Samstag, 8. August 2026

Leben mit Bonetti

 

Als sich der Himmel am frühen Morgen langsam aufhellte, erwachten die Vögel als Erste und sie begannen zu zwitschern. Nichts Besonderes: Ich lebe noch, du lebst noch, ein neuer Tag beginnt, keine Gefahr. Das übliche Gezwitscher. Sonst war es wunderbar ruhig in der Villa Bonetti. Ich blieb noch eine Weile liegen, obwohl ich längst wach war. Dieser Genuss ist mir nicht jeden Morgen vergönnt. An manchen Tagen, gerade im Hochsommer, wird Mister Bonetti schon vor fünf Uhr wach und drückt die Eins auf seinem Smartphone. „Eins“ bedeutet, in sein Schlafzimmer zu kommen, da er etwas von mir wünscht. Meistens ist es ein Glas Wasser, gelegentlich auch eine Tasse Tee oder ein frisch gepresster Fruchtsaft. „Zwei“ bedeutet Arbeitszimmer, „Drei“ Wohnzimmer und bei „Vier“ nehme ich tatsächlich ab. Dann ist er irgendwo anders oder hat einen Wunsch, für dessen Erfüllung ich nicht in ein Zimmer kommen muss. Etwa, wenn ihm einfällt, dass er gerne mal wieder Popcorn am Wochenende essen würde oder wenn er Freunde einladen möchte. Die ersten vier Nummern seines Telefons sind für mich reserviert, ich kenne die unterschiedlichen Melodien längst auswendig. „Fünf“ steht für Sekretärin, „Sechs“ für Chauffeur, „Sieben“ für Verleger, „Acht“ für Oberbürgermeister, „Neun“ für Kultusminister und die „Null“ ist angeblich eine Direktleitung zum Bundeskanzler – aber über die „Null“ schweigt Mister Bonetti beharrlich.

Was nur die wenigsten wissen: Mister Bonetti zieht sich zum Schreiben gerne um. Natürlich sitzt er gelegentlich auch im Morgenmantel an seinem Schreibtisch. Und an heißen Tagen trägt er nur eine Unterhose. Dann hat er ein großes Badehandtuch auf seinem Ledersessel ausgebreitet, ein Handtuch hängt über der Sessellehne und seine stark schwitzende Denkerstirn wird von zwei Ventilatoren angeblasen, die links und rechts neben seinem Notebook stehen. Sehr gerne trägt er beim Schreiben seiner Abenteuergeschichten ein Batman-Kostüm. Er hat auch einen großen Spiegel in seinem Arbeitszimmer, vor dem er Heldenposen einstudiert. Ich gestehe, dass ich ihn bisweilen durch das Schlüsselloch beobachte. Manchmal kleidet er sich auch wie seine großen Vorbilder Oscar Wilde und Charles Baudelaire. Ich habe ihn aber auch schon in einem japanischen Kimono gesehen – oder in grauen Jogginghosen. 

Die linke Seite seines riesigen schwarzen Schreibtischs enthält eine Minibar, die immer mit fränkischem Bier, rheinhessischem Wein, schottischem Whisky, Bourbon und Gin gefüllt ist. Dazu passt auch der gerahmte Sinnspruch über seinem Sofa: „Da man aber nicht immer nur schreiben kann, gab es große Lücken zu füllen. Ich füllte sie mit Scotch, Bier, Ale und Frauen. Mit den Frauen hatte ich meistens Pech, und die Folge war, dass ich mich stark aufs Trinken konzentrierte.“ (Charles Bukowski). Sein Notebook in der Mitte des Schreibtischs ist trichterförmig von Papieren, Büchern, Zetteln, leeren Pralinenschachteln und allerlei anderem bunten Durcheinander eingefasst, zu dem der zweite Sinnspruch passt: „Chaos ist das halbe Leben - und die andere Hälfte suche ich gerade“ (Andy Bonetti). Dieser Raum ist sein Heiligtum. Für die eigenartige Unordnung auf seinem Schreibtisch hat Mister Bonetti ein fotografisches Gedächntis. Selbst offensichtlich wertloser Müll darf erst entsorgt werden, wenn er im Papierkorb liegt. Es könnte ja sein, dass der Meister ein Gedicht auf die Innenseite einer Schokoladenverpackung geschrieben hat. Wenn Bonetti mit dem Schreiben fertig ist, schickt er mir den Text per Mail ins Büro im Erdgeschoss, wo ich ihn zweimal ausdrucke, einmal für meine Ablage, einmal für Mister Bonetti.

