Dienstag, 30. September 2014

Interview mit General William „Iron Balls“ Ferguson

Interviewer: Guten Morgen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Sie hören Ben FM auf Hundertelfkommaeins und wir haben heute einen waschechten US-General zu Gast, Mr. William Ferguson vom United States Marine Corps. Willkommen bei Ben FM, Mister Ferguson, General, Sir!
Ferguson: Danke für die Einladung.
I: Was führt Sie nach Deutschland, Mister General?
F: Ich bin vom Pentagon beauftragt worden, die deutschen Truppen, wie sagt man auf Deutsch, auf Vordermann zu bringen? In den Arsch zu treten? Kann man das sagen: in den Arsch treten?
I: Natürlich. Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?
F: Ich habe deutsche Großeltern, war lange in Deutschland stationiert und interessiere mich für deutsche Militärgeschichte. Ich sage es Ihnen ganz offen: Was hier läuft, ist eine Schande für Deutschland. Die Bundeswehr ist überhaupt nicht einsatzfähig. Die Soldaten können im Kriegsfall einfach kündigen oder Elternzeit beantragen. Wo gibt’s denn sowas? Außerdem ist die Truppe überhaupt nicht mobil. Die ganzen Hubschrauber und Flugzeuge sind Schrott. Damit können Sie höchstens in der Nähe der Kasernen Krieg führen.
I: Was halten Sie von der Lage in der Ukraine?
F: Die Russen sind kein richtiger Gegner. Sie haben in den neunziger Jahren ganz Osteuropa geräumt, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Sie haben sich einfach ergeben, diese Feiglinge! Mit den Russen kann ich nichts anfangen. Außerdem gibt es viel zu wenige von ihnen und die Bevölkerung ist total überaltert.
I: Sehen Sie im islamistischen Terror eine größere Bedrohung?
F: Definitiv. Sehen Sie, es gibt ungefähr eine Milliarde Moslems da draußen und wir treten Ihnen mit unserer Bomberflotte und Drohnenangriffen jeden Tag in den Arsch. Jeden Tag verlieren Dutzende von Leuten ihre Angehörige und damit produzieren wir Hass auf Amerika, aus dem wieder neue Terrorgefahr erwächst. In diesen Staaten gibt es eine Menge junger Männer, die nur darauf warten, gegen uns einen Terrorangriff zu machen. Das hört nie auf. Sie müssen dort Krieg führen, wo es viele junge Leute gibt. Junge Leute sind billige Rekruten. Wie machen den Moslems Feuer unterm Arsch, das ist unsere Geschäftsgrundlage. Sonst bekommt das Pentagon sofort die Mittel gekürzt.
I: Wo sehen Sie die Zukunft, General?
F: China! Definitiv China. Haben Sie von der Demokratiebewegung in Hongkong gehört? Wir sind das gottverdammte Mutterland der Demokratie und wir werden diese Menschen gegen die Diktatoren in Peking unterstützen. Im ganzen Land. Dort wird die Freiheit unterdrückt, verstehen Sie? Und langfristig sind die Chinesen unser größter Feind. Die Situation ist also günstig. In ein paar Jahren ist alles zu spät. Wir müssen sie jetzt aufhalten.
I: General Ferguson, vielen Dank für dieses Gespräch.
F: Nichts zu danken! Gott schütze Sie, mein Sohn. Und gehen Sie mal wieder zum Friseur.
P.S.: Die Schauspieler, die wir auf der Bühne sehen, haben das Stück nicht geschrieben. Deswegen bleiben die politische Satire und das Kabarett mit ihren oberflächlichen Politikerparodien auch so wirkungslos. Unsere Kritik erschöpft sich im Spott über die Raute von Merkel oder den größenwahnsinnigen Pfarrer im Schloss Bellevue. Noch nie waren Menschen so leicht zu beherrschen wie wir.

Bekanntmachung

Ein Prosit auf den edlen Helden,
Der folgendes uns tut vermelden:
Ab heut‘ wird auf der weiten Welt
Nur noch gesoffen und gevöllt.

Vor der Informationsgesellschaft

In meiner Jugend gab es noch das bedeutende und ehrwürdige Amt des Boten. Er trug eine schwarze Uniform und eine schwarze Schirmmütze. Der Bote lief mit einer großen Glocke durch das Dorf und verkündete die Neuigkeiten. So erfuhren wir alles Wichtige. Wenn man ihn auf ein Bier einlud, erzählte er auch längere Geschichten, etwa die Lehren von Charles Darwin oder Einsteins Relativitätstheorie. Unbedeutende Angelegenheiten wie die Schwangerschaften und Scheidungen von Filmstars oder Mannequins blieben so im Verborgenen.
Eines Tages ging er mit gesenktem Haupt die Gasse entlang. Seine Glocke blieb stumm. Ich fragte ihn, was geschehen sei. Hatte ein Staatsoberhaupt in einer fernen Stadt uns den Krieg erklärt? War im Nachbardorf eine Seuche ausgebrochen?
„Ich bin müde“, sagte er leise. „Ich will keine Neuigkeiten mehr verkünden.“
So erfuhren wir von der Mondlandung erst Jahre später.
Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Im folgenden Sommer besuchten Schausteller unser Dorf, die im Gemeindehaus einen Kinematographen aufbauten. Der Saal wurde abgedunkelt und wir bekamen bewegte Bilder gezeigt, die von einem Kommentator erklärt wurden, der die Zwischentitel vorlas, die entsprechenden Geräusche machte und mit einem langen Stock auf die handelnden Personen zeigte. Wir sahen auf diese Weise zum ersten Mal die Viktoriafälle in Afrika, ein Hunderennen in London und den Bundeskanzler Willy Brandt.
P.S.: Der Amtsdiener, Büttel oder Weibel war auch für die sittliche Ordnung des Gemeinwesens zuständig und läutete beispielsweise das nächtliche Ende der Wirtshausvergnügungen ein. „Es wird bekannt gemacht, dass man sich in der Folge, sei es heurig oder in künftigen Jahren, wiederum entstellt oder mit Muslim-Anzug versehene Masken oder Putzen Nachts auf Straßen oder Wirtshäusern erblicken lässt, das betreffende Individuum, falls es festgenommen wird, sogleich zur Bestrafung an das Königliche Oberamt Rottenburg transportiert werden würde, indem bekanntlich durch die Putzen viel Unfug und strafbare Excesse verübt werden“, heißt es im Hirrlinger Ausschellbuch von 1846, also 168 Jahre vor der Scharia-Polizei und der modernen Hysterie.
http://www.zeit-zeugnisse.de/Home/zeiten_artikel,-Der-Amtsdiener-hatte-in-der-Gemeinde-vielerlei-Aufgaben-_arid,131111.html
John Foxx – Underpass. http://www.youtube.com/watch?v=HBMvUpBrWFQ

Friseurgedicht

Das Leben ist ein Jammertal,
Die Welt ist öd‘ und leer.
Und ist der letzte Schädel kahl,
Dann stürz‘ ich mich ins Meer.

