Dienstag, 12. Januar 2016

Zettelwirtschaft

Ja, man hat so seine Last mit den ganzen Notizzetteln. Aber man braucht sie eben doch gelegentlich. Und nicht nur beim Einkaufen. Lehmann hatte einen Zettel dabei, als es im Elferschießen 2006 gegen Argentinien ging. Die nordafrikanische Testosteron-Mafia in Köln hatte Zettel bei sich. Ich zitiere: „Große Brüste. Ich will fucken. Ich will dich küssen”. Man muss einen gewissen Optimismus an den Tag legen, wenn man mit diesem Spickzettel Frauen „aufreißen“ will. Meinen alten Anmachspruch aus der Discozeit (Pleistozän) kann ich Ihnen übrigens auch heute noch nicht guten Herzens empfehlen: „Haben Sie Hesse gelesen?“ Wirkt bei Frauen nicht.
P.S.: Es ist interessant, was diese Informationsapotheker von den Medien nach und nach herausgeben. „Köln“ ist zwölf Tage her.
Manicure – Sneg. https://www.youtube.com/watch?v=JsPZrIn-YJs
“Man kann den Führern unserer großen deutschen Parteien einfach nur recht geben: Schluss mit der politisch motivierten Schonung von Ausländern! Knallharte Verfolgung nordamerikanischer Verbrecher, die das Gastrecht in Ramstein missbrauchen! Konsequente Ermittlung gegen ausländische Täter, die gegen Recht und Gesetz die Telekommunikation deutscher Frauen abhören! Sofortige Entlassung der Innen- und Justizminister, die es aus politischer Opportunität unterlassen haben, mit der ganzen Härte des Rechtsstaats gegen die Taten von Ausländern einzuschreiten, die von deutschem Boden aus menschenrechtswidrige Entführungen oder Folterungen organisierten, anordneten oder durchführten!” (Thomas Fischer)

Gesammelte Anmerkungen zum Thema Ernährung

"Ich esse kein Wiener Schnitzel. Mir tun die Wiener leid." (Andy Bonetti)
Wir verlieren von Generation zu Generation das Wissen über die Herstellung von Grundnahrungsmitteln. Meine Großmutter hat die Kartoffeln, das Gemüse und die Erdbeeren für den Nachtisch noch aus dem Garten geholt. Für den Winter wurde „eingemacht“ und den Feldsalat hat sie tatsächlich von einer Wiese am Waldrand geholt. Wozu in den Supermarkt gehen? Das Zeug wächst doch überall. Früher gab es auf dem Land noch jede Menge Nebenerwerbsbauern, die für ihr Obst und Gemüse ordentliche Preise bei der Genossenschaft erzielt haben. Selbst in den Städten hatten die Leute Hühner oder eine Kuh im Hinterhof. Alles vorbei, lohnt sich nicht mehr. Die Preise sind total im Keller. Nicht nur für den Freizeitlandwirt. Die kleinen Bauernhöfe und Weingüter gehen reihenweise vor die Hunde. Und der Nachwuchs hat sowieso keine Lust mehr auf die Arbeit in der Sonne, an der frischen Luft und mit echter Erde. Das Wissen zum Thema Ernährung konzentriert sich in wenigen Großbetrieben und Konzernen, von denen wir gnadenlos abhängig sind. Abhängig gemacht worden sind. Und wir haben nichts dagegen getan. Hauptsache billig und bequem. Und die Thermomix-Generation, die gerade heranwächst, wird noch nicht einmal kochen können …
Zum fortschreitenden Prozess der Individualisierung gehört auch, dass mehrere Menschen nicht mehr die gleiche Nahrung zu sich nehmen können. Sofort beginnt jeder, seine persönlichen Unverträglichkeiten und Vorlieben aufzuzählen. Früher wurde ein großer Suppentopf auf den Tisch gestellt und jeder Gast bekam seinen Teller voll geschöpft, heute kocht jeder sein eigenes Süppchen. Neulich sah ich in einem Restaurant neben der Speisekarte eine Broschüre zum Thema Allergene, quasi der Beipackzettel zu den angebotenen Gerichten.
„Pommes“ heißt eigentlich „Äpfel“, wenn man es aus dem Französischen übersetzt. Aber dieses Synonym für frittierte Kartoffelstäbchen ist aus unserem Wortschatz nicht mehr herauszubekommen.
Apropos Äpfel: Warum essen wir so viele Äpfel und warum steht überall Apfelsaft auf der Getränkekarte? Birnen schmecken viel besser und Birnensaft ist richtig lecker. Probieren Sie mal wieder eine Birne! Ich empfehle die „Köstliche aus Charneux“, eine zweihundert Jahre alte belgische Züchtung, und von den neuen Sorten die „Concorde“. Leider bietet der Handel nur eine geringe Auswahl und im Regelfall sind die Früchte noch unreif und hart. Falls Sie einen eigenen Garten haben, pflanzen sie einen Birnbaum und ernten sie die süßen und saftigen Früchte einfach selbst. Vorsicht - und das ist kein Witz: Birnen sind ungesellig. Bitte nicht in der Obstschale oder im Keller neben die Äpfel oder andere Früchte legen, da sie ansonsten schnell nachreifen und verderben.
Ich habe in meinem Leben schon so viele Konservierungsstoffe gegessen – ich werde bestimmt hundert Jahre alt.
Neulich habe ich mich gewogen. Neunzig Kilo. Respekt! Allerdings ist meine Waage von VW …
Studien-Tipp: Käsewissenschaft mit Nebenfach Hobelwesen an der Università di Grana Padano in Cremona, Abschluss als Cheese Grandmaster.
P.S.: Kennen Sie eigentlich „Cremona-Särge“? Für Biker?!
http://www.cremona-sarg.de/produkte/cremona-saerge/biker/
Mir persönlich gefällt ja der Strandkorb sehr gut. Weil die Assoziation Tod => Beerdigung => Strandkorb eigentlich naheliegend ist:
http://www.cremona-sarg.de/produkte/cremona-saerge/strandkorb/
P.P.S.: Wir Menschen fressen nicht nur alles, wir sind selbst Opfer. Es gibt Tiere, die uns fressen, vergiften oder mit tödlichen Krankheiten infizieren. Ich habe neulich mal eine Top Ten-Liste zu dem Thema gelesen. Und wissen Sie, wer auf Platz 1 unserer tödlichen Feinde war? Ein gewisser Homo sapiens. Muss ein ganz fieser Typ sein. Möchte ich echt nicht in der Nachbarschaft haben.
„Wir fressen einander nicht, wir schlachten uns nur.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
The Prodigy – Breathe. https://www.youtube.com/watch?v=6_PAHbqq-o4