Gegen sieben Uhr klingelte es an der Hofeinfahrt. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise kam der Bote der Konditorei Schwalbenheim aus der Innenstadt erst um kurz nach Zehn, um für Bonettis zweites Frühstück Sesambrötchen und französische Zitronentarte sowie ein frischgebackenes Brot zu bringen. Ich ging zur Haustür und sah auf den kleinen Monitor, der das Bild der Kamera am Eingangstor zeigte. Vor dem schmiedeeisernen Gitter standen Tino und Toni Schwendlinger, die beiden Gehilfen Bonettis.

„Schnell, lassen Sie uns hinein, Johann!“ rief einer von ihnen. Es ist mir unmöglich, die eineiigen Zwillinge voneinander zu unterscheiden. „Und schließen Sie augenblicklich das Tor, wenn wir hindurchgefahren sind!“ sagte der andere.

Ich drückte einen Knopf und das Tor öffnete sich. Ein 1958er Chevrolet Impala Sport Coupé, den die Schwendlingers für eine längere Recherche aus dem Fuhrpark Bonettis entliehen hatten, rollte knirschend auf den Kies vor den säulenbewehrten Portikus der Villa. Hastig stiegen die beiden großen Männer aus und rannten durch die Tür an mir vorbei in die Vorhalle. Sie trugen ockerfarbene Multifunktionsjacken mit einem ganzen Universum kleiner und kleinster Taschen, die alle mit einem Reißverschluss versehen waren, khakifarbene Hosen und verstaubte, knöchelhohe Schnürstiefel. Ungewöhnlich waren vor allem die Tropenhelme auf ihren Köpfen.

„Wir müssen sofort Mister Bonetti sprechen“, riefen sie im Chor. Nun steht Mister Bonetti aber gewöhnlich erst um neun Uhr auf und verbittet sich jedwede Störung seines Schlafes. In seinen Augen ist es eine schwere Sünde, einen schlafenden Menschen zu wecken.

Also sagte ich: „Darf ich die Herren fragen, in welcher Angelegenheit Sie Mister Bonetti zu sprechen wünschen?“

„Es ist wirklich dringend“, flehte mich einer der beiden an. Ob es Tino oder Toni, oder um es mit Bonetti zu sagen: ob es Schwendlinger Eins oder Schwendlinger Zwo war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. „Es geht um Shangri-La“.

Nun wusste ich, dass Mister Bonetti seine beiden Gehilfen nach Tibet geschickt hatte, um für seinen neuen Roman etwas über das legendäre Shangri-La herauszufinden, ein abgelegenes Tal, in dem angeblich das Geheimnis des ewigen Lebens gehütet wurde. Der andere Schwendlinger trat unruhig von einem Bein auf das andere und schwenkte dabei eine Pergamentrolle über seinem Kopf. Also bat ich sie, mir leise vor die Schlafzimmertür von Mister Bonetti zu folgen und keinen Laut von sich zu geben. Währenddessen klingelte es an der Hofeinfahrt. Ich klopfte behutsam an die Tür. Aus dem Schlafzimmer war nichts zu hören. Ich klopfte etwas fester und sagte: „Mister Bonetti, verzeihen Sie die Störung, aber es scheint dringend zu sein.“ Es klingelte erneut, ich konnte es schwach aus dem Erdgeschoss hören.

Endlich rief Bonetti „Herein“ und ich öffnete die Tür. Sofort liefen die Schwendlingers an das riesige Himmelbett von Mister Bonetti, der den seidenen Vorhang etwas zur Seite zog.

„Wir haben das Geheimnis entdeckt, Mister Bonetti. Aber die Chinesen sind hinter uns her“, sagte einer der Schwendlingers und übergab Bonetti die Pergamentrolle.

Mister Bonetti sah mich an und nickte in Richtung Fenster. Ich ging zum Fenster und warf einen kurzen Blick zwischen den geschlossenen dunkelblauen Brokatvorhängen nach draußen. Ich sah einige Asiaten in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen, die gerade über die Grundstücksmauer kletterten. Da werde selbst ich unleidlich. Das ist nicht korrekt. Ich informierte Mister Bonetti, der sich augenblicklich erhob.

