Samstag, 5. Januar 2013
Johnny Walker
Johnny Walker ist die einzige Whisky-Destillerie der Welt, die ihre Produkte konsequent nach der britischen Klassengesellschaft ausgerichtet hat. Die unterste Stufe ist das Red Label. Für die arbeitende und häufig sozialdemokratisch gesinnte Mittelschicht. Auf der Homepage des Unternehmens wird dieser Kundenkreis tatsächlich aufgefordert, das Red Label für Mixgetränke zu verwenden. Whisky für die Unterschicht wird im übrigen von Johnny Walker grundsätzlich nicht hergestellt, da naturgemäß im Proletariat die Kaufkraft für hochwertige Alkoholika fehlt. Die nächste Stufe ist das Black Label für die Oberschicht und das doppelt gebrannte Black Label als Distinktionsmerkmal für die Neureichen. Im Jahre 1934 verlieh der britische König Johnny Walker das Privileg, das legendäre Blue Label herstellen zu dürfen. Dieser Whisky war nur dem Hause Windsor und ausgewählten Angehörigen des Hochadels vorbehalten. Wie alle Whiskys von Johnny Walker ist auch das Blue Label ein Blend, also eine Mischung ausgewählter Fässer. Es heißt, ein Whisky müsse mindestens 25 Jahre gereift sein, um in die engere Auswahl zu kommen. Seither ist viel Zeit vergangen ... inzwischen gibt es sogar ein Green Label.
Freitag, 4. Januar 2013
Albanien
Was wissen wir eigentlich von Albanien? Kennen Sie jemanden, der schon mal da war? Kann man dort Urlaub machen? Gibt es ein albanisches Produkt, das ich irgendwann einmal in meinem Leben gekauft habe? Eine Dienstleistung, die ich womöglich im Internet in Anspruch genommen habe? Wie sieht die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts in Albanien konkret aus? Wovon leben die Menschen in diesem Land? Es gab einmal eine Auswertung der Hartz IV-Empfänger, in der nach Herkunftsland unterschieden wurde. Die Albaner waren die einzige Gruppe, die über 100 Prozent kam. Es waren rein statistisch betrachtet nicht nur alle Albaner in Deutschland Hartz IV-Empfänger, sondern einige von ihnen sogar mehrfach in verschiedenen Bundesländern. Seither sind die Albaner nicht mehr in der Statistik. Wir wissen gar nichts über diese Leute. Albanien ist übrigens ein Nachbarland von Griechenland.
Mittwoch, 2. Januar 2013
Der ultimative Jahresrückblick 2013
Bevor alles wieder längst zu spät ist und lästige Fakten den Blick auf das Wesentliche verstellen, hier die Highlights des Jahres 2013:
Januar: Philippino Rösler wird nach der Niedersachsenwahl vom Vizekanzler zum Dschungelkönig befördert. Sein Kommentar: „Ich habe ausgeliefert.“
Mai: Im Endspiel der Champions League stehen sich in diesem Jahr Borussia Dortmund und der FC Bayern München gegenüber.
August: Wegen der überraschenden Hitze werden der S-Bahn-Verkehr in Berlin und alle ICE-Verbindungen vorläufig eingestellt.
September: Steinbrück wird zum Kanzler gewählt, lehnt bei der Vereidigung im Bundestag den Job aber wegen der „krass beschissenen Bezahlung“ dankend ab. Merkel, bereits nach Mallorca abgereist, muss „alternativlos“ übernehmen.
Dezember: Archäologen machen einen sensationellen Fund. Der stark mumifizierte Bauernkalender aus dem Westerwald verkündet das Ende der Welt für den 27.12.2013. Diesmal sind alle Weihnachtsgeschenke vom Umtausch ausgeschlossen.
Samstag, 22. Dezember 2012
Schweigende Mauern, stumme Erde
Unser Haus hat im Krieg keinen Bombentreffer abbekommen. Das war Glück, denn nach Kriegsende konnte man von diesem Haus einen Kilometer bis zum Ku’damm laufen, ohne an einem einzigen Gebäude vorbeizukommen. Aber was im Garten ist, kann keiner sagen. Niemand würde es wagen, tiefer als einen Meter zu graben. Darunter beginnt die Berliner Geschichte. Und es ist keine nette Geschichte mit griechischen Amphoren und antikem Schmuck. Liegt ein Blindgänger unter der Erde oder sind 1945 ein paar Leichen hier verbuddelt worden? Damals gab es weder Friedhofs- noch andere Ordnungen. Einen Kilometer weiter war ein Zwangsarbeiterlager am heutigen Sozialpalast. An derselben Mauer, gegen die heute die Schulkinder ihre Bälle schießen, wurden russische Kriegsgefangene erschossen. Wer weiß, was auf unserem Grundstück alles geschehen ist? Unter der Oberfläche ist Berlin voller Wahnsinn. Könnte man die Toten sehen und sprechen, wäre diese Stadt die Hölle auf Erden. Aber wer will schon in München oder Zürich leben?