Montag, 11. Januar 2016

Lemmy, Bowie und warum die Welt so ein beschissener Ort geworden ist

„In 1968, Bowie was a gay, ginger, bonk-eyed, snaggle-toothed freak walking around south London in a dress, being shouted at by thugs. Four years later, he was still exactly that – but everyone else wanted to be like him, too.” (Caitlin Moran)
Ich habe noch nicht einmal den Tod von Lemmy Kilmister verarbeitet, dessen Lebensstil mir immer ein Vorbild gewesen und dessen Musik mir bis heute eine Stütze geblieben ist. Und jetzt verlässt uns David Bowie. Keine Woche vergeht in meinem Arbeitszimmer ohne seine Musik. Unsere Helden sterben und niemand tritt an ihre Stelle. Warum? Weil diese durchgeknallten Freaks, diese Musik-Fanatiker früher in den Clubs, bei Konzertveranstaltern und den kleinen Plattenlabels auf ihresgleichen getroffen sind. Den Rest besorgten die Fans. Heute sitzen seelenlose Krämer und anderes neoliberale Ökonomenpack in den Chefetagen großer Medienkonzerne und schicken ebenso seelenlose Monster auf die Bühne, mit deren Namen ich meinen Blog nicht kontaminieren möchte. Lemmy und Bowie waren Künstler, die Popsternchen von heute sind Außendienstmitarbeiter. Uns bleibt die Musik der alten Helden. Wir sind eine Generation von Erben, keine Generation von Schöpfern. Und die nächste Generation wird noch nicht einmal das von sich behaupten können.
David Bowie – Changes. https://www.youtube.com/watch?v=pl3vxEudif8

