Donnerstag, 14. August 2014
Das Paradies
„Es ist der perfekte Planet, oder?“ fragte Laska.
„Wir haben lange nach einer Welt wie X-278 gesucht“, antwortete Commander Yanisawa.
Sie blickten durch das Fenster ihres Raumschiffs auf eine üppig blühende Wiese, an deren Rand hohe Bäume standen. Ein Bach durchzog das Grün und mündete in einen See, der in der Ferne glitzerte.
Mit einer Handbewegung aktivierte Yanisawa den Computerbildschirm. „Die Lebensbedingungen sind phantastisch. Luft, Wasser und Boden sind ohne Verunreinigungen“, sagte er. „Wir können der Zentrale grünes Licht geben.“
Laska schaute sich die Grafiken auf dem Monitor an. „Sie meinen, wir können den Planeten zur Besiedlung frei geben?“
„Ja. Unsere alte Erde ist eine Wüste geworden. Wir ersticken im Müll, die Luft ist von Abgasen und Mikroben verseucht.“ Yanisawa schaltete den Computer aus. „Lassen Sie uns hinausgehen.“
Sie spazierten auf den Wald zu.
„Dort am Seeufer werden wir eine Stadt gründen. Und auf dieser Wiese werden wir Fabriken bauen.“
„Was haben Sie mit dieser altmodischen Axt vor?“ fragte Laska.
„Ich werde den ersten Baum auf diesem Planeten fällen. Wir brauchen ohnehin Proben, die wir auf die Erde zurückbringen können.“
Yanisawa blieb vor dem ersten Baum am Waldrand stehen und holte aus.
Im selben Augenblick schlang sich ein Ast um sein Handgelenk und ein zweiter Ast legte sich um seinen Hals. Der Baum erdrosselte den Commander, während Laska schreiend zum Schiff zurück lief.
The Clash - Should I Stay Or Should I Go. http://www.youtube.com/watch?v=GqH21LEmfbQ
Donnerstag, 31. Juli 2014
Sommerloch
Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei, die Politiker verabschieden sich in die Parlamentsferien, die Kinder bekommen ihre Schulzeugnisse und es gibt auch keinen neuen „Tatort“. Es passiert überhaupt nichts in Deutschland. Sämtliche A-Z-Promis sind verreist oder lümmeln sich am Baggersee rum. Trotzdem müssen aber die Zeitungen und Internetseiten irgendwie mit Lesestoff gefüllt werden. In ihrer Verzweiflung besuchen die Reporter dann rituell den Bürgermeister eines Dorfes namens Sommerloch, das nur wenige Kilometer von Schweppenhausen entfernt liegt. Es hat mit gut vierhundert Einwohnern noch nicht mal halb so viele Bewohner wie Schweppenhausen und selbst hier ist nichts los. Was soll der Mann erzählen? Was sollen die Reporter schreiben? Hier ein paar Vorschläge:
Archäologen (oder, wenn man das nicht schreiben kann: Geologen) finden heraus, dass der neue Berliner Flughafen auf einem alten Indianerfriedhof gebaut wird. Darum klappt auch nix. Es liegt ein Fluch auf dem Gelände. Es bieten sich Interviews mit Geisterheilern und Schamanen an. Man findet sie an Volkshochschulen, wo sie Kurse im Handauflegen und zum Gebrauch von Wünschelruten geben. Tipp: Live-Übertragung einer Séance, in der ein Medium mit einem rätselhaften Namen (Leutheusser-Schnarrenberger oder Raben-Freddy) Kontakt mit den toten Indianern aufnimmt.
Ein dänischer Kommunalpolitiker fordert die Rückgabe von Sylt an Dänemark und kann den Gebietsanspruch mit einem alten Autoatlas beweisen. Er wird von dankbaren Fernsehredakteuren in sämtliche deutschen Talkshows eingeladen und trifft überall auf Wolfgang Bosbach. Man könnte zum Boykott von Lego und Tuborg-Bier aufrufen.
