Montag, 7. Dezember 2015

Der Gesang wilder Vögel

„Und mein hier unternommener Versuch kann nur wiederum darin bestehen, mich seiner diesbezüglichen Erinnerungen zu erinnern, seine Andeutungen anzudeuten.“ (Thomas Bernhard: Die Billigesser)
Die Bar war in einem Hinterhof der Liegnitzer Straße in Kreuzberg. Keine Leuchtreklame wies auf das „Saboru“ hin, weder auf der Straße noch im Hof. Man musste an eine dunkelgraue Eisentür klopfen, dann wurde man durch einen Sehschlitz aus Panzerglas ausgiebig betrachtet und hineingelassen, wenn man dazu gehörte. Saboru ist das japanische Wort für Nichtstun, Abhängen, Zeit vertrödeln, Job oder Schule schwänzen. Es kommt vom englischen "Sabotage": Sabotage durch Langsamkeit. Man kannte mich im „Saboru“, wenn auch nur unter meinem offensichtlichen Pseudonym „Sir Reginald, Earl of Leatherstocking“.
„Da will dich jemand sprechen, Reggie“, raunte mir der Barkeeper zu, während er mit einem feuchten Lappen den blitzblanken Tresen wienerte.
Ich folgte seinem unauffälligen Kopfnicken. Ein hochgewachsener Herr mit einer karierten Jagdmütze, deren Ohrenklappen auf dem Kopf zusammengebunden waren, und einem tannengrünen Tweedmantel prostete mir aufmunternd zu.
Ich nahm meinen Whisky und ging zu ihm hinüber.
„Sir Reginald, wie ich annehme?“ Er sprach mit einem starken britischen Akzent.
„Richtig. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Mister Trelawney. Ich komme auf Empfehlung von Freddy Finger zu Ihnen.“
„Um was geht es?“
„Schädlingsbekämpfung.“ Sein boshaftes Lächeln hatte etwas Sympathisches.
„Ich verstehe.“
***
Natürlich war Mister Trelawney kein Engländer und den Namen hatte er aus dem bekannten Roman „Die Schatzinsel“. Freddy Finger war ein alter Freund aus Belfast, der auf diesem Wege Kontakt mit mir aufnahm. Er war in der Stadt und wollte mich sehen. Offenbar ging es um etwas Wichtiges, sonst hätte er seinen versoffenen irischen Arsch nicht in Bewegung gesetzt.
Als Treffpunkt hatte ich die Synagoge in der Oranienburgerstraße ausgewählt. Erstens ist die Straße durch die Touristen sehr belebt, und zweitens gibt es hier mehr Überwachungskameras als in einem Casino in Las Vegas. Niemand würde uns hier hochnehmen können, und offiziell waren wir so unschuldig wie frisch geschlüpfte Küken.
Freddy hatte immer noch ein veritables Bäuchlein, doch sein dunkelroter Vollbart hatte zwei hellgraue Streifen bekommen, die aussahen, als hätte er Quecksilber getrunken und es wäre ihm aus den Mundwinkeln bis zum Kinn gelaufen. Er grinste breit, als er mich sah, und schüttelte meine Hand. Wir kannten uns noch aus der guten alten Zeit des West-Berliner Waffenhandels, als uns die Sowjets Kalaschnikows und Plastiksprengstoff überließen, die wir für gutes Geld an die IRA verkauften. Wir wollten Geld verdienen, die Russen den Westen destabilisieren und Freddy Nordirland von den britischen Besatzern befreien. Es gab nur Gewinner – zumindest aus unserer Perspektive.
Wir stellten uns zwischen zwei parkende Wagen und taten so, als ob wir die Straße überqueren wollten. Die Passanten konnten uns nicht hören, weil wir in den tosenden Verkehr hinein sprachen, der sich zähflüssig an den Nutten und Imbissbuden vorbeiwälzte. „Die Yankee-Imperialisten machen uns mal wieder Probleme“, begann Freddy. „Kennst du das SOC? Special Operations Command. Eine Spezialeinheit, die für das US-Militär Morde begeht, aber auf keiner Gehaltsliste und in keinem Organigramm auftaucht. Wenn was schiefgeht, kennt niemand die Jungs. Und niemand holt sie aus der Scheiße.“
Ich nickte. Von diesen Killerkommandos hatte ich schon gehört. Auch die CIA hatte eine inoffizielle Spezialeinheit für die Drecksarbeit.
„Sie sollen einen Terroranschlag inszenieren und den Islamisten in die Schuhe schieben. Auf diese Weise wollen die Amis die Deutschen in den Krieg gegen den Terrorismus ziehen. Sie wollen am Tatort einen syrischem Pass, eine IS-Flagge oder andere Hinweise hinterlassen. Ich habe Namen und Fotos von dieser Kommandoeinheit. Es sind zwei Männer, die schon im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren.“
Er reichte mir einen Umschlag, den ich sofort in meiner Manteltasche verschwinden ließ.
„Wann und wo werden sie zuschlagen?“
„Wissen wir nicht. Könnte im Olympia-Stadion sein, da findet nächste Woche ein Länderspiel statt. Ein Rockkonzert, eine Shopping Mall, eine Schule.“ Freddys Gesicht wirkte traurig, so kannte ich ihn gar nicht. „Wir wissen auch nicht, wann sie es machen werden. Aber sie sind schon hier. Ihr solltet euch beeilen. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Und den deutschen Geheimdiensten kann man nicht trauen. Vielleicht stecken die mit drin. Und die Polizei ist einfach zu blöd, die kannst du komplett vergessen. Ihr müsst es alleine machen.“
„Geht in Ordnung, Freddy. Danke. Geh zurück in den King’s Head und warte auf die Post.“
Er gab mir die Hand und überquerte die Straße. Wenn die Sache erledigt wäre, würde ich eine Flasche Bushmills an die King’s Head Tavern in Belfast schicken. Das Zeichen, das alles erledigt wäre. In seiner Stammkneipe wusste Freddy Finger dann Bescheid. So haben wir es all die Jahre gemacht. Und am 16. August habe ich ihm jedes Jahr seit 1983 eine Flasche Whiskey an diese Adresse geschickt, zum Zeichen, dass es mir gut ging und die Geschäftsbeziehung intakt war. Das Gründungsjahr der „Old Bushmills Distillery“ ist 1608.