Montag, 29. September 2014

Leben mit Bonetti

Als sich der Himmel am frühen Morgen langsam aufhellte, erwachten die Vögel als Erste und sie begannen zu zwitschern. Nichts Besonderes: Ich lebe noch, du lebst noch, ein neuer Tag beginnt, keine Gefahr. Das übliche Gezwitscher. Sonst war es wunderbar ruhig in der Villa Bonetti. Ich blieb noch eine Weile liegen, obwohl ich längst wach war. Dieser Genuss ist mir nicht jeden Morgen vergönnt. An manchen Tagen, gerade im Hochsommer, wird Mister Bonetti schon vor fünf Uhr wach und drückt die Eins auf seinem Smartphone. „Eins“ bedeutet, in sein Schlafzimmer zu kommen, da er etwas von mir wünscht. Meistens ist es ein Glas Wasser, gelegentlich auch eine Tasse Tee oder ein frisch gepresster Fruchtsaft. „Zwei“ bedeutet Arbeitszimmer, „Drei“ Wohnzimmer und bei „Vier“ nehme ich tatsächlich ab. Dann ist er irgendwo anders oder hat einen Wunsch, für dessen Erfüllung ich nicht in ein Zimmer kommen muss. Etwa, wenn ihm einfällt, dass er gerne mal wieder Popcorn am Wochenende essen würde oder wenn er Freunde einladen möchte. Die ersten vier Nummern seines Telefons sind für mich reserviert, ich kenne die unterschiedlichen Melodien längst auswendig. „Fünf“ steht für Sekretärin, „Sechs“ für Chauffeur, „Sieben“ für Verleger, „Acht“ für Oberbürgermeister, „Neun“ für Kultusminister und die „Null“ ist angeblich eine Direktleitung zur Bundeskanzlerin – aber über die „Null“ schweigt Mister Bonetti beharrlich.
Was nur die wenigsten wissen: Mister Bonetti zieht sich zum Schreiben gerne um. Natürlich sitzt er gelegentlich auch im Morgenmantel an seinem Schreibtisch. Und an heißen Tagen trägt er nur eine Unterhose. Dann hat er ein großes Badehandtuch auf seinem Ledersessel ausgebreitet, ein Handtuch hängt über der Sessellehne und seine stark schwitzende Denkerstirn wird von zwei Ventilatoren angeblasen, die links und rechts neben seinem Notebook stehen. Sehr gerne trägt er beim Schreiben seiner Abenteuergeschichten ein Batman-Kostüm. Er hat auch einen großen Spiegel in seinem Arbeitszimmer, vor dem er Heldenposen einstudiert. Ich gestehe, dass ich ihn bisweilen durch das Schlüsselloch beobachte. Manchmal kleidet er sich auch wie seine großen Vorbilder Oscar Wilde und Charles Baudelaire. Ich habe ihn aber auch schon in einem japanischen Kimono gesehen – oder in grauen Jogginghosen.
Die linke Seite seines riesigen schwarzen Schreibtischs enthält eine Minibar, die immer mit fränkischem Bier, rheinhessischem Wein, schottischem Whisky, Bourbon und Gin gefüllt ist. Dazu passt auch der gerahmte Sinnspruch über seinem Sofa: „Da man aber nicht immer nur schreiben kann, gab es große Lücken zu füllen. Ich füllte sie mit Scotch, Bier, Ale und Frauen. Mit den Frauen hatte ich meistens Pech, und die Folge war, dass ich mich stark aufs Trinken konzentrierte“ (Charles Bukowski). Sein Notebook in der Mitte des Schreibtischs ist trichterförmig von Papieren, Büchern, Zetteln, leeren Pralinenschachteln und allerlei anderem bunten Durcheinander eingefasst, zu dem der zweite Sinnspruch passt: „Chaos ist das halbe Leben - und die andere Hälfte suche ich gerade“ (Andy Bonetti). Dieser Raum ist sein Heiligtum. Für die eigenartige Unordnung auf seinem Schreibtisch hat Mister Bonetti ein fotografisches Gedächntis. Selbst offensichtlich wertloser Müll darf erst entsorgt werden, wenn er im Papierkorb liegt. Es könnte ja sein, dass der Meister ein Gedicht auf die Innenseite einer Schokoladenverpackung geschrieben hat. Wenn Bonetti mit dem Schreiben fertig ist, schickt er mir den Text per Mail ins Büro im Erdgeschoss, wo ich ihn zweimal ausdrucke, einmal für meine Ablage, einmal für Mister Bonetti.
Gegen sieben Uhr klingelte es an der Hofeinfahrt. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise kam der Bote der Konditorei Schwalbenheim aus der Innenstadt erst um kurz nach Zehn, um für Bonettis zweites Frühstück Sesambrötchen und französische Zitronentarte sowie ein frischgebackenes Brot zu bringen. Ich ging zur Haustür und sah auf den kleinen Monitor, der das Bild der Kamera am Eingangstor zeigte. Vor dem schmiedeeisernen Gitter standen Tino und Toni Schwendlinger, die beiden Gehilfen Bonettis.
„Schnell, lassen Sie uns hinein, Johann!“ rief einer von ihnen. Es ist mir unmöglich, die eineiigen Zwillinge voneinander zu unterscheiden. „Und schließen Sie augenblicklich das Tor, wenn wir hindurchgefahren sind!“ sagte der andere.
Ich drückte einen Knopf und das Tor öffnete sich. Ein 1958er Chevrolet Impala Sport Coupé, den die Schwendlingers für eine längere Recherche aus dem Fuhrpark Bonettis entliehen hatten, rollte knirschend auf den Kies vor den säulenbewehrten Portikus der Villa. Hastig stiegen die beiden großen Männer aus und rannten durch die Tür an mir vorbei in die Vorhalle. Sie trugen ockerfarbene Multifunktionsjacken mit einem ganzen Universum kleiner und kleinster Taschen, die alle mit einem Reißverschluss versehen waren, khakifarbene Hosen und verstaubte, knöchelhohe Schnürstiefel. Ungewöhnlich waren vor allem die Tropenhelme auf ihren Köpfen.
„Wir müssen sofort Mister Bonetti sprechen“, riefen sie im Chor. Nun steht Mister Bonetti aber gewöhnlich erst um neun Uhr auf und verbittet sich jedwede Störung seines Schlafes. In seinen Augen ist es eine schwere Sünde, einen schlafenden Menschen zu wecken.
Also sagte ich: „Darf ich die Herren fragen, in welcher Angelegenheit Sie Mister Bonetti zu sprechen wünschen?“
„Es ist wirklich dringend“, flehte mich einer der beiden an. Ob es Tino oder Toni, oder um es mit Bonetti zu sagen: ob es Schwendlinger Eins oder Schwendlinger Zwo war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. „Es geht um Shangri-La“.
Nun wusste ich, dass Mister Bonetti seine beiden Gehilfen nach Tibet geschickt hatte, um für seinen neuen Roman etwas über das legendäre Shangri-La herauszufinden, ein abgelegenes Tal, in dem angeblich das Geheimnis des ewigen Lebens gehütet wurde. Der andere Schwendlinger trat unruhig von einem Bein auf das andere und schwenkte dabei eine Pergamentrolle über seinem Kopf. Also bat ich sie, mir leise vor die Schlafzimmertür von Mister Bonetti zu folgen und keinen Laut von sich zu geben. Währenddessen klingelte es an der Hofeinfahrt. Ich klopfte behutsam an die Tür. Aus dem Schlafzimmer war nichts zu hören. Ich klopfte etwas fester und sagte: „Mister Bonetti, verzeihen Sie die Störung, aber es scheint dringend zu sein.“ Es klingelte erneut, ich konnte es schwach aus dem Erdgeschoss hören.
Endlich rief Bonetti „Herein“ und ich öffnete die Tür. Sofort liefen die Schwendlingers an das riesige Himmelbett von Mister Bonetti, der den seidenen Vorhang etwas zur Seite zog.
„Wir haben das Geheimnis entdeckt, Mister Bonetti. Aber die Chinesen sind hinter uns her“, sagte einer der Schwendlingers und übergab Bonetti die Pergamentrolle.
Mister Bonetti sah mich an und nickte in Richtung Fenster. Ich ging zum Fenster und warf einen kurzen Blick zwischen den geschlossenen dunkelblauen Brokatvorhängen nach draußen. Ich sah einige Asiaten in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen, die gerade über die Grundstücksmauer kletterten. Da werde selbst ich unleidlich. Das ist nicht korrekt. Ich informierte Mister Bonetti, der sich augenblicklich erhob.
Er ging zu einem Schrank hinüber, öffnete ihn und nahm zwei Jagdgewehre heraus. „Schwendlinger Eins und Schwendlinger Zwo, Sie halten die Chinesen auf! Johann, Sie kommen mit mir!“
Nur mit einem Pyjama bekleidet und in Seidenpantoffeln lief er eilig in sein Arbeitszimmer. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte. Bonetti ging ins Separee des Zimmers, in dem sich nur eine Toilette und ein Waschbecken befanden. Er drückte auf die Steckdose und eine schmale Tür öffnete sich. Diesen geheimen Mechanismus kannte ich gar nicht. Er verschwand dahinter und ich lief hinterher. Über eine Wendeltreppe aus Metallgittern gingen wir in einen Keller hinab, dessen Wände aus grob behauenem Fels bestanden. Hier war ein Laboratorium aufgebaut, von dem ich noch nie gehört hatte. Mister Bonetti hatte diese Räumlichkeiten in all den Jahren mit keinem Wort erwähnt.
Er zog sich einen dreiteiligen weißen Anzug an und ich band ihm den karmesinroten Schlips. Nachdem er auch seine dunkelbraunen Lederhalbschuhe an den Füßen hatte, stiegen wir in einen Bugatti Type 57 SC Atlantic. Von diesem Modell wurden nur vier Stück gebaut, wovon noch zwei erhalten sind. Es ist derzeit das teuerste Auto der Welt. Auch seine Existenz in dieser Höhle war mir unbekannt geblieben. Mister Bonetti startete den Wagen und nahm die Scheinwerfer in Betrieb. Vor uns lag ein Tunnel, durch den wir mit hoher Geschwindigkeit fuhren. Nach einigen Minuten drückte Mister Bonetti einen Knopf am Armaturenbrett und vor uns öffnete sich ein Tor. Wir fuhren ins helle Sonnenlicht hinaus und neuen Abenteuern entgegen.
Tom Jones – Kiss. http://www.youtube.com/watch?v=yuH1XDtN4rE

Sonntag, 28. September 2014

Weiße Wände

Als ich heute Morgen aufgewacht bin, konnte ich mich nur noch an “Weiße Wände” erinnern. So lautete der Titel des Textes, den ich geschrieben habe. Im Traum. Ich weiß nur noch, dass ich darin auch über Franz geschrieben habe. Wieso „Weiße Wände“? Gut, in Schweppenhausen sind die Wände weiß, denn hier gibt es keine Graffiti. Es gibt auch keine Schilder, die auf berühmte Persönlichkeiten hinweisen, die hier einmal gelebt haben. Aber es gibt Menschen, von denen man Geschichten erzählen kann. Franz war einer von ihnen. Er hat immer viel getrunken und jede Menge Ärger gemacht. Auf der Schweppenhäuser Kirmes habe ich am Wochenende einen Mann getroffen, der mir erzählt hat, der Franz wäre vor vielen Jahren einmal quer durch die Dorfkneipe auf ihn zugegangen und hätte ihm eine aufs Maul gehauen. Einfach so, grundlos. Und dann hätte der Wirt ihn – nicht den Franz – aus der Kneipe geschmissen. Franz war ein kräftiger Kerl und wenn er mit seinen beiden Brüdern unterwegs war, konnten sie jedes Volksfest auseinander nehmen. Mit diesen drei Männern hat sich keiner angelegt. Als er älter wurde, hat er es mit dem Streit aber nicht sein lassen und musste gerade außerhalb des Dorfs einiges einstecken. In Bad Kreuznach hat er ein Messer in den Bauch bekommen. Und ein paar Männer haben ihn vor dem alten Schweinestall hinter der Schule, in dem er gehaust hat, mit Eisenstangen zusammengeschlagen. Er lebte abwechselnd in dieser Baracke, in der auch sein altes Auto stand, von dem er sich nicht trennen konnte, in einem Betreuungsheim und gelegentlich in der Nervenheilanstalt. Keine Ahnung, von was er gelebt hat. Gearbeitet hat er jedenfalls schon lange nicht mehr. Er war „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, wie man landläufig sagte. Das hatte mit dem Alkohol zu tun, aber auch mit der Liebe. Als seine Frau ihn verließ und das Kind mitnahm, dessen Bild er immer bei sich trug, hat er jeden Halt und jedes Maß verloren. Er konnte vier Liter Wein trinken und fiel immer noch nicht um. Er stellte sich einen Tisch und einen Stuhl auf den Bürgersteig vor der Dorfkneipe und erzählte den Passanten, er habe eine Straußwirtschaft eröffnet. Er hat im Zorn einmal fast einen Pfosten mit einem Verkehrsschild herausgerissen. Wenn er betrunken war, hatte er unglaubliche Kräfte. Aber er war auch unberechenbar. Einmal hatte er einen Haufen altes Zeug verbrannt und die Flammen schlugen meterhoch, so dass die örtliche Feuerwehr kommen musste. Franz versuchte, das außer Kontrolle geratene Feuer mit einem Eimer zu löschen, und wollte die Feuerwehrleute wieder nach Hause schicken. Im vergangenen Jahr hat er in einem Nachbardorf einen Traktor gestohlen und ist mit ihm nach Schweppenhausen gefahren. Dort hat er einen Baucontainer von der Dorfkneipe weggeschoben und ein Auto beschädigt. Er hatte den Plan, die inzwischen geschlossene Dorfkneipe abzureißen, um an dieser Stelle Parkplätze für die Kirche auf dem Nachbargrundstück zu schaffen. Das hat er jedenfalls erzählt. Die Polizei hat ihn dann mitgenommen und er kam endgültig in die Nervenheilanstalt. Dort ist er in diesem Monat gestorben. Was bleibt, sind die vielen Geschichten über den Franz, von denen ich sicher nur einen Bruchteil kenne.

