Freitag, 24. Februar 2017
Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus
Es liegt mir fern, in diesem Blog Produktwerbung zu machen, aber heute werde ich diese Regel für einen Augenblick suspendieren. Die Edition Nautilus hat den Essay „Die Seele des Menschen im Sozialismus“ von Oscar Wilde aus dem Jahr 1891 neu herausgegeben. Das Buch erscheint am 1. März. Hier einige schöne Zitate aus dem Text.
„Man versucht (…) das Problem der Armut zu lösen, indem man die Armen am Leben erhält; oder, wie es eine sehr fortgeschrittene Schule vorschlägt, indem man sie amüsiert. Aber das ist keine Lösung; es verschlimmert die Schwierigkeit. Das wahre Ziel heißt, die Gesellschaft auf einer Grundlage neu zu errichten, die die Armut ausschließt.“
„In einer Gemeinschaft wie der unsrigen, in der das Eigentum unbegrenzte Auszeichnung, gesellschaftliche Stellung, Ehre, Ansehen, Titel und andere angenehme Dinge dieser Art verleiht, setzt sich der von Natur aus ehrgeizige Mensch das Ziel, dieses Eigentum anzuhäufen, und er sammelt hartnäckig und mühevoll immer neue Schätze an, wenn er schon längst mehr erworben hat als er braucht oder verwenden oder genießen oder vielleicht sogar überschauen kann. Der Mensch bringt sich durch Überarbeitung um, damit er sein Eigentum sicherstellt, und bedenkt man die ungeheuren Vorteile, die das Eigentum bringt, so ist man kaum darüber verwundert. Es ist bedauerlich, dass die Gesellschaft auf einer solchen Grundlage aufgebaut ist, und der Mensch in eine Bahn gedrängt wird, wo er das Wunderbare, Faszinierende und Köstliche seiner Natur nicht frei zu entfalten vermag - wo er in der Tat das echte Vergnügen und die Freude am Leben entbehrt.“
„Es ist fraglich, ob wir jemals die volle Entfaltung einer Persönlichkeit erlebt haben, außer auf der imaginativen Ebene der Kunst. Im Bereich des Handelns haben wir sie nie kennen gelernt.“
„Das Publikum ist immer und zu jeder Zeit schlecht erzogen gewesen. Es hat immer von der Kunst verlangt, dass sie volkstümlich sei, dass sie seiner Geschmacksvorstellung entspreche, dass sie seiner absurden Eitelkeit schmeichle und wiederkäut, was längst bekannt ist, ihm vorführt, wessen es längst müde sein sollte, es unterhält, wenn es sich nach dem üppigen Mahle beschwert fühlt, und es zerstreut, wenn es seiner eigenen Dummheit überdrüssig ist. Die Kunst sollte aber niemals versuchen, volkstümlich zu sein. Das Publikum sollte vielmehr versuchen, künstlerisch zu empfinden. Das ist ein sehr großer Unterschied. Wenn man einem Mann der Wissenschaft sagen würde, die Ergebnisse seiner Forschungen, die Schlussfolgerungen, zu denen er gelangt ist, müssten dergestalt sein, dass sie mit der gängigen Meinung des Publikums übereinstimmen, seine Vorurteile nicht stören oder die Gefühle von Leuten nicht verletzen, die nichts von der Wissenschaft verstehen; wenn man einem Philosophen zugestehen würde, dass er in den höchsten Gedankensphären spekuliert, vorausgesetzt, dass er zu denselben Schlussfolgerungen gelangt wie jene, die niemals in irgendeiner Sphäre nachgedacht haben, nun, der Mann der Wissenschaft und der Philosoph wären heutzutage darüber regelrecht erheitert. Und doch ist es nur wenige Jahre her, seit Philosophie und Wissenschaft einer brutalen öffentlichen Kontrolle unterworfen waren - genauer gesagt der Autorität der allgemeinen Unwissenheit der Gesellschaft oder dem Terror und der Machtgier einer geistlichen oder regierenden Klasse.“