***
Wenn man keine Spuren hinterlassen und keine riesige Sauerei anrichten will, sollte man mit den eigenen Händen töten. Meine Meinung. Schusswaffen hinterlassen Projektile und Patronenhülsen, man verursacht Lärm und muss eine Waffe entsorgen. An Messern und Totschlägern findet sich jede Menge DNS – und wenn man unvorsichtig war, die eigenen Fingerabdrücke.
Sammy Paterson war in einem kleinen Drei-Sterne-Hotel in Schöneberg abgestiegen. Komisch, diese Typen denken immer, sie müssten sich einfach unsichtbar machen. Aber ich hatte von Freddy den Namen, ein Foto und die Adresse. Und ich habe ihn nicht gefragt, wie er es herausbekommen hat. Wir haben uns nie viele Fragen gestellt. Vielleicht spielte eine andere amerikanische Sicherheitsbehörde auf diese Weise über Bande, um den SOC-Plan zu durchkreuzen. Vielleicht ein europäischer Geheimdienst, vielleicht eine arabische Quelle – wer weiß? Wenn ich Freddy gefragt hätte, wäre ein Grinsen seine Antwort gewesen. Er würde es mir nie verraten. Ich kenne ihn.
Paterson wäre in einem teuren Hotel wie dem Adlon sicher wie in Abrahams Schoß gewesen, aber so war es ganz einfach. Ein begabter Freund hackte sich in den Computer des Hotels in der Belziger Straße und gab mir die Zimmernummer durch. Ein anderer Freund mietete sich ein Zimmer und bekam neben seinem Zimmerschlüssel auch den Schlüssel der Haustür, da die Rezeption zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens nicht besetzt war. In der Nacht nach meinem Treffen mit Freddy bin ich an Patersons Tür, habe wie wild geklopft und „Feuer, Feuer“ gerufen.
Als er aus seinem Zimmer kam, eine Pistole in der Hand, stand ich neben der Tür und schlug ihm mit der Handkante auf die Halsseite. Mit diesem Schlag betäubt man das Nervengeflecht des Brachialnexus oder den Sinusnerv, die Wirkung ist die gleiche: der US-Agent sank ohnmächtig zu Boden. Ich setzte mich auf seine Brust und drückte mit den Knien seine Oberarme nieder. Dann drückte ich ihm die Kehle zu. Er kam erst gegen Ende seines Todeskampfes wieder zu Bewusstsein und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Aber da war es schon zu spät. Zum Abschied zog ich ihn in sein Zimmer, schloss die Tür und hängte ein „Do not disturb“-Schild an die Klinke. Ich verließ das Hotel und setzte mich in meinen VW-Bus, der schräg gegenüber des Eingangs geparkt war.
Gegen zehn Uhr kam Larry Stoughton. Offenbar hatte er seinen Kollegen am Morgen nicht erreicht und wollte nach dem Rechten sehen. Sein Gesicht war so kantig wie ein Schuhkarton. Ich erkannte ihn sofort durch die getönte Scheibe im Laderaum meines Busses. Auf dem Fahrersitz warten nur Amateure oder Hollywoodschauspieler – viel zu auffällig. Etwas albern, aber gut getarnt, folgte ich Stoughton mit falschem Hipsterbart, dicker Hornbrille und Basecap ins Hotel. Ich nahm die Treppe, er hatte den Fahrstuhl in den zweiten Stock genommen.
Als ich vorsichtig um die Ecke schaute, sah ich ihn in der offenen Tür vor dem Leichnam seines Kollegen stehen. Ich schlich mich auf der billigen Auslegeware an ihn heran und sprang ihm mit einem Fußtritt in den Rücken. Er warf die Arme und den Kopf zurück, während er nach vorne taumelte. Ich legte meinen linken Arm um seine Kehle und presste seinen Kopf mit der rechten Hand an meine Brust. Dann warf ich mich mit aller Kraft nach hinten und dreht seinen Kopf ruckartig zur Seite. Sein Genick brach mit einem trockenen Knacken.
Ich legte ihn zu seinem Kollegen und schloss die Tür. „Do not disturb“ galt auch weiterhin. Anschließend verließ ich das Hotel und fuhr den Wagen zu einem Freund nach Schulzendorf südöstlich von Berlin. Ich entsorgte meine Verkleidung, meine Handschuhe und meine Klamotten, ließ den Bus bei ihm in der Garage und wurde von einem anderen Freund zurück nach Berlin gefahren, der ordnungsgemäß mit dem Hotelschlüssel auscheckte. Die Meldung, dass zwei amerikanische Touristen in einem Hotelzimmer tot aufgefunden wurden, war erst am nächsten Tag in den Medien.
Nachdem der Job erledigt war, ging ich nach Hause. Wenn Sie Berlin kennen, sind Sie sicherlich schon einmal an meinem Haus vorbeigekommen. Jeden Tag gehen Zehntausende an meinem Haus vorüber, ohne es zu beachten. Es liegt extrem verkehrsgünstig und ist dennoch fast unsichtbar. Es ist das einzige Wohnhaus an den Yorkbrücken zwischen Schöneberg und Kreuzberg und steht direkt gegenüber dem Eingang zur U-Bahn-Station. Neben dem Gebäude ist der Aufgang zur S-Bahn-Station. Im Kalten Krieg gehörten die S-Bahn-Station und das Gelände der DDR-Reichsbahn. Die Russen kamen mit den Waffen problemlos zu mir nach West-Berlin und luden sie in einem Kellergewölbe hinter meinem Haus ab, zu dem ein Gang von der S-Bahn-Station führte. 1990 haben wir den Gang zugemauert, er ist nirgendwo verzeichnet. Das Lager nutze ich immer noch.
Falls Sie also eines Tages meine Hilfe benötigen sollten oder eine Waffe brauchen, gehen Sie in die Kneipe „Zum Umsteiger“ im Erdgeschoss des Hauses. Geben Sie dem Wirt eine Flasche Bushmills und einen Umschlag mit ihren Kontaktdaten. Schreiben Sie „Mardo“ auf den Umschlag. Das reicht. Er kennt mich. Ich wohne im ersten Stock und im Dachgeschoss. Sobald ich es einrichten kann, werde ich Sie kontaktieren. Jetzt wissen Sie, wo Sie mich finden können.
The Underground Youth – Mademoiselle. https://www.youtube.com/watch?v=QWgDai-sltU