1993, Teil 2

5. Juli. Im Badezimmer bäumen sich die Fließen unter mir auf und sträuben sich jeder Perspektive. Wenn mein Blick das unruhige Muster an einer Stelle niedergedrückt hat, zuckt es auf der anderen Seite wieder auf. Versuche nicht, mich jetzt durch Ratschläge zu beeinflussen. Deine Stimme ist in diesem Moment nicht mehr als Vogelgezwitscher.
9. Juli. Tagesübung: Ich versuche, einen brodelnden Topf voller Spaghetti mimisch, gestisch und akustisch zu imitieren.
16. Juli. Da freut man sich das ganze Jahr auf diese paar schönen Juli-Tage – und stellt dann fest, dass sie genauso beschissen sind wie der Rest des Lebens.
18. Juli. Durch all die Jahre habe ich mich wie ein angeschossener Gangster bis in diese Berliner Wohnung geschleppt. Hier verende ich.
21. Juli. Im Kino „Permanent Vacation“ von Jim Jarmusch. Das passt momentan „kolossal“, wie es anno dunnemals wohl hieß. Ich habe auch Dauerferien. Billiges Leben, billiges Bier, billiges Essen etc. Ich gehe sogar mit Worten sparsam um.
29. Juli. Down and out in Capital City: Eugen heißt die schleimige Kröte, die von ihrem Balkon im Erdgeschoss den Frontbereich des Hauses überwacht. Er verlässt den kleinen Balkon nie, nicht mal zum Scheißen. So hat sich im Lauf der Zeit eine Kotschicht gebildet, die mit dem missmutig dreinblickenden Kopf zusammengewachsen ist. Teleskopartig reckt er den faltigen alten Schädel, ruhig wandern die Blicke über den Gehweg. Gestrüpp verhindert seine Entdeckung durch die ahnungslosen Passanten. Ich aber muss jeden Tag unter der Last dieser widerwärtigen Prüfung, dieser abschätzenden Verachtung ins Haus.
3. August. Übers Wochenende war ich mit D. an der polnischen Ostsee. Der herbe Ostblock-Charme ist hier noch fast unverändert zu spüren. Wir saßen in Gaststätten, die den Namen nicht verdienen: Stahlgerüste mit rostigem Blechdach, wenige und weit voneinander entfernte Tische und eine armselige Theke mit einem Bierzapfhahn und einer Glasvitrine mit Fressalien und Flaschen. Im Hotelzimmer ließen sich weder das Fenster noch die Balkontür öffnen. Ansonsten Ramschmärkte und fette Mahlzeiten.
4. August. Es ist heiß. Eben kam eine fette Fliege durchs Fenster geflogen und fiel einfach tot zu Boden.
5. August. Mein Gewährsmann in Currywurstfragen, bei dem ich regelmäßig zu speisen pflege, erhält demnächst aus einem Grundstücksverkauf seiner Eltern 100.000 DM. Damit will sich der in Ehren alt (37) gewordene Herr über Bratfett und Grillroste einen Traum erfüllen: eine eigene Würstchenbude. Gott schütze diesen aufrechten Mann.
10. August. Am Anfang sah er nur das Licht. Erst allmählich begann er, die Farben zu erkennen. Das uferlose Geweih aus Formen und Bedeutungen kam erst viel später, und er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt sah oder ob die Anderen es ihm nur einredeten.
19. August. G. erzählte folgende Geschichte aus dem Leben seines Vaters: Um sich dem „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot Hitlers, zu entziehen, war dieser in die hessischen Wälder geflohen und lebte in einer Waldhütte. Als die Amerikaner kamen, gab er sich als französischer Zwangsarbeiter aus und arbeitete alsbald in Hamburg, wo man deutsche Kulturgüter in unterirdischen Hallen sammelte. Zusammen mit einem amerikanischen Offizier war er nun nachts Herr über Gemälde und andere Kunstschätze. Sie stellten beispielsweise Bilder von Beckmann und Dürer an den Wänden auf, während sie sich mit Whisky betranken. Eines Nachts setzte er sich im Suff alle deutschen Kaiserkronen von Karl dem Großen bis Wilhelm Zwo auf den Kopf, trank dazu und lachte, bis er einschlief. Diese Szene erzählt mehr über den Untergang von 1945 als viele Bücher.
26. August, San Francisco. Nach einer Kneipentour in der Haight Street lernen wir ein paar Hobos am Eingang des Golden Gate Parks kennen. C. und ich können den Suff im Supermarkt besorgen, den sie nicht betreten dürfen, im Gegenzug teilen sie ihr Gras mit uns. Wir verziehen uns in ihr Camp, das sie hinter Büschen und Bäumen aufgeschlagen haben. Hier sitzt ein alter weißhaariger Mann, der aussieht wie Gott auf irgendwelchen Kitschbildern. Er nennt sich selbst „König des Parks“ und während alle sich ducken und verstecken, als sich die berittene Polizei dem Camp nähert, ruft er voller Stolz in die Dunkelheit, er habe das Recht hier zu sein. Wir trinken und reden die ganze Nacht, ein junger Obdachloser namens Kid hängt mir seine Halskette um und macht mich so zum Mitglied der Hoffnungslosen. Wir schlafen im Zelt des Alten, in dem es nicht nur eine kleine Kommode, sondern auch eine amerikanische Flagge gibt.
28. August, Cambria (Kalifornien). Wie ich es gestern Abend geschafft habe, den Autoschlüssel des Mietwagens beim improvisierten Öffnen einer Weinflasche abzubrechen, habe ich vergessen. Der Dorfschmied kann einen Schlüssel nachmachen, ich helfe sogar beim Feilen. Der Kellner des Restaurants, in dem wir frühstücken, entpuppt sich als Musikvideokünstler, der mit einer Heavy Metal-Band in einem Haus wohnt. Als er kurze Zeit später, seine Schicht ist zu Ende, vor uns steht, wissen wir nicht, ob sein T-Shirt oder der VW Käfer, Baujahr 1965, mehr Farben hat. Wir verbringen den Nachmittag in seinem Studio.
1. September, Las Vegas. Die Stadt leuchtet unter uns, als wir am Abend von den Hügeln hinunter fahren. Bis zum Vormittag spielen wir Poker und lassen uns mit billigen Drinks volllaufen. C., beruflich in einer Nervenheilanstalt in Berlin tätig, gibt ihr psychologisches Urteil über mich ab: „introvertiert-schizoid mit zwanghaften Tendenzen.“ Ein unauffälliger Exzentriker, außerhalb der Gesellschaft stehend, aber nicht ausgestoßen. „Primäre neurotische Fehlentwicklung bei zwanghafter Persönlichkeitsstruktur auf dem Hintergrund einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung“, so hat sie es mir diktiert. Was immer das bedeutet, es ist mir egal. Erst am nächsten Morgen sehen wir die Stadt wirklich, von all ihren Lichtern entkleidet, hässlich in ihrer nackten Trostlosigkeit.
7. September, Lamesa (Texas). Nachdem wir den Geburtstag von C. mit einer Flasche Bourbon, natürlich bei fröhlicher Fahrt über die Highways, begossen haben, werden wir verhaftet. „Public intoxication“ lautet die Anklage, Besoffensein in der Öffentlichkeit, in Deutschland kein Vergehen. So klicken die Handschellen und es geht in den County Jail. Verhör, Fingerabdrücke, Fotos – das ganze Programm. Ich rede, C. lacht und kugelt sich auf dem Boden herum. Sie hat mit der Stasi schon ganz andere Geschichten erlebt, ein schwuler Cousin hat sie 1988 nach West-Berlin „ausgeheiratet“. Die Nacht verbringt jeder in einer Einzelzelle: hellgrün gestrichen, Klo und Waschbecken vorhanden, Gittertür, keine Fenster und ein Doppelstockbett mit Plastikmatratzen, dazu eine kratzende graue Decke.
8. September. In Handschellen, links und rechts ein fetter Texasbulle in schwarzer Uniform, geht es am Morgen quer über die Hauptstraße zum Haftrichter. Wir bekommen 180 Dollar Strafe aufgebrummt, dann geht es in Polizeibegleitung zur Bank, wo ich Travellerschecks einlöse. Den Wagen hat man von vorne bis hinten nach Drogen gefilzt, wir fahren weiter nach New Orleans.
16. September, Washington, D.C. Auf den Stufen des Capitols treffen wir einen lebensmüden Karrieristen (Filialleiter Elektromarkt und FDP-Mitglied) aus dem Saarland, der sich einfach in die nächste Maschine in Richtung USA gesetzt und zu Hause einen Stapel Abschiedsbriefe hinterlassen hat. Er schließt sich uns an und wir fahren weiter an die Niagara-Fälle. Am Ende, als wir in New York sind, wird er sagen, es sei der schönste Urlaub seines Lebens gewesen. Was muss das für ein Leben sein, wenn es einer mit uns schön findet!
6. Oktober, Berlin. Gutenbergs Fluch: Aus einem schmalen klaren Flüsschen hat sich die Literatur zu einem breiten, flachen und schlammigen Strom entwickelt, dessen uferlose Fluten längst in allen Kellern stehen.
7. Oktober. Es musste passiert sein, als wir schliefen. Jedenfalls waren am nächsten Morgen die Häuser auf der anderen Straßenseite einfach verschwunden. Niemand wusste, wo sie abgeblieben waren. Jede Spur der Zerstörung fehlte. Es schien, als seien sie sanft abgehoben und in die Dunkelheit davon geschwebt. Wer weiß, wo sie jetzt sind? Von meinem Fenster aus konnte ich nur eine weite Wiese sehen, hinter der sich ein Wald dampfend in die Morgendämmerung erhob.
14. Oktober. Seit einigen Tagen habe ich einen Job als Telefonist eines Meinungsforschungsinstituts in Schöneberg. Ich trage ein "Sprechgeschirr" oder "Headset", so wie ein Pferd Zaumzeug trägt, wenn es die Kutsche oder den Pflug zieht. Derzeit telefoniere ich für eine Befragung zum Thema „Bier“. Eine Frau war nachmittags um Fünf schon zu besoffen, um die Fragen zu verstehen.
23. Oktober. „Aufmachen Einschenken Tanzen“. Fernsehreklame für Schnaps.
5. November, Duisburg-Marxloh. Ein Ort von bizarrer Hoffnungslosigkeit, Stahlwerke liegen wie gestrandete Schlachtkreuzer am Wegesrand, Häuser und Menschen rußgeschwärzt. Nach Feierabend lassen die Arbeiter in den Kneipen ihre Lyrikschätze aufleben: „Abends früh ins Bett/Suppe ohne Fett/Morgens Arsch warm/Fliegeralarm.“ Ich sitze am Fenster und schreibe, es geht nicht anders, ein seltsamer Drang, eine eigenartige Mischung aus Langeweile, Alkohol und Selbstüberschätzung. So vergeht die Zeit zwischen den Schlucken, ohne großes Nachdenken bahne ich mir den Weg durch die Nacht, ein kleines Stück auf dem großen Weg in Richtung Ende.
6. November. L., ein alter Freund, der inzwischen auf einem Bauernhof im Hunsrück lebt, ist durchgedreht und sitzt seit vier Wochen in der geschlossenen Abteilung einer Nervenheilanstalt. Folgendes warf ihn aus der Bahn: Beim Abschleppen eines anderen Wagens blieb er unglücklicherweise auf einem Bahnübergang stehen, die Schranken gingen herunter. Er und der Mann im anderen Wagen konnten sich retten, bevor der Zug das Gespann zermalmte. In den folgenden Wochen steigerte er sich immer mehr in diese Geschichte hinein, ihre möglichen Folgen etc. Er schlief kaum und nahm massenhaft Drogen. Es kam soweit, dass er behauptete, Bob Marleys Lieder gäben seine eigenen Gedanken und Worte wieder. Überall sei Babylon, um ihn herum nur Schlechtigkeit. Er griff Freunde an, seine Freundin zog aus und er verschenkte sein ganzes Geld (sogar Tausend-Mark-Scheine). Am Ende hielt er sich für Jesus, wollte eine neue Bibel schreiben und rief einen Fotografen der Tageszeitung an, der dazu die Fotos liefern sollte.
30. November. Wann es anfing, weiß ich nicht genau. Vielleicht habe ich es auch vergessen. Es ist auch möglich, dass es Schübe gab, gefolgt von Unterbrechungen, auf die wieder Schübe folgten. Aufgefallen ist es mir jedenfalls an diesem Abend: Mein Körperhaar wächst unaufhörlich, an manchen Stellen erreicht es bereits die Dichte eines Tierfells, bisher unbehaarte Stellen bringen schwarze Borsten hervor. Ich erschrecke, glücklicherweise ist es fast Winter, schon liegt Schnee auf den Straßen und Dächern, alle Menschenkörper sind verhüllt. Diese Entwicklung geht einher mit einer geistigen Rückbildung. Hielt ich die Unlust gegenüber meinen Büchern im Frühjahr noch für eine vorübergehende Abwendung von jeglicher geistigen Anstrengung, so ist es jetzt – es fällt mir im Kopf eben alles schwer. Die Arbeit fällt mir leicht. Die Besorgungen werden von den Bedürfnissen geleitet. Ich nehme im Supermarkt, was ich brauche. Alles andere wird immer schwieriger. Heute habe ich mir Stirn und Wangen rasiert. Jetzt juckt die Haut und schon schieben sich neue Stoppeln hervor. Als würde mein Körper alle Kraft in die Produktion von Haaren stecken, als wäre ich ein Geschöpf aus den täglichen und nächtlichen Träumen der Friseure. Meine Handrücken und Finger sehen schrecklich aus, mein kugelrunder Bauch sieht aus wie ein Urwaldplanet. Ich vermeide es, andere Menschen zu treffen, weil ich ihre Fragen fürchte. Wer weiß, am Ende grunze ich noch in all der Aufregung. Das Schreiben macht Kopfschmerzen.
4. Dezember. Heutiger Traum: ein Mann besucht eine einsame Insel. Hier wohnen nur noch ein alter Mann und seine Tochter. Früher lebten hier viele Familien, es gab eine Fabrik, die dem Alten gehörte. Er erzählt von den Unglücksfällen: Ein Sturm zerstört viele Häuser, eine seltsame Krankheit rafft viele Familien dahin und schließlich stürzt die kleine Kirche während des Gottesdienstes zusammen, auch seine Frau kommt dabei ums Leben. Die Anderen verlassen die Insel. Der alte Mann erzählt das alles mit unruhig flackernden, braunen Augen. Bei ihrem Rundgang sind die Männer in einer riesigen verfallenen Maschinenhalle. Jeder Ort der Insel sei nur einmal vom Unglück getroffen worden, erzählt der Alte, diese Halle wäre bisher vom Pech verschont worden. In diesem Augenblick fällt ein großer steinerner Engel durch das gläserne Dach der Halle und tötet fast den Besucher. Beide flüchten nach draußen und gehen über eine Wiese zum Waldrand. Hier zieht der Alte plötzlich ein Messer und versucht, den Mann zu töten. Sie kämpfen und der Mann fragt den Alten im Ringen, ob er nach ihm auch das Mädchen töten wolle. Der Alte lacht nur irrsinnig. Schließlich überwältigt der Besucher den alten Mann und führt ihn, das Messer am Hals, über das Feld davon. Der Blick wendet sich von ihnen ab und „fährt“ langsam auf einen Baum im Hintergrund zu. In einem Astloch des Baumes flackert das unruhige braune Auge des Alten: der Dämon, der diese Insel beherrscht und in den alten Mann gefahren ist, um alle Fremden von dieser Insel zu vertreiben. – In tiefster Nacht/ Bin ich erwacht/ Und hab euch etwas mitgebracht.
5. Dezember. Wunderbar in diese Zeiten passend sind die Berichte von Unternehmen und wissenschaftlichen Instituten, die Leichen für Crash-Tests missbraucht, nein: einem finalen Nutzen zugeführt haben. Die Heidelberger Uni verwendete tote Kinder: „Bei fünfzig Stundenkilometern wurde ein Frontalkollision herbeigeführt. Jeder Körper ist nur einmal verwendet worden“ (O-Ton). Und von Mercedes hieß es: „Nach Beendigung der Testreihe werden die Überreste mit Respekt behandelt“. Ich sehe es vor mir, wie die Putzfrauen behutsam die Leichenteile zusammenkehren.
P.S.: Im Mai bin ich endgültig nach Berlin gezogen, wo ich bis 2013 in der Prager Straße gewohnt habe.
Queen – The Seven Seas of Rhye. http://www.youtube.com/watch?v=P1j-6vRykFs

