeit gearbeitet, sondern für Lebensmittelgutscheine. Es ist auch keine deutsche Erfindung aus dem Jahre 1945, Baumaterial von Ruinen und verlassenen Gebäuden zu recyceln. Diese Methode war schon in der Antike und im Mittelalter bekannt.
Neulich war ich bei einem Alphablogger zur Grillparty eingeladen. Auf dem Nachbargrundstück ist ein Altersheim. Der TV- und Musiklärm, der aus den offenen Fenstern der Schwerhörigen drang, war barbarisch. Aber die Clubs in der Innenstadt müssen wegen geräuschintoleranter Nachbarn reihenweise schließen.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht: McDonald’s hat seine Filiale in Aleppo wieder eröffnet.
Bomb The Bass - Beat Dis. https://www.youtube.com/watch?v=mHh5rDcQKhQ

Quelle: Out of the box.

Montag, 11. September 2017

Jens und die Trends

Neulich war ein Kadett des Raumschiffs GroKo in einer Berliner Gaststätte in Mitte und musste feststellen, dass das Personal Englisch gesprochen hat. Die Gäste ebenso. Nun kann es schon einmal passieren, dass ein Neubürger aus dem erzkatholischen und erzlangweiligen Münsterland das Leben in der Großstadt nicht kapiert. Dann hält man erst mal die Klappe und macht sich ein Bild vom Ort des selbstgewählten Exils.
Jens Spahn hätte auf diese Weise schnell feststellen können, dass es in den touristischen Hot Spots („heiße Punkte“) jede Menge internationaler Gäste und internationaler Mitbewohner gibt. Sie sprechen Englisch, weil es die Lingua Franca des 21. Jahrhunderts ist. Er könnte chinesische Restaurants besuchen, in denen Chinesen ihr Essen auf Chinesisch bestellen. Man erlebt auch echte Italiener in einer Pizzeria.
Der Staatssekretär und Hoffnungsträger der christlichen Partei sieht dort, wo sich Menschen in einer gemeinsamen Sprache unterhalten, „eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft“. Dort wo Berlin tatsächlich auf wenigen Quadratkilometer zumindest eine Anmutung von Metropole bietet, sieht er teutonische „Selbstverzwergung“. Und dann wird natürlich noch mit der Nazi-Keule draufgehalten. Es handle sich um eine Form der „Gleichschaltung“. Die zwanzigtausend Israelis in Berlin werden es mit Humor genommen haben.
Es ist das alte Spiel der Rechtspopulisten: mit gezielten Provokationen Aufmerksamkeit erzielen. Spahn wird die Union in vier oder acht Jahren in eine Koalition mit der AfD führen – dazu braucht man keine Phantasie. Schon jetzt macht er uns den Gauland, den Höcke, den Le Pen, den Haider.
Da interessieren die Petitessen schon nicht mehr, beispielsweise das „Oscar Wilde“ in der Friedrichstraße, dem früheren Treffpunkt britischer Bauarbeiter, in dem seit Jahrzehnten nur Englisch gesprochen wird. Vom Leben in den türkischen Cafés, in denen kein Wort Deutsch gesprochen wird, hat man als CDU-Politiker ohnehin keine Ahnung.
Berlin wird immer eine Projektionsfläche für den Hass bleiben. Rechtspopulisten sehen hier den Untergang der Bratwurstkultur durch globale Fraternisierung der Jugend. Das Stadtzentrum ist das Einfallstor für alles Fremde und Neue, vor dem man sich schon in den Vororten zu Tode fürchtet. Geschlechtskrankheiten, Mieterhöhungen, Anglizismen – von der Hauptstadt strahlt alles Böse ins Land ab. Traurig, wenn man als Karrierist gezwungen ist, hier zu arbeiten. Hoffentlich muss Spahn in seinem Job als Regierungsmitglied nie Besuch aus dem Ausland empfangen.
Ultravox - Fear in the Western World. https://www.youtube.com/watch?v=DclSrYbSn-E