Sonntag, 6. Dezember 2015

Als ich einmal ein Kind glücklich gemacht habe


„Du hast deine Zeit niemandem gestohlen, aber du kannst sie jemandem schenken.“ (Lupo Laminetti)
Es war in der Zeit, als im Berliner Zoo ein Eisbärenkind namens Knut geboren wurde. Die ganze Stadt war ganz verrückt nach dem kleinen weißen Knuddelbaby. Damals war ich jede Woche Babysitter bei einem dreijährigen Mädchen. Und sie wünschte sich von mir einen Knut. Als Kuscheltier. Also zog ich los, ging in große Kaufhäuser und in kleine Geschäfte, recherchierte im Internet und wenn es eine Stofftiermafia gegeben hätte, wäre ich mit ihr ins Geschäft gekommen – aber in ganz Berlin gab es keinen einzigen Eisbär in Plüsch zu kaufen. Nichts zu machen, alles ausverkauft. Es wurde mir ganz schwer ums Herz.
Irgendwann kam ich zurück in meinen Kiez. Dort gibt es an der Bundesallee den „Babykorb“, ein alteingesessenes Fachgeschäft. Keine hundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Und was sehe ich: Im Schaufenster steht der schönste schneeweiße kleine Bär, den die Welt je gesehen hat. Wer weiß, wie viele Käufer bereits aus diesem Geschäft mit leeren Händen fortgeschickt worden waren. Aber ich sagte: „Ich möchte den Eisbären in Ihrem Schaufenster“. Also kletterte eine Angestellte in die Auslage und brachte mir Knut. Und ich brachte ihn zu Linda. Sie drückte ihn mit einem glücklichen Lächeln an sich und sagte: „Du bist der liebste Mensch auf der ganzen Welt.“ Den Satz habe ich nie vergessen.
Die Suche hatte sich gelohnt. Leider war ich es, der ihr in diesem Sommer erzählt hat, dass der echte Knut längst gestorben ist. Ihre Eltern hatten sich nicht dazu durchringen können, ihr die Wahrheit zu sagen, da Knut immer noch zu ihren liebsten Kuscheltieren gehört. Aber sie ist schon zwölf, sie hat es mit Fassung getragen. Zum Weihnachtsfest schenke ich ihr zwei Katzen. Unsterbliche Geheimnisse.
The Police - Can't Stand Losing You. https://www.youtube.com/watch?v=nH0vjLwMyc4

