Dienstag, 6. Dezember 2022

Äppelwoi statt AppleWatch

 

Blogstuff 747

„Dass man in der Wüste umherirrt, bedeutet noch lange nicht, dass irgendwo ein Gelobtes Land existiert.“ (Paul Auster: Die Erfindung der Einsamkeit)

Der Werbeslogan „Brot hat einen neuen Kumpel: Knäcke-Bro“ wurde leider von Wasa abgelehnt. Ebenso ging es mir mit „Winzer is coming“ für den
Deutschen Weinbauverband.

Google schreibt endlich auch mein Tagebuch: „Montag. Ein wunderschöner Morgen. Im Büro treffe ich nur glückliche Menschen, die mir zu meiner hervorragenden Arbeit gratulieren. In der Kantine gibt es zum Mittagessen eine herrliche Erbsensuppe. Beim nachmittäglichen Meeting wird viel gelacht. Handfeste Ergebnisse wecken die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Am Abend schöne Stunden im Internet.“

Wenn ich früher ins Kreuzberger Prinzenbad gefahren bin, habe ich in Badehosen und mit Badeschlappen und Badekappe das Haus verlassen. Mit dem Handtuch über der Schulter bin ich in die U-Bahn gestiegen, keiner hat etwas gesagt. Heute muss ich die dämlichen Blicke der Spießer zu ertragen.

Neunzig Grand Prix fuhr Vettel nach der Katastrophe von Hockenheim 2018 (Mühle ohne Not in den Acker gesetzt, WM-Führung und Mojo verloren). Nur zwei Rennen konnte er danach noch gewinnen.

Bekanntlich durchlaufen wir als Kind noch einmal die Entwicklungsstufen der Menschheit. Wir lernen den aufrechten Gang, die Sprache und wir durchleben eine Phase des Animismus. Alles ist belebt. Der Wind rauscht in den Baumkronen, also spricht der Baum. Die Heizung gluckert, das Haus knarrt und knackt – es lebt. Wer als Erwachsener noch Stephen King liest, hat sich diesen Kinderglauben erhalten. Ich beneide sie.

Hätten Sie’s gewusst? Ein Grindwal besteht zu weniger als zwanzig Prozent aus Grind.

Können Sie sich noch erinnern? Mit der Währungsunion 2002 entfiel der Währungsumtausch zwischen Deutschland und Bayern.

Aus Goethes Tagebuch, 18. April 1809: „Im Schreibwarengeschäft Hölderlin getroffen. Wo sonst? Er machte einen verwirrten Eindruck.“

Wegen der Energiekrise verzichten die türkischen Restaurants in diesem Jahr auf die Weihnachtsbeleuchtung.

Vergangenes: „verbindlichen Dank“, „geistesgegenwärtig“. In Berliner U-Bahnhöfen gab es in den 1980er Jahren Personenwaagen mit Münzeinwurf. Das Ergebnis wurde auf eine kleine Pappkarte gedruckt und konnte einem Auswurfschacht entnommen werden.

Seit zwanzig Jahren trainiere ich als Trockentaucher, aber jetzt bin ich bereit für den Ozean.

Lotte Kestner - True Faith | The Last of Us Part II - YouTube

Montag, 5. Dezember 2022

Ein Besuch bei Andy Bonetti

 

Ich versuche schon seit Jahren, ein Interview mit dem berühmten Andy Bonetti zu bekommen. Bekanntlich ist der große Meister ein scheuer und bescheidener Mensch, der sich nicht in den Mittelpunkt stellen möchte.

Heute ist es soweit. Ich gebe die Adresse ins Navi ein und fahre los. Es geht in ein kleines Dorf in der Nähe von Berlin. Es wundert mich, dass der Medientycoon die Konzernzentrale außerhalb der Stadt gebaut hat. Aber das Silicon Valley ist ja bekanntlich auch nicht in der Innenstadt von Los Angeles entstanden.

Als ich schließlich am Ziel ankomme, kann ich es nicht fassen. Ich überprüfe noch einmal die Adresse. Aber sie stimmt. Vor mir steht ein kleines Einfamilienhaus, das von wildem Gestrüpp umgeben ist. Und gehe zur Haustür und klingele. Es dauert eine Weile, bis die Tür geöffnet wird.