Scripted Phantasy: Der Fall des schwarzen Usambaraveilchens

"Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben." (Goethe: Faust I)
Ich sah nur seine Silhouette in der bernsteinfarbenen Dämmerung der Bibliothek, aber ich hätte diesen Schattenriss unter einer Million Schattenrissen erkannt.
„Zeit zu sterben“.
Seine hässliche, kalte Stimme.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich sie das erste Mal gehört hatte. Der Fall Vernon Blackthorne. Ein Bewährungshelfer, der spurlos verschwunden war. Zehn Jahre war das jetzt her. Der Fall wurde nie gelöst, die Spuren waren längst kalt geworden. Ich war bei den Recherchen zu meinem Roman „Die goldene Totenglocke” auf Blackthorne und seine Geschichte gestoßen. Und weil ich nicht aufhören konnte, Fragen zu stellen, traf ich eines Tages McFish. Dillinger McFish. Aber ich erzähle Ihnen die Geschichte schön der Reihe nach.
Es geschah in einer Nacht, an die sich keiner mehr erinnern konnte. Vor langer, langer Zeit. Aus dem runzligen Mondauge war kaltes Licht auf die Leiche von Vernon Blackthorne gefallen, die in einem offenen Müllcontainer auf der Rückseite eines Schnellrestaurants in Downers Grove lag. Blackthorne arbeitete als Bewährungshelfer und nach Aussage des Arztes, der die Leichenschau durchgeführt hatte, war er bereits 36 Stunden tot, als man ihm den Eispickel aus dem Schädel zog. Hätten ein paar Studenten nicht den Container nach Essbarem durchsucht, wäre er unter dem Müll vielleicht nie gefunden worden. Aber einer von diesen Jungs hatte der Polizei einen anonymen Tipp gegeben.
Der Fall wurde nie aufgeklärt. Ich hatte mir alle Informationen im Internet zusammengesucht und beschloss, Blackthornes Nachfolger zu besuchen. Die Ermittlungen waren damals ziemlich schnell eingestellt worden und der Fall war nach wenigen Tagen aus der Presse verschwunden gewesen. Das schmeckte mir nicht. Bewährungshelfer haben es immer mit Verbrechern zu tun. Vielleicht war einer seiner Ex-Cons, die er betreute, der Täter. Und ich durfte mir von einem solchen Besuch wenigstens ein paar Anregungen für meine Arbeit als Krimi-Autor erhoffen.
Cornel Shoemaker trug einen grauen Anzug, eine schwarze Hornbrille und sein Haar musste er schon vor langer Zeit verloren haben. Das Gespräch war sehr kurz, kürzer als das Gespräch mit seiner Sekretärin, der ich meinen Wunsch geschildert hatte. Shoemaker sagte mir, er könne mir keine Informationen über seinen Vorgänger und die Fälle geben, die er bearbeitet hatte. Aber als ich das Büro verließ und durch das Vorzimmer ging, gab mir die Sekretärin einen Zettel. „Zwölf Uhr. Lakewood Diner.“
Ich saß bei einer miesen Tasse Kaffee, als sie erschien. Sie setzte sich wortlos zu mir und bestellte einen teuren Cocktail bei der Kellnerin, die gelangweilt hinter dem Tresen Kaugummi kaute. Dann fragte sie mich, wieviel ich wissen wolle. Ich legte einen Fünfzig-Dollar-Schein auf den Tisch und sagte: „Etwa so viel.“ Sie erzählte mir, dass Cornel Shoemaker ein verdammter Streber sei, den alle nur Colonel Crackerjack nannten. Die Polizei habe bei den Ermittlungen zum Tod von Vernon Blackthorne routinemäßig die Alibis von ein paar Gewaltverbrechern überprüft, die Blackthorne in der Kartei gehabt hatte, aber ich solle mir John Savage, Benson Arizona und ein Betrügerpärchen genauer anschauen: Flaky Slab und Lily Field.
Das ganze Leben ist ein verdammtes Rattenrennen und John Savage hatte es von Anfang an mit der gleichen Selbstverständlichkeit und der stoischen Ruhe eines Stundenzeigers verloren, der jeden Tag zweimal um Punkt Zwölf gegen den Minutenzeiger antritt und keine Chance hat. Savage war etwa zwei Meter groß und der typische Kneipenschläger. Ab zwo Promille hatte er eine äußerst kurze Zündschnur. Sein letzter Gegner war mit dem Hinterkopf auf dem Boden einer billigen Bar aufgeschlagen und als sabbernder Lappen wieder aufgewacht, der mit anderen sabbernden Lappen in einem Heim lebte. Inzwischen war seine Bewährung abgelaufen und er arbeitete als Türsteher in einer Striptease-Bar in Chicago.
Seine Hände waren dick und klobig, auf den ersten Blick dachte man, er hätte zehn Daumen. Sie lagen vor ihm auf dem Tisch wie schlafende Raubtiere. Er sah mich misstrauisch im trüben Licht der Bar an, die um diese Uhrzeit fast menschenleer war. „Ich habe voll bezahlt. Glauben Sie mir.“ Ich konnte mit diesen Worten nicht viel anfangen. Aber je länger ich zuhörte, desto mehr begriff ich. Blackthorne hatte mit seinen Schäfchen einen schlichten, aber einträglichen Deal abgemacht: Sie konnten weiter ihren Geschäften nachgehen, mussten aber an ihn bezahlen. Diese Informationen hatten mich zweihundert Piepen und Savage einen Blick auf meinen gefälschten Presseausweis gekostet, den ich mir für Gelegenheiten wie diese vor einigen Jahren zusammengebastelt hatte. Harry Deer vom Miami Observer. Aber niemand hat je darüber gelacht.