Samstag, 27. September 2014

Macht und Liebe (1987)

Gelegenheit macht oftmals Diebe,
Ein junger Mann stahl sich die Liebe.
Sie ließ ihn kalt
Jedoch schon bald.
Ein Narr, der dabei bliebe!

 
So hat er lange nachgedacht
Und sich fast um den Schlaf gebracht.
Voll düst’rem Zorn,
Nach achtzehn Korn,
Ging er zurück und nahm die Macht.

Lob des Zögerns

Im vergangenen Sommer hat sich Wolfgang Herrndorf in Berlin erschossen. Unter der oberflächlichen Meldung zu seinem Tod bei „Spiegel Online“, einer drittklassigen Internet-Seite, die ich Ihnen auf keinen Fall empfehlen kann, steht als Postskriptum der Satz: „Falls Sie sich selbst in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie bitte mit anderen Menschen.“ Wolfgang Herrndorf hatte einen Hirntumor. Das Schreiben und Sprechen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer. Er hat den Krebs getötet, bevor der Krebs ihn töten konnte.
Pantophagos der Prächtige schlenderte am Ufer des Hohenzollernkanals entlang, als er den Mann mit der Pistole im Gras sitzen sah. Er setzte sich zu ihm und sprach: „Mir ist es vor einiger Zeit auch so gegangen wie Ihnen. Und wissen Sie, was mir geholfen hat? Meine Gründlichkeit, meine Nachdenklichkeit und letztlich meine Faulheit. Monatelang habe ich an nichts anderes gedacht als an Selbstmord. Jeden Morgen bin ich aufgewacht und habe gedacht: Heute ist der letzte Tag. Und ich hatte keine Pistole wie Sie. Sonst wäre ich vermutlich schon längst tot. Würde es Ihnen etwas ausmachen, sie aus der Hand zu legen? Es macht mich nervös. Mit so einer Waffe kann man jemanden umbringen. Ich habe immer an verschiedene Arten des Selbstmords gedacht. Manchmal wollte ich mich aufhängen. Dann habe ich darüber nachgedacht, wo ich einen soliden Strick herbekomme. Ich wiege über hundert Kilo, da brauchen Sie einen richtig dicken Strick, keine Schnur. Manchmal bin ich sogar durch das Haus gelaufen und habe einen Strick gesucht. Aber ich habe keinen richtigen Strick für meine Zwecke gefunden. Dann habe ich überlegt, zu einem Baumarkt zu fahren, um mir einen Strick zu kaufen. Aber ich habe kein Auto. Also hätte ich mit dem Bus fahren müssen. Dazu muss ich im Internet nach dem Fahrplan suchen, denn in meinem kleinen Dorf fahren die Busse nicht allzu oft. Im Internet hätte ich auch nach dem richtigen Knoten für den Strick suchen müssen, denn man muss ja einen richtigen Knoten machen, wenn man sich aufhängen will. Da hilft kein einfacher Hausfrauenknoten oder der Knoten, den man zum Binden der Schnürsenkel benutzt. Man will ja nicht qualvoll ersticken, sondern sich sauber das Genick brechen. Dann habe ich darüber nachgedacht, wo ich den Strick anbringen soll. An der Decke befinden sich keine Haken. Außerdem sind die Zimmer in meinem Haus recht niedrig. Darüber habe ich so lange nachgedacht, bis ich zu erschöpft war. Also habe ich den Selbstmord um einen Tag verschoben. Am nächsten Tag habe ich darüber nachgedacht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Aber dann dachte ich an die Schmerzen und es ist ja auch kein schneller Tod. Wer will schon eine halbe Stunde lang sterben? Es soll schnell und schmerzlos sein. Vielleicht springe ich von der Autobahnbrücke vor einen Lkw? Aber es ist ein langer Weg bis zur Autobahn und es ist auch schwierig, den exakten Zeitpunkt zum Absprung zu finden. Schließlich habe ich damit keine Erfahrung. Und ich dachte auch immer an den armen Fahrer, der für den Rest seines Lebens mit meinem Todessprung vor seinen Laster leben muss. Jeden Tag hatte ich diese Gedanken und jeden Tag habe ich meinen Selbstmord verschoben. Machen Sie es doch einfach genauso! Stecken Sie die Pistole wieder ein und kommen Sie morgen hierher zurück. Es ist keine große Sache. Zögern Sie Ihren Tod einfach um einen Tag hinaus, das ist doch ganz leicht. Dazu müssen Sie Ihren Entschluss ja nicht ändern. Sie machen es einfach einen Tag später. Denken sie mal darüber nach!“
Pantophagos der Prächtige stand auf und ging weiter. Er hörte keinen Schuss.
Yazoo - Don’t Go. http://www.youtube.com/watch?v=tLTGs4fqxBk

Freitag, 26. September 2014

Meine Mitmenschen

Gestern war ich in Ingelheim, um die Familie meiner Schwester zu besuchen und um in der Buchhandlung den lange erwarteten dritten Band der hervorragenden Kafka-Biographie von Reiner Stach abzuholen. Der Weg in die Innenstadt führte meinen Vater und mich am Asylantenheim vorbei, das in den Obstfeldern neben der Autobahn liegt. Wir sahen die Familien, die dort untergebracht sind und in der Umgebung spazieren gehen. Man sieht diese Menschen nie alleine, es sind Ehepaare mit Kinderwagen und kleinen Kindern an der Hand. Sie haben ernste Gesichter und tragen bereits die bunten Uniformen unserer Konsumgesellschaft, die gar nicht zu ihnen passen wollen. Traumatisierte Kinder aus den Kriegsgebieten des Orients in diesen lächerlichen Hip-Hop-Klamotten mit den peinlichen Beschriftungen, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Schweigend und mit gesenktem Kopf schlurfen sie neben ihren Eltern her. Es sind keine Einwanderer, es sind Flüchtlinge. Sie sind nicht freiwillig hier und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie in diesem Augenblick lieber zu Hause wären. Aber sie haben ihre Heimat im Krieg verloren und sind jetzt in der Fremde. Morgen beginnt das Rotweinfest, bei dem sich die ganze Stadt in Weinzelten und an den Jahrmarktsbuden trifft. Sie werden nicht mitfeiern. Aber ich werde vermutlich „Mitbürger“ treffen, die einander erzählen, das Boot sei voll und wir könnten diese ganzen Flüchtlinge nicht bei uns aufnehmen, während sie eine Bratwurst in sich hineinstopfen und ihr gebügeltes weißes Hemd mit Senf bekleckern. Das Boot ist nicht voll, wir leben auf einem Schiff, das noch jede Menge Platz bietet. Und sollte es tatsächlich etwas eng werden, empfehle ich diesen „Experten“ ein Jahr in Syrien oder im Irak. Diese Erfahrung wird sie nachdenklich machen.