Samstag, 15. Dezember 2012
Namen
Ganz unten gibt es keine Namen. Die Fußballmannschaften, die wir in der Sportschau sehen, haben natürlich alle einen Namen. Ein paar Kinder, die Fußball spielen, haben schon keinen Mannschaftsnamen mehr. Gegenstände haben keinen eigenen Namen. Bäume und wilde Tiere haben keinen Namen. Armengräber haben keinen Namen. Ganz oben gibt es Namenspfaue mit einem Dutzend Vornamen und schwindelerregendem Fürstengeschnörkel direkt dahinter. Merkwürdigerweise mögen die meisten Menschen einfache Namen – ob im Roman oder beim Ausfüllen von Formularen.
Freitag, 30. November 2012
We're only in it for the stulle
Aufgrund der strategischen Lage meiner Wohnung ist es mir möglich, mich quasi von hinten ans KaDeWe anzuschleichen, ohne die apokalyptisch belebte Tauentzienstraße betreten zu müssen. Innerhalb von zehn Minuten habe ich mich dem Seiteneingang in der Passauer Straße von Süden genähert. In weiteren zehn Minuten werde ich mit der Präzision einer Navy Seals-Einheit die Feinschmeckeretage erreichen und sichern, um italienischen Schinken, französisches Brot und eine Rosinenschnecke zu requirieren. Es ist ein Routineeinsatz, jeder Handgriff sitzt. Ich habe sogar das passende Kleingeld. Auf dem Weg nach unten esse ich die Rosinenschnecke und denke an das letzte Hindernis: die Parfümerie. Ich muss durch die verdammte Parfümerie. Ein Alptraum voller schöner Frauen und süßer Düfte. In dreißig Jahren bin ich noch nie von ihnen angesprochen worden. Ich komme die Rolltreppe hinunter, in meiner abgerissenen Jeansjacke und mit Zehn-Tage-Bart, in einer Tüte das rohe Fleisch für meine nächste Mahlzeit, während meine Kiefer nervös das Backwerk zermalmen und Krümelfontänen in schnellem Rhythmus aus meinen Mundwinkeln schießen. Warum fragt ihr mich nicht, ob ich etwas kaufen will? Aber es ist, als wäre ich durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum direkt aus dem Altholozän in diese Abteilung gesprungen. Keiner wagt es mich anzuschauen, bis ich mit meiner Beute das Gebäude verlassen habe.
Freitag, 23. November 2012
Es lebe die Unvernunft
Die fünf Gegenreiche der in Mittel-Zweck-Denken und ökonomischen Gewinnhandeln befangenen menschlichen Vernunft: Das Spiel, die Kunst, die Liebe, der Rausch und der Wahnsinn. Wer sich – zumindest zeitweise – nicht in diese Territorien retten kann, dem bleiben nur Zerstörung und Selbstzerstörung. In diesen Gegenwelten verlieren wir uns, wir können die Zeit und unsere Sterblichkeit vergessen, und finden doch den Sinn, den das alltägliche Streben nach Macht, Anerkennung und Optionen – oft in seiner Afterform als banale Geldgier – nicht vermitteln kann. Wer sich in ein Musikstück versenkt, ist unter die Oberfläche individueller Verwertbarkeit abgetaucht. Wer mit Freunden durch den Wald spaziert, ist frei von zweckgebundenem Handeln. Erst diese Zweckfreiheit verleiht den Gegenreichen ihren tieferen Sinn und die Würde der Nutzlosigkeit, die im Zeitalter des destruktiv gewordenen „Vernünftigen“ und angeblich „Richtigen“ allein noch Trost spenden. Jenseits der Kommerzialisierung der Kunst, des Spiels usw. kann nur von hier aus, vom Territorium der Unvernunft, nach dem Abschied von allen revolutionären Subjekten ein neuer Geist des Widerstands entstehen. Es lebe die Unvernunft!
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