In einem Badesee wird ein Krokodil gesichtet. Wahlweise auch ein weißer Hai oder eine Riesenkrake. Jedenfalls muss es ekelhaft sein, wenn man mit dem Fuß dran kommt. Die Hysterie kann man über Wochen in aller Ruhe hochziehen wie eine Backsteinmauer. Möglicherweise kann man die Aktion auch mit einem Sponsoring durch die Betreiber von Hallenbädern querfinanzieren. Das notwendige Reptil im Handtaschenformat gibt es in jeder Zoohandlung zu kaufen.
Ein CSU-Hinterbänkler fordert eine Maut für Fahrradfahrer. Hinterbänkler der Grünen und der Linken sind total sauer und sprechen darüber in den Talkshows. Sie fordern im Gegenzug eine Maut für jeden Bayern, der den Freistaat verlässt, und eine Sondersteuer auf Lodenmäntel.
Auf Mallorca nehmen die Russen angeblich den Deutschen die Handtücher weg, die sie ab fünf Uhr morgens auf den Liegen am Swimmingpool platzieren. Und die Engländer haben natürlich nix gesehen. Ganz Deutschland empört sich. Putin ist der neue Hitler. Ach was! Sowas hätte Hitler nicht gemacht. Putin ist schlimmer als Hitler.
Peter Gabriel – Biko. http://www.youtube.com/watch?v=3ncVyxQRw70
Bonettis Helfer
Heinz Äugelein, Chauffeur, 58, war früher Landarbeiter, Flötist und Trapezkünstler. Er stammt aus Butzbach und hat als junger Mensch mit dem Zirkus Bonetti unter dem Namen „Das fliegende Äugelein“ die Welt gesehen. Er hat Mirabellen geerntet, für einen namhaften Tequilahersteller Agaven gemolken, mit seiner Okarina in Fußgängerzonen auf allen Kontinenten gespielt und auf dem Hochseil die Niagarafälle überquert. Im Winter arbeitete er entweder für einen Räumdienst oder war arbeitslos gemeldet. Neben seiner Tätigkeit als Fahrer erledigt er auch die Einkäufe und kümmert sich um den Garten der Villa Bonetti. Kleinere Reparaturen am Haus und das Wechseln von Glühbirnen fallen ebenfalls in seinen Aufgabenbereich.
Johann Fleckmeier, Kammerdiener, 39. Er hat eine wilde Jugend bei der MMBN (Maoistische Masochisten Bad Nauheim) hinter sich und war früher auf jeder größeren Demonstration in Frankfurt gewesen. Man sieht ihm heute seine Vorstrafen wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigung (er hat Mercedes-Sterne gesammelt) und Drogenhandel nicht mehr an, wenn er mit blasiertem Blick und gestreifter Weste die Haustür öffnet. Neben seiner Ausbildung als Diener hat er nach seinem Realschulabschluss eine Lehre als Koch absolviert (während er als glühender Maoist auf die Revolution gewartet hatte) und bereitet seinem Herrn auf dessen Wunsch besonders gerne indische Currygerichte und diverse Süßspeisen zu. Er ist der einzige Mitarbeiter, der auch in der Villa Bonetti wohnt.
Ilka Schubs, Sekretärin, 45. Sie ist unbestritten ein großes Organisationstalent und führt Bonettis umfangreichen Terminkalender. Sie arbeitet bereits seit zwanzig Jahren für den berühmten Schriftsteller und ist seine älteste Mitarbeiterin. Er diktiert ihr seine Romane, während er auf einem Diwan liegt oder im Arbeitszimmer auf und ab geht. Sie versorgt ihn auch mit dem neuesten Klatsch aus Bad Nauheim, der ihn immer wieder zu heiteren Kurzgeschichten und Figuren für seine Romane anregt. Sie schirmt Bonetti vor den zahlreichen Anfragen aus dem Kultur- und Medienbereich ab und beantwortet auch die Fanpost.
Die Zwillinge Tino und Toni Schwendlinger, 34, von Bonetti auch kurz Schwendlinger Eins und Schwendlinger Zwo genannt, sind für die oft aufwendigen Recherchen zuständig. Umfangreiche Kompendien wie „Das Plastikzeitalter“, eine Familiengeschichte über fünf Generationen, der jährlich erscheinende „Bad Nauheimer Musenalmanach“ oder die dreibändige „Chronik des belgischen Seifenhandels“ wären ohne die beiden studierten Historiker gar nicht möglich gewesen. Für heikle Undercover-Recherchen wird gelegentlich Ronny X hinzugezogen, der nur gegen Bargeld arbeitet und ab 21 Uhr im Golden Gate Tabledance Club im Frankfurter Bahnhofsviertel anzutreffen ist (Sonntag Ruhetag).