„Die wahre Persönlichkeit des Menschen wird wunderbar sein, wenn sie in Erscheinung tritt. Sie wird natürlich und einfach wachsen, wie eine Blume oder wie ein Baum wächst. Sie wird nicht zwiespältig sein. Sie wird nicht überreden wollen und nicht streiten. Sie wird nichts beweisen wollen. Sie wird alles wissen. Und doch wird sie sich nicht um das Wissen bemühen. Sie wird Weisheit besitzen. Ihr Wert wird nicht an materiellen Maßstäben gemessen werden. Sie wird nichts ihr eigen nennen. Und doch wird sie über alles verfügen, und was immer man ihr wegnimmt, wird sie nicht ärmer machen, so groß wird ihr Reichtum sein. Sie wird sich anderen nicht aufdrängen oder verlangen, wie sie selbst zu sein. Sie wird sie lieben, weil sie so verschieden sind. Und gerade weil sie sich nicht um die andern kümmert, wird sie allen helfen, wie etwas Schönes uns hilft, durch das, was es ist. Die Persönlichkeit des Menschen wird wundervoll sein. So wundervoll wie das Wesen eines Kindes.“
„Alle Arten des Regierens erweisen sich als Missgriff. Der Despotismus ist ungerecht gegen alle, auch gegen den Despoten, der vielleicht zu etwas Besserem bestimmt war. Oligarchien sind ungerecht gegen die vielen, und Ochlokratien sind ungerecht gegen die wenigen. Einmal hat man große Hoffnungen in die Demokratie gesetzt; aber Demokratie ist nichts anderes als das Niederknüppeln des Volkes durch das Volk für das Volk. Das ist erwiesen. Ich muss sagen, es war höchste Zeit. Denn jede Autorität erniedrigt. Sie erniedrigt gleichermaßen Herrscher und Beherrschte. Wird sie gewalttätig, brutal und grausam ausgeübt, so ruft sie eine positive Wirkung hervor, indem sie den Geist der Revolte und den Individualismus anstachelt, der sie vernichten soll. Wird sie mit einer gewissen Großzügigkeit ausgeübt und werden Preise und Belohnungen vergeben, so ist ihre Wirkung furchtbar demoralisierend. In diesem Fall werden sich die Menschen des furchtbaren Druckes, der auf ihnen lastet, weniger bewusst und gehen in einer Art von vulgärem Wohlbehagen durch das Leben wie zahme Haustiere, ohne jemals zu erkennen, dass sie wahrscheinlich die Gedanken anderer Menschen denken, nach den Normen anderer Menschen leben, dass sie gewissermaßen nur die abgelegten Kleider der anderen tragen und niemals, auch nicht einen Augenblick lang, sie selbst sind. »Wer frei sein will«, sagt ein kluger Kopf, »darf sich nicht anpassen.« Und die Autorität, die den Menschen zum Konformismus verleitet, bewirkt unter uns eine sehr grobe Form der übersättigten Barbarei.“
„Handarbeit ist durchaus nicht etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie absolut erniedrigend. Irgendetwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln. Alle diese Arbeiten sollte eine Maschine ausführen.“
„Ich zweifle nicht, dass das einmal der Fall sein wird. Bislang ist der Mensch in gewissem Sinne der Sklave der Maschine gewesen, und es liegt etwas Tragisches in der Tatsache, dass er zu hungern begann, sobald er Maschinen erfand, die seine Arbeit verrichten. Dies ist jedoch nur das Ergebnis unserer Eigentumsordnung und unseres Wettbewerbssystems. Ein Einzelner ist Eigentümer einer Maschine, die die Arbeit von fünfhundert Menschen leistet. Dadurch sind fünfhundert Menschen arbeitslos, und weil sie keine Beschäftigung haben, fallen sie dem Hunger und dem Diebstahl anheim.“
„Gegenwärtig konkurriert die Maschine mit dem Menschen. Unter den richtigen Verhältnissen wird die Maschine dem Menschen dienen. Dies ist ohne Zweifel die Zukunft der Maschine; und so wie die Bäume wachsen, während der Landwirt schläft, so wird die Menschheit sich vergnügen oder sich der geistvollen Muße hingeben - denn Muße, nicht Arbeit ist das Ziel des Menschen -, oder sie wird schöne Dinge hervorbringen oder schöne Dinge lesen oder einfach die Welt mit Bewunderung und Entzücken betrachten, während die Maschine die notwendige, unangenehme Arbeit verrichtet. Es ist eine Tatsache, dass die Zivilisation Sklaven erfordert. Darin hatten die Griechen ganz recht. Wenn nicht Sklaven die hässliche, unangenehme, uninteressante Arbeit ausführen, werden Kultur und Kontemplation beinah unmöglich sein. Menschliche Sklavenarbeit ist unrecht, inkonstant und demoralisierend. Von der Sklavenarbeit der Maschine, dem mechanischen Sklaventum, hängt die Zukunft der Welt ab.“
„Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre nicht wert, dass man einen Blick darauf wirft, denn auf ihr fehlte das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Und wenn die Menschheit dort gelandet ist, hält sie wieder Ausschau, und sieht sie ein schöneres Land vor sich, setzt sie die Segel. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“
Mittwoch, 22. Februar 2017
Aufrüstung
Jetzt soll die Bundeswehr aufgerüstet werden, die neue US-Regierung säht Zweifel an ihrer Rolle als Schutzmacht des Westens. Für welchen Krieg soll denn aufgerüstet werden? In die Kriegsgebiete des Nahen Ostens wird keiner ziehen wollen und in Europa droht kein Krieg, auch wenn uns die hysterischen Medien seit drei Jahren einreden wollen, Putin sei ein neuer Hitler oder Napoleon, der ganz Europa unterjochen möchte.
Die russischen Interessen beziehen sich nur auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, allen voran die Ukraine. Diese Länder liegen auf dem Spieltisch zwischen dem Westen und Russland. Sie sind neutral, aber sie werden es nicht für immer bleiben. Die Kugel wird früher oder später in eine Richtung rollen. Aber die russische Armee wird sicher niemals Berlin erobern. Was wollte Putin auch mit einer überschuldeten Stadt ohne Industrie oder funktionierende Verwaltung, die von Millionen Bionade saufenden Fahrradnazis bevölkert ist?
Wir haben es in Europa mit den Kollateralschäden des Krieges zu tun, nicht mit dem Krieg selbst. Flüchtlinge und Terrorismus heißen die Stichworte. Da helfen uns keine Soldaten. Neue Leopard II-Panzer oder Jagdbomber hätten die Anschläge in Paris, Brüssel, Nizza und Berlin nicht verhindert. Wenn man keine Flüchtlinge mehr aufnehmen möchte, muss man die Grenzen schließen und sichern. Das ist Aufgabe der Polizei. Wenn man etwas gegen Terroranschläge unternehmen möchte, muss man die Polizei und die Nachrichtendienste aufrüsten, nicht das Militär.
Eines ist klar: Keiner von uns wird durch eine russische Kugel oder eine islamistische Bombe sterben. Fast jeder von uns stirbt an einer anderen Todesursache. Und die liegt viel näher und ist von uns auch beeinflussbar – im Gegensatz zu Putin oder dem IS: Wir werden in Zeitlupe Selbstmord mit Messer und Gabel, mit Korkenzieher und Flaschenöffner begehen. Das ist die nüchterne Wahrheit.
Joan Armatrading - Drop The Pilot. https://www.youtube.com/watch?v=yoCWUNUB3ro
Montag, 20. Februar 2017
Wie ich den Krieg verlor
„Eine Geschichte der Menschheit gibt es nicht. Das ist die tiefe, traurige Wahrheit. Ihre Annalen sind nie geschrieben worden und werden nie geschrieben; und selbst, wenn es sie gäbe, wären wir außerstande, sie zu lesen. Was wir haben, ist das eine oder andere Blatt aus dem großen Buch des Schicksals, das von den Stürmen, die über die Erde hinwegziehen, hergeweht wird. Wir entziffern das, so gut wir können, mit unseren kurzsichtigen Augen; aber alles, was dabei herauskommt, ist ein konfuses Gemurmel. Wir haben es mit Hieroglyphen zu tun, zu denen uns der Schlüssel fehlt.“ (John Lothrop Motley)
Es begann in den Fernsehnachrichten. Dort war von Forderungen und Provokationen die Rede, in den folgenden Tagen fielen Begriffe wie „Ultimatum“ oder „Mobilisierung der Reserve“, die ich gar nicht kannte. Ich war damals zehn Jahre alt und fragte meine Eltern, was das zu bedeuten habe, aber sie senkten nur schweigend den Kopf oder sagten mir, ich sei noch zu klein.