Benson Arizona lebte in einem Trailerpark am Rande der Wüste. Bis in diesen Blechkanister mit Stromanschluss hatte ihn seine Spielsucht gebracht. Sportwetten, Glücksspielautomaten, Rubbellose. Er hatte seit zwanzig Jahre eine zuverlässige Pechsträhne. Ein blinder Pokerspieler hätte es nicht besser machen können. Wir saßen an seinem Tisch und er hatte sich seine verblichene rote Mütze weit ins Genick geschoben, um sich am Kopf zu kratzen. Wie die meisten Baseballmützenträger auf dieser großen Welt hatte er noch nie Baseball gespielt. Aber es wäre mit dem Holzbein auch schwer gewesen. Eine Sprengfalle hatte ihn im Irak erwischt, als er für Uncle Sam seine erste Auslandsreise gemacht hatte. Bei ihm genügten ein Zwanziger und die Andeutung, dass ich seinen Deal mit dem Bewährungshelfer kannte. Er hatte sicher gerade mal wieder eine Tankstelle überfallen, um seine Spielschulden zu begleichen – seine alte Masche -, und konnte sich keinen Ärger leisten. Ein Jäger kann so oft verlieren, wie er will. Ein Gejagter verliert genau zwei Mal: ein erstes und ein letztes Mal. In Arizonas schmierigem und klebrigem Trailer hörte ich das erste Mal den Namen von Dillinger McFish.
Flaky Slab sah mich mit großen, flehenden Augen an wie ein Hund, den man vor zwei Tagen an einer Autobahnraststätte angebunden hatte. Aber die Nummer zog bei mir nicht. Dillinger McFish war der Schlüssel. Ich wusste es und er wusste irgendwann, dass ich es wusste. Obwohl ich nur bluffte. Aber es genügte, ihm zwei Karten von meinem Blatt offen zu zeigen, um ihm vor dem Rest eine Heidenangst einzuflößen. Flaky war ein kleiner Abzocker. Zusammen mit seiner Freundin Dinah Mite (die eigentlich Lily Field hieß), die das treudoofe Dummchen noch nicht einmal spielen musste, wenn sie mit ihrer Masche wieder gutgläubige Rentner um ein paar Scheinchen erleichterten, schaffte er es gerade so, um in einer miesen Absteige über die Runden zu kommen. Stapelweise Lieferpizza und leere Bierdosen, so weit das Auge reicht – Erfolg sieht anders aus. Von der Sekretärin wusste ich, dass er wieder auf Bewährung war. Also musste ich ihm nur sagen, dass er Dillinger McFish Geld schuldete, um ihn zum Reden zu bringen. McFish war der Sheriff von Downers Grove. Er kassierte ebenfalls seine Prozente und sorgte dafür, dass die Raubzüge von Blackthornes Ex-Cons nicht aufgeklärt wurden. Er schickte seine Streifenwagen zur Tatzeit irgendwo anders hin und leitete anschließend selbst die Ermittlungen.
Ich saß mit einer Zeitung, Kaffee, Rührei und Bacon im Cloudland Diner, First Avenue Ecke Invincible, als ich McFish zum ersten Mal traf. Ich hatte gerade gelesen, dass man Benson Arizona tot in seinem Trailer aufgefunden hatte. Auf dem Tisch Spielkarten, auf seiner Stirn ein hässliches Loch. Ein Mord im Zockermilieu. Und in der Striptease-Bar, in der Savage arbeitete, hatte es eine große Razzia gegeben.
„Habe gehört, Sie interessieren sich für Vernon Blackthorne“, sagte er, während er sich an meinen Tisch setzte.
„Ich interessiere mich für ungelöste Fälle.“ Ich rührte ein wenig Zucker in meinen Kaffee.
„Für wen arbeiten Sie?“
„Wer will das wissen?“
Er grinste. „Wollen Sie meinen Dienstausweis sehen? Dann plaudern wir in meinem Büro weiter.“
„Ich arbeite für niemanden.“
„Dachte ich’s mir doch“, sagte er und lehnte sich zufrieden zurück. „Sie sehen nicht aus wie jemand von der Zeitung. Miami Scheißdochdrauf. Und die Leute von der Lokalpresse kenne ich alle persönlich.“
„Ich bin Schriftsteller. Ich suche Stoff für eine Story. Und die Story von Vernon Blackthorne gefällt mir ziemlich gut.“
Er beugte sich nach vorne und seine Stimme bekam einen drohenden Unterton. „An Ihrer Stelle würde ich mir eine andere Story und eine andere Stadt suchen. Wäre schade, wenn ich noch deutlicher werden müsste.“
Dann stand er auf und ging, ohne meine Antwort abzuwarten.
Ich sah, dass er am Hinterkopf eine kreisrunde kahle Stelle hatte, die durch sein graues Haar schimmerte wie der Mond durch eine Nebelbank.
Einige Tage später ging ich in die Bibliothek, um meine Recherchen für die Blackthorne-Geschichte fortzusetzen.
Und jetzt stand Dillinger McFish vor mir. Mit einem Dolch in der Hand.
Ich wollte noch etwas sagen, aber es war, als hätte ich den ganzen Mund voller Staub.
Zum Tod von David Bowie: Absolute Beginners. https://www.youtube.com/watch?v=MhVkGtDGy5s