Er ging zu einem Schrank hinüber, öffnete ihn und nahm zwei Jagdgewehre heraus. „Schwendlinger Eins und Schwendlinger Zwo, Sie halten die Chinesen auf! Johann, Sie kommen mit mir!“ Nur mit einem Pyjama bekleidet und in Seidenpantoffeln lief er eilig in sein Arbeitszimmer. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte. Bonetti ging ins Separee des Zimmers, in dem sich nur eine Toilette und ein Waschbecken befanden. Er drückte auf die Steckdose und eine schmale Tür öffnete sich. Diesen geheimen Mechanismus kannte ich gar nicht. Er verschwand dahinter und ich lief hinterher. Über eine Wendeltreppe aus Metallgittern gingen wir in einen Keller hinab, dessen Wände aus grob behauenem Fels bestanden. Hier war ein Laboratorium aufgebaut, von dem ich noch nie gehört hatte. Mister Bonetti hatte diese Räumlichkeiten in all den Jahren mit keinem Wort erwähnt.

Er zog sich einen dreiteiligen weißen Anzug an und ich band ihm den karmesinroten Schlips. Nachdem er auch seine dunkelbraunen Lederhalbschuhe an den Füßen hatte, stiegen wir in einen Bugatti Type 57 SC Atlantic. Von diesem Modell wurden nur vier Stück gebaut, wovon noch zwei erhalten sind. Es ist derzeit das teuerste Auto der Welt. Auch seine Existenz in dieser Höhle war mir unbekannt geblieben. Mister Bonetti startete den Wagen und nahm die Scheinwerfer in Betrieb. Vor uns lag ein Tunnel, durch den wir mit hoher Geschwindigkeit fuhren. Nach einigen Minuten drückte Mister Bonetti einen Knopf am Armaturenbrett und vor uns öffnete sich ein Tor. Wir fuhren ins helle Sonnenlicht hinaus und neuen Abenteuern entgegen.

 

Donnerstag, 6. August 2026

Alkohol, Wespen und Inkompetenz

 


Blogstuff 1370

„Hirntotes Geschwafel ist der Mörtel, der die Steine der Fehlentscheidungen in einer Mauer der Inkompetenz zusammenhält.“ (Helmut Schmidt über Friedrich Merz)

„Du treibst mich in den Wahnsinn.“ – „Und was machst du, wenn du angekommen bist?“

In der Beringstraße ist Russland nur vier Kilometer von den USA entfernt. Die unbewohnte große Diomedes-Insel gehört zu Russland, die kleine Diomedes-Insel mit 83 Einwohnern gehört zu den USA. Trotzdem trennen die Inseln 21 Stunden. Wenn auf der russischen Insel Montag, 12 Uhr, ist, ist auf der amerikanischen Insel Sonntag, 15 Uhr.

Der Konsum von Alkohol begleitet die Menschheit von Anfang an. Schon unsere Vorfahren, irgendwelche Primaten, kannten den Rausch. Vergorene Früchte. Nach dem Genuss fühlten sie sich gut, also wiederholten sie es. Aber irgendwann wollten Menschen diesen Zustand, auch Rausch genannt, unabhängig von den Zyklen der Natur. Wein und Bier wurden erfunden. Die alten Ägypter glaubten, Bier wäre ein Geschenk von Osiris an die Menschen. Die Bauarbeiter, die die Pyramiden gebaut haben, bekamen als Lohn kein Geld, sondern Bier. Vier bis fünf Liter am Tag. In der Nähe von Haifa fand man in einer Höhle die erste Brauerei der Welt – 13.000 Jahre alt. Es gab noch keine Schrift, keine Landwirtschaft, keine Städte, aber es wurde schon gesoffen. Manche sagen, nur wegen des Alkohols hätte man mit dem Anbau von Getreide begonnen. Nicht um Brot zu backen, sondern um Bier zu brauen. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Scheibe Brot und einem Weizenbier, müssten Sie nicht lange überlegen, oder?

Im Antikriegsfilm „Platoon“ sieht man einmal eine Nazi-Kriegsflagge auf einem amerikanischen Panzer im vietnamesischen Dschungel. Fehler? Nein. US-Soldaten nutzten Nazi-Symbole in diesem Krieg – so wie die Südstaaten-Flagge.

Recycling ist eine Lebenslüge, die uns beruhigen soll. Plastik kann man nur theoretisch wiederzuverwenden, in der Praxis ist diese Methode viel teurer als die Herstellung von neuem Plastik.