Vor mir steht eine uralte Frau, die sich auf einen Stock stützen muss.

„Wer sind Sie?“, fragt sie mürrisch.

 „Mein Name ist Hudson Haselreiter”, antworte ich. „Ich bin mit Andy Bonetti verabredet.“

Sie dreht sich um und ruft: „Andreas, du hast Besuch.“

Ich trete ein und höre, wie eine Kinderstimme aus dem Keller ruft: „Er kann runterkommen.“

Ich gehe die Treppe hinunter und betrete einen düsteren Kellerraum, der nur von einer Glühbirne beleuchtet wird. Drei Tische sind zu einem U zusammengestellt, auf ihm befinden sich drei große Monitore und ein Notebook. Die obligatorischen leeren Pizzakartons und Bierflaschen fehlen allerdings. Bonetti erhebt sich aus einem riesigen schwarzen Drehsessel. Er trägt ein orange-schwarz-gemustertes Dashiki-Hemd, khakifarbene Bermudashorts und Filzpantoffeln.

Der zwei Meter hohe Fleischberg reicht mir seine gewaltige Pranke. Sein Händedruck ist weich, warm und ein wenig feucht.

„Willkommen bei Bonetti Media.“

Ich bin verblüfft. „Ich hätte mir das Unternehmen größer vorgestellt. Wo sind Ihre Mitarbeiter? Wo ist Heinz Pralinski?“

„Den habe ich mir nur ausgedacht. Ich arbeite ganz allein.“

„Wozu dann die vielen Monitore?“

„Auf einem zocke ich, auf einem surfe ich durchs Netz und auf einem sehe ich Fernsehen. Auf dem Notebook schreibe ich meine Texte.“

„Sie wohnen noch bei Ihrer Mutter? Und was ist mit der Altbauwohnung in Wilmersdorf?“

„Die gibt es nicht. Drei- bis viermal im Jahr fahre ich mit der S-Bahn in die Stadt. Das ist alles.“

„Aber Sie müssten mit Ihrem Unternehmen doch Millionen verdienen.“

„Keine Kopeke. Meine Mutter bezahlt die Einkäufe und die Nebenkosten. Sie kocht auch für mich. Wollen Sie eine Cola?“

Die Story wird mir in der Redaktion keiner abkaufen.  




Sonntag, 4. Dezember 2022

Der britische Völkermord in Indien


Es ist wenig überraschend, dass das größte Kolonialreich der Geschichte auch für den größten Völkermord der Geschichte verantwortlich ist. Ich rede hier nicht von den Millionen Toten der Sklaverei, sondern von einem Völkermord, der einfach vergessen wurde. Einhundert Millionen Hungertote gab es zwischen 1880 und 1920 in Indien.

Die konkurrenzfähige indische Textilindustrie wurde zerschlagen, um für britische Produkte einen neuen Markt zu schaffen. Es wurden hohe Steuern erhoben, mit denen zum Nulltarif indische Rohstoffe gekauft wurden. Kurz und schlecht: Ausbeutung. Für den britischen Wohlstand verhungerten indische Kinder – wie zuvor die Iren (zwischen 1845 und 1849 verhungerten zwölf Prozent der irischen Bevölkerung).  

How British colonialism killed 100 million Indians in 40 years | History | Al Jazeera

Samstag, 3. Dezember 2022

Döner, Schnitzel und Long Drinks

 

Blogstuff 746

“Wer den Tag nicht begrüßt, muss nicht Abschied von ihm nehmen.“ (Andrzej Szczypiorski)

Ich habe 1974 meine erste Fußball-WM gesehen. Bei fünf Turnieren waren wir viermal im Finale und wurden zweimal Weltmeister. Wir wurden als Fans verwöhnt. Bei den acht WMs nach 1990 wurden wir nur einmal Weltmeister. „Wir hatten uns das alles ganz anders vorgestellt.“ (Thomas Müller in Katar)

Nur noch vier Prozent der Berliner Bäume sind gesund. Wir müssen umdenken und andere Bäume pflanzen. In fünfzig Jahren heißt es nicht mehr „Unter den Linden“, sondern „Unter den Palmen“.

