Es ist bisher weder im
Feuilleton noch in der Ökonomie genügend gewürdigt worden, welchen Einfluss das
künstlerische Schaffen von Andy Bonetti auf die Region, auf die Stadt Bad
Nauheim und den Wetterau-Kreis, aber auch auf das gesamte Bundesland Hessen hat.
Nehmen wir den winzigen Ort Grafenfels als Beispiel. Hier wohnen tapfere kleine
Angestellte, oft nur mit befristeten Arbeitsverträgen und sehr kleinen Kindern,
in die sie ihre ganze Hoffnung gesteckt haben. Viele von ihnen arbeiten am nahe
gelegenen Flughafen und ihre flachen, breiten Schädel mit den verzerrten
Gesichtszügen erwecken den Eindruck, als hätten sie sich im Schmerz des
Fluglärms gebildet. Aber Grafenfels ist der Ort, in dem „Die Legende von Yak
und Yakeline“ spielt, jene zauberhafte Liebesgeschichte zweier Menschen, die
jahrelang in verschiedenen Schichten im Duty-Free-Shop des Flughafens arbeiten
und erst in einer stürmischen, aber dennoch äußerst romantischen Novembernacht
unter der Dorflinde zueinander finden. Ganze Busladungen literaturbegeisterter
Menschen aus aller Welt kommen nach Grafenfels, um die Linde zu fotografieren,
die eigentlich nur eine Erfindung Bonettis ist und nach dem Siegeszug dieses
herzzerreißenden Beziehungsromans, der in einundvierzig Sprachen übersetzt
wurde, erst eilig gepflanzt werden musste. Es gibt einen Souvenirshop und
mehrere Landgasthöfe, die von diesem Buch leben.
Bad Nauheim selbst ist zu einer
Pilgerstätte der Weltliteratur geworden wie Prag mit Franz Kafka oder Dublin
mit James Joyce. Jedes Jahr am 14. August wird der Heinz-Pralinski-Tag
feierlich begangen, die einzig und allein dieser wichtigsten Romanfigur im Werk
Bonettis gewidmet ist. Die Stadt ist dann voller Fans, die man an ihren
hellbraunen Cordhosen, dem Seitenscheitel drei Finger über dem Ohr und einem
Regenschirm mit Schottenmuster erkennen kann (Pralinski ist in der Kleinstadt
Schotten am Westhang des Vogelsbergs, etwa dreißig Kilometer von Bad Nauheim
entfernt, zur Welt gekommen). Das Bonettimuseum auf dem Rathausplatz, in dem
nicht nur die Kopien des Literaturnobelpreises und anderer Preise ausgestellt
sind, die Bonetti gewonnen hat, sondern auch Reliquien wie sein Lieblingsteddy,
der Zollstock, mit dem er sein erstes Bier aufgemacht hat, die
Originaleinrichtung seiner Studentenbude in Kassel, diverse von ihm benutzte
Schreibmaschinen, Computer und Kugelschreiber sowie einige von ihm selbst
gemachte Zeichnungen auf Bierdeckeln, besuchen jährlich mehr als zwei Millionen
Menschen. Auch hier profitieren Handel und Gastronomie in hohem Maße. Kein
Restaurant kann es sich leisten, das Lieblingsessen von Andy Bonetti,
Jägerschnitzel mit Pommes frites, Kaiserschmarrn und Lasagne, von seiner
Speisenkarte zu streichen. Selbst ortsansässige Chinesen und Türken bieten
diese Gerichte an. In Anspielung auf die weltberühmte Erzählung „Bonetti auf
der Buchmesse“ gibt es in der Innenstadt Hot-Dog-Stände, wo man drei Hot-Dogs
für den Preis von zwei bekommt.
Und ähnlich ist es auch in
Kelsterbach, Schwalmstadt, Butzbach und den anderen Orten, die Bonetti in
seinem Werk verewigt hat. Bonetti selbst schweigt zu diesem Sachverhalt und
nimmt die Huldigungen der Gesandtschaften aus allen Teilen Hessens nur an ausgewählten
Tagen entgegen. Dann tragen kleine Mädchen mit Schleifen im Haar Gedichte vor,
die das lobende Andenken Bonettis zum Inhalt haben, Schulchöre singen und
menschliche Pyramiden werden zu seinen Ehren gebildet. Bürgermeister und
Germanistikprofessoren überreichen kostbare Füllfederhalter, goldene
Korkenzieher, ganze Kisten voll edelstem Champagner und feinster Schokolade,
Torten in B-Form und Schweinehälften. Es wird gemunkelt, dass Städte wie Gießen
oder Marburg hohe Summen geboten haben, um endlich auch einen Platz in Bonettis
literarischem Universum zu finden, bevor dessen Schaffenskraft und Sprachgewalt
eines fernen Tages endgültig versiegen werden.
P.S.: Im Kometenschweif von
Bonettis Berühmtheit hat es auch das naturtrübe Kellerbier der Bad Nauheimer
Brauerei „Emil Kesselhemd und Söhne“, die in siebter Generation von Rita
Reuschlein, geb. Kesselhemd, geführt wird, zu einer bundesweit stark nachgefragten
Marke gebracht. Das Werbemaskottchen „Halbstrack der Schwere“ geht auf eine
Bierdeckelkritzelei von Andy Bonetti zurück.
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