Dr. Igor Klotz, seit langen Jahren Lektor Bonettis und für die literarische Betreuung seines Werks im Frankfurter Suhrkampf Verlag zuständig. Von ihm stammt auch die Idee, auf den Buchrücken das Motiv eines Feuersalamanders in Einzelteilen darzustellen, so dass zwanzig Bonetti-Bände nebeneinander das vollständige Bild eines Feuersalamanders zeigen. Bonetti ist das italienische Wort für Feuersalamander, so wie Kafka das tschechische Wort für Dohle ist; gute Freunde dürfen Andy Bonetti daher auch „Lurchi“ nennen. Klotz arbeitet seit Jahren heimlich an einem Mammutwerk mit dem Titel „Gespräche mit Bonetti“, das nach dem Tod des Meisters erscheinen soll (vgl. „Gespräche mit Goethe“ von Johann Peter Eckermann).
Johnny Guitar Watson – I Wanna Thank Ya. http://www.youtube.com/watch?v=HFy__3aYp-M
In eigener Sache
In unserem Redaktionsbüro stapeln sich die Briefe von Lesern, die sich darüber beschweren, dass es nur noch um Andy Bonetti ginge. Zuständig für die Berichterstattung über Andy Bonetti ist Frau Schubs, deren Schwester für den großen Meister arbeitet. Sie ist ein großer Fan von ihm und hat angekündigt, ab nächster Woche einen Bonetti-Starschnitt in 72 Teilen zu veröffentlichen. Als erstes kommt der linke Ellenbogen.
Die Reihenfolge der Körperteile folgt keiner bestimmten Systematik, sondern ist rein willkürlich gewählt. Der Zufall ist aus der Perspektive des Neukantianismus nur eine Möglichkeit, der beim Übergang in die Realität die Notwendigkeit fehlt. Gerade das Fehlen einer Notwendigkeit macht daher den Charakter des Zufälligen aus, wie es der bekannte Philosoph Wilhelm Windelband (1848-1915) in seiner Dissertation „Die Lehren vom Zufall“ 1870 dargelegt hat, die wiederum Andy Bonetti zu seinem Roman „Neulich in der Lottoannahmestelle“ inspirierte.
P.S.: Die Kiezschreiber-Redaktion ist ab 1. August für zwei Wochen in Urlaub. Fanpost bitte an: Monika Schubs, Bonetti Boulevard 1a, 55444 Schweppenhausen.
Manfred Mann’s Earth Band – I’ll Be Gone. https://www.youtube.com/watch?v=A_YU77j6_os
Mittwoch, 30. Juli 2014
Last Exit Kelsterbach
Gerechtigkeit gibt es im Kapitalismus so wenig wie einen Gott im Marxismus. Aber es gibt die ganze schillernde Welt der Hoffnung und der Enttäuschung, von Gelingen und Versagen. Oft sind beide Sphären räumlich sehr eng miteinander verwoben: Vor einem unglaublich noblen Restaurant sitzt vor Kälte und Hunger zitternd der bettelnde Obdachlose. Im Restaurant sitzen der Finanzmogul Jochen Goldschildt und Andy Bonetti.
