Donnerstag, 7. März 2013

Das kleine Schwarze vom Main

Der hessische Bonsai-Denker Schirrmacher macht aus der aktuellen Kapitalismuskritik ein flottes Geschäft, das muss man ihm lassen. Diese Spielart der „Dialektik der Aufklärung“ füllt jedenfalls die Kassen: Und wenn auch morgen die Welt untergeht (wahlweise durch Vergreisung, sintflutartige Informationsmengen oder unsere heimtückisch geplante Verwandlung in willenlose Konsumautomaten durch spieltheoretisch geschulte Wall Street-Physiker), so lasset uns heute mit einem Sachbuch noch ein Milliönchen mehr verdienen. Lösungen bietet das ehemalige Wunderkind der konservativen Medienindustrie (Spitzname: "Karlsson auf dem Dach") natürlich nicht an. Es sitzt längst viel zu tief drin, um noch rausgucken zu können. Aber wir nähern uns sicherlich der Lösung sämtlicher existenziell wichtiger Fragen mit jeder weiteren Hardcover-Selbstinszenierung an, die wir nach einem flüchtigen Durchblättern in unser gutbürgerliches Buchenholzregal stellen. Fortsetzung folgt.

Samstag, 2. März 2013

Der Lenz kommt

Dichter am Fenster: „Es ist Frühling! Was wohl die Amsel auf dem Ast dort drüben gerade denken mag?“ Und er hängt vielleicht noch einen erhabenen Gedanken an die ohnehin schon zartfühlende Frage: „Vögel sind die Philosophen der Tierwelt. Sie haben ihre Hände gegen die Möglichkeit zu fliegen eingetauscht.“
Amsel: „Schon Frühling? Verflucht! Dann muss ich wohl mal wieder ein verdammtes Scheiß-Nest bauen. Bescheuerter Instinkt, da machst du nix! Und das ohne Hände, nur mit meinem blöden Schnabel …“

Freitag, 1. März 2013

Die Mauer ist der Park

Die Wohnungsbaupolitik gehört zu den Stiefkindern der Bundes- wie auch der Landespolitik. In Berlin wird dieses Desaster aber noch potenziert, weil im Zuge einer verfehlten Politik Kultur und Natur geopfert werden. Ich bin auf die Überzeugungskünste zukünftiger Lehrergenerationen gespannt, die ihren Schülern erklären sollen, warum die East Side Gallery abgerissen und der Mauerpark bebaut wurden. Der ehemalige Todesstreifen, Ort der Erinnerung und der Begegnung, wird gerade flächendeckend mit Luxusimmobilien zugeschissen, sorry, anders kann man es nicht formulieren. Der Kampf gegen die Zerstörung der Berliner Mauer durch einen offensichtlich komplett durchgedrehten Senat in der Götzendämmerung seiner Macht ist die Generalprobe für den Kampf um den Mauerpark im nächsten Jahr. Die Mauer ist der Park ist die Mauer.

Samstag, 23. Februar 2013

Glückwunsch

Der Satz „Hannover wird oft unterschätzt“ ist gerade vom Bundesverband der Journalisten zum langweiligsten Artikelbeginn des Jahres gekürt worden.

Sein und Schein

Unsere Sprache enthüllt, welchem Medium die Zukunft gehört. Wir sitzen vor dem Fernseher, wir sehen fern. Aber wir gehen ins Internet und wir sind im Netz. Das Fernsehen nehmen wir nur wahr, aber das Internet ist eine Existenzform. Wer von uns ist schon im Fernsehen bis auf die unerlösten Seelen auf dem Fliegenden Holländer der Talkshowindustrie und ein paar schwer vermittelbare Moderatoren?