1993, Teil 1

Auszüge aus dem Notizbuch:
25. Januar, Schweppenhausen. Was irgendwann bleibt, ist das Bedürfnis, Tinte zu verspritzen.
31. Januar. Ich bin auf der Suche nach dem sinnlosesten Gegenstand. Über ihn möchte ich eine Geschichte schreiben.
1. Februar. Täglich kommen nun zu Tode erschöpfte Reiter zurück, bleiche Boten taumeln in den Palast und melden, sie hätten nichts gefunden. Monatelang durchquerten sie seelenlose Wüsten, sie entfernten sich mutig von den alten Außenposten des Reichs und ritten in die unbekannte Leere. Aber es gibt dort nichts. Alle kehrten mit leeren Händen zurück.
2. Februar. Die Unaussprechlichen befahlen uns, eine große Grube mit Helden zu füllen. Wir riefen alle zusammen, die wir kannten, und sie stiegen hinab, doch es wurde späte Nacht und noch immer hatten wir dieses Loch nicht auch nur annähernd gestopft.
3. Februar. Slapstick-Einschlafen: Nach der üblichen, die Vorbereitungen für die Nacht begleitenden Erleichterung betätigte ich die Spülung und ging ins Bett. Ein Geräusch, das verdächtig an einen Wasserhahn oder eine Fontäne erinnerte, stöberte mich wenig später in meinem Halbschlaf auf. Nach einigen Augenblicken, die einem verärgerten inneren Monolog gewidmet waren, stand ich auf und ging ins Badezimmer. Aus dem undichten Rohr zum Wasserkasten der Toilette spritzte eine fächerförmige Wasserkaskade und hatte schon fast das gesamte Bad unter Wasser gesetzt, auch von der Decke tropfte es. Wie in einem alten Klamauk-Stummfilm kämpfte ich mich zum Hauptwasserhahn durch und drehte das Wasser ab. Klatschnass stapfte ich dann zum Bett zurück. Ein wundervoller Augenblick.
7. Februar. Je nach Stimmung denke ich, meine Pechsträhne dauert nur ein paar Wochen, ein paar Monate, ein paar Jahre oder immer. Aber es würde mich ja doch mal interessieren, in wie vielen Prozent der Fälle der Käufer eines Fernsehgeräts erleben muss, wie das angebliche Wunder südkoreanischer Ingenieurkunst bereits nach vier Tagen seinen nutzlosen Geist aufgibt.
8. Februar. Künstler sind im Grunde belanglose Figuren. Was haben sie denn auch gelernt außer ihrem Gewerbe? Das Licht des Gewöhnlichen fällt auf die schiefen Spiegel ihrer Köpfe und wirft ein neues Bild an die Wand, das ist alles. Nimmt man diesen schrägen Blick auf die Welt fort, bleibt oft ein erschreckend gewöhnlicher Mensch.
9. Februar. Zukünftige Archäologen werden unsere Teilchenbeschleuniger für religiöse Einrichtungen halten – und hätten damit gar nicht mal so Unrecht. Diese rührende und verzweifelte Suche nach letzter Erkenntnis, letzter Gewissheit.
11. Februar. Im Augenblick wird viel vom Verhältnis zur eigenen Nation, Patriotismus etc. geschrieben. Meines ist wie das Verhältnis zu einem fernen, lästigen Verwandten, es schwankt zwischen Gleichgültigkeit und Verachtung.
16. Februar. Ein Gott: „Gorgon, hast du die Teufel aus dem Paradies vertrieben?“ Gorgon: „Nein, sie zeigten mir einen rechtsgültigen Vertrag.“
17. Februar. Essen: hungrig => satt. Trinken: durstig => besoffen.
21. Februar. Sein Herz besteht aus drei Kammern. Die äußerste von ihnen ist kugelförmig und aus gusseisernen Platten zusammen genietet. Ihre Außenhaut weist zahllose Anschlüsse auf, dicke Schläuche führen hinaus in die Welt. Die zweite Kammer ist aus Silber und schwebt im Mittelpunkt der Außenkammer, wenige feine Äderchen führen von ihr zur eisernen Haut. In ihrem Inneren wiederum ruht schwerelos und unverbunden die letzte Kammer, mandelförmig und golden. Hier ist er jedoch nur gelegentlich.
26. Februar. Es gibt eine Erklärung. Aber du verstehst sie nicht.
28. Februar. Ich war beeindruckt, als ich Flake McMurdoch zum ersten Mal erblickte. Eine ruhige, weite Persönlichkeit, eingebettet in einem ebensolchen Körper, so schritt er majestätisch auf mich zu. Ein rotkariertes Trapperhemd, großzügige Hosen und ein ungewöhnlich hässlicher Bowler bildeten die visuelle Reizumgebung eines aufgedunsenen Rindergesichts. Der Zeitkoordinator von Mittelengland betrat den Raum. Im oblag die Kontrolle der Geschwindigkeit aller relevanten Bewegungsprozesse seines Hoheitsgebiets, strenge Normen in Arbeitswelt und Verkehr zügelten die maßlose Gier nach Beschleunigung. Schwerfällig begann McMurdoch, sich auf einen Stuhl zusetzen.
Klage einer Mutter: „Joinele, oh Joinele, hab ich dich nicht immer gewarnt, habe ich dir nicht immer gut zugeredet? Kauf dir anständige Schuhe, habe ich ihm gesagt, schaff dir eine warme Jacke an! Aber nein, er hat alles, was wir ihm gegeben haben, immer zum Schankwirt getragen.“
Wer den Sinn sucht, entfernt sich vom Sinn.
1. März. Das Elend der Stationen. Wieder verbringe ich endlose einsame Monate im Observatorium. Schränke und Truhen fülle ich mit Berichten, mit Beschreibungen von Beobachtungen. Ich kann mir kaum noch die Welt außerhalb dieser Mauern vorstellen, die Erinnerungen an die Wirklichkeit verlieren ihre Farben, sie werden durchsichtiger und undeutlicher. Die völlige Konzentration auf eine Aufgabe, das Ablesen der Geräte, das routinemäßige Notieren der Ergebnisse wird zur Last und nur die Furcht vor Strafe erzwingt mein Schweigen. Ein nutzloseres Leben als meines wird sich schwerlich finden lassen. Genug der Bitterkeit, zurück an den Schreibtisch.
9. März. Solange es niemand verrät, geht das alte Spiel weiter. Unser Schweigen wird die Täuschung aufrechterhalten.
10. März. Fußballabend: „Gundelach taucht ins bedrohte Eck“, "Aufgepasst, Gundelach“, „Die Chance gut vereitelt: Hansi Gundelach“, „Da kann man nur noch auf den Kollegen Zufall hoffen“.
21. April. Hunger/Appetit, Durst/Brand.
3. Mai. Winzige Dinosauriereier glühen in meiner Pfeife und verbreiten einen eigenartigen Geruch. Draußen liegt der unerträglich schöne und ruhige Garten in der milden Nachmittagssonne. Ich erfreue mich auf das Unschuldigste meiner vollkommenen Zwecklosigkeit. Das Leben könnte in dieser Sekunde eingefroren werden und alles würde unvollendet bleiben. Das Endgültige ist immer so traurig.
4. Mai. Eine halbe Flasche Wein ist doch eher angetrunken als angebrochen, oder?
19. Mai, Berlin. Physisch bin ich seit drei Tagen wieder in Berlin. Die Prüfungen liegen hinter mir, ich bin – wer hätte das gedacht – ganz offiziell ein Politikwissenschaftler und dürfte ein „M.A.“ hinter dem Namen tragen, wenn es mir nicht zu albern wäre. Eigentlich bin ich aber erst gestern Abend angekommen, als ich mit dem Wagen durchs frühlingswarme Kreuzberg fuhr. Habe mir eine neue Pfeife gekauft und trotz der frühen Stunde trinke ich bereits das erste Bier. Heute Abend werde ich mit D. eine Flasche Champagner trinken.
Ich sitze vor einer Karte, die fast den gesamten Tisch bedeckt. Sie zeigt Berlin und Umgebung, von Neuruppin bis Jüterbog, von Genthin bis Fürstenwalde. Vor meinen Augen verwandelt sich die Gegend, langsam verändert sich alles: Das Havelland wird ein riesiger Rummelplatz für Klein und Groß (eine der Attraktionen: die Bundesregierung in Kotzen), Eberswalde und die Schorfheide werden autofreie Abenteuerspielplätze und überhaupt werden die Autobahnen und Schnellstraßen überbaut und bepflanzt (also unter die Erde verlegt), damit man sich ungestört durch die Landschaft bewegen kann. Mein Schloss entsteht in Babelsberg und heißt Seven Items, überall schießen kleine Holzhäuschen an den Seeufern empor.
29. Mai. Er arbeitete seit Jahren nur noch an der Vervollkommnung seiner Hässlichkeit. Nun, im Stadium kontrollierter Selbstvergiftung, erkannte er, dass sich aus diesen verkommenen Gesichtszügen nichts Gutes mehr entwickeln konnte.
Stell dir eine Hellebarde vor. Wenn du sie klar vor deinem geistigen Auge siehst, stelle dir ihre blank gewienerte Klinge vor. Sie glänzt in der Sonne. Du drehst den Schaft bis zu dem Punkt, an dem sich das Licht gleißend bricht. Wenn du dir dieses Aufblitzen vorstellen kannst, hast du das Stadium des Berichts erreicht.
31. Mai. Du stirbst nicht, du wirst eine Supernova.
2. Juni. Die Bühne ist leer. Bereits um zehn Uhr morgens fällt der Vorhang gnädig herab. Ein LSD-getränktes Peace-Zeichen schwimmt in einem Glas voll billigem Wein, die Pfeife ist gestopft. Was hätte es noch für einen Sinn, geistreiche Umschreibungen für dieses Nichts zu finden? Ein süßer Duft, ein bitterer Geschmack und alles ist vorbei – nur die zarte Hand einer Melodie in deinem Nacken …
5. Juni. Der unruhige und absichtslose Strom der Mitteilungen, der meiner Rechten entfließt. Soll ich mir die schreibende Hand abschlagen? Aber welchen Blitzableiter wird sich mein unseliger Geist dann suchen?
8. Juni. Ich glaube, ich bin inzwischen soweit, dass ich täglich fünf Stunden meines Lebens an die Werbung verkaufen kann. Alle können kommen, no limits. Den Rest der Zeit möchte ich dumpf herumsitzen und mit müden Augen auf den Tod warten.
11. Juni. Mohngedicht
Der Mohn, der Mohn/ Der wächst auch um Ecken/ Dem Auge zum Hohn/ Dem Geiste zum Schrecken
Drum halt dich fern/ Und sei bereit/ Demnächst in Bern/ Um diese Zeit
Der Mohn, der Mohn/ Der wächst auch um Ecken/ Du ruhest schon/ Wer kann dich noch wecken
19. Juni. Einsames kleines Mädchen, deine Mutter und dein Vater kümmern sich einen Dreck um dich, wenn du in einer riesigen Pfütze aus Scheiße spielst. Keiner hört die Melodie, die du dabei summst.
20. Juni. A. erzählte von einem alten Mann, den sie in Amerika getroffen hatte, und der tatsächlich glaubte, nur Amerikaner könnten die Welt farbig sehen, Europäer würden alles in Schwarz-Weiß sehen.
21. Juni. Erster Schritt: Die Sekunde abschaffen. Dann weitersehen.
22. Juni. Du schreibst eine Botschaft, rollst sie zusammen und steckst sie in eine leere Flasche, die du mit Wachs versiegelst. Du fährst ans Meer, stellst dich an den Rand einer Klippe und wirfst sie ins Wasser. Sie zerschellt auf einem Stein.
23. Juni. Vor dem Palast der Republik wird gerade eine alberne Schloss-Attrappe aufgebaut, um für den wahnwitzigen, durch nichts zu begründenden Wiederaufbau der alten Hohenzollern-Residenz zu werben. Seit wann braucht eine Demokratie ein Schloss? Wer soll da wohnen?
29. Juni. Nachts die herrlichen S-Bahnfahrten im Berliner Regionalfernsehen. Dazu Frank Zappa. Ich könnte ewig von Station zu Station saufen und Musik hören. Was wäre das Paradies? Wenn dieser Zug niemals halten, niemals enden würde. Wir würden einfach weiterfahren, Stunde um Stunde, immer weiter durch Landschaften, an Häusern vorbei, weiter, immer weiter, bis deine Kraft erschöpft ist. Die Schienen liegen immer bis zum Horizont.
Rolling Stones – You Can’t Always Get What You Want. http://www.youtube.com/watch?v=XG5GOH2CO1k