Sonntag, 10. Januar 2016

Das große Bild

„Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)
Treten wir für einen Augenblick von „Köln“ als Chiffre für den massenhaften Übergriff auf deutsche Frauen in der Silvesternacht zurück und betrachten wir dieses Puzzlestück als Teil des großen Bildes.
Der 11. September 2001 war bekanntlich das Pearl Harbour des 21. Jahrhunderts. Nach den Terroranschlägen von New York und Washington begann der „War on Terror“ der USA und ihrer Verbündeten. Deutschland war von Anfang an mehr (Afghanistan 2002ff.) oder weniger (Irak 2003ff.) beteiligt. Aktuell ist die Bundesrepublik in Mali, in Afghanistan, in Syrien und im Irak im Kriegseinsatz. Auch wenn deutsche Politiker diese Kriege als „bewaffnete Konflikte“ verharmlosen und darauf hinweisen, es seien ja schließlich nur wenige Kampfbomber, die auch nur ein paar Fotos für die Verbündeten machen würden, ein paar Ausbilder für die kurdischen Peschmerga-Milizen, die eine oder andere Waffenlieferung an treue Verbündete wie Saudi-Arabien (ein Staat, der – nebenbei bemerkt – Terrororganisationen weltweit unterstützt, den Kern der Attentäter des 11. September gestellt hat und eine fundamentalistische Diktatur ist, in der Frauen wie Vieh behandelt werden und Homosexualität mit dem Tod bestraft wird).
Die Deutschen erinnern mich in ihrer gnadenlosen Naivität an die Hobbits aus dem Auenland. Sie haben immer noch nicht begriffen, dass sie seit Dezember offiziell Kriegspartei im syrischen Bürgerkrieg sind. Und die anderen Bürgerkriegsparteien haben ihre Sympathisanten und Kombattanten auch in Deutschland. Während wir noch auf verbale Beruhigungsmittel wie „bewaffneter Konlfikt“ und diplomatische Fingerübungen hereinfallen (so wie Amerikaner z.B. auf „enhanced interrogation techniques“, wie die Folterknechte der CIA ihre Methoden nennen), sind wir längst mitten im Kampfgebiet. Jeder von uns. Und der Gegner benutzt selbstverständlich alle Mittel der asymmetrischen Kriegsführung wie Terroranschläge, gezielte Falschmeldungen (z.B. die angeblich geplanten Anschläge von Hannover und München) oder eben Aktionen wie am Silvesterabend in Köln und andernorts. Das gezielte Demütigen und Schänden der Frauen und Töchter des Feindes gehört seit der Antike zu den Mitteln des Krieges (z.B. die Massenvergewaltigungen durch russische Truppen nach dem Ende des 2. Weltkriegs).
Sehen wir der Sache ins Auge: Die Republik ist im Krieg. Und wenn irgendjemand in diesem Land vom Krieg profitiert, ist es nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern in erster Linie konservative und rechtsextreme Kreise innerhalb des politischen Systems. Wir haben einen äußeren Feind unserer Sicherheit und einen inneren Feind unserer Freiheit. Zur Komplexität moderner Kriegsführung gehört es, dass der äußere Feind auch im Inneren zuschlägt und der innere Feind in fernen Ländern. Ich hatte in meinen Beiträgen am Silvesterabend und am Neujahrsmorgen schon darauf hingewiesen – da wusste ich noch gar nichts von einem neuen Puzzlestein namens Köln.
http://kiezschreiber.blogspot.de/2014/12/zeig-mir-dein-gesicht.html
http://kiezschreiber.blogspot.de/2015/12/die-physik-der-despotie.html
http://kiezschreiber.blogspot.de/2016/01/munchen.html