Alle kennen Versailles, aber niemand das Schloss Caserta nördlich von Neapel mit 1217 Zimmern.

Muss Spiderman im Winter einen Mantel tragen? Warum sieht man Batman nie mit Regenschirm, obwohl es in Gotham City ständig regnet?

Es gibt gefühlt eine Milliarde Wespen in Berlin. Aber sie stehen unter Artenschutz und dürfen nicht getötet werden. Ich habe in meinem Leben schon hunderte von diesen geflügelten Ratten im BVB-Design ins Jenseits befördert.

Früher gab es nur Thailänderinnen aus dem Katalog, heute kannst du dir ein Kind von einer Leihmutter bestellen wie eine Pizza bei Lieferando. Warum  ist das ein moralisches Problem?

Mittwoch, 5. August 2026

Bonetti - Aufstieg des Bösen

 

Blogstuff 1369

Wir exportieren unsere Second-Hand-Klamotten in die Dritte Welt, wo sie von Menschen getragen werden, die unsere neuen Klamotten herstellen. Das wird (hoffentlich) kein Mensch in der Zukunft verstehen.

Nur ein Prozent der Bürger im Römischen Reich war wohlhabend. Sie konnten sich in ihren Villen jeden erdenklichen Luxus leisten und lebten in völliger Dekadenz. Die anderen 99 Prozent mussten sich ihr Brot mit Arbeit verdienen und wurden dafür von den Reichen verachtet. Kommt mir irgendwie bekannt vor.

Nach Beckers Wimbledon-Sieg 1985 fing unser Freundeskreis in Schweppenhausen an, Tennis zu spielen. Der Vater von J. hatte einen Brotvertrieb und hinter dem Haus war die Halle für die Ware und die Lastwagen. Dazwischen eine große asphaltierte Fläche und in einer Ecke war ein Tennisplatz. Schläger und Bälle waren vorhanden. Normalerweise wird Tennis auf Gras, Sand oder Kunststoff gespielt, aber dieser Platz war der einzige im Dorf und außerdem kostenlos. Wir wurden immer besser, denn wir spielten regelmäßig stundenlang Einzel oder Doppel. Am Ende habe ich die Rückhand nicht nur slice, sondern auch top-spin gespielt, teilweise sogar beidhändig diagonal. Dann kam ich nach Berlin und ging mit einer Freundin in eine Tennishalle. Kunststoffbelag. Ich habe nichts getroffen. Da wurde es mir klar, dass ich nur auf Asphalt spielen konnte und gab den Sport 1991 auf. So ging es mir übrigens auch, als ich zum ersten Mal Tischtennis auf einer richtigen Platte eines Vereins gespielt habe. Ein Parameter ändert sich und du bist verloren.

Die Zahl der Senioren, die in Berlin Wohngeld beziehen, hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht. #Altersarmut

„Polnischer Abgang“: Heimlich die Gruppe verlassen, ohne sich zu verabschieden. In Frankreich nennt man das „auf Englisch“.

Vor 25 Jahren, 2001: Schalke vier Minuten deutscher Meister, danach Meister der Herzen.

Was macht eigentlich Heinz Pralinski? In der kommenden Saison wechselt er auf Leihbasis zu den Fliegenden Brettern. Im Sommer 2027 hat Stefan Rose eine Kaufoption.

Ein Drei-Sterne-General genießt in Deutschland endlich wieder ein höheres Ansehen als ein Drei-Sterne-Koch. Wie im alten Preußen.

Im Alter von 17 Jahren schrieb Bonetti in sein Tagebuch: „Eines Tages werde ich einen Turm bauen, der in der Farbe von Elfenbein angestrichen werden soll. Ich werde ihn „Das Observatorium“ nennen. Von diesem Turm, der auf einer Wiese fernab von jeder Siedlung stehen soll, werden ich die Welt beobachten, um sie zu beschreiben und zu analysieren.

Montag, 3. August 2026

Medusa, Medea, Megäre

 

Blogstuff 1368

Es gibt eine Menge schrecklicher Frauenfiguren in der griechischen Mythologie. Medusa wurde von Pallas Athene in ein Monster mit Schlangenhaaren verwandelt, bei dessen Anblick man zu Stein erstarrte. Medea ermordete u.a. ihre eigenen Kinder. Eine Megäre war eine Rachegöttin.

Amerikaner sagen Bro, Deutsche Alter, Türken Lan und Araber Habibi. Mashallah, was dieser Bonetti alles weiß.