Donnerstag, 25. September 2014

Klarstellung

Hier ein Statement von einer meiner liebsten Internet-Seiten, der ich schon am 7. März 2014 in diesem Blog gehuldigt habe. Hätten Sie gewusst, dass nicht nur Frauen schwanger werden können? Man*_N lernt nie aus …
„So kommt es beispielweise häufig vor, dass im Zusammenhang mit Schwangerschafts-Abbrüchen lediglich von “Frauen” gesprochen wird. Dabei werden mehrere Dinge übersehen. Zum einen können nicht alle Frauen schwanger werden, zum Beispiel Trans-Frauen. Zudem können auch Menschen schwanger werden, die keine Frauen sind, beispielsweise Trans-Männer, intergeschlechtiche Menschen und andere Personen, die sich keinem der beiden gesellschaftlich anerkannten Geschlechter zuordnen können oder wollen.“
http://transgenialefantifa.blogsport.de/2014/09/24/redebeitrag-auf-der-what-the-fuck-demo/

Putzen bei Bonetti

Eigentlich begann die Woche wie immer. Der Wecker klingelte um vier Uhr und ich ging in die Küche, um mich anzuziehen. Ich hatte mir am Abend zuvor schon alles herausgelegt, um meinen Mann und die Kinder nicht zu wecken. Auch die Reisetasche stand bereits an der Haustür. Diese Routine habe ich mir in den vergangenen fünf Jahren angewöhnt. Mein Name ist Agata Kaczmarek und ich lebe in Wroclaw, das die Deutschen früher Breslau genannt haben. Mit meinem Mann Pawel und unseren Kindern habe ich eine schöne Drei-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus nahe der Innenstadt. Wir haben Glück gehabt. Es gibt hier eine Menge Altbauten, in denen noch mit Kohle geheizt wird. An manchen Häusern sind noch die stählernen Luftschutzfenster aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht. Bei einigen Häusern wundert man sich, dass sie überhaupt noch bewohnt sind. In meiner Stadt werden Filme gedreht, die im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre spielen. Die Kinder sind schon groß, Antoni ist fünfzehn und Natalia ist dreizehn Jahre alt, sie gehen noch zur Schule. Donnerstag, spät am Abend werde ich wieder hier sein. Aber am Montagmorgen beginnt die Arbeitswoche. Ich fahre nach Deutschland.
Hanna kam wie immer um kurz nach Vier. Ludmila und Zusanna saßen schon im Opel Astra. Um diese Uhrzeit ist nie viel Verkehr und es ging gut voran. Bei Görlitz fuhren wir über die Grenze, es ging an Dresden und Jena vorbei über die hervorragende deutsche Autobahn. Um kurz vor Zehn setzte mich Hanna an der Villa Bonetti ab. Ich bin immer die erste, die aussteigt. Die drei anderen Frauen arbeiten als Putzfrau in der Innenstadt. Jede von ihnen hat vier Putzstellen. Zahnärzte, Professoren, Bankdirektoren, Politiker. Zusanna war die erste von uns, die damals eine Stelle in Bad Nauheim bekommen hat. Sie konnte uns allen Putzstellen vermitteln, denn sie wurde von ihren Arbeitgebern schnell weiterempfohlen. Wir haben nicht nur eine Fahrgemeinschaft, wir teilen uns auch eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt, die wir für fünfhundert Euro warm im Monat gemietet haben. Wir arbeiten in den vier Tagen bis zur Abfahrt vierzig Stunden, acht Stunden am Montag und am Donnerstag, zwölf Stunden am Dienstag und am Mittwoch. Da bleibt ohnehin nicht viel Zeit. Arbeiten, Essen, Schlafen. So verdiene ich 1600 Euro im Monat, nach Abzug der Miete und der Fahrkosten bleiben mir 1300 Euro. Pawel verdient als freiberuflicher Programmierer noch ein bisschen was dazu, davon können wir in Wroclaw gut leben. Wenn ich mal krank bin, vertritt mich eine Freundin aus meiner Straße, aber ich war in den fünf Jahren nur zwei- oder dreimal krank.
In der Villa Bonetti fing ich wie jeden Montag zuerst in der Küche an. Johann, der Kammerdiener von Herrn Bonetti, kocht zwar sehr gerne für sich und seinen Chef, aber so sieht es nach dem Wochenende auch aus. Johann braucht viele Schüsseln und Pfannen, spezielle Rührgeräte und alles Mögliche, bis etwas zubereitet ist. Er ist gelernter Koch, aber so wie er würde ich nie kochen. Nachdem ich in der Küche meine Arbeit erledigt hatte, ging ich ins Wohnzimmer. Wie es hier manchmal aussieht, darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen. Herr Bonetti ist ein berühmter Schriftsteller und am Wochenende kommen immer seine Künstlerfreunde zu Besuch. Als erstes räumte ich die leeren Wein- und Whiskyflaschen weg und brachte sie in die Altglastonne. Die leeren Bierflaschen sortierte ich in den Kasten in der Küche. Dann saugte ich die ganzen Chipskrümel, Brezelstückchen und anderen Abfall auf und lüftete den Raum. Dieses Zimmer benutzt Herr Bonetti nur, wenn er am Wochenende Besuch hat. Ansonsten ist er häufig in seiner großen Bibliothek oder im Arbeitszimmer, wo man ihn auf keinen Fall stören darf. Wenn Bonetti liest oder schreibt, müssen Johann und ich immer ganz leise sein. Anrufe für den Chef nimmt Johann im Erdgeschoss entgegen, er hat dort ein kleines Büro, in dem er auch die Mails für Herrn Bonetti beantwortet oder im Ausnahmefall weiterleitet. Um 13 Uhr verlässt Herr Bonetti sein Arbeitszimmer, um sich zum Mittagessen in den Speisesaal zu begeben.
Das gibt mir jeden Tag die Gelegenheit, in dieses Zimmer zu schlüpfen, um es ein wenig sauber zu machen. Ich darf auf keinen Fall etwas auf seinem Schreibtisch berühren, das hat er mir während der wenigen Gespräche, die ich mit ihm führen durfte, immer wieder eingeschärft. Und ich darf niemals den Computer berühren, wenn ich das tue, so hat er mir versichert, könne er für nichts garantieren. Obwohl der Schreibtisch auch heute wieder ein wenig Aufräumarbeiten und Sauberkeit verdient hätte. Er ist etwa so groß wie eine Tischtennisplatte, aus schwerem schwarzem Holz und hat an der Fensterseite Unmengen von kleinen Schubladen und Fächern, die vollgestopft sind mit Papieren, Holzfiguren, Spielzeugautos, Metallkugeln und allem möglichen Tinnef. In der Mitte des Tisches, vor dem dunkelbraunen Ledersessel, liegt sein zugeklapptes Notebook. Links und rechts davon stapeln sich beschriebene Blätter, Notizbücher, Zeichenblöcke und Zettel aller Größen und Farben. Dazwischen liegen Dutzende Stifte und Füller. Ich begann also, den Sessel mit einem feuchten Tuch abzuwischen, die Regale abzustauben und den riesigen orientalischen Teppich zu saugen. An den Wänden hängen chinesische Rollbilder und vergrößerte Fotografien in breiten Holzrahmen. Die Bilder seien Originale aus der Qing-Dynastie, hat mir Johann einmal erklärt. Die Fotos hätte Herr Bonetti selbst im Engadin gemacht, wo er jedes Jahr Urlaub zu machen pflege.
Nach dem Mittagessen legt sich Herr Bonetti immer eine Stunde auf seinen Diwan, der im Salon des Westflügels steht, und dann gehe ich zu Johann in die Küche, wo wir zusammen etwas essen. Johann hatte heute auf Wunsch seines Herrn Hühnchen mit Basmatireis in einer roten Currysoße zubereitet. Wir aßen reichlich und plauderten eine Weile. Am Wochenende hatte Bonetti zunächst Besuch von einem Frankfurter Bankier und danach von einem Unbekannten mit französischem Akzent gehabt, der sich mit dem Namen Lefuet vorgestellt habe. Am Samstagabend wäre es dann im Wohnzimmer hoch hergegangen. Johann hatte um drei Uhr noch fünf Taxis für die Besucher bestellten müssen. Er hätte um Mitternacht noch Pizza für Bonetti und seine Freunde backen müssen. Auch einige Hamburger und Burritos hätte er noch zubereiten müssen. Am Nachmittag kümmerte ich mich um Bonettis Wäsche und bügelte einige Hemden und Hosen.
Als ich um 18 Uhr die Villa Bonetti verließ, war ich sehr müde und wollte einfach nur noch nach Hause. Johann hatte mir freundlicherweise noch die Reste vom Brot und von der Wurst eingepackt, die am Wochenende übriggeblieben waren, so dass ich nicht mehr einkaufen gehen musste. Ich war bereits zehn Minuten gegangen, als plötzlich eine schwarze Mercedes-Limousine neben mir hielt. Die Fensterscheibe glitt lautlos herunter und ein Mann mit dunkler Sonnenbrille sprach mich an.
„Möchten Sie sich zehntausend Euro verdienen?“
„Wer sind Sie überhaupt?“ antwortete ich und ging langsam weiter.
Die Limousine folgte mir und der Mann sagte: „Es geht um einen Gegenstand, an dem ich großes Interesse habe. Es ist ein Schlüssel, ungewöhnlich lang und mit einem viereckigen Griff. Der Bart hat sieben Zacken.“
Ein Bart mit Zacken? Mein Deutsch ist nicht schlecht, aber ich verstand den Mann nicht. Wollte er einen Schlüssel zur Villa von Herrn Bonetti? Oder einen Zackenbarsch? Davon hatte mit Johann schon einmal erzählt. Ich beschloss, mich dumm zu stellen. „Ich nix verstehen“, sagte ich und beschleunigte meinen Schritt.
„Ich biete Ihnen zwanzigtausend.“
Zum Glück kamen mir Passanten entgegen. Ein älteres Pärchen mit einem Rottweiler. „Lassen Sie mich in Ruhe“, sagte ich laut.
Dann beschleunigte die Limousine und verschwand. Sicherheitshalber ging ich nicht auf direktem Wege zu meiner Wohnung. Ich lief zum Bad Nauheimer Bahnhof, trank an einem Imbissstand einen Kaffee und holte das Handy aus meiner Reisetasche. Johann nahm sofort ab und hörte sich geduldig meine Geschichte an, ohne mich zu unterbrechen. Er fragte, ob er mir den Chauffeur schicken oder die Polizei informieren solle. Coiffeur? Das verstand ich nicht. Und auf keinen Fall die Polizei! Ich arbeite schwarz und bin in Bad Nauheim auch nicht gemeldet. Die Wohnung läuft über Zusanna. Alles sei gut, versicherte ich ihm. Ich wolle Herrn Bonetti nur warnen. Johann bedankte sich und legte auf. In was für seltsame Machenschaften war Herr Bonetti verstrickt? Beim Abendessen habe ich mit meinen Kolleginnen darüber gesprochen. Die meisten Herrschaften hätten Geheimnisse, versicherten sie mir, egal ob es Zahnärzte oder Politiker seien, Bankdirektoren oder Professoren. In jedem Haus gäbe es verschlossene Schränke oder ganze Zimmer, die man nicht betreten dürfe. Abgeschlossene Schubladen und passwortgesicherte Computer, Nervosität und dumme Ausreden. Bei uns zu Hause in Polen ist das anders. Wir haben keine Geheimnisse. Ich weiß genau, welche Nachbarn Säufer oder Arbeitslose sind. Und dort werde ich auch nicht von wildfremden Menschen nach irgendwelchen Schlüsseln gefragt.
P.S.: Aus dem Polnischen übersetzt von Milena Niemieckaja.
P.P.S.: "Schrank im Schaf" bekommen Sie in jeder Buchhandlung. Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich heute Nacht schon zwei Kilo abgenommen.
Morrissey – Every Day Is Like Sunday. http://www.youtube.com/watch?v=y7Gee3THtb8