1966

„Die kapitalistische Epoche ist eine Etappe auf dem Weg zur Entzauberung.“ (Siegfried Kracauer)
In diesem Jahr werde ich fünfzig Jahre alt. In meinem Geburtsjahr starben einige bedeutende Menschen:
Hermann Kasack, der „Die Stadt hinter dem Strom“ geschrieben hat. Ein düsterer Nachkriegsroman, der auf bedrückende und zugleich faszinierende Weise die Stimmung im Totenhaus Deutschland 1945 einfängt. Der Protagonist kommt mit dem Zug in eine Stadt, in der er als Chronist arbeiten soll. Seine Aufgabe ist es, das Leben und die Kultur der Menschen zu dokumentieren. Aber er begreift die Menschen und ihre Handlungen nicht – bis er erkennt, dass er in der Stadt der Toten ist.
Alberto Giacometti, dessen zerbrechlich wirkende Plastiken den modernen Menschen besser darstellen, als es die Billionen Selfies albern grinsender Egomanen je vermögen werden.
Buster Keaton, der Komiker, der nie lachte. Ein Stoiker, der die Brutalität des Lebens klaglos erträgt. Der keine Frage stellt, sondern immer wieder aufsteht. Der schon als Kind von seinem Vater zur Erheiterung des Publikums in zahllosen amerikanischen Vaudeville-Theatern geschlagen und in die Kulissen geschleudert wurde, bis eine Kinderschutzorganisation die Eltern anzeigte.
Flann O’Brien, eigentlich Brian O’Nolan, dessen Romane von Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen wurden. In meinen Augen der größte irische Schriftsteller, nachdem ich „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ und „Ulysses“ von Joyce gelesen hatte. Von „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“, seinem ersten Roman, wurden im Erscheinungsjahr 1939 nur 244 Exemplare verkauft, was jeden Schriftsteller oder Blogger ermutigen sollte, einfach immer weiterzumachen. Wie alle irischen Poeten war er ein großer Säufer vor dem Herrn, der am Ende seine Texte diktieren musste, weil er die Tasten seiner Schreibmaschine nicht mehr traf.
Evelyn Waugh, eigentlich Arthur Evelyn St. John Waugh, Autor von „Tod in Hollywood” und „Scoop”, den beiden wesentlichen Werken zu den Themen „Bestattungsinsitute“ und „Journalismus“. Britischer Humor vom Allerfeinsten, Old School.
Cordwainer Smith, eigentlich Paul Linebarger, der es als Politikwissenschaftler zum Berater von John F. Kennedy gebracht hat und als Science Fiction-Autor nebenbei ein Universum erschuf, das mich schon als Jugendlicher fasziniert hat. Furchtbare Kriege, zerstörte Welten und grauenhafte Mutationen oder gentechnisch erzeugte Monster bevölkern für ihn die Welt unserer Zukunft.
Siegfried Kracauer, der Journalist und Philosoph, der Schriftsteller und Soziologe. Als scharfsinniger Kritiker der ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse wurde der Freund Adornos von den Nazis ins Exil getrieben, wo er auch nach Kriegsende blieb und nur noch auf Englisch publizierte, weil er als Jude den Deutschen nicht mehr traute.
Außer mir ist praktisch kein nennenswerter Mensch 1966 geboren. Christoph Maria Herbst, Frank Goosen, Salma Hayek und Oliver Welke vielleicht, ansonsten solche Arschkrampen wie David Cameron, Anne Will oder Stefan Raab. Keiner des Geburtsjahrgangs 1966 reicht an den Todesjahrgang 1966 heran.
Jovanotti - Serenata Rap. https://www.youtube.com/watch?v=4MgKG87M0sc