„Mister Bonetti, was halten Sie von den Demonstrationen gegen Israel wegen des Gaza-Kriegs?“
„Sie sind für mich ein Ausdruck von Narzissmus und westlicher Dekadenz. Niemand kann ernsthaft glauben, mit einer Demonstration, die nicht länger als eine übliche Sportveranstaltung oder ein Popkonzert dauert, einen Krieg, der viele tausend Kilometer entfernt stattfindet, stoppen zu können. Selbst wenn die Demonstrationsteilnehmer einen oder zwei Sprecher auswählen dürften, die mit den verantwortlichen Staatschefs reden – es würde sich nichts ändern. Keine Demonstration kann einen Krieg beenden. Aber es hilft den Demonstrationsteilnehmern, sie fühlen sich besser. Den Kriegsopfern hilft es nicht. Die Demonstranten haben jedoch das Gefühl, etwas getan zu haben. Das nenne ich Narzissmus.“
„Was halten Sie von der ständigen Kritik an den Banken?“
„Das ist eine rein rhetorische Problembearbeitung. Ich sehe nicht, dass die Menschen ihr Geld oder ihre Geschäfte von den Banken abziehen. Alles läuft weiter wie bisher, weil alle Menschen weiter wie bisher laufen. Selbst linksalternative Weltverbesserer haben ein Girokonto und einen Bausparvertrag.“
„Dann müssen wir uns keine Gedanken über die Demonstrationen vor unseren Verwaltungsgebäuden machen?“
„Nein. Das sind nur junge Leute, die ein Zeltlager oder eine andere Aktion veranstalten, um sich vor ihren Freunden und Freundinnen in der sogenannten Szene aufzuplustern. Reine Selbstdarstellung. Und die Zeltlager werden recht schnell von Roma und Sinti, von Asylbewerbern und Obdachlosen übernommen, wenn die wohlhabenden Akademikerkinder übers Wochenende in die heimischen Einfamilienhausviertel verschwinden.“
„Was sollen wir tun, Mister Bonetti?“
„Versuchen Sie, die besten von ihnen als Mitarbeiter zu gewinnen. Und dem Rest drehen Sie einen Investmentfond an oder eine Lebensversicherung.“
„Es tut immer gut, mit Ihnen zu sprechen.“
„Und ich freue mich immer wieder über einen gelungenen Dialog zwischen Wirtschaft und Kultur, Mister Goldschmidt. Wollen wir den Nachtisch bestellen?“
„Gerne. Die Creme brüllé soll hier ja ganz hervorragend sein. Es wird also keine Revolution geben, solange ich im Vorstand sitze?“
„Nö. Vergessen Sie’s. Alte Menschen machen keine Revolution mehr und sie sind langfristig in der Mehrheit. Junge Menschen werden durch neue Computerspiele und Social Media abgelenkt, wo sie sich gegenseitig Katzenvideos und Fotografien ihrer Mahlzeiten zuschicken.“
„Was halten Sie von der heutigen Jugend, Mister Bonetti?“
„Die Jugend ist immer gleich. Ihr Vorteil ist, dass sich das Rouletterad immer noch dreht, während wir Alten die Zahl leben müssen, die wir zufällig zugewiesen bekommen haben. Ihr Nachteil ist, dass sie sich verlieben und blind werden. Und dann gründen sie eine Familie und bereuen es ihr ganzes Leben. Die Natur ist teuflisch. Erst im Alter erkennen wir den Zufall und die Liebe als billige Taschenspielertricks des Schicksals.“
"Was fehlt dieser Welt?"
"Demut und Barmherzigkeit, mein lieber Goldmichel. Demut und Barmherzigkeit."
P.S.: Im nächsten Monat erscheint Andy Bonettis Frauenratgeber „Das war’s, Lars – So beenden Sie eine Beziehung richtig“.
Fischer Z – Luton to Lisbon. http://www.youtube.com/watch?v=g5Cs2VfjG50
Dienstag, 29. Juli 2014
Netzfundstücke
Mein Lieblingswissenschaftler ist Professor Hörmann aus Österreich. Wenn wir nicht sofort das ganze Geld abschaffen, kommen die Außerirdischen (von denen seiner Meinung nach einige bereits unter uns weilen – schauen Sie sich nur mal um!) und räumen den Laden hier mal so richtig auf.
http://www.youtube.com/watch?v=iwNNJniSYyI
Schön ist auch die “Bürgerstimme” mit Sitz in Spanien, die uns ein wohltuend anderes Bild von Wladimir Putin vermittelt. Er ist uns allen ein Vorbild und bewahrt mit seinem „Chi“ die Menschheit vor dem dritten Weltkrieg.
http://www.buergerstimme.com/Design2/2014-07/wladimir-putin-vorbild-mensch-und-stratege/
Wir lachen über die Chinesen, die glauben, mit Nashornpräparaten ihrer Libido neuen Schwung verleihen zu können. Die Österreicher verarbeiten ihre Murmeltiere zu Salbe. Was für eine Welt … - ich hoffe, die Aliens kommen bald.