Der Nachbar

„Die Welt schien mir nun vertraut bis ins kleinste, so wie die Klotür von innen.“ (Wiktor Pelewin: Omon hinterm Mond)
Die Häuser sehen alle gleich aus. Die Möbel, die Bilder an den Wänden. Es ist so deprimierend. Man geht hinein und da steht die unvermeidliche Kommode im Flur. An der Wand gegenüber sind die Haken der Garderobe. Es gibt nichts, das ich mitnehmen würde. Nichts, das mir gefällt. Nichts, das ich nicht selbst hätte. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Drei Tage später bin ich wieder hier. Meine Nachbarn sind im Urlaub. Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt mache. Ich selbst habe keine Blumen und ich würde auch niemanden in mein Haus lassen, wenn ich verreist wäre. Wem kann man heutzutage noch trauen?
Im Wohnzimmer stehen ein Sofa aus weißem Leder und ein Fernsehsessel. Ich setze mich hinein. Mit einem Schalter kann man sich in eine liegende Position bringen. Ich probiere es eine Weile aus. Lehne rauf, Lehne runter, Lehne rauf, Lehne runter.
Es ist so still hier. Im Regal, das eine ganze Wand einnimmt, ist eine Stereoanlage. Was hören denn die Meiers so? Ich schaue mir die CDs an. Classic Rock. Wie erbärmlich. Wolfgang Petry. Immerhin auch eine Platte von AC/DC. Soll ich Musik hören? Nein. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Beim nächsten Mal werfe ich einen Blick in den Kühlschrank. Sie haben vor dem Urlaub wirklich klar Schiff gemacht. Da stehen nur Ketchup und Marmelade. Eine Flasche Wein mit Schraubverschluss. Eine Tube Senf, die fast leer ist.
Im Schlafzimmer steht ein Schrank, der zu drei Vierteln mit Röcken, Blusen und Mänteln der Ehefrau gefüllt ist. Was für ein langweiliger Mist. Faltenröcke von Frau Meier und Cordhosen von Herrn Meier. Wie kann man nur so ein ödes Leben führen? Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Einige Tage vor ihrer Rückkehr sitze ich am Schreibtisch von Herrn Meier. In den Schubladen alte Rechnungen und Ansichtskarten. Der Wagen ist nur geleast und offenbar kennen die Meiers ausschließlich Leute, die auf den Kanarischen Inseln Urlaub machen. Im Augenblick sind sie gerade an der Costa Brava. Nicht gerade originell.
Im Keller gibt es tatsächlich so etwas wie einen Gymnastikraum. Eine Bank und ein paar Hanteln. Ein Heimtrainer. Überall ist Staub auf den Geräten. Keine Disziplin, diese Leute. Kein Wunder, dass beide so dick geworden sind. Sie sollten sich mehr bewegen. Ob ich Herrn Meier nach seiner Rückkehr mal auf das Thema anspreche?
In einer Abstellkammer finde ich auf dem obersten Regal einen Karton mit Fotografien. Herr Meier hat seine Nachbarin fotografiert, die im Garten oben ohne ein Sonnenbad nimmt. Du kleine, miese Drecksau! Meier, du Spanner. Schnüffelt gerne hinter den Leuten her. Hätte ich mir ja denken können. Ich gieße die Blumen und gehe wieder.
Bryan Ferry - Let's Stick Together. https://www.youtube.com/watch?v=Z9EbR0ckb40

Sonntag, 10. September 2017

Berliner Milljöh 1979 – ein Meilenstein der Fernsehgeschichte

„Die große Flatter“ – das war ein TV-Dreiteiler des WDR, der 1979 im ersten Programm ausgestrahlt wurde. Armut ohne Hoffnung, Gewalt ohne Sinn und Trostlosigkeit ohne Ausweg – das Leben der Unterschicht hat sich bis heute nicht geändert. Gerade deshalb ist dieses Stück Fernsehgeschichte auch 2017 noch sehenswert. Warum werden solche Serien heute nicht mehr gedreht?
Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=7tCb_aCqjAc
Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=KLtbwJM8wsc
Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=shMBUIZwAgk
P.S.: Alle drei Teile sind jeweils neunzig Minuten lang – nicht durch die Zeitangaben bei YouTube täuschen lassen.

Die besten Witze aus der Totengräberszene

Colonel Clickbait haut wieder mal eine Fake-Überschrift nach der anderen raus. In den nächsten Tagen wird es noch schlimmer!