Mittwoch, 24. September 2014

1992

Auszüge aus dem Notizbuch:
13. Januar, Schweppenhausen. Symbol des Jahres ist jetzt schon der bei seinem Japan-Besuch ohnmächtig in seinem Erbrochenen liegende amerikanische Präsident. George Bush hat am 8. Januar dem japanischen Ministerpräsidenten Miyazawa bei einem feierlichen Staatsbankett vor versammelter Mannschaft in den Schritt gekotzt und das japanische Fernsehen hat es live übertragen. (Anmerkung: Genau zehn Jahre später, am 13. Januar 2002, fällt sein Sohn, der ebenfalls George Bush heißt und inzwischen auch US-Präsident ist, im Weißen Haus in Ohnmacht, als er sich beim Fernsehen (American Football) an einem Stück Brezel verschluckt – wirklich nuuur Zufall? Beide Männer, Vater und Sohn, marschierten mit ihrer Soldateska im Irak ein – obwohl es zweihundert Länder auf der Welt gibt, die alle nicht amerikanisch genug sind – wirklich nuuur Zufall? Sushi, Brezel und Couscous – gibt es einen geheimnisvollen Zusammenhang? Die kulinarische Achse des Bösen gar?)
14. Januar. Eigentlich ist er ein netter Kerl, doch er hat sich durch den Satz „Als ich nach Hause kam, hatte meine Mutter einen Fleischwurstsalat gemacht“ für alle Zeiten unmöglich gemacht.
28. Januar. Seit Jahresanfang haben jetzt alle Produkte einen „grünen Punkt“. Was das helfen soll, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es nur ein ökologisches Face-Lifting der Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie. Sieht aber gut aus (erinnert an das Yin/Yang-Zeichen) und der Bürger merkt, dass was getan wird und ist beruhigt. Vielleicht sollte man überhaupt alle Waren grün gestalten, dann sieht die Müllkippe gleich viel freundlicher aus.
12. März. Schschschschschschschturm.
13. März. Makellos weiß das Blatt, die würdevolle Prozession der Buchstaben, eine unendlich lange Beerdigungsgesellschaft mit schwarzen Hüten und Mänteln, windet sich die Seite hinunter, während ich schreibe.
16. März. Unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der Authentizität hat sich in den vergangenen Jahren der Dilettantismus in das Kulturleben eingeschlichen. Leute, die nichts können und nichts zu sagen haben, kommen groß in Mode. Der Durchschnittsmensch sucht Durchschnittskunst, leichtverdauliche Kost mit einem Tupfer Nachdenklichkeit.
27. März, Wrangelkiez/Kreuzberg. Ich habe die Schule immer gehasst, da sich mich gezwungen hat, mich zu verstellen. Der Blick über den kleinen Schreibtisch aus dem Fenster zeigt eine Schule, der Pausenhof liegt unter mir und ich beobachte die so leicht zu durchschauenden Verhaltensweisen der Jugendlichen (Rangordnung und Balz als Kernthemen). In diesem eisigen Frühling zeigt sich Berlin von seiner schäbigsten Seite, überall nur hässliche Gesichter. Alles wirkt trist und müde. Im Winter, so hatte mich G. gewarnt, sei diese Stadt eine einzige Katastrophe.
28. März. Glücklich in meiner japanischen Stammimbissbude, Musashi auf dem Kottbusser Damm, Ente zu Mittag gespeist, jetzt wieder am Fenster. Draußen hagelt es tatsächlich und eine Katze, die eben noch majestätisch die kleine Mauer entlang spazierte, muss nun kläglich flüchten.
29. März. Eigentlich bin ich ganz froh, dass sich im Duell der Weltanschauungen die Gesellschaftsform der bürgerlichen Dekadenz mit all ihren Genüssen und ihrer Sinnferne durchgesetzt hat.
30. März. Es gibt kein „Davor“ oder „Danach“, was wir chronologischen Ablauf nennen, ist eine Täuschung. Alles ereignet sich jetzt in diesem Augenblick. Und während du noch an deinem Tisch sitzt, kämpfst du als französischer Revolutionär gegen die Monarchie und ringst im Mittelalter mit einer schweren Krankheit. Immer an sieben Fronten zugleich musst du stehen und die Feinde aller Zeitalter folgen dir bis in deine Stube.
26. April, Mainz. Es ist neun Uhr morgens und ich, der Tapferste der Tapferen, sitze seit etwa einer Stunde an meinem Schreibtisch im Eingangsbereich einer Tennishalle. Draußen vor dem Fenster steht ein abgekämpfter älterer Herr im strahlenden Sonnenschein dieses Sonntagmorgens und kippt eine Flasche Cola in seinen aufgeschwemmten Leib – die müde Karikatur eines Fernsehwerbespots. Er kommt in die Halle und fragt mich in bestem Landserdeutsch: „Und Sie halten hier die Stellung?“ Ich antworte: „Einer muss ja da sein.“ Bis heute Abend werde ich hier sitzen, denn heute bin ich ein Pförtner, kein Taugenichts, sondern eine Respektsperson. Meistens beschränken sich die Dialoge auf die üblichen Grußformeln und ich tue das, was ich am besten kann: nichts. In meinem Büro gibt es einen Computer, den ich nichts anfassen darf, und Tennisschläger, deren Handhabung mir fremd ist. Vorhin, um 8:55 Uhr hat mich doch tatsächlich ein Mann gefragt, ob er schon auf den Platz dürfe. Die Spielzeit beginnt jeweils zur vollen Stunde. In welchem Land ist so etwas möglich? Und während sich die vorbeiziehenden Wolken in den blitzblank gewaschenen Mittelklassewagen der Kundschaft spiegeln, steigt in mir die leise Lust auf, in die Umkleidekabine zu gehen und einem dieser feinen Herren gepflegt in die Sporttasche zu scheißen. Später feiert eine italienische Großfamilie in der Pizzeria über mir die Kommunion eines kleinen Mädchens. Es ist Mittagszeit, die Plätze leeren sich und die Kinder, die zur Feier eingeladen sind, fragen mich, ob sie hier spielen dürfen. Ich gebe ihnen alle Leihschläger und Bälle, die ich finden kann, und bald bevölkert eine bunte kreischende Horde die gesamte Tennishalle. Das kleine Mädchen kommt in seinem herrlichen weißen Seidenkleid in mein Büro und ich schenke ihr zwei Bälle. Wegen des kostbaren Kleides kann sie nicht auf den Platz, also spielt sie mit den Bällen im Flur. Ganz artig hat sie sich bedankt, ihr Lächeln gibt diesem lausigen verkauften Tag erst einen Sinn. Überraschend taucht der Hallenbesitzer auf. Er ist entsetzt über meine freimütige Vergabe von Schlägern im Wert von über 5000 DM, wagt aber nicht, in dieses wunderbare Chaos einzugreifen. Erst eine Woche später werde ich gefeuert.
8. Mai. Prinz Bauduin lagert sein geweihtes Haupt auf der kleinen, weich bemoosten Lichtung eines Buchenwäldchens. Olivfarbene Schößlinge mit kleinen muschelartigen Blättern, Sonnenstrahlen glitzern zwischen den Bäumen. Wir haben die Waldgeister beschworen, weißer Rauch quillt aus dem Orakelloch. Wir sind gerne in seinem winzigen Reich. Und es liegt jedes Mal woanders.
20. Mai. Phantasie: die uferlosen Ströme meiner Kindheit, die klaren Bäche meiner Jugend und das klägliche Rinnsal meiner Gegenwart.
21. Mai. Was an der ganzen Einwanderung dieser Tage so unerträglich ist, das ungebrochene Fortwirken der Nürnberger Rassengesetze, findet seinen Ausdruck in der Unterteilung nach reichsdeutschen Ankömmlingen wie Polen oder Russen, die allerdings den schriftlichen Nachweis eines arischen Blutanteils erbringen müssen, und reichsfremden Elementen, vorwiegend Asylsuchende aus der Letzten Welt, die in Lager gepfercht und später retourniert werden.
19. Juni. Der Ort Andanaro hat eine Attraktion, die seinen Namen weit in die Welt hinaus getragen hat. Hier gibt es eine Frau, die ständig schreit. Eines Morgens fing sie einfach an zu schreien und seitdem schreit sie, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung; keiner weiß, wie sie das macht. Die Bewohner des Ortes sind, wohl gequält durch den ständigen Lärm und den großen Verkehr der Schaulustigen, wenig gastfreundlich. Sie werfen die Speisen ihren Hunden vor und erst, wenn diese es partout nicht anrühren wollen, gibt man es den Gästen. Überhaupt herrschen hier raue Sitten und die Roheit der Männer ist sprichwörtlich. Fragt man die kleinen Jungen nach ihrer zukünftigen beruflichen Orientierung, schreien sie mit wutverzerrtem Gesicht „Terrorist“ und blicken dir trotzig in die Augen.
21. Juni. Die kommunistische Kernspaltung 1989 hat eine wahre Pandorabüchse unbekannter Völker geöffnet, deren ruhelose Geister nun durch den Raum schwirren. In diesen Monaten haben die Ausläufer dieses Spaltpilzes Jugoslawien und Mitteleuropa (Tschechien, Slowakei) erreicht, überall im alten Osten werden die Grenzen neu vermessen. Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert wird alles neu sortiert, zum ersten Mal ohne Weltkrieg, eine „kalte“ Neuverteilung am Ende eines unruhigen Jahrhunderts. Wahrscheinlich hätte die europäische Landkarte auch ohne Kriege, Kommunismus usw. am Ende genauso ausgesehen, das nennt man dann „Ironie der Geschichte.“