Ich habe mal als Privatdetektiv gearbeitet, aber der Job war nicht gut für meine Gesundheit. Mein erster Auftrag war die Beschattung eines Kellners. Tagsüber war es kein Problem, aber wenn er um 18 Uhr sein Restaurant betrat, musste ich ihm folgen. Ich bestellte eine Vorspeise, ein Hauptgericht, einen Nachtisch und immer so weiter, bis der Kellner Feierabend hatte. Ich habe in vier Wochen zwanzig Kilo zugenommen. Danach musste ich zwei Monate einen Barkeeper observieren.

Immerhin haben wir für unsere Todsünde nur lebenslänglich bekommen.

Mein Autoaufkleber „Döner an Bord“ verkauft sich nur schleppend.

Firma Zaun-König.

Gegendarstellung: The Billie Jean is not my lover.

Ist „Moor“ nicht ein rassistischer Begriff? Wie wäre es mit Feuchtbiotop*in?

Werbung: Riecht es streng aus deinem Schuh, hilft er garantiert im Nu: Shoemaster. Jetzt auch als Shoemaster forte.

Nichts ist für die Mächtigen gefährlicher als der Augenblick, in dem seine Untertanen seine Machtlosigkeit erkennen. Merkels Tiefpunkt war 2015, als sie bekannte, gegenüber den Flüchtlingen machtlos zu sein und die Grenzen nicht schützen zu können. Machen ist Macht, Nicht-Machen ist Ohnmacht. Diese Ohnmacht können wir als Akt der Befreiung, als Emanzipation betrachten. Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Immer wenn ich eine Seite in einem Buch gelesen habe, reiße ich sie mit einem Schrei heraus und werfe sie hinter mich. Nur so kann gelesen werden.

Dieser lebenslange Kampf zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Das Unerwartete, der Zufall, tritt in unseren Alltag. Harmlose Dinge wie eine Programmänderung im Fernsehen oder die überraschende Begegnung mit einem alten Schulkameraden in einem Ferienhotel, große Einschläge wie die Pandemie oder Arbeitslosigkeit oder der plötzliche Unfalltod eines Familienmitglieds. „Unser Leben gehört im Grunde nicht uns – es gehört der Welt.“ (Paul Auster).

Insomnia (Monster Mix) - YouTube


Freitag, 2. Dezember 2022

So sehen Sieger aus


Nach dem frühen WM-Aus wird jetzt natürlich geschimpft und gemeckert. Seit der EM 2016 hätten „wir“ kein einziges gutes Turnier gespielt. Das kann ich nicht so stehen lassen. 2017 haben wir den Confed-Cup gewonnen. Unvergessen ist das Endspiel vom 2. Juli in Sankt Petersburg, das wir durch ein Tor von Stindl souverän gegen Chile gewonnen haben. Auf dem Platz standen ter Stegen, Rüdiger, Kimmich, Goretzka und Süle, die auch heute noch zu den besten deutschen Spielern gehören. Nur um Kapitän Julian Draxler ist es etwas ruhiger geworden.

Da es seitdem keinen weiteren Confed-Cup gegeben hat, sind wir immer noch amtierender Meister.  

Sparky

 

Es ist längst heller Tag, als Sparky erwacht. Ein kühler Dezembervormittag, aber er trägt drei Pullover unter seinem Mantel. Trotz der Flasche Doppelkorn am Abend zuvor ist er gut gelaunt. Sparky ist ein erfahrener Trinker.

Er beschließt, zum Frühstück einen Hamburger zu essen. Die nächste Filiale von McDonald’s ist nicht weit entfernt. Er hat Glück. Im Müllcontainer findet er einen Royal TS, der nur halb aufgegessen ist. Dazu ein Viertel McRib und ein paar Onion Rings.

Sparky heißt eigentlich Spartakus Kowalski. Sein Vater hat einmal bei einer Spartakiade den siebten Platz im Kugelstoßen belegt. Schon als Kind hatte ihm sein Vater von den Sklavenaufständen im alten Rom erzählt. Sparky träumte davon, der Anführer rebellierender Sklaven zu sein.