Eine Woche später war unser Land im Krieg. Den genauen Grund für den Ausbruch dieses Krieges habe ich nie erfahren. Unsere Gegner waren heimtückisch, primitiv und hatten keine Chance gegen uns. Der Mann aus dem Nachbarhaus trug plötzlich eine Uniform und musste zu seiner Einheit. Ich habe vergessen, welche Einheit das war, aber ich war traurig, dass mein Vater keine Uniform hatte und nicht in den Krieg zog.
In unserem Dorf gab es einen Umzug der Soldaten, die in den Krieg zogen. Sonst gab es nur im Karneval einen Umzug, aber die Menschen waren an diesem Tag genauso fröhlich und ausgelassen wie in der närrischen Zeit. Am Bahnhof standen hunderte von uniformierten Männern mit riesigen Rucksäcken und einem Gürtel, an dem allerlei geheimnisvolle kleine Taschen waren. Ihre Stahlhelme baumelten an der Seite der Rucksäcke.
In dieser Zeit fühlten sich die Menschen wie Verbündete. Unsere Nachbarn im Dorf, selbst Fremde im Supermarkt waren uns jetzt viel näher. Es wurde in den Medien und in den Alltagsgesprächen viel von Zusammenhalt und Solidarität geredet. Man war erleichtert, wenn man einem anderen Menschen ein klein wenig helfen konnte, denn damit durfte man seinen Gemeinschaftssinn und seinen Willen zum Sieg auch im Kleinen zeigen.
Nur die Ausländer wurden misstrauisch betrachtet. In unserem Dorf gab es Türken, Italiener und Polen. Konnte man ihnen trauen? Ihre Länder waren zwar keine Kriegsparteien, aber es konnten doch Spione sein. Sie unterhielten sich in fremden Sprachen und gehörten nicht zu uns. In der Schule wurden sie zu Außenseitern, mit denen niemand mehr spielte. Wir deutschen Kinder wollten unter uns sein. Wir sprachen auf dem Schulhof über nichts anderes mehr als über den Krieg.
Wir hörten Geschichten von der Front, die im Dorf schnell die Runde machten. Obwohl es eigentlich verboten war, schickten viele Soldaten Mails und Fotos an ihre Angehörigen, von denen natürlich etliche im Internet landeten. Ich las die täglichen Berichte über den Kriegsverlauf. Es war spannender als die Fußballbundesliga. Hatten wir ein Gefecht gewonnen oder verloren? Hatten wir ein Stück Territorium erobert oder mussten wir es räumen? Wie viele Tote hatte der Gegner, wie viele Tote hatten wir? Das war der aktuelle Tabellenstand des Krieges.
Im Fernsehen und im Internet sah ich mir viele Beiträge über die Kampfhandlungen an. Ich muss sagen: unsere Bomber und Panzer waren einfach schön. Sie sahen gut aus und das Mündungsfeuer der Artillerie jagte mir wohlige Schauer über den Rücken. Auch die Luftaufnahmen von Explosionen oder die Bilder einer Drohne kurz vor ihrem Einschlag waren beeindruckend. Unsere Soldaten sahen cool aus, wie Filmstars. Während die Gefangenen des Feindes aussahen wie Verbrecher.
Irgendwann erreichten die Todesmeldungen auch unser Dorf. Der Nachbar mit der schönen Uniform war tot. Seine Frau weinte, als sie es meiner Mutter erzählte. Seine beiden Töchter gingen zunächst gar nicht zur Schule, dann nur schweigend und mit hängenden Köpfen. Ich fragte meinen Vater, ob er auch in den Krieg ziehen müsste. Ich war unsicher geworden. Nein, sagte er, aufgrund seiner Tätigkeit als Leiter der Buchhaltung in einem kriegswichtigen Betrieb müsse er nicht mit seiner Einberufung rechnen. Wieder neue Worte: „kriegswichtig“, „Einberufung“.