Samstag, 5. Dezember 2015

Die Flut und der Plan

„Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen." (Hagen Rether)
Bisher funktioniert Deutschland beim Thema Flüchtlinge nach dem Prinzip der Katastrophenschutzübung. Kennen wir von der Flutkatastrophe an der Oder: Wie bringe ich Tausende oder Zehntausende von Leuten unter, wie versorge ich sie mit Essen und Trinken, mit Klamotten und sanitären Anlagen? Und so machen viele Gemeinden im Augenblick eine Katastrophenschutzübung: Flüchtlinge werden in leerstehenden Verwaltungsgebäuden und Fabrikhallen, in Sportstätten und Zeltlagern untergebracht und versorgt. So weit, so gut. Aber man kann die Leute ja nicht bis in alle Ewigkeit auf Pritschen, die in endlosen Reihen nebeneinander stehen, leben lassen. Sie können unter solchen Umständen nicht als Familie existieren und ihre Kinder großziehen. Was kommt nach der Katastrophenschutzübung? Die Leute an der Oder waren nach einigen Wochen wieder in ihren Häusern oder sind anderswo untergekommen. Und die Flüchtlinge?
Ich glaube, es wird wie in der Türkei oder im Libanon werden, wo die Flüchtlinge aus Syrien seit Jahren in abgeschotteten Lagern vor sich hin vegetieren, herumsitzen und warten. Jede Stadt und jede Gemeinde hat zukünftig ihr kleines Ghetto, überall ist ein bisschen Libanon. Klein-Damaskus in Groß-Gerau, Klein-Timbuktu in Regensburg, Klein-Tirana in Rostock. Nach allem, was ich weiß, funktioniert Integration hauptsächlich über Bildung und Arbeit. Bildung: Ich schätze, unsere Schulen bekommen das hin und nach einem Jahr Sprachausbildung können die Kids in den Klassen der einheimischen Kinder unterrichtet werden. Aber was ist mit den Erwachsenen? Selbst wenn sie einen McJob ergattern, wie kommen sie an eine Wohnung? Und was passiert in der nächsten Wirtschaftskrise? Machen wir uns nichts vor, Aufschwung und Abschwung treten periodisch auf. Im Augenblick scheint noch die Sonne, aber für den Regen haben wir keinen Plan. Man sieht es an den Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, d.h. bei allen Mittelmeeranrainern: Die Integrationsmaschine Arbeitsmarkt funktioniert ja noch nicht einmal für den eigenen Nachwuchs.
Die aktuelle Katastrophenschutzübung funktioniert planmäßig. Die Kommunen spulen das Programm routiniert ab. Aber für 2016ff. hat offenbar niemand einen Plan. Die Bundespolitik fährt spätestens seit der Finanzkrise 2008 auf Sicht, „muddling-through“ nennt man das im Englischen. Wir haben im Deutschen den kernigen Begriff „Durchwurschteln“ für diese Strategie, die in Wahrheit das genaue Gegenteil von Strategie ist. So hat die Kanzlerschaft von Merkel zehn Jahre lang geräuschlos funktioniert, die Wähler haben es gelangweilt abgenickt und damit die als Pragmatismus getarnte Planlosigkeit akzeptiert. Das erinnert mich an die ersten sieben Jahre Helmut Kohl. Dann fiel die Mauer und er brauchte aus dem Stand einen Masterplan für die neue Situation. Ich bin gespannt, wie „TINA“ Merkel das hinbekommt. Die deutsche Einheit hat den Steuerzahler Billionen Euro gekostet, weil die Politik bei der Zerschlagung der ostdeutschen Wirtschaft große Fehler gemacht hat.
Wie wird die deutsche Integration ablaufen? Bleiben Sie dran! Nach der Werbung geht’s weiter: Horst Seehofer wird der Integrations-Bambi verliehen. Die Laudatio wird von Til Schweiger genuschelt.
The Human League – The Lebanon. https://www.youtube.com/watch?v=xP_PpAm-lsY

Freitag, 4. Dezember 2015

Ich bin keine Überschrift

„Dick sein ist keine physiologische Eigenschaft – das ist eine Weltanschauung.“ (Kurt Tucholsky)
Kinder, das Leben kann so einfach sein! Es ist der achte November und ich sitze im T-Shirt auf der Terrasse von „Uncle Sam“ in Zehlendorf, um im strahlenden Sonnenschein an meiner Herbstbräune zu arbeiten. Das Bier ist kalt und bleibt es auch lange, da man die Gläser hier klugerweise ins Eisfach stellt (warum machen das eigentlich nicht alle Restaurants?), und ich habe gerade den großartigen „Home Style Burger“ verputzt. Er ist so, wie ein Burger sein sollte. So, wie Burger einmal waren, bevor irgendwelche Hipster mit einem Hochschulabschluss in Kommunikationsdesign anfingen, mit Ananas-Abführmittel-Dip und handgebügeltem Rucola an ihm herumzuexperimentieren. So, wie ich ihn mache, wenn der Dude selbst in Schweppenhausen am Grill steht.
Da nicht viel los ist – ich bin um Punkt zwölf Uhr der erste Gast des Tages -, komme ich mit dem Wirt ins Gespräch. Er hat ein paar Neuigkeiten auf der Karte, darunter den „Corn Dog“. Ich bestelle ihn zum Nachtisch. Ein Würstchen, das in Maisteig getaucht und dann an einem Holzstäbchen frittiert wird. Man isst es wie Eis am Stiel. Köstlich. Habe ich noch nie gegessen. Wir sind uns einig, dass eine amerikanische Institution wie der Corn Dog in Berlin überfällig war. Ich frage mich, wieso ich fast fünfzig Jahre ohne Corn Dogs leben konnte.
Zum Abschluss noch ein Tipp für einen weiteren großartigen Burger. Das Lokal liegt zwar weitab von allen „In“-Vierteln Berlins, ist aber wesentlich zentraler gelegen als das „Uncle Sam“ in der Zehlendorfer Prärie. Die Rede ist von „Les 3 Veuves de Wilmersdorf“. Sehr sympathische junge Menschen in einem winzigen Lokal, die zur Krönung ihrer Burger-Künste das beste Fassbier in ganz Berlin ausschenken: Hofbräuhaus Traunstein. Das malzig schmeckende Glück kann es mit den ganz großen Bieren aufnehmen, deretwegen ich jedes Jahr mehrfach nach Franken fahre.
Flaggschiff der Burgerflotte ist der „Widow Burger“. Vor Jahrtausenden brachten Angehörige einer extraterrestrischen Zivilisation das Rezept auf die Erde, wo es von peruanischen Mönchen gehütet und von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Zweihundert Gramm saftiges Fleisch – wie ein gutes Steak außen cross gebraten, innen rosa - mit Käse, Zwiebeln, Salat und Avocados. Der Burger wird nach seiner Fertigstellung noch einmal komplett in einen Teigmantel gehüllt und frittiert. Womit wir wieder beim Corn Dog wären ... Fechnerstraße 30 in Wilmersdorf. Viel Vergnügen!
http://www.les3veuves.de/
Und diese Story über die Erfindung des Hamburgers und die drei alten Wilmersdorfer Witwen gefällt mir einfach: http://www.les3veuves.de/ueberuns/
P.S.: Aus unerfindlichen Gründen wird in vielen Ranglisten zum Thema "Bester Burger Berlins" ein Laden namens "The Bird“ aus dem Prenzlauer Berg (Filiale in Kreuzberg) auf Nr. 1 gesetzt. Hier jede Menge Gründe, warum das völlig falsch ist:
1. Das pseudo-coole Hipster-Gehabe: Bedienung, Musik, Einrichtung. Braucht niemand.
2. Der Burger ist so hoch gestapelt, dass man ihn nicht in den Mund bekommt. Ich musste das Besteck benutzen!
3. Weil er so unpraktisch gebaut ist, wird er mit einem Holzstöckchen serviert, das den Burger durchbohrt und einfach hässlich ist.
4. Ein Teil der Beilagen (Gurke, Tomate etc.) liegt neben dem Burger. Ist das ein Ikea-Bausatz, oder was?
5. Die selbstgemachten Buns sind scheiße.
6. Die Burger bei „Uncle Sam“ und „Les 3 Veuves“ schmecken viel besser.
P.P.S.: Ursprünglich sollte der Text die Überschrift „Die letzte Kopeke“ bekommen, aber dann habe ich mir gedacht: das ergibt doch überhaupt keinen Sinn, das ist keine Überschrift, das passt ja gar nicht, das ist einfach nur schwachsinnig. Alles klar? Jetzt habe ich die Sache mit der Überschrift wenigstens erklärt.
The Undertones -Teenage Kicks. https://www.youtube.com/watch?v=wAtUw6lxcis