http://www.murmeltier.at/salben/original-murmeltier-salbe-13/?gclid=CPC87tjP6r8CFerpwgodc3wALg
Down and out in Bauernheim
Bauernheim ist ein Bilderbuchdorf in Hessen mit gepflegten Straßen, Blumenkästen an den Fenstern, einem Maibaum und sogar etwas Kunst neben der Bushaltestelle. Die Menschen hier sind freundlich und rechtschaffen. Sie gehen anständigen Berufen nach, zahlen brav ihre Steuern, genießen ihren gediegenen Wohlstand und halten sich treu an die Gesetze. In Bauernheim habe ich noch nie einen Falschparker gesehen. Hier, unweit von Bad Nauheim, ist die Welt noch in Ordnung. Wenn ich dort zu Besuch bin, fühle ich mich immer an das Auenland erinnert. Friedliche Hobbits, die des Abends beim Schoppen in ihren zahlreichen Gasthäusern sitzen und deren Gespräche um die nächste Ernte, das Wetter, die Kinder, den Beruf und das Vereinsleben kreisen. Diese ehrbaren Bürger sind das Salz der Erde. Wenn nicht neunzig Prozent aller Deutschen genauso leben würden, wie sie es tun, wäre diese Republik längst am Ende. Ich bin dankbar, dass es Orte wie Bauernheim gibt. Wenn alle Menschen Tagträumer und Taugenichtse wie die Berliner wären – nicht auszudenken.
In dieser vorbildlichen Gemeinde gibt es einen berühmten Bürger, auf den alle stolz sind: Thomas Geyer, Bundestagsabgeordneter im Berliner Reichstag. Er hat sich jahrelang um die Belange des Dorfes gekümmert, hatte stets ein offenes Ohr für die kleinen Sorgen der Bewohner, war ein gern gesehener Gast auf Dorffesten und Familienfeiern, ein freundlicher und hilfsbereiter Nachbar, zu dem Jung und Alt aufgeschaut haben. Auf Bundesebene hat er sich als unerschrockener Verfechter unserer Grundrechte und tapferer Kämpfer gegen die amerikanische Spionage einen guten Ruf erarbeitet. Er ist permanent in den Medien präsent und gelegentlich habe ich sein Gesicht sogar in der Tagesschau gesehen. Und plötzlich schlägt die Meldung wie ein Blitz ein: Thomas Geyer gesteht öffentlich, dass er Crystal Meth, also harte Drogen, genommen hat – nachdem ihn seine Berliner Dealerin verpfiffen hat und die Ermittlungsbehörden SMS-Nachrichten mit Drogenbestellungen von seinem Diensthandy sichergestellt haben (die er mit der Fahrbereitschaft des Bundestags in einer Schöneberger Gartenlaube abgeholt haben soll …). Ein Skandal, der es auf die Titelseiten der Presse schafft und der landesweit diskutiert wird. Die glänzende Karriere dieses Mannes scheint unwiderruflich zerstört.
Für die braven Bauernheimer ist die Geschichte ein Schock. Es ist, als sei die Sonne vom Himmel gefallen. Plötzlich bekommt die heile Welt im Auenland hässliche Risse und Reporter von der BILD-Zeitung schleichen durch die sauberen Gassen des Dorfes. Die Bürger wollen es einfach nicht glauben, dass „ihr Thomas“ so etwas getan haben soll, und halten bis zu seinem öffentlichen Geständnis, das sein Rechtsanwalt in den Medien verbreiten lässt, mit eherner Nibelungentreue an ihm fest. Das kann nicht sein! Das darf nicht wahr sein! Und auf Diskussionsbeiträge oder gar Kritik in Internetforen reagieren sie humorlos bis hysterisch. Sie sind es einfach nicht gewohnt, dass das grelle Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses ausnahmsweise auf ihren Ort fällt. Als die Regionalzeitung einen Tag vor dem Geständnis berichtet, aus seinem „Umfeld“ habe man die Information, dass er Crystal Meth nähme, und ich bei Facebook die Vermutung äußere, ein „Wichtigtuer aus der Nachbarschaft“ habe es der Zeitung gesteckt (übrigens ein insgesamt harmloses Pro Geyer-Statement, das vom amtierenden Bürgermeister und Parteifreunden Geyers geliket wurde), kommen wütende Kommentare – selbst der Pressesprecher des örtlichen Sportvereins entblödet sich nicht – und ich erhalte sogar einen unverschämten, oberlehrerhaften Brief von einem Bauernheimer CDU-Mitglied. Am selben Tag werde ich in Bauernheim von einem adipösen Nachbarn von Thomas Geyer persönlich auf meine „Verleumdung“ angesprochen. Innerhalb weniger Tage hat sich das nette hessische Dörfchen in ein sizilianisches Wespennest verwandelt.