Erster August 1976: Niki Lauda sitzt auf dem Nürburgring in seinem brennenden Ferrari. Er kann mit schweren Verletzungen gerettet werden, im Krankenhaus bekommt er die letzte Ölung. Fünfzig Jahre ist das jetzt her. Ich kann mich, als Lauda-Fan bis zu seinem Karriereende 1985, noch gut daran erinnern, denn der deutsche Grand Prix lief jedes Jahr live im Fernsehen.

Das hätte Trump gefreut: Der römische Kaiser Augustus gab die Hälfte seines Staatshaushalts, 450 Millionen Sesterzen, für die Armee (300.000 Mann) aus. Zwanzig Jahre mussten die Legionäre dienen, dann bekamen sie zwölf Jahresgehälter oder einen Bauernhof mit Land als Pension. Seine Nachfolger verlängerten die Dienstzeit, um Geld zu sparen. Kommt einem heutzutage bekannt vor, oder?

Vom Mercedes W123 wurden 2,7 Millionen Stück gebaut. In Äthiopien sind sie heute noch als Taxi unterwegs – mit siebenstelligen Tachoständen.

Fun Fact: Mit einer Schiffsladung Solarpanels aus China können wir so viel Energie zu produzieren wie mit der Ladung von 85 Öltankern.

An einem Novemberabend hatte Bonetti seine erfolgreichsten Kollegen und größten Konkurrenten zum Essen eingeladen. Es tobte ein fürchterliches Gewitter und gelegentlich erhellte ein Blitz die Nacht und die Fassade der Villa Bonetti. Nacheinander trafen Martin Mosebach, Ferdinand von Schirach, Saša Stanišić, Daniel Kehlmann, Robert Menasse und Herta Müller beim Literaturfürsten ein. Man setzte sich zu Tisch. Die Teller, Servietten und die Tischdecke waren rabenschwarz. Vor jedem Autor stand ein kleiner Grabstein mit seinem Namen. Der erste Gang: Spaghetti al nero di seppia mit Belugalinsen und schwarzen Oliven, der zweite Gang: gebratene Blutwurst mit schwarzem Reis, der dritte Gang: ein Kompott aus schwarzen Johannisbeeren und Brombeeren. Dazu wurde ein dunkler Rioja, Negroamara und ein Noir de Noir gereicht, zum Abschluss gab es schwarzen Kaffee. Bonetti redete unaufhörlich über den Tod und schließlich waren alle Gäste überzeugt, er würde sie in dieser Nacht umbringen. Aber um Mitternacht konnten sie nach Hause fahren. Die Schriftsteller waren erleichtert. Das Essen war nicht vergiftet. Vor ihren Häusern warteten schon Mitarbeiter Bonettis. Sie überreichten jedem Gast einen Präsentkorb mit Kaviar und Champagner, dazu bekamen alle noch eine Rolex.  



Samstag, 1. August 2026

Bonetti auf der Buchmesse

 

“I have always wanted to write a book that ended with the word ‘mayonnaise’.”
(Richard Brautigan)

Es war ein verhängnisvoller Fehler, den ich in meinem Leben schon allzu oft gemacht habe, ganz speziell auf der Frankfurter Buchmesse, aber auch bei anderen Gelegenheiten wie Volksfesten oder Fußballspielen. Ich hatte mich von meiner dunklen Leidenschaft für Würste aller Art dazu hinreißen lassen, drei Hotdogs mit gerösteten Zwiebeln, Ketchup, Senf und Mayonnaise zu verspeisen. Nachdem ich dieses durch nichts zu entschuldigende Bedürfnis befriedigt hatte, überkamen mich Scham und Sodbrennen. Wie lange hatten die Brühwürste schon in heißem Wasser gelegen? Was wusste ich über ihre Herkunft? Auch die schrecklich weichen und bleichen Brötchen, in welche die Würste gebettet gewesen waren, ekelten mich plötzlich an. Was hatte mich dazu geritten, diesen fettreichen und nährstoffarmen Sündenfall mit Produkten aus dem kulinarischen Babylon namens Amerika zu begehen? Setzte ich nicht meine Gesundheit und zugleich meine Reputation als Kulturschaffender aufs Spiel? War ich denn ein Tier, dass es mir so schwerfiel, zwischen der Wertschätzung meines hochverehrten Publikums und dem schändlichen Nachgeben billigster Gelüste, oder besser noch: zwischen meinem Selbstwertgefühl und einem widerlichen Heißhunger auf ordinäre Würste mit klarem Verstand abzuwägen, und selbstverständlich bei unvermittelt auftretendem Appetit auf die von meinem treuen Famulus Johann in einem Weidenkorb mitgebrachten Butterbrote und ein Stückchen Gruyère zurückzugreifen?

