Mittwoch, 7. Januar 2015

Die Wette - Fortsetzung

„Was sind schon die paar Durchgedrehten gegen das Heer der Abgestumpften.“ (Kurt Weidemann)
„Armut hat noch keinen Menschen berühmt gemacht“, hatte Beppi Schlattenschambes zu ihm gesagt. Daran musste Andy Bonetti in diesem Augenblick denken, während er gefesselt in einem Kofferraum lag und die harten Schläge des unasphaltierten Weges spürte.
Armut hat noch keinen Menschen berühmt gemacht. Und Berühmtheit bringt einen Menschen an manchen Orten in Lebensgefahr. Vor allem, wenn man in Kompten unterwegs ist. Kompten, das übelste Viertel von Bad Nauheim, bekannt für die Bandenkriege zwischen den Bloods und den Crips. Am Ostrand der Innenstadt ist der Bahnhof, dann kommen die Schlachthöfe, hinter den Schlachthöfen sind die Friedhöfe – und dann bist du in Kompten. Die Bloods und die Crips kontrollierten in Bad Nauheim den Drogenhandel, den Menschenhandel und sie schreckten auch nicht davor zurück, Andy Bonettis E-Books illegal downzuloaden.
Armut hat noch keinen Menschen berühmt gemacht. Der alte Beppi Schlattenschambes hatte Recht. Es gab berühmte Menschen, die arm waren: Gandhi, Mutter Theresa, Eike Immel. Aber umgekehrt funktionierte es einfach nicht. Hätte ich nur die Talkshows und Fernseh-Interviews ausgelassen, dachte Bonetti. Doch die vierstelligen Honorare und die steil ansteigenden Verkaufszahlen am folgenden Tag waren zu verlockend gewesen. Und so kannte jeder sein Gesicht. Auch in Kompten, einem Ort, den Gott schlechtgelaunt ausgespuckt hatte – montags nach der Schöpfung.
Er hätte sich nicht auf die Wette mit Ernesto Cabrón einlassen sollen. „Ich wette mit Ihnen um meine Farm in Patagonien, dass Sie keine vierundzwanzig Stunden in Kompten überleben.“
Damit hatte ihn der argentinische Neokubist an der Ehre gepackt. Bonetti war in Bad Nauheim aufgewachsen und kannte jeden Kaugummiautomaten in der Stadt mit Vornamen. Seine unbestrittene Street Credibility war die Geschäftsgrundlage für seine realistischen Kriminal- und Abenteuerromane, für seine Milieustudien und Undercover-Reportagen (z.B.: „Der rasende Bonetti“, 1999). Für seinen großen Roman zur deutschen Wiedervereinigung hatte er ein halbes Jahr unter Lebensgefahr in der Innenstadt von Görlitz gelebt. „Die operierte Hasenscharte“ (New York, Paris, Bad Nauheim 2002) war auf der Leipziger Buchmesse im Frühling 2003 die große Sensation gewesen und wurde mit Jan Josef Liefers und Nora Tschirner einige Jahre später verfilmt.
Der alte Beppi Schlattenschambes hätte sich für eine Farm in Patagonien gar nicht interessiert, wenn er eine Villa in Bad Nauheim und ein Strandhaus in Malibu gehabt hätte. Er hätte nur müde abgewinkt und die Tür geschlossen. So wie vor einigen Stunden. Cabrón hatte Bonetti mit seinem Wagen nach Kompten gefahren, verabredungsgemäß die Brieftasche, das Smartphone und andere Wertgegenstände eingezogen und ihn auf der Hauptstraße von Kompten abgesetzt. Vierundzwanzig Stunden Kompten.
Bonetti hatte sich auf der staubigen leeren Straße umgeschaut. Es war zwölf Uhr mittags und die Gangs schliefen offenbar noch in ihren Clubhäusern und in ihren gestohlenen Autos. Er hatte einen Plan. Ich gehe einfach zu meinem alten Schulfreund Beppi, verspreche ihm ein fettes Honorar und verstecke mich bei ihm, bis Cabrón mich wieder abholt. Schneckenbangert 13, die Adresse wusste er noch. Aber der alte Beppi Schlattenschambes hatte nur den Kopf geschüttelt, als er Bonetti vor seiner Tür gesehen hatte. Bonetti, die Bonzensau. Bonetti, der seine Freunde nicht mehr kannte.