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Malik

„Es war ein langer Flur, der sich im Dunkel verlor. Am äußersten Ende führten steile Stufen in absolute Finsternis.“ (Chester Himes: Die Geldmacher von Harlem)
Es stürmte und heulte. Es regnete von allen Seiten gleichzeitig. Und es war so dunkel, als hätte ein riesiger Wal die ganze Nacht verschluckt. Niemand war Zeuge. Der Sturm, der Regen und die Finsternis würden schweigen wie ein Grab.
Haifische schlafen nicht. Sie können in Ruhephasen nur dort existieren, wo die Meeresströmung Wasser durch ihre Kiemen drückt. Haie können nicht einfach anhalten, nur ihre permanente Bewegung hält sie am Leben. Und genauso war Malik Ostrowski.
Er hatte eine winzige Nase, einen dünnen Mund und zwei dunkle Augenmurmeln, eingesunken in ein fleischiges Mondgesicht, auf engstem Raum beisammen, als hätten sie sich ins Zentrum geflüchtet und warteten nun, ängstlich zusammen gekauert, die weitere Entwicklung seines Lebens ab. Oben wurde diese zugleich leere und dramatische Landschaft von einem Bürstenhaarschnitt begrenzt, nach unten versickerte sie halslos in seinem Hemdkragen.
Sie hörte nicht, wie sich ein Schlüssel im Türschloss drehte. Das machte sie aggressiv. Sie hörte nicht das Telefon klingeln. Das machte sie unglaublich wütend. Und je länger die Stille andauerte, je länger die Tür sich nicht öffnete und das Telefon nicht klingelte, desto aggressiver und wütender wurde sie. Ihr Gesicht erinnerte an eine Bulldogge mit Magengeschwür und ihre Augen glänzten wie Christbaumkugeln. Sie brauchte es. Jetzt. Ihr ganzes Leben schrumpfte zu diesem einen Gedanken zusammen.
Auf ihrem Nasenrücken klebte ein schmales Spice-Depot, von dem ein durchsichtiger Schlauch in ihr rechtes Nasenloch führte. Spice hatte alle anderen Drogen vom Markt verdrängt. Niemand trank mehr, niemand rauchte mehr. Es gab die Spice-Depots in unauffälliger Hautfarbe, und es gab schillernde Design-Modelle in den aktuellen Modefarben oder mit grellen Leuchteffekten. Die Depots waren so unterschiedlich wie Handy-Hüllen. Aber ihr Depot war leer.
Malik hatte das Haus erreicht. Er wusste, dass sie auf ihn wartete. Er wusste, dass es nicht leicht werden würde. Plötzlich machte er ein Gesicht, als hätte er ein Handyklingeln aus einem Grab gehört. Aber es war kein Geräusch. Jemand stand hinter ihm, das konnte er spüren. Er drehte sich um.
Zuerst sah er den Lauf einer vernickelten 38er aufblitzen. Dann sah er Augen, die so grau waren wie die Spree im November. Die Haare hatten die Farbe von frisch gesägtem Holz. Und er sah zwei weitere Männer lautlos aus der Finsternis auftauchen.
Plötzlich richtete sich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf ihn, als hätte er in einer Versammlung der Zeugen Jehovas das Thema Brustwarzenpiercing angesprochen. Er war aufgeflogen.
Und es wurde ihm schlagartig klar: Ich werde es nicht schaffen.
Diesmal nicht.
Lesen Sie den neuen Thriller „Toter geht’s nicht“ von Andy Bonetti. Ab nächsten Montag in einer Bahnhofsbuchhandlung in Ihrer Nähe. Nichts für schwache Nerven! Hard boiled bis zum Anschlag!! FSK: ab 28!!!
Chuck Berry - Johnny B. Goode. https://www.youtube.com/watch?v=Ncra00lEdw4

