Mittwoch, 6. Juni 2018

Das Museum

„Ich bin Science-Fiction-Autor. Ich verkaufe Träume. Mein Leben ist ein Traum.“ (Philip K. Dick: Valis)
Der Raum hatte kein Fenster. Der alte Mann lag im Krankenbett, diverse Maschinen kontrollierten seine Körperfunktionen. Er sah auf seine Hände hinab. Sie waren voller Runzeln und Flecken. Wie alt war er inzwischen?
Dann kamen die drei Historiker. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Sie fragten, ob es ihm gut gehe. Sie überprüften die Nährstoffzufuhr und seine Daten. Dann drehten sie einen winzigen Hahn auf. Die Droge floss über eine Kanüle in die Vene seines rechten Arms.
Er wachte in seinem Kinderzimmer auf. Die Sonne schien hell, er sah den makellos blauen Himmel. Seine Mutter erschien in der Tür. Der Frühstückstisch in der Küche war schon gedeckt. Es gab Toastbrot mit Butter und Marmelade. Ein Glas Milch mit Erdbeergeschmack. Er mochte den Geschmack von Milch nicht. Deswegen standen im Küchenschrank Behälter mit Pulver in den Geschmacksrichtungen Vanille, Banane und Erdbeere, die man in die Milch einrühren konnte.
Er war in der Schule. Der Mathematikunterricht interessierte ihn nicht. Er sah aus dem Fenster oder unterhielt sich flüsternd mit seinem Nachbarn. Nachmittags spielte er Fußball mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft. Abends sah er fern. Die Droge ermöglichte es ihm, sich exakt an jede Minute zu erinnern. Alles war in seinem Unterbewusstsein gespeichert. Jetzt konnte er den ganzen Tag noch einmal erleben.
Der alte Mann sprach die ganze Zeit und seine Erzählungen wurden aufgezeichnet. Er konnte von den Stränden berichten und von den Bergen. Vom Leben in der großen Stadt und einem Besuch auf dem Bauernhof. Er hatte studiert und später als Angestellter in einem Konzern gearbeitet. Er hatte jeden Tag die Nachrichten gesehen und wurde für die Historiker auf diese Weise zu einem lebenden Geschichtsbuch. Er hatte viele Bücher gelesen, die auf diese Weise der Nachwelt erhalten blieben.
„Wie lange werden wir diesen Mann noch verwenden können, Mister Grey?“
„Er ist schon sehr alt. Er wird vermutlich sterben, bevor er uns alles erzählt hat. Lassen Sie ihn nur einen Tag pro Monat seines Lebens wiederholen. Vergessen Sie die Nächte, vergessen Sie die Träume.“
„Glauben Sie, diese vielen banalen Details seiner Erinnerungen werden uns helfen?“
„Eines Tages werden wir auf die Oberfläche zurückkehren, Mister Dark. Unsere Kinder sollen das Leben der alten Welt nicht vergessen. Wir werden Computersimulationen herstellen, die es kommenden Generationen ermöglichen, die Vergangenheit zu studieren. Wir haben nicht mehr viele Menschen, die sich an die alten Zeiten erinnern können. Das Gedächtnis dieses Mannes ist ein Museum der Erinnerungen.“
„Wir sind mehr als nur Historiker“, sagte Mister Black, der bisher geschwiegen hatte. „Wir sind die Zukunft.“

Dienstag, 5. Juni 2018

Die Entführung

Sie war an einen Stuhl gefesselt und wir hatten sie geknebelt, um ihr Geschrei schon im Ansatz zu unterbinden.
„Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte ich zu ihr.
Die Augen der Justizministerin gaben mir eine andere Antwort. Sie dachte offenbar, sie sei in den Händen von mordlüsternen Terroristen.
Ich zeigte ihr die Schafschermaschine.
„Wir werden Ihnen eine Glatze schneiden“, sagte ich.
Sie schüttelte wie wild den Kopf, aber ich fing einfach an.
„Wir behandeln Sie so, wie Sie die Mieter und Internet-User behandeln“, erklärte ich ihr, während ihr Haar in langen Strähnen auf den Boden fiel.