Es waren die Politiker, die entschieden, was kriegswichtig war und wer als nächstes einberufen werden sollte. Man sah sie jetzt häufiger im Fernsehen, wo sie lange Reden hielten. „Schicksal“, „Nation“, „historische Entscheidungsschlacht“ oder die „Zukunft unserer Kinder“ waren Begriffe, die sehr häufig in ihren Reden vorkamen. Viele Flaggen und klatschende Menschen waren zu sehen, die Inszenierung war beeindruckend. Ob meine Eltern abends vor Ergriffenheit oder Angst weinten, weiß ich nicht mehr. Aber eines Tages hatten wir den Krieg verloren.
Solid Space - Spectrum Is Green. https://www.youtube.com/watch?v=rsR40Skuxfo
Samstag, 18. Februar 2017
Der letzte Wunsch
Eigentlich beginnt hier am Rhein in der nächsten Woche die Fastnacht, die Zeit der behördlich erlaubten und geregelten Fröhlichkeit. Die Polizei empfiehlt den Flüchtlingen, sich von dieser alten deutschen Tradition fernzuhalten. Aber mir geht gerade eine ganz andere Sache durch den Kopf.
Im Nachbardorf wohnt meine Nichte. Ihre Freundin hat Krebs. Mit 21 Jahren erfährt sie von den Ärzten, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben hat. Was für ein schrecklicher Gedanke. Noch so jung – und die Zeit des Abschieds von der Welt, von der Familie und von Freunden ist gekommen. Die Zeit der letzten Wünsche bricht an.
Sie möchte noch einmal das Meer sehen. Mit ihren Eltern und ihrem Verlobten fährt sie nach Nizza. Leere Strände. Februar. Eine Stadt in Trauer nach dem verheerenden Terroranschlag. Aber ein Wunsch, der in Erfüllung geht.
Sie möchte gerne noch ein letztes Mal ihren Geburtstag feiern. Im April wird sie 22. Sie hat es nicht mehr geschafft. In dieser Woche ist sie gestorben. Wir sollten mit unseren Wünschen nicht länger warten. Darüber denke ich in diesem Augenblick nach.
Alexandra - Was ist das Ziel? https://www.youtube.com/watch?v=6t_0rbDGCOg
Donnerstag, 16. Februar 2017
Was ich bereits auf dem Spielplatz gelernt habe
Auf der Schaukel geht es hin und her, aber nicht wirklich vorwärts.
Auf der Rutsche geht es immer nur abwärts.
Auf der Wippe ist man zu zweit, es geht rauf und runter, aber nichts hat Bestand.
Alles, was man im Sandkasten baut, ist äußerst vergänglich.
Eine wahre Geschichte und eine Lüge
Franz Jung wurde 1817 in der Nähe von Karlsruhe geboren. Sein Vater war Landarbeiter, seine Mutter Weberin. Er wurde Knecht auf demselben Hof, auf dem auch sein Vater beschäftigt war. 1841 heiratete er die Magd Henriette Klingbeil, die auf dem Nachbarhof arbeitete. Als es zur Märzrevolution 1848 kam, nahm Franz Jung aktiv an den Kämpfen Teil. Im Großherzogtum Baden nahm die Revolution ihren Anfang. Das Volk wählte sich überall in den deutschen Kleinstaaten Regierungen, die sogenannten Märzkabinette, die in der Frankfurter Paulskirche zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung zusammentraten. Ein Ergebnis der Revolution war die Bauernbefreiung. Franz Jung und seine Frau waren nun keine Leibeigenen mehr. Er hatte nun das Recht, das Land seines Herrn zu verlassen und musste keine Frondienste mehr erbringen. Auch die Erbuntertänigkeit der Bauern, die es seit Jahrhunderten gegeben hatte, wurde abgeschafft. Als die Revolution kurz darauf gescheitert war, fürchtete Franz Jung, seine Freiheit wieder zu verlieren. Er ging mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Amerika, wo es keine weißen Leibeigenen mehr gab. Er ließ sich in Ohio nieder, kaufte ein Stück Land und wurde Farmer. Er war so erfolgreich, dass er seinen Grundbesitz stetig erweiterte. Auf einem Teil des Landes baute er Hafer an und begann, in die umliegenden Städte und Gemeinden Haferflocken zu verkaufen. 1875 war er ein erfolgreicher Unternehmer, der eine eigene Fabrik unterhielt, die Haferflocken im ganzen Land verkaufte. Bevor im 20. Jahrhundert die Cornflakes den Markt eroberten, galt Franz Jung als König der Frühstückscerealien. Er starb 1892 als reicher Mann.