Mir tut vor allem Thomas Geyer leid. Es ist traurig, dass er wegen einer Sache, mit der er nur sich selbst, aber keinem anderen geschadet hat, jetzt öffentlich an den Pranger gestellt wird. Aber es ist ebenso traurig, dass er als lebendes Vorbild in einem Bilderbuchdorf leben muss, in dem die Menschen allen Ernstes glauben, er habe fünfzig Jahre keine Drogen genommen, dann einen Monat eine der härtesten Drogen der Welt und danach wieder gar nichts. Ich finde diese Naivität, die sich in diesem Fleckchen deutscher Provinz bewahrt hat, geradezu rührend. Harte Drogen? Vielleicht in Frankfurt oder Berlin, aber nicht bei uns! Ich habe selbst lange in Berlin gelebt (die Erlebnisse habe ich in meinem Roman „Bonettis Metropolis“ verarbeitet) und in dieser Stadt – sowie in etlichen Redaktionen – hat man ein ganz anderes Bild von Thomas Geyer. In Berlin, genauer gesagt im Prenzlauer Berg, wo er neben seinem Bauernheimer Domizil noch eine weitere Wohnung unterhält, konnte er richtig aufleben. Dort konnte er so sein, wie er im Auenland nie sein durfte. In Berlin kennt man ihn als liebenswerten und witzigen Homosexuellen, der gerne feiert, Alkohol in rauen Mengen verträgt und gelegentlich auch mal andere Sachen ausprobiert. Und jetzt eben Crystal Meth. Na und?
In Berlin ist die halbe Stadt auf Koks und die andere Hälfte ist gerade besoffen. Mein Nachbar in Berlin hat jahrelang gekokst und Crystal Meth eingepfiffen. Der Mann ist um die Fünfzig und ist jeden Morgen mit Schlips und Aktentasche ins Büro gegangen, ohne dass es jemals aufgefallen wäre. Ich kenne Leute, die waren zwanzig Jahre heroinabhängig und haben in dieser Zeit geheiratet, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und sind selbstverständlich durchgehend berufstätig gewesen. Und in meinem Berliner Kiez habe ich auf der Motzstraße (wo jedes Jahr das größte „lesbisch-schwule Stadtfest“ Europas stattfindet) schon Schwule im Ledermini und Strapsen und mit Zehn-Tage-Bart gesehen, da war Conchita Wurst noch gar nicht auf der Welt. Das ist die Wirklichkeit im Jahre 2014: Es gibt Schwule und es gibt Drogen – und es gibt Schwule, die Drogen nehmen. Jetzt ist auch Bauernheim endlich in der Wirklichkeit angekommen. Und die sieht ganz anders aus als im Fernsehen.
P.S.: Zuletzt habe ich Thomas Geyer beim Public Viewing des Spiels Deutschland-Portugal am 16. Juni vor dem evangelischen Gemeindehaus in Bauernheim gesehen. Das Endspiel hat er sich vermutlich alleine in seinem Wohnzimmer angeschaut, weil die elende Journaille sein Haus belagert. Ich hoffe, dass seine Partei zu ihm hält und er weiter in der Politik arbeiten kann. Und so manchem Bauernheimer wünsche ich die gleiche Gelassenheit im Umgang mit Kritik, die man von Berlinern gewohnt ist, die 365 Tage im Jahr Häme und Lästereien ertragen müssen und in deren Stadt selbst die Skandale noch ein größeres Format haben als anderswo.
House of Pain – Jump Around. http://www.youtube.com/watch?v=KZaz7OqyTHQ
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