Zum Glück hatte mich am Würstchenstand niemand erkannt. Halle 7, juristische und betriebswirtschaftliche Fachliteratur. Jetzt war mir schlecht und mit jedem kleinen Rülpser, der sich beim raschen Gehen zur Halle 3, Belletristik, durch meine schmerzhaft brennende Kehle hinaufwand, schmeckte ich die ekelerregende Mischung aus Wurst und Soßen auf Zunge und Gaumen. Vor allem die fettige Mayonnaise, die womöglich schon ranzig gewesen war, spielte sich mit impertinenter Penetranz in den Vordergrund. Ich trank hastig eine Tasse Kaffee, aber der Geschmack ging einfach nicht weg. Ich ließ mir von Johann ein Sahnebonbon reichen, aber es half nichts. Mit jedem Rülpser war der Geschmack wieder da. Und in einer Viertelstunde musste ich auf dem Podium vor der versammelten Weltpresse sitzen und den Journalisten Rede und Antworten stehen. Am Stand des Knödelbach-Verlags begrüßte mich der Verleger Johann Buckelschreck, ein älterer Herr mit Menjou-Bärtchen und kariertem Sakko, mit einem nasskalten Händedruck, der auf seine gewohnte Nervosität in solchen Situationen hinwies. Die beiden Buchreihen in Augenhöhe waren mit meinem neuen Werk „Ende des Zaubers – Literatur als Handwerk“, einem Ratgeber für den schriftstellerischen Nachwuchs, geschmückt. Darüber und darunter waren die Werke von Gesine Apfelkern („Fisch ohne Gnade“) und von Amos Beutelfeger („Eine kleine Geschichte des Kaugummiautomaten“) drapiert. Mit der Kollegin und dem Kollegen sollte ich gleich vor die Presse treten. Frau Apfelkern überschminkte gerade die Warze an ihrem Doppelkinn, Herr Beutelfeger war noch auf der Toilette.

Nach einigen einführenden Worten des Verlegers betraten wir nacheinander die Bühne. Die Blitzlichter der Fotografen zuckten durch die Halle und Herr Beutelfeger, ein junger, ganz in schwarz gekleideter und offenbar noch recht unerfahrener Autor, beging den Fehler, in die Kameras zu schauen und taumelte geblendet zu seinem Stuhl. Ich nahm in der Mitte Platz. Beim Setzen rülpste ich einen kleinen Schwall Magensäure in meinen Mund und musste husten, was aber in der allgemeinen Hektik zu Beginn nicht weiter auffiel. Die erste Frage ging an mich. Was ich von der Literatur des diesjährigen Gastlands Finnland hielte, fragte eine junge Frau von der FAZ. Nun, antwortete ich gelassen, die finnische Literatur sei der norwegischen bei weitem vorzuziehen, womit ich die Lacher natürlich auf meiner Seite hatte. Niemand kannte die finnische Literatur, am wenigsten die Journalisten vor mir auf den stapelbaren Konferenzstühlen. Schließlich war ich hier, um über mein neues Buch zu reden, und nicht über Menschen mit unverständlichen Namen und einer merkwürdigen Sprache, die man noch nicht einmal in Schweden beherrschte.     

Dann sprachen wir endlich von „Ende des Zaubers“, für den der ambitionierte Verlag aus Pirmasens werbetechnisch ziemlich dick aufgetragen hatte. „Der beste Bonetti aller Zeiten“ mochte ja noch angehen, aber „Bonetti leuchtet“ nach dem alten Thomas-Mann-Diktum oder „Bonetti unchained“ in Tarantino-Manier waren doch reichlich unpassend. Schließlich wurde hier Literatur verkauft und keine RTL-Show oder – und bei dem Gedanken musste ich wieder aufstoßen – Wurst. Die unvermeidliche Frage nach der Zukunft der Literatur von der Süddeutschen Zeitung parierte ich elegant mit dem Verweis auf die stabilen Verkaufszahlen des Buchhandels und indem ich ein wenig zum Leseverhalten der Smartphone-Generation extemporierte. Gefragt sei angesichts der aktuellen Entwicklung der literarische Kurztext, der geistreich und unterhaltend zugleich sein müsse. Der Textumfang müsse sich dabei am reduzierten Aufmerksamkeitshorizont der Leserschaft orientieren. „Aufmerksamkeitshorizont“ war gut, das war mir einfach ganz spontan eingefallen und ich nahm mir vor, den Ausdruck nach Abschluss der heutigen Pressearbeit zu notieren, um ihn später einmal in einem Essay zu verwenden. Mutig trank ich einen Schluck des vor mir platzierten Mineralwassers und bereute es sogleich. Es war, als würde mir die Kohlensäure im Halse stecken bleiben. In meinem Magen begann es zu brodeln und nun machte sich zu allem Überfluss auch noch ein garstiger Harndrang bemerkbar.  