Blogstuff 152
„Dieses Blog ist in vielfacher Weise ironisch gebrochen und weißt so viele Bedeutungsebenen auf, dass ich an manchen Tagen selbst nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin.“ (Der Kiezschreiber)
Ein heißer Augustnachmittag. Die Singvögel sind ermattet und schläfrig vor lauter Zufriedenheit, nur gelegentlich ist ein leises Pfeifen zu hören. Aus dem Vorzimmer dringt gedämpft das Schnarchen des Kammerdieners. Bonetti sitzt am offenen Fenster und arbeitet an einem Sonett über die iberische Schweinezucht. Es ist nicht leicht, wenn man von der Welt gebraucht wird.
Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist neben ihrem deutschen Wohnsitz auch in Biel (Kanton Bern) gemeldet und zahlt in der Schweiz ihre Steuern. Sie möchte in den deutschen Bundestag, um als Teilzeitmigrantin und Steuerflüchtling etwas gegen die Überfremdung und für „deutsche Werte“ zu unternehmen. Da greift man sich an den Hintern, weil der Kopf zu schade ist.
Früher gab es keinen Online-Stellenmarkt und keine schriftlichen Bewerbungen. Du bist, wenn du auf der Suche nach Arbeit warst, von Dorf zu Dorf gezogen. Eines Tages kamst du in ein Haus oder auf einen Hof, wo man genau auf dich geradezu händeringend gewartet hat.
Wenn ich heute eine Wiese sehe, frage ich mich, wohin der Klatschmohn meiner Kindheit verschwunden ist, mit dessen Blütenblättern wir uns die Finger rot gefärbt haben.
Du arbeitest, aber es fühlt sich nicht so an. Das ist das Glück.
Neulich war ich in einem Porzellanladen in Oberkrämer, nördlich von Berlin, und habe tatsächlich beinahe etwas umgerissen wie der berühmte Elefant, dessen Namen wir nicht kennen, in dem geflügelten Wort.
Eines Tages hatte der Genius das Genie verlassen und das Genie dachte darüber nach, wie es vor den anderen klugen Leuten verbergen konnte, dass es nicht mehr genial war.
Steile These: Energy Drinks sind die Einstiegsdroge für Amphetamine, Kokain und Crystal Meth.
In einem fernen Königreich war es Brauch, dass ein zum Tode Verurteilter vor seiner Hinrichtung selbst noch einen anderen Menschen zum Tode verurteilen konnte. Ob dieser Mensch schuldig oder unschuldig im Sinne des Gerichts war, blieb ohne Bedeutung. Natürlich mit Ausnahme des Königs und seiner Familie. So kam es, dass eine Hinrichtung eine ganze Kette von weiteren Hinrichtungen nach sich zog, denn fast jeder Mensch kennt einen Menschen, dem er – im Angesicht des eigenen Todes – den Tod wünscht. Mal starben wenige Menschen, mal waren es hunderte oder gar tausende. Bis die Reihe an einen Menschen kam, der sich erbarmte und diese blutige Reihe von fallenden Dominosteinen unterbrach.
Aktuelle Forschungsfrage: Gibt es Bielefeld überhaupt? Wenn ja: Soll es uns zur Mahnung dienen? Wenn nein: Soll es eine Drohung sein?
Berlin: Die stählernen Spinnweben des Funkturms vor dem Abendhimmel.
Was lese ich in der ökologisch besorgten Presse? Einmal im Garten grillen belastet die Umwelt in gleichem Maße wie 35 Kilometer Autofahren. Derlei oberlehrerhafter Tüdelkram von Redakteuren, die ihre nächste Fernreise schon gebucht haben, geht den Leuten, mit denen ich in Schweppenhausen grille, inzwischen so richtig auf den Zeiger. Schließlich brauchen wir schon 35 Kilometer für die Hin- und Rückfahrt zum Metzger unseres Vertrauens, der übrigens auch nicht zur Bio- oder Neulandwelt gehört, weil wir das auf dem Land gar nicht nötig haben. Das ganze moralinsaure Geschwätz aus der Stadt erreicht genau das Gegenteil. Mittlerweile höre ich beim Grillen Sprüche wie „Hoffentlich stammt das Fleisch von gequälten Tieren.“
Diese irrsinnige Besessenheit von Eltern, unbedingt bessere Eltern sein zu wollen, als die eigenen Eltern es waren.
Früher setzte man sich in ein Kaffeehaus, um gemütlich eine Tasse Kaffee zu trinken. Man plauderte oft stundenlang, manche Schriftsteller haben hier ganze Romane geschrieben. Hätten sie vor dem Fenster einen Mann gesehen, der im Rennen seinen Kaffee aus einem Pappbecher trinkt, hätten sie ihn für einen armen und bedauernswerten Knecht gehalten. Und sie hätten recht gehabt.
Die Autoindustrie lamentiert, der Dieselskandal würde tausende von Arbeitsplätzen kosten. Das ist falsch. Die Konsumenten treffen einfach andere Entscheidungen und kaufen andere Autos. Das Geld fließt nur woanders hin und schafft in anderen Unternehmen neue Arbeitsplätze. Ob das eigene Unternehmen Arbeitsplätze verliert, hängt also ganz allein daran, ob VW & Co. Konsequenzen aus ihrem Fehlverhalten ziehen.
Billy Idol – To Be A Lover. https://www.youtube.com/watch?v=_L9epO3tJT4