„Armut hat noch keinen Menschen berühmt gemacht“, hatte Beppi Schlattenschambes zu ihm gesagt. Und dann hatte er die Tür wieder geschlossen.
Als der berühmte Schriftsteller wieder auf der Straße stand, kam gerade ein Auto um die Ecke gebogen. Ein rabenschwarzer 1973er Lincoln Continental rollte majestätisch in den Schneckenbangert. Am Steuer saß Axel X. Rixdorf, von seinen Freunden kurz „Tripple X“ genannt.
Er hielt den Wagen an, drehte die Musik leiser und kurbelte das Seitenfenster hinunter. „Zu wem gehörst du?“ fragte er Bonetti.
Bonetti lächelte schüchtern. „Ich bin hier nur zu Besuch und wollte gerade wieder gehen.“
„Zu Fuß?“ fragte Tripple X und lachte. In Kompten fuhren keine Busse mehr, seit man den letzten Busfahrer in einem Müllcontainer gefunden hatte. Als man ihm den Eispickel aus dem Kopf gezogen hatte, war er schon sechsunddreißig Stunden tot gewesen.
„Ich werde abgeholt“, sagte Bonetti und versuchte, locker zu wirken.
„Von den Bloods oder den Crips?“ fragte der Typ auf dem Beifahrersitz. Sein Name war Bobby „Peacemaker” Oplatka und er war die rechte Hand von Tripple X. Sein linke Hand saß auf dem Rücksitz: Harry „Crazy Donut“ Rockstroh.
Bonetti überlegte noch, ob er auf gut Glück eine Gang nennen oder einfach losrennen sollte, um ihn einem Hinterhof zu verschwinden, da näherte sich von der anderen Seite der Straße ein 1970er Mercury Marquis.
Der Wagen hielt und zwei große Kerle mit Lederjacken, dunklen Sonnenbrillen und abgesägten Schrotflinten stiegen aus. Jeder in Kompten kannte sie: Robby „Sleepy Weasel“ Moosbacher und Alois “Cotton Field” Bimpflinger.
„Der Typ gehört uns“, rief Moosbacher.
„Willst du Krieg, du Sackratte?“ rief Triple X und griff nach seiner Magnum Desert Eagle.
Bimpflinger schoss in die Luft. „Das ist Bonetti und er gehört zu uns, du verdammter Scheiß-Crip!“
„Wir sehen uns“ drohte Triple X und legte den Rückwärtsgang ein.
Die beiden Bloods fesselten Bonetti und warfen ihn in den Kofferraum.
„Der Typ ist scheißreich, Mann. Gehört zu Rocky Palermos besten Autoren“, sagte Robby „Sleepy Weasel“ Moosbacher während der Fahrt.
„Der bringt eine Menge Lösegeld“ sagte Alois “Cotton Field” Bimpflinger und zündete sich eine Zigarette an.
„Ja, Mann. Bringen wir Bonetti erstmal in unsere Hütte am See. Dann reden wir mit dem Boss.“
Fortsetzung folgt.
P.S.: Südlich von Kompten leben auf einem Campingplatz die kläglichen Reste der Bad Nauheimer Urbevölkerung, die bei Ankunft der Europäer durch deren Krankheiten (Alkoholismus, Fettleibigkeit, Spielsucht, Medienabhängigkeit usw.) fast vollständig ausgerottet wurde. Berühmt sind ihre Steinbembel, die 2007 von der hessischen CDU zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Entgegen alter Legenden sind sie jedoch nicht mit Apfelwein, sondern mit Regen, Schnee, kaputten Fernsehern oder Herbstlaub gefüllt. In der Gegend um Bad Nauheim findet man noch etwa hundert dieser riesigen Artefakte, in die auch gerne Herzen und Liebesschwüre gemeißelt wurden.
P.P.S.: Andy Bonetti wurde am 26. Thermidor 174 des republikanischen Kalenders der Französischen Revolution geboren.
Die Fantastischen Vier – Troy. http://www.youtube.com/watch?v=TkvuDOB9XD4