Dann war der ZEIT-Journalist an der Reihe. Der als Frage getarnte Monolog eines ehemaligen Germanistikstudenten aus Osnabrück, der alle möglichen angelesenen und halbverdauten Sottisen zum aktuellen Literaturbetrieb enthielt, nahm kein Ende. Wo bleibt der große deutsche Gegenwartsroman? Das war die Quintessenz seiner Suada und ich verwies in meiner Antwort großzügig auf einige hoffnungsvolle Kollegen und die unendlichen Weiten der Blogosphäre, in der heute schon die Texte vorhanden wären, die von klugen Verlegern nur noch geborgen werden müssten. In Wirklichkeit gab es keine großen Romane mehr, weil man als deutscher Autor mit Romanen kein Geld verdienen konnte. Es gibt in Deutschland etwa so viele professionelle Romanautoren wie professionelle Volleyballspieler. Ich selbst verdiente inzwischen an den Filmrechten meiner Romane, die ich mit schöner Regelmäßigkeit an die ARD Degeto in Frankfurt verhökerte, mehr Geld als an der verkauften Auflage. Die nächste Frage ging an Frau Apfelmann oder wie auch immer sie heißen mochte und betraf die allegorische Bedeutung ihres Protagonisten, der auf den schönen Namen „Prokop der Geschorene“ hörte. Ich musste rülpsen und da war er wieder: dieser grässliche Geschmack von ewig unverdaut bleibender Mayonnaise.

 

Donnerstag, 30. Juli 2026

Marvelous Magic Bonetti

 

Blogstuff 1367

„Nothing really matters “. (Freddie Mercury)

Merz ist wie Scholz. Schon vor dem Ende der ersten Amtszeit gescheitert. Seine Arbeit wird, laut FAZ von führenden CDU-Politikern als „unwürdig“, „schäbig“ und „unterirdisch“ bezeichnet. Da braucht man die Kommentare der Opposition schon gar nicht mehr. Aber Merz merkt es nicht. In meinem Heimatdorf kannte jeder den Dorftrottel, nur einer nicht: der Dorftrottel selbst. Hoffentlich hat das alles vor 2029 ein Ende. 

Während Corona gab es leere Regale. Für gelernte DDR-Bürger muss es eine großartige Zeit gewesen sein. Wie früher.

Waldbrände in Spanien und Frankreich? Dahinter stecken die Grünen. Auf den abgebrannten Flächen werden Solaranlagen und Windparks gebaut. Das ist die Wahrheit, die keiner hören will!

Im Sommer mache ich gerne mal Pause von der ganzen Erholung.

„Deadline“ ist ein dramatischer Ausdruck. Du stirbst nicht, wenn du den Termin nicht einhälst.

Bonetti rät: Du sollst keine Ziele im Leben haben. Deinen Job macht jemand anderes, wenn du es nicht tust. Sag nein zu Meetings, Power-Point-Präsentationen, Kaffeepausen und Kantinenfraß. Es gibt keinen tieferen Sinn, egal wie oft du dich fragst. Du existierst einfach wie Unkraut auf einer Wiese. Das Leben ist beschissen und am besten verschläfst du die meiste Zeit bis zu deinem Tod.

Die Humboldt-Stiftung hat 2025 32 Prozent mehr Bewerbungen aus den USA gemeldet. Beim DAAD hat sich die Zahl der Bewerbungen fast verdoppelt. Danke, Trump! Nix mit Brain-Drain in Deutschland.