Montag, 4. Juni 2018

Elf Freunde sollt ihr sein

Nächste Woche beginnt wieder einmal das völkische Ringen um den Endsieg im Finale. Die Fußballweltmeisterschaft ist die sportliche Apotheose des Nationalismus. Seit 2006 ist auch Deutschland wieder satisfaktionsfähig, schwarz-rot-golden prangt uns jede Duplo-Packung im Supermarkt entgegen. Panini wirft die Heiligenbildchen millionenfach unters Volk. Wir freuen uns auf gaskammervolle Fanmeilen. Keine Olympischen Spiele und schon gar keine Paralympics werden das je schaffen.
Wie tief sich der Nationalismus, der letztlich nur ein sprachlich verbrämter Rassismus ist, der sich auf die Idee eines biologisch klar definierten Volkskörpers stützt, in die Köpfe eingenistet hat, sieht man an der Debatte um Özil und Gündogan, die sich mit dem Präsidenten aus dem Land ihrer Familien fotografieren ließen. Für jeden echten Nationalisten war es schon vorher klar, dass nur reinrassige Germanen das blütenweiße Hemd mit dem Reichsadler tragen dürfen.
Das nationalistische Hetzblatt „Der Spiegel“ stimmt uns diese Woche auf den neuen politischen Feind ein. Nach den Griechen und Russen sind es jetzt die Italiener, auf die sich die Geschütztürme deutscher Drohungen und deutschen Selbstmitleids gedreht haben. Natürlich ist es nur zu unserem Schutz. Wir müssen uns verteidigen, denn die Italiener mögen uns angeblich nicht mehr. Diese Schnorrer verprassen den ganzen Tag unser Geld, liegen faul in der Sonne und fressen Spaghetti statt Königsberger Klopse. Wir haben es immer gewusst. Feindschaft als Selbstverteidigung. Fragen Sie die Polen!
Wem das alles noch zu milde ist, wer es deftiger und härter braucht, dem wird vom faschistischen Demagogen Gauland reichlich eingeschenkt. Im Sportpalast bringt er die Höcke-Jugend mit seiner Vogelschiss-Metapher auf den orgiastischen Höhepunkt. Lasst uns Hitler und Auschwitz vergessen und in den Schulen wieder alle drei Strophen des Deutschlandlieds singen. Am besten zu jeder vollen Stunde. Die Bayern hängen Kreuze in die öffentlichen Gebäude? Das reicht nicht. Wir brauchen Hakenkreuze.

Das siebte Jahr

„Abends früh ins Bett
Suppe ohne Fett
Morgens Arsch warm
Fliegeralarm“
(in einer Duisburger Kneipe am Nachbartisch gehört)
Wir trafen uns im Apartment von Bubka Rettich, drei alte Freunde aus Schultagen. Bubka lebte wie ein Waschbär auf der Müllkippe, in seiner Wohnung konnte man alles fallenlassen – es war längst egal.
Seine roten Speckbacken zitterten vor Aufregung. „Zeigt mal, was ihr bekommen habt.“
Ich holte das Ergebnis meiner Bemühungen aus einer zerknitterten Papiertüte.
„Och“, sagte Mortimer Hastings. „Das sind ja nur Endsieg-Kekse und Endsieg-Zigaretten.“
„Es ist Monatsende. Ich habe nur noch Marken für Lebensmittel und Zigaretten übrig.“
„Verdammter Krieg“, maulte Bubka in weinerlichem Tonfall.
„Die verfluchte Regierung hat einen Deal mit Aldi gemacht. Auf meine ganzen Lebensmittelmarken bekomme ich nur Sachen der Hausmarke Endsieg. Wie soll man von zweihundert Gramm Brot am Tag und fünf Kilo Kartoffeln im Monat überhaupt leben?“ Ich war genauso frustriert wie meine Freunde.
„Seht mal, was ich hier habe.“ Hastings zog eine Flasche Gin aus seiner zerschlissenen Jacke.
„Alter Finne!“ Bubka schrie fast.
„Wie hast du das gemacht?“ fragte ich ihn.
„Fünf-Finger-Discount“, sagte Hastings lässig und schraubte den Verschluss auf. Er mochte seinen Vornamen nicht, deswegen nannten wir ihn Hastings.
„Darauf steht Arbeitslager“, bemerkte Bubka bewundernd, dann ließ er mit einem leisen Gluckern den ersten Schluck die Kehle hinunterrinnen.
„Ist das Arbeitslager schlimmer als das siebte Kriegsjahr?“ gab ich zu bedenken.
Wir rauchten eine Zigarette und schwiegen.
Ich hatte noch Glück gehabt. Ich arbeitete für Bonetti Media. Vor dem Krieg hatte ich Kriminalgeschichten geschrieben. Billige Verbrechen auf billigem Papier. Sechzig Seiten pro Heft. Ein Heft im Monat. Jetzt musste ich Landser-Geschichten schreiben. Die Kollegen aus der Zeitungsredaktion mussten die Hurra-Meldungen des Verteidigungsministeriums in seriös klingende Berichte umformulieren. Der ganze Verlag war auf Kriegsproduktion umgestellt worden.
Bubka arbeitete in einer Fabrik, die vor dem Krieg Spielzeugautos hergestellt hatte. Jetzt produzierten sie Spielzeugpanzer. Hastings war Kellner in einem Weinlokal, in dem der Riesling inzwischen in einem Verhältnis von eins zu drei mit Wasser gemischt war.
Alles war inzwischen auf Kriegsproduktion umgestellt und rationiert. Das Benzin, das Brot, die Margarine, Wurstersatz und Käsesurrogat. Richtiges Fleisch gab es schon lange nicht mehr. Ein Paar neue Schuhe pro Jahr. Im Fernsehen kamen nur noch Wiederholungen und Nachrichten vom angeblich bevorstehenden Endsieg. Das Militär kontrollierte das Internet und alle anderen Kommunikationskanäle. Die Kriegsregierung nannte sich „Die Erneuerung“, der Kriegskanzler hieß Neumann.
Alle hassten den Krieg, alle hassten die Regierung. Wie war es überhaupt so weit gekommen?