Samstag, 9. Januar 2016

Der Sender Gleiwitz ist in Köln

Jetzt spiele ich mal den Verschwörungstheoretiker und stelle folgende These in den Raum: Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln sind eine bewusste Inszenierung des konservativen Polizeiapparats und seiner politischen Hintermänner, um die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik zu diskreditieren und den weiteren Zuzug von Kriegs- und Armutsflüchtlingen zu unterbinden. Zur Stützung meiner These möchte ich folgende Fragen stellen, die sich jeder Leser selbst beantworten kann:
Warum wurde die Versammlung tausender betrunkener Randalierer nicht von der Polizei aufgelöst, die ansonsten in der Lage ist, jede Demo in kurzer Zeit zu beenden?
Warum haben die Einsatzkräfte es geduldet, dass mehrere Stunden lang Feuerwerkskörper und Flaschen in die Menschenmenge geworfen wurden?
Warum wurde in der gesamten Einsatzzeit der Polizei, also über viele Stunden, keine Verstärkung angefordert?
Warum haben die vorhandenen Einsatzkräfte, die in voller Kampfmontur aufgetreten sind, keinen Gebrauch von ihren Waffen (Schlagstock, Reizgas, Schusswaffe) gemacht?
Warum hat man keiner Frau geholfen, die nach Hilfe geschrien hat?
Warum wurde keine einzige Verhaftung vorgenommen?
Warum gab es noch nicht einmal Gefangenentransporter am Tatort?
Warum hat kein einziger Täter die Nacht in einer Zelle verbracht?
Warum ist bis heute kein Täter angeklagt worden?
Warum gibt es, obwohl die Straftaten an einem zentralen und mit Überwachungskameras gut ausgestatteten Ort begangen wurden, kein verwertbares Material zur Überführung der Täter?
Warum gibt es keine Ermittlung der Täter über Funkzellenauswertung, obwohl vermutlich jeder ein Handy dabei hatte?
Warum sind die eingesetzten Beamten nicht in der Lage, Straftäter zu identifizieren, obwohl sie sich stundenlang am Tatort aufgehalten haben?
Warum können aber dieselben Beamten haargenau berichten, dass sie mit syrischen Beteiligten gesprochen haben, die vor ihren Augen ihre Aufenthaltsgenehmigung zerrissen haben?
Warum wurden die Ereignisse erst am 4. Januar publik, am Montag nach dem Silvesterwochenende, als alle Menschen wieder an ihrem Arbeitsplatz waren und die Redaktionen des ganzen Landes wieder voll besetzt waren?
Warum wird in den Medien permanent über die Täter, aber kaum über die Opfer gesprochen?
Warum wird ein riesiger Skandal aus einer Serie von Taschendiebstählen und sexueller Belästigung gemacht, wo andernorts in dieser Nacht Menschen ermordet wurden?
Am Brandenburger Tor gibt es in der Silvesternacht eine Messerstecherei mit drei Verletzten. Ein Mann sprengt sich in Niedersachsen mit Polenböllern selbst in die Luft, in Baden-Württemberg stirbt ein weiterer Mann beim Zünden von Feuerwerkskörpern. In Nordrhein-Westfalen verblutet ein Mann nach einer Messerstecherei auf einer Silvesterfeier. In Leipzig löst die Polizei eine Versammlung von etwa fünfhundert Menschen auf, die Polizisten mit Feuerwerkskörpern, Steinen und Flaschen attackiert haben. In Franken wird ein elfjähriges Mädchen erschossen. Das alles scheint niemanden zu interessieren.
The Exploited - Fuck The System. https://www.youtube.com/watch?v=np3FXa4ORbY