„Hintergrund der Umstellung ist das Wachstums­chancen­gesetz der Bundes­regierung zur verpflichtenden Einführung der elektronischen Rechnung im Geschäfts­verkehr. Ziel ist die weitere Digitalisierung und Standardisierung von Rechnungs­prozessen in Deutschland.“ Solche Mails bekommt man von der Telekom. Damke, Nerz!

Jetzt hat der Remmo-Clan auch dieses Viertel übernommen. Unschuldige Frauen werden gezwungen, Gucci-Handtaschen zu tragen.

Früher habe ich immer Essen ins Kino geschmuggelt. Einmal sogar ein Schweinenackensteak in Alu-Folie.

Masood Boomgaard: „Work-Life-Balance is Bullshit”. Leben ist wichtiger als Arbeit. Wenn du so viel arbeitest, dass es die Hälfte deiner Zeit frisst, machst du etwas falsch.

 Leila K – Ca Plane Pour Moi (Official) – YouTube

 

Dienstag, 28. Juli 2026

Walhalla und das Paradies

 

Blogstuff 1366

„Fortpflanzungstourismus“ (Küppersbusch zur Causa Spahn)

Ein Menschenleben ist wie die Geschichte der Menschheit. Kindheit und Erwachsenenalter – alles gut. Aber dazwischen ist die Pubertät, das dunkle Mittelalter.

Was die AfD mit Islamisten verbindet: Beide wollen die Gesellschaft spalten.

Eigentlich ist es ganz einfach. Islam = Religion. Islamismus = Ideologie.

Eines Tages werde ich wie der Dude in den Supermarkt gehen: im Bademantel, mit kurzen Hosen und Schlappen.

Fun Fact: Auch nach dem Anschlag auf den CSD gibt es noch „Queers for Palestine“. Jedes weitere Wort ist überflüssig.

Ich habe mein Start-up „Bonetti AI“ an Musk verkauft. Jetzt will er es mir zurückverkaufen. Aber ich bin ja nicht blöd. Wenn er sich informiert hätte, wüsste er, dass AI Allergiker-Informationen bedeutet.

Anfang des Jahres war ich bei einer Zahnärztin. Schon nach meinem Anruf hätte ich misstrauisch werden müssen, denn ich habe sofort einen Termin bekommen. Dann saß ich allein im Wartezimmer. Sie hat mir eine Zahnreinigung aufgeschwatzt, zu der ich nie gegangen bin, und hat mich für die eigentliche Behandlung an eine Kieferchirurgin überwiesen.

Die größte Schnitzel-Challenge gibt’s in der Gaststätte „Zum Propeller“ am Flughafen in Worms. Zwei Kilogramm + Soße + Pommes.

Merz hätte es auch einfach haben können. Sein Fraktionsvorsitzender ist gegangen. Hätte er die Fraktion einen neuen Vorsitzenden wählen lassen, hätte er sich die holprige Personalkaskade erspart. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Warum ist Abdul Ballout mit einem Messer auf ein schwer bewaffnetes SEK zugegangen? Weil er sterben wollte. Nur wer im Kampf stirbt, kommt als Märtyrer ins Paradies, wo 72 Jungfrauen auf ihn warten. Wir lachen darüber. Aber viele unserer Vorfahren haben im Dritten Reich genauso gedacht. Sie hatten sich vom Christentum abgewandt und den alten Glauben der nordischen Stämme, der Germanen, Wikinger usw. übernommen, vor allem Mitglieder der SS. Odin ist der Gottvater, daneben gibt es andere Götter wie Thor mit dem Hammer. Vor allem die Vorstellung vom Himmel war ganz anders. Christen sehen sich auf einer Wolke, in einem weißen Kleid und mit einer Harfe in der Hand. Gebt mir Manna! Die Nazis glaubten an Walhalla, eine große Halle, wo die Götter und die Krieger bis ans Ende der Zeit ein Riesenparty mit Honigmet, Fleisch und schönen Mädchen feiern. Allerdings musste man als Krieger mit einem Schwert in der Hand im Kampf sterben. Wer im Bett starb, an einer Krankheit oder an einem Herzinfarkt, kam nicht in den Himmel. Nach einer Schlacht würden die Wallküren über das Schlachtfeld fliegen und die Seelen der toten Krieger nach Walhalla bringen. Heute ist ein guter Tag zum Sterben, dachte mancher SS-Fanatiker. Dann komme ich nach Walhalla. Wer den Tod nicht fürchtet, geht größere Risiken ein als andere Soldaten.