Sonntag, 3. Juni 2018

High Companion

Ich bin noch nie in einem Hochhaus gewesen, das so edel war. Selbst der Fahrstuhl war mit Mahagoni getäfelt und ein livrierter Diener drückte die Knöpfe.
Die Tür zum Apartment wurde mir von einem Butler geöffnet. Ich ging mit meinem Werkzeugkasten ins Wohnzimmer. Dort saßen sie alle.
Melissa McCarthy, Jonah Hill, Sarah Silverman, Seth McFarlane. Rund um den Wohnzimmertisch. Und ihre Bong war am Arsch. Angeblich runtergefallen, als einer von den vier Stars kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte.
Ich habe die Bong repariert. Das ist mein Job. Ich bin der High Companion. Ich habe auch ihren Koks-Spiegel poliert und die Crack-Pfeife gereinigt. Deswegen ruft man uns. Deswegen sind wir da.
High Companion. Telefon: 555-88810. Mail-Adi: info@high.com

Freitag, 1. Juni 2018

Wirtshausgedicht

Nach Bier und Würsten
Soll es dich dürsten
Graubrot in Scheiben
Sollst du vermeiden

Zu gebratenen Gänsen
Sollst du dich wenden
Kartoffeln und Braten
Sollst du entraten

Erbsen und Bohnen
Sollst du belohnen
Lauch und Karotten
Sollst du verspotten

Fenchel und Beeren
Sollst du verehren
Kraut und Rüben
Sollen dich betrüben

Zu Zander und Forellen
Sollst du dich gesellen
Auf Schnaps nach Gedichten
Sollst du niemals verzichten

Seine Welt

„Es war, als trüge er in sich, irgendwo in dieser trägen, ächzenden Fleischmasse, das Geheimnis: das, was sie alle bewegte und aufweckte, ein Versprechen auf etwas, das über den Stumpfsinn vollgestopfter Bäuche und monotoner Tage hinausging.“ (William Faulkner: Licht im August)
Es war natürlich die absolute Sensation des Jahres 2020. Darauf hatte die Welt schon viele Jahre gewartet. Aber es war dann doch etwas anders, als wir alle erhofft hatten.
Das Raumschiff der Außerirdischen war recht klein. Es klinkte sich in eine Erdumlaufbahn ein, ohne Kontakt mit uns aufzunehmen. Die Chinesen entdeckten es zuerst und sendeten eine Botschaft.
Es stellte sich heraus, dass das Raumschiff von einem intergalaktischen Konzern zu uns geschickt worden war. Alle hundert Jahre kontrollierte man den Planeten Erde. Vor fünfzigtausend Jahren hatte das Unternehmen hundert Gruppen mit je hundert gezüchteten Homo Sapiens auf der Erdoberfläche ausgesetzt. Man hatte sie mit grundlegenden Technologien wie Feuermachen, Hüttenbau, Jagd und der Herstellung von Waffen, Bekleidung und Behausungen vertraut gemacht.
Jetzt war man natürlich über die Entwicklung der Menschheit zwischen 1920 und 2020 erstaunt. Die Außerirdischen berichteten den Chinesen, dass sie sich über die Fortschritte ehrlich freuen würden. Nicht alle Setzlinge, die man im Laufe der Jahrmillionen in der Galaxie ausgesät habe, hätten sich so erfreulich entwickelt.
Zunächst herrschte auf der Erde großes Erstaunen, dann bekannten der Papst, der Dalai Lama und ein Sprecher der Hindus, dass man von diesen Dingen längst wusste. Der intergalaktische Konzern, der gerne ungenannt bleiben wollte, gab zu verstehen, dass er keinerlei Interesse an weiterer Kommunikation oder technologischer Hilfe für die Erdlinge habe.
Als Andy Bonetti die Meldung über den wahren Ursprung der Menschheit gelesen hatte, war er unglaublich deprimiert und zog sich endgültig in seine Privatwelt zurück. Er hatte sich auf zehn Hektar Land, das hermetisch abgeriegelt war, das Jahr 1975 nachbauen lassen. Eine Kleinstadt im Stil seiner Kindheit. Das Haus, in dem er aufgewachsen war. Gegenüber ein Tengelmann und der kleine Laden, wo er als Kind Comics und Süßigkeiten gekauft hatte.
Drei Fernsehsender, die das alte Programm abspielten: Dalli Dalli, Musik ist Trumpf, Bonanza und Raumschiff Enterprise. Im Radio liefen die Bay City Rollers, Frank Zappa und Vicky Leandros. Deutschland war Fußballweltmeister, Uli Hoeneß hatte noch nicht den Endspielelfmeter der EM 1976 verschossen. Kein Internet, keine Handys, aber Ariel-Werbung mit Clementine und Raider statt Twix.
Er ist nie wieder aus dieser Welt aufgetaucht. Und wir dürfen hoffen, dass die Firma aus dem Weltraum 2120 den Acker nicht umpflügt, weil hier alles aus dem Ruder gelaufen ist.