Die Katze

Viele sagen, die Katze lebe mit den Menschen, weil sie so schön, klug und geheimnisvoll sei. Das ist natürlich Blödsinn. Katzen gibt es wesentlich länger als Menschen und sie sind bei der Sesshaftwerdung des Menschen nur deswegen angeheuert worden, weil sie die besten Mäusejäger des Universums sind. Jeder, der einmal mit einem Elefanten oder einem Zebra auf Mäusejagd war, kann das bestätigen. Und das kam so: Die bescheuerten Erstmenschen (Beta-Version) sind die ganze Zeit durch die Gegend gelatscht und haben was zu essen gesucht. Das hat meistens den ganzen Tag gedauert und am Ende gab es nur Rote Beete zum Abendbrot. Und Geschichten von den Männern, die fast ein Kaninchen gefangen hätten. Jäger und Sammler nannte man die Leute und nach einer einzigen Umschulung kanntest du das ganze Business des Holozäns. Als sie sesshaft wurden und einfach alles, was man so braucht, um die eigene Bude herum angepflanzt haben, um weitere Sucharbeit zu vermeiden, wurden die Katzen rekrutiert. Ein Problem hatte man gelöst: Was gibt es zum Essen? Ein neues Problem kam dazu: Wie verteidigen wir Neo-Bauern die Vorräte, die wir aus unserer „Arbeit“ gewonnen haben, gegen die Vögel und Mäuse? Du hast einmal im Jahr eine große Ernte, aber du kannst nicht das Brot für ein ganzes Jahr backen. Oder den Kuchen und alles andere. Die Katzen haben uns geholfen. Sie bewachen unsere Nahrung, bewahren sie vor pestilenzförderndem Nagetierbesuch und sind selbst der Korruption völlig unverdächtig. Katzen mögen kein Getreide und im Übrigen auch kein Gemüse. Und unserem Geschwätz hören sie noch weniger zu als träumende Hunde.

Samstag, 9. Februar 2013

Gemeinschaftsgärten

Gemeinschaftsgärten sind ein typisches Phänomen des deutschen Bildungsbürgertums, das sich bevorzugt in Großstädten beobachten lässt. Idealistisch veranlagte oder ideologisch verblendete Akademiker, die vergessen haben, dass Landwirtschaft harte Arbeit und kein Freizeitvergnügen für blasierte Nerds ist, machen sich einmal pro Woche mit kindlichem Vergnügen die manikürten Fingerchen schmutzig, die den Rest der Woche eine seelenlose Computertastatur bearbeiten. Wie tief muss ein Mensch eigentlich gesunken sein, damit er beim Griff in den Dreck unter seinen Füßen Glück, Ursprünglichkeit oder was auch immer empfinden kann? Wie deformiert ist die menschliche Natur, wenn man sich mit dem Triumphgeheul von Vorschulkindern gegenseitig die geernteten Möhren zeigt? Möhren, die sich natürlich auch nur die obere Mittelschicht leisten kann, die sich bevorzugt in diesen Gartenprojekten finden lässt. Wenn man den Einsatz von spezieller Gartenerde, Naturdünger und anderen teuren Plunder für den urbanen Amateur berechnet, kann sich ein Normalverdiener mit Familie dieses Gemüse gar nicht leisten. Ich habe als Kind noch die Frühstückseier im Hühnerstall suchen müssen. Die Kartoffeln und das Gemüse habe ich mit meiner Großmutter jeden Tag aus dem Garten gegraben, der von keinem Quadratmillimeter bürgerlicher Rasenkultur verunstaltet war. Es ist kein Spaß, wenn man aus finanziellen Gründen zur Gartenarbeit gezwungen ist. Später haben wir Schafe dazu bekommen. Es ist auch kein Spaß, wenn ein neugeborenes Lamm in deinen Armen stirbt, weil die Mutter es nicht annimmt. Ich bin heute froh, dass ich in der Stadt lebe und diese Drecksarbeit nicht mehr machen muss. Und für die Zahnarztgattin mit ihren Kohlköpfen empfinde ich Mitleid.