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Blogstuff 12

„Nur ein gottverdammter Irrer könnte sowas schreiben und hinterher noch behaupten, es sei wahr.“ (Hunter S. Thompson)
In der Stadt gibt es immer wieder die Forderung nach einer Bürgerwehr. Auf dem Land gibt es sie längst. Sie nennt sich Schützenverein. Hier treffen sich die Familienväter, die eine Schusswaffe besitzen. Man kennt sich, man bildet eine verschworene Gemeinschaft – und Ortsfremde haben kaum eine Chance, dem Verein beizutreten und einen Waffenschein zu bekommen.
Hätten Sie’s gewusst? Unter seinem Rapper-Namen Bone-T hat Andy Bonetti diverse Stücke veröffentlicht wie z.B. „Ich brauche nichts außer meiner Klarinette“ oder „Du da hinterm Tresen“.
Ausflugstipp: In Erkelenz wurde dieser Tage das Deutsche Museum für Betriebsanleitungen von Haushaltsgeräten eröffnet.
Kennen Sie die Kampagne „Fett ist nett im Bett“, mit der das Bundesfamilienministerium die Zahl der adipösen Singles reduzieren will?
Wussten Sie, dass in Franken 1642 von einem gewissen Melanchthon von Rosentau das Frankieren erfunden wurde?
Heute in der Talkshow „Hart aber herzlich“ das Thema „Helmpflicht für Mutanten – Wo sind die Grenzen der Sicherheitsdebatte?“
„Brandenburger Vollpfosten“ (geschützte geographische Angabe)
In einer Welt, die von Schweinen regiert wird, geht es nicht ums Gewinnen, sondern ums Überleben.
Werbung: „Die dritte Schöpfung – Am Ende der Zeit“. Andy Bonettis aufrüttelnder Appell an die Menschheit des präapokalyptischen Zeitalters. Ab Montag in Ihrer Bahnhofsbuchhandlung.
Sinnbild des neuen Erfolgs: Die Schnecke auf der Rasierklinge.
Firma Schall & Rauch - Lottoberatung und Weissagungen aller Art.
Es funktioniert auch mit dem eigenen Spiegelbild: betrunken sehe ich besser aus.
Flop des Jahres war die erste Single von Johnny Malta und seiner Band “Die Soundrouladen”: „Burn down this crazy rain forest“. Er will sich in Zukunft wieder auf das Schreiben konzentrieren.
Ich lese gerne. Und so lese ich auch das Etikett auf der Rückseite dieser Bierflasche. Und was lese ich? Flötzinger Bräu hat den Bundes-Ehrenpreis 2014 bekommen. „Mit diesem Ehrenpreis zeichnet die Bundesrepublik Deutschland Unternehmen aus, die mit ihren Produkten zur Qualitäts-Elite der Ernährungswirtschaft gehören.“ Uijuijuijui. Qualitäts-Elite. Und seit 1543 basteln sie in Rosenheim dieses Bier zusammen. Tausendjähriges Reich nix dagegen. Ich fühle mich an diesem Sonntagmorgen geehrt. Elite. Endlich bin ich dabei. Wurde aber auch Zeit. Prost!
„Ihr werdet natürlich fragen: ‚Und weiter, Wenitschka, was hast du noch getrunken?‘ Aber ich weiß ja selbst nicht, was ich des Weges so getrunken habe.“ (Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki)
Ich sitze an der Bushaltestelle am Leopoldplatz und warte auf den Bus, der mich zum Kiezneurotiker-Hotspot „Sapori italiani“ in Reinickendorf bringen soll. Wie viele Leute hier um die Mittagszeit mit einer Bierflasche in der Hand an mir vorbeilaufen … - sogar Frauen! Zum Glück und Dank Flötzinger gehöre ich zur Säufer-Elite, die nur in geschlossenen Räumen trinkt.
Paradies der Werktätigen: DDR. Hölle der Werktätigen: Bangladesh.
Stufen der Erkenntnis: Sinn – Eigensinn – Stumpfsinn - Unsinn.
Wer etwas erreichen will, muss sich beeilen. Wer schon am Ziel ist, kann sich Zeit lassen.
Hätten Sie’s gewusst? Der berühmteste Deutsche ist ein Österreicher.
Folgen der fortschreitenden Akademisierung, Teil 39: Aus dem Scheinriesen wurde der Vertikalsimulant.
Klospruch aus den siebziger Jahren: „Here I stand and meditate / shall I piss or masturbate.“
Freizeit-Tipp: In den achtziger Jahren habe ich mal eine Bong mit Apfelkorn geraucht. Auch schön.
Graffito am Potsdamer Platz 2001: „Alles wird besser, aber nichts wird gut.“ Heute gibt’s am Potsdamer Platz keine Graffiti mehr.
Der Wedding ist der Osten des Westens und Mitte ist der Westen des Ostens – von daher passte die Bezirksfusion ja.
Neidisch betrachte ich die älteren Menschen, die bequem in einem Elektromobil den Bürgersteig entlang rollen. Ich habe mich bereits im Internet über diese wunderbare Errungenschaft informiert, etwa 4000 Euro muss man in ein Fahrzeug investieren, das mich transportieren kann. Ein „Shoprider“ mit 15 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit und maximaler Zuladung von 160 Kilogramm – da bliebe sogar noch Spielraum für Einkäufe und eine moderate Gewichtszunahme meinerseits.
Die DDR war in erster Linie Preußen. Preußen mit sozialistischer Folklore, Untertanengeist und Ordnungsliebe. Das alte West-Berlin hatte in der sogenannten „freien Welt“ das Image der heldenhaften Frontstadt, eine Art Fort (inkl. US-Kavallerie) im kommunistischen Indianerland. In Wirklichkeit war dieser Teil der Stadt ein Sumpf aus Korruption und Vetternwirtschaft, am Leben gehalten durch die Subventionen aus Westdeutschland.
Der griechische Kellner: „Zu jeder Zeit mögen deine Kleider weiß sein, und deinem Haupt mangle es nie an Öl“ (Prediger 9, 8).
Bryan Ferry - Slave To Love. https://www.youtube.com/watch?v=UH1CMCtV4to