Samstag, 9. September 2017

Der erste Preis

„Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Es muss schon recht spät gewesen sein. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher und weiß gar nicht mehr, ob ich noch gedankenlos auf den Bildschirm starrte oder schon eingedöst war.
Da klopfte es an meine Wohnungstür. Wer konnte das um diese Uhrzeit noch sein? Ich erwartete keinen Besuch mehr. Eigentlich erwartete ich nie Besuch. Ich saß einfach auf dem Sofa und wartete, bis es aufhörte.
Aber es hörte nicht auf. Es klopfte wieder. Und nach einer Weile ein drittes Mal. Ich wollte zur Tür schleichen, um durch den Spion zu sehen, wer dort war. Aber beim Aufstehen riss ich mit lautem Getöse eine Weinflasche um.
Resigniert ging ich zur Wohnungstür und öffnete sie. Vor mir stand ein korpulenter älterer Herr mit Mantel und Hut. Er hatte Falten wie eine Ziehharmonika.
„Sind Sie Herr Malotzke?“
„Ja“, antwortete ich ihm. „Was wollen Sie von mir?“
Er lächelte mich an. „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben gewonnen.“
„Ich? Das kann nicht sein.“
„Sind Sie nicht Harald Malotzke aus der Kiebigstraße 17?“
„Doch, doch.“
„Sehen Sie. Dann sind Sie der Gewinner des ersten Preises der Firma Habermann & Loschkarowski“, sagte er triumphierend.
„Was habe ich denn gewonnen?“
„Darf ich bitte kurz hereinkommen. Dann kann ich es Ihnen näher erläutern.“
Ich trat zur Seite und bat ihn ins Wohnzimmer. Er setzte sich mit einem kurzen Ächzen auf einen Sessel. Als sein Mantel auseinanderklaffte, sah ich, dass er eine gestreifte Pyjamahose und karierte Filzpantoffeln trug.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte ich ihn, um Zeit zu gewinnen. Ich war misstrauisch geworden. In der Küche konnte ich mich mit einem Steakmesser bewaffnen.
„Champagner wäre angemessen“, sagte er.
„Leider kann ich Ihnen nur alkoholfreies Mineralwasser anbieten.“
Zornesadern zeigten sich auf seiner Stirn, als hätten sich Würmer unter seiner Haut eingenistet. Aber er nickte nur knapp und ich ging zum Kühlschrank.
Als ich zurückkam, hatte er seinen Hut auf den Wohnzimmertisch gelegt und eine Weltkarte ausgebreitet. Er bedankte sich für das Wasser und trank in langen Zügen.
„Wir müssen noch heute Nacht los, Herr Malotzke.“
„Warum? Wohin?“
„Das werde ich Ihnen alles unterwegs erklären. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bitte ziehen Sie Mantel und Schuhe an.“
Das Telefon klingelte. Ich wollte an den Apparat, aber der Mann schüttelte energisch den Kopf. Es klingelte immer noch, als ich die Tür hinter mir zuzog.
Als wir auf die Straße traten, schwebte über uns ein riesiger Zeppelin, von dem eine Strickleiter herabgelassen wurde. Was soll ich Ihnen sagen? Wir waren achtzig Tage unterwegs und diese Reise hat mein Leben verändert.
The Kinks - All Day And All Of The Night. https://www.youtube.com/watch?v=fOGMRnKl5co

Marlon Brandy.