Franz Jung wurde 1888 in Oberschlesien geboren. Er war der Sohn eines Uhrmachers, besuchte das Realgymnasium und legte 1907 sein Abitur ab. In Leipzig studierte er Musik, wechselte aber bald zu Volkswirtschaft, Rechts-, Kunst- und Religionswissenschaften. 1912 erschienen erste Prosatexte von ihm in expressionistischen Zeitschriften. Bei Kriegsbeginn 1914 desertierte er aus dem Heer, kam in Festungshaft und anschließend in die Psychiatrie nach Berlin-Wittenau. Danach führte er ein Doppelleben: Sein Brotberuf waren Wirtschaftsjournalismus und Börsenberichterstattung, gleichzeitig betätigte er sich politisch im Untergrund und war Mitherausgeber des „Club Dada“. Er war mit Erich Mühsam und George Grosz befreundet. Nach dem Krieg nahm er an den Spartakus-Kämpfen im Berliner Zeitungsviertel teil. Als glühender Kommunist kaperte er ein Fischdampfer und fuhr in die Sowjetunion, wo er bei Nowgorod eine Zündholzfabrik aufbaute. 1923 kehrte er unter falschem Namen nach Deutschland zurück, arbeitete erneut als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und am Berliner Theater an der Seite von Erwin Piscator. Ab 1933 war er in der Untergrundgruppe „Rote Kämpfer“ aktiv, wurde verhaftet und konnte fliehen. Prag, Wien und Genf wurden seine nächsten Stationen. 1939 war er Versicherungsagent in Budapest, nachdem ihn die Schweiz wegen Spionageverdachts ausgewiesen hatte, und wurde 1944 wieder verhaftet. Er konnte nach Italien fliehen, wo er jedoch im Konzentrationslager Bozen interniert wurde. 1948 wanderte er in die USA aus und kehrte 1960 nach Deutschland zurück, wo er 1963 völlig verarmt und vergessen in Stuttgart starb. Seine Autobiographie „Der Weg nach unten“ von 1961 ist leider viel zu wenigen Lesern bekannt.
Welche der beiden Biographien ist echt, welche ist falsch?
Pink Turns Blue - Your Master Is Calling. https://www.youtube.com/watch?v=FT9lwMakwv8
Dienstag, 14. Februar 2017
Posttraumatische Belastungsstörung
Ich habe mal einen Workshop in Meck-Pomm organisiert und dazu ein kleines Hotel an einem See komplett angemietet. Unglücklicherweise hatte es genau ein Zimmer zu wenig. Da Cheffe und ich keinem Gast dieses Elend zumuten wollten, nahmen wir zusammen ein Doppelzimmer.
Nach dem langen Sitzungstag lag mein Vorgesetzter also auch noch nachts neben mir im Doppelbett. Nur die „Besucherritze“ hat uns getrennt. Diese traumatische Erinnerung ist durch den Text eines Bloggers wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins geperlt. Danke, Herr Kollege! Jetzt lutsche ich wieder Daumen und suche meine alte Schmusedecke.
Sind Sie sensibel oder psychisch labil? Es sind noch andere Erinnerungen hochgekommen. Um sieben Uhr morgens klingelt der Wecker von Cheffe. Im Gegenlicht der Morgendämmerung sehe ich ihn zum Badezimmer laufen. Ein gepflegter Halbsteifer wölbt sich in seiner Unterhose – eine Acht-Uhr-Erektion und damit ist nicht die Uhrzeit gemeint, wenn Sie verstehen, was ich meine. Natürlich benutzt er vor mir die Toilette und die Dusche.
Das Leben ist ein Traum der Hölle. Das Leben ist ein Traum der Hölle. Das Leben ist ein Traum der Hölle …
Frankie Goes To Hollywood - Black Night White Light. https://www.youtube.com/watch?v=KObdqhVWDns
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