Dienstag, 1. Dezember 2015

Der längste Tag

„Die Straße, Mann, toll, die Straße. Befreit von meiner Wohnung, Mann.“ (William Kotzwinkle: Fan Man)
Der Kaffee in der alten dunkelblauen Lindt-Blechbüchse ist zweieinhalb Jahre alt, aber er schmeckt noch. Die Kaffeemaschine habe ich zweieinhalb Jahre nicht benutzt, aber sie funktioniert noch. Und es ist genau zweieinhalb Jahre her, dass ich mir in dieser Wohnung zuletzt Kaffee gekocht habe. Am Morgen des 27. Mai 2013. Der Ground Zero meines Lebens.
Ich gieße den Kaffee in ein Halbliter-Bierglas. Das habe ich schon immer so gemacht. Auch wenn ich nicht verrückt war. Es erspart mir den Weg zwischen Schreibtisch und Küche. Ein großes Humpen Kaffee – dann geht es los. Es ist wie damals. Aber damals ging es mir nicht gut. An keinen Tag in meinem Leben habe ich so detaillierte Erinnerungen wie an den 27. Mai 2013.
Ich hatte die Nacht nicht geschlafen, sondern mich flüsternd mit meinen Kameraden unterhalten. Ihre Stimmen waren in der Finsternis gut zu hören gewesen. In der Wohnung gegenüber waren in der vergangenen Woche zwei Geheimagenten eingezogen. Und in der Nachbarwohnung, wo normalerweise die tiefreligiöse, alleinstehende Grundschullehrerin wohnte, saßen sie bestimmt auch schon. Wir mussten vorsichtig sein. Und abgehört wurden wir sowieso. Mir waren in der näheren Umgebung schon seit einigen Tagen die vielen Agenten aufgefallen, die viel zu unauffällig in der Gegend herumstanden und viel zu auffällig an mir vorbeischauten.
Ich nehme an diesem Montagmorgen ein Bad und rasiere mich sorgfältig. Dann koche ich mir Kaffee. Als ich wieder in die Küche gehe, steht der Humpen Kaffee schon auf der Waschmaschine. Wer hat ihn dorthin gestellt? Sie hatten also einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Gut. Keine Panik. Ich schütte den Kaffee in den Ausguss und gehe zum Bäcker auf der anderen Seite der Straße. Ich kaufe mir zwei belegte Brötchen und eine Flasche Cola. Ich lasse der Verkäuferin noch eine versteckte Warnung zukommen, aber sie scheint mich nicht zu verstehen.
In meiner Wohnung wird es mir klar: Man hat die Brötchen und die Cola vergiftet. Schließlich gehe ich sehr oft zu diesem Bäcker. Also werfe ich die Brötchen in den Müll und schütte die Cola in die Toilette. Dann verlasse ich meine Wohnung. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es für sehr lange Zeit sein wird. Vor mir auf dem Bürgersteig geht ein Mann mit einem Buch in der Hand. Ich weiß, dass ich ihm folgen muss. Ich erinnere mich an zwei Krähen, die in einer Kotzlache am Wegesrand herumhacken. Auch dieses Bild soll mir etwas sagen. Aber was?
Meine Sinne sind in Alarmzustand. Alles ist viel lauter; es ist, als ob die Geräuschquellen viel näher an meinen Ohren sind. Ich nehme jeden Menschen auf dem Bürgersteig einzeln war. Ich achte auf jedes Detail des Straßenbilds. Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, ich spüre meinen Herzschlag. Überall lauert die Gefahr. Den Blick eines Anderen in meine Augen halte ich gar nicht aus. Ich bin der einsamste Mensch der Welt, niemand kann mir helfen. Alles wird zum Zeichen, das ich interpretieren muss, um zu überleben. Ich darf keinen Fehler machen. Sie sind hinter mir her – und ich kenne sie nicht. Es könnte jeder sein.
Dann komme ich zum „Robbengatter“, eines meiner Stammlokale. Ich beschließe, dort zu frühstücken. Ich setze mich an den letzten Tisch in der Ecke, so dass ich die Wand im Rücken und das ganze Lokal im Blick habe. Außer mir ist nur eine französische Familie im Restaurant. Die Kellnerin bringt mir die Karte. Ich höre, wie der Koch in der Küche etwas hackt. Jeden einzelnen Ton höre ich. Es ist eine Inszenierung. Ganz klar. Also rufe ich den Code, den ich heute Nacht bekommen habe: dreimal hintereinander „Wirtschaft! Bedienung!“