Als er noch jung war, hatte er einmal versucht, andere Obdachlose zu einer Revolte zu überreden. Aber sie ließen sich nicht von seiner Idee überzeugen. Wir führen doch das schönste Leben, sagten sie. Wir können den ganzen Tag tun und lassen, was wir wollen. Wir müssen nicht arbeiten, wir haben keine Termine und Verpflichtungen. Wir zahlen weder Steuern noch Miete. Frei wie ein Vagabund, so heißt es. Lustig ist das Zigeunerleben.

Aber wir haben ein Recht auf eine eigene Wohnung und das Existenzminimum, um in Würde leben zu können. Man zwingt uns, zu betteln und zu stehlen. Man behandelt uns wie den letzten Dreck, man beleidigt und verprügelt uns, antwortete Sparky wütend.

Das mag ja alles stimmen, sagten die anderen Obdachlosen. Aber wenn wir ein festes Einkommen und eine Wohnung verlangen, wird man von uns eine Gegenleistung erwarten. Man wird uns zu einer Arbeit zwingen. Wir werden uns nach Uhr und Kalender richten müssen. Wir werden viele Regeln beachten müssen. Wir verlieren unsere Freiheit. Du wirst uns direkt in die Sklaverei führen, Sparky.

Da hatten sie zweifellos recht. Seither genießt er sein freies Leben und hat seine Entscheidung bis heute nicht bereut.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Gegensätze & More

 

Blogstuff 745

„Und so wurde es Frühling und die Tore der Biergärten öffneten sich wie Knospen.“ (Andy Bonetti: Die Jahreszeiten eines Trinkers)

Das Gegenteil von heimlich ist nicht unheimlich.

Tempel des Wissens. So nannte man in meiner Kindheit die Bibliothek unserer Stadt. Ehrfurchtgebietende gigantische Säulen flankierten den Eingang. Man musste allen Mut zusammennehmen, wenn man sie betreten wollte. Im Inneren Marmor und antike Skulpturen. Ich stand vor den Bibliothekaren, die wie Richter in großer Höhe über mir thronten. Es war höchst ungewiss, ob der Wunsch nach einem Buch gnadenhalber gewährt wurde. Heute ist die Bibliothek eine alte windschiefe Scheune am Stadtrand. Die Bücher liegen wie Kartoffeln auf einem Haufen. Jeder nimmt sich, was er will. Aber es kommen nur selten Leser an diesen düsteren Ort.

Wie funktionieren die Medien? Am Anfang stehen die Nachrichtenagenturen, die den Rohstoff Information herstellen. Sie registrieren Ereignisse wie Wahlen, Vulkanausbrüche oder Amokläufe. Sie verkaufen diesen Rohstoff an Redaktionen, die sie wiederum ihren Lesern, Hörern und Zuschauern verkaufen. Wo sind in dieser Kette die „Alternativmedien“? Nirgends. Sie kommentieren nur. Würden Sie eine Zeitung kaufen, in der nur Kommentare stehen? Die „Alternativmedien“ waren zu keinem Zeitpunkt eine Alternative zum Medienbetrieb – so wenig wie Schülerzeitungen.

Theologie und Philosophie sind keine Wissenschaften. Nichts ist lächerlicher als ein „Diplom-Philosoph“.

Die Grünen: Sonnenblumen aus Stahl.

Nur die Vollidioten kennen alle Antworten.

Für Verbrecher ist der Rückgang des Verbrechens eine Katastrophe. Gibt es in einer Stadt hundert Einbrüche in einem Monat, ist die Polizei überfordert. Gibt es nur einen Einbruch, stürzt sich jeder Beamte auf die Aufklärung des Verbrechens. Die Quote steigt, das organisierte Verbrechen verliert Personal.

Was ist das Gegenstück zum Individualismus? Die Gemeinschaft oder die im Gleichschritt marschierende Masse? 

Wir sitzen in einer Cocktailbar und ich bestelle einen White Russian. Niemand soll mir mangelnde Toleranz vorwerfen.

Am Nachbartisch in einem zypriotischen Restaurant sitzen fünf Rentnerinnen. Sie sprechen über Facebook. Ich komme mir alt vor.

Tag und Nacht, Lachen und Weinen, Blut- und Leberwurst – das Leben ist voller Gegensätze.

Jim Diamond - I Should Have Known Better (ORIGINAL RECORD) - YouTube