Und tatsächlich kommt statt der Kellnerin ein weißhaariger Mann, den ich hier noch nie gesehen habe. Jetzt wird sich alles aufklären, denke ich. Aber der Mann geleitet mich nur auf die Straße. Was mache ich jetzt? Ich laufe zum Rathaus Schöneberg. Vor dem Rathaus ist eine große Straße, ich gehe den Bürgersteig entlang. Ich ziehe mich aus. Jacke, Hose, T-Shirt, Unterhose, Socken. Es erscheint mir ganz natürlich. Ich trete auf die Straße. Ein Kleinlaster mit einem dunkelhaarigen Fahrer, vielleicht ein Türke, hält an. Ich lege mich quer über die Fahrbahn.
An die folgenden Szenen erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Ich muss tatsächlich, zum ersten Mal seit Tagen, eingeschlafen sein. Ein kurzer Moment: Ich boxe mit einem kleinen dicken Polizisten mit Halbglatze. Ich verpasse ihm eine linke Gerade an die Schulter, er weicht zurück. Als nächstes liege ich in einem Krankenwagen. Ich bin auf die Tragbahre geschnallt, die Hände sind mir mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Meine Augen brennen, offenbar wurde ich mit Reizgas „behandelt“.
Ich unterhalte mich mit den beiden Krankenpflegern. Ich frage sie, wer zwei Tage zuvor das Champions League-Finale gewonnen hat, Bayern oder Dortmund. Obwohl ich das Spiel gesehen habe. Und ich weiß sogar noch, dass ich mir kurz vor dem Spiel beim Späti vier Flaschen Bier gekauft habe, und dass ein Geheimagent vor der Tür gestanden hatte. Ich frage, wer am Vortag den Formel 1-Grand Prix von Monte Carlo gewonnen hat. Obwohl ich das Rennen gesehen habe. Ich kann mir ihre Antworten nicht merken, also frage ich immer wieder.
Im Krankenhaus stehen ein paar Leute ratlos um mich herum. Ich rufe die Namen meiner Freunde, denn ich weiß, sie sind hier irgendwo. Dann fährt man mich in ein anderes Krankenhaus. Ich liege auf einem Bett und fahre mit dem Fahrstuhl nach oben. Den Rest des Tages liege ich – an Händen und Füßen mit Riemen fixiert – auf einem Bett. Eine Krankenschwester sitzt im Zimmer. Am nächsten Morgen wache ich in einem anderen Zimmer auf. Ungefesselt. Ich weiß nicht, wo ich bin. In der Nervenheilanstalt an der Landhausstraße wissen sie nicht, wer ich bin. Nackt, ohne Papiere, wie ein neugeborenes Kind, bin ich hierhergekommen. Es ist der erste Tag meines neuen Lebens. Und ich habe immer noch nicht gefrühstückt.
P.S.: Einen Tag später bekomme ich Besuch. Zunächst von einem Fotografen, der Aufnahmen von meinen blutverkrusteten Beinen macht. Die Knie und Unterschenkel sind voller Schürfwunden. Anscheinend hat mich die Polizei ausgiebig über den Asphalt geschleift. Dann kommt ein Polizeibeamter. Es geht gar nicht um den 27. Mai, sondern um meine Wohnung. Jemand hat meine Brieftasche und meine Schlüssel geklaut, die in meinen Klamotten auf dem Bürgersteig waren. Meine Wohnung wurde ausgeräumt. Der Polizist nimmt die Anzeige auf. Ich lasse meine Kreditkarte sperren, aber die Einbrecher haben schon für zweitausend Euro eingekauft.
Die Stationsleiterin fragt mich, ob ich einen Anruf machen will, aber mir fällt keine einzige Telefonnummer ein. Doch – eine Handy-Nummer habe ich im Kopf. Eine Ex-Freundin aus den neunziger Jahren! Sie ist überrascht, als ich sie anrufe. Ich bitte sie, meine Familie zu kontaktieren. Und tatsächlich taucht einige Tage später meine Schwester in der Anstalt auf. Sie hat auch einige Klamotten für mich gekauft. Und ich bekomme Besuch von meiner Nachbarin, die das Türschloss meiner Wohnung gewechselt hat und mir die neuen Schlüssel vorbeibringt. Langsam geht es aufwärts.
„Les moments de crise produisent un redoublement de vie chez les hommes.“ (François-René de Chateaubriand: Mémoires d’outre-tombe)
Anmerkung: Neben meinem Bett liegt immer ein Notizblock. Der letzte Eintrag im Mai 2013 lautet: „Wer bin ich? Die falsche Antwort auf alles.“ Damals ging es mir wirklich nicht gut.
Spin Doctors - Two Princes. https://www.youtube.com/watch?v=wsdy_rct6uo