8. Juli. Die Rettung der Welt kostet nur einen Pfennig. Aber du hast mal wieder kein Kleingeld.
9. Juli. Wenn in diesem Jahr die fünfhundertste Wiederkehr von Cristobal Colons Landung auf einer karibischen Insel gefeiert wird, ehren die westlichen Nationen mehr als einen Mann. Als jener verlauste abgerissene Italiener an einen Oktobermorgen seinen Fuß auf amerikanisches Land setzt, hinter sich eine primitive Horde von Piraten, die alsbald mordend und brandschatzend einen ganzen Kontinent zerstören wird, siegt ein neuer Geist in der Weltgeschichte. Heute würde jene Reise allenfalls als schwerer Landfriedensbruch bewertet und bestraft werden. Was aber mit jenem Tag in den Lauf der Welt gebracht wurde, ist der unselige Trieb nach Entdeckung, nach Neuem, nach Veränderung. Man muß sich diese irrsinnige Horde nur vorstellen: Jahrhundertelang belästigen sogenannte „Entdecker“ fremde Völker, vermessen alles, geben jedem und allem nutzlose neue Namen und hinterlassen Fahnen. Noch am Anfang dieses Jahrhunderts zog ein gewisser Sven Hedin durch Tibet, fotografierte die Menschen und „entdeckte“ eine Kultur, die sich selbst schon ein paar tausend Jahre früher entdeckt hatte. Es ist peinlich, wie diesem perversen Geist einer aggressiven Selbstüberschätzung gehuldigt wird. Wenn diese Gesellschaft eines Tages den Bach hinunter gehen wird, dann liegt es an den unbezahlten Rechnungen der vergangenen fünfhundert Jahre.
19. Juli. Das Land, in dem die Sonne mit dem Regen zusammenlebt. Blitz und Donner hüten die Schafe, der Sturm beschützt die Kinder, Hagel und Schnee stricken Strümpfe.
22. Juli. Mit Gesang und Weihrauchopfern huldige ich fortwährend den Göttern. Es soll in China schon mal ein größerer Faulpelz gelebt haben.
23. Juli. Anfangs sieht alles groß und geheimnisvoll aus, doch dann merkst du, wie gewöhnlich es ist. Es sind nur wenige Seiten, die noch unbeschrieben sind.
25. Juli. Sicherlich sind die Umstände des Folgenden etwas merkwürdig und wissenschaftlich ist das Gebiet wenig erkundet. Dennoch muß ich heute davon schreiben, es geht um meinen rechten Zeigefinger. Immer, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht oder mich ein schwieriges Problem beschäftigt, fängt dieser Finger an zu leuchten. Es ist das prachtvolle Rot der Waldhimbeeren und sogar nachts glimmt seine Haut feurig in der Finsternis. Je verbissener ich nachdenke, desto stärker leuchtet er. Erst wenn alles vorbei ist, beruhigt sich der strahlende Zeigefinger, wie überhaupt meine Hände und die Augenlider wieder zur Ruhe finden.
26. Juli. Zu weit ist manchmal nicht weit genug.
27. Juli. Reden ist Silber und Schreiben ist Gold.
6. August. Die Welt rümpft die Nase, seit der eiserne Deckel von Europa gehoben wurde. Blutgeruch steigt auf, Rassismus, Nationalchauvinismus, „ethnische Säuberungen“. Plötzlich dringen menschliche Schreie durch den dicken Eispanzer der Konferenzberichte und Presseerklärungen, direkt aus unserer Mitte.
8. August, Berlin. Über der Stadt tobt zornig ein Gewitter und euer Held sitzt glücklich in Unterhosen in seiner leeren Berliner Wohnung. Die Matratze liegt in der Ecke, ansonsten bilden ein Camping-Tisch, zwei Klappstühle und eine Stehlampe das einzige Inventar des großen Zimmers, das von der flugs installierten Stereoanlage mit freundlichem Lärm gefüllt wird. Morgen ist Sonntag und ich werde ihn geruhsam mit einer Zeitung im Bett verbringen, bevor ich mir die Stadt Untertan mache. Und dann stehe ich wieder auf dem Dach, während mein malvenfarbenes Cape mich umflattert.
9. August. Heute habe ich die Größe Mallorcas berechnet, falls Deutschland je 50 Milliarden Einwohner haben sollte. Fazit: Sehr groß!
12. August. Ein paar Tiere und viele Pflanzen in die Wohnung, dann die Tür zu. Warum bauen sich so viele Leute ihre private Arche Noah?
22. September. So habe ich mir das Leben in der Großstadt immer vorgestellt, und so ist es auch tatsächlich an manchen Tagen: Im griechischen Restaurant „Mykonos“ im Haus gegenüber, in dem ich regelmäßig zu speisen pflege und an dem ich kurz zuvor noch auf dem Weg zur Tankstelle (die für mich immer eine doppelte Bedeutung hat) vorbei gekommen bin, sind letzten Donnerstag vier kurdische Politiker erschossen und der persische Wirt schwer verletzt worden. Ich hörte die Schießerei zwar nicht, weil ich gerade Frank Zappa lauschte, aber ich sah die Attentäter vom Küchenfenster (ich wollte mir gerade ein neues Bier aus dem Kühlschrank nehmen) aus dem Lokal rennen und in einem schwarzen Mercedes davon fahren. Kurze Zeit später versuchten zwei eintreffende Streifenpolizisten, die Augenzeugen am Weglaufen zu hindern. Bald darauf kamen zahllose Rettungs- und Polizeifahrzeuge, die ganze Straße stand voll, und nach etwa einer Stunde Sirenengeheul und blechernem Funkgeplapper trugen Sanitäter die ersten Opfer hinaus. Am nächsten Morgen klingelte die Kripo um acht Uhr bei mir, sie verhörte alle Anwohner. Zwei Stunden später stand der Reporter der „Berliner Morgenpost“ vor der Tür, er interviewte und fotografierte mich. Und so landete ich als „Der Augenzeuge“ in der Samstagsausgabe und wurde in meinem Viertel für einige Tage zum Promi. Auf dem Weg zur Post lief zum Beispiel ein Ehepaar an mir vorüber, kaum wähnte man mich außer Hörweite, fragte die Frau: „Ist er das nicht?“ Ihr Mann antwortete: „Doch“. Und im Supermarkt starrte mich eine ältere Frau richtig fassungslos an, als sie mich erkannte. Am Tag nach dem Blutbad waren etliche Fernsehteams und andere Journalisten unten auf der Straße, das Haus war von den Medien regelrecht belagert. Die gegenüberliegende Straßenseite wurde abgesperrt und militärisch bewacht, vermutlich Bundesgrenzschutz. Ein Überlebender wurde von einer Horde Reporter verfolgt. Er schob sein Fahrrad langsam den Gehweg entlang und redete, die Meute lief wie ein Rudel junger Hunde um ihn herum. Im Laufe des Tages wurden Kränze und schwarz umrandete Bilder gebracht, eine Solidaritätsdemonstration fand statt und über Megaphon verlasen die Kurden ihre Forderungen an die Bundesregierung.
29. September. Irgendeine Macht hat dich dazu beauftragt, irgendetwas zu tun. Deine Frage nach dem Grund kaufen sie dir jeden Monat für ein bisschen was zu fressen ab.
30. September. Direkt vor meinem Fenster im dritten Stock turnt ein Mensch im Baum herum. Es ist früher Morgen, ich setze mich an den Schreibtisch und dort sehe ich ihn, wie er Zweige und Äste abtrennt. Bei jedem möchte ich ihm zurufen: „Halt! Der war doch noch gut.“ Eben hat er herüber gesehen. Vielleicht fragt er sich, was ich hier schreibe, einen wichtigen Geschäftsbrief oder sonst etwas von Bedeutung. Dabei schreibe ich die ganze Zeit über ihn selbst. Er ist etwa in meinem Alter und muss von der hydraulischen Hebebühne, die unter ihm schwebt, in diesen Wipfel geklettert sein. Die Taube, die mir gegenüber im Geäst wohnt, ist erschrocken davon geflogen. Doch es sieht schon fast majestätisch aus, wie er – nicht mehr in Griffweite des Stammes – breitbeinig wie ein Fischer in seinem Kanu auf einem Ast steht und mit einer Sichel, die an einer langen Stange befestigt ist, nach einem unbekannten und geheimnisvollen Plan Teile des Baums heraus schneidet. Wie die Arbeiter, die neulich auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses zu sehen waren: heimliche Akrobaten, stille Künstler.
15. Oktober. Etwas fehlt mir. Vieles fehlt natürlich und es ist begreiflicherweise schwer, den vermissten Gegenstand genau zu beschreiben. Er könnte länglich sein, aber er ist sicher nicht schwer. Wie hätte ich ihn sonst tragen können? Seine Farbe ist unbestimmt, mal denke ich an ihn in Schwarz, mal in Weiß. Er fühlt sich, das ist das Ergebnis umfangreicher Überlegungen, weich an. Keine harten Kanten, keine Ecken. Manchmal kommt es mir vor, meist am Abend, als könne sich dieser Gegenstand bewegen. Dann muss ich oft lachen. Ist das nicht unmöglich? Viel wäre noch zu sagen. Dass ich dieses Ding schon lange suche, dass ich es brauche. Dass ich ihm täglich nachsinne, dass ich es nicht begreife. Es bleibt mir nur, jede Erinnerung daran sorgsam zu konservieren, keinen der kostbaren Tropfen zu verschütten, die ich in mir trage.
13. November. Sein Schweigen war berühmter als die Reden vieler.
P.S.: Im August bin ich von Schweppenhausen nach Berlin gezogen, den Winter habe ich wieder in Schweppenhausen verbracht.
Digital Underground – Humpty Dance. http://www.youtube.com/watch?v=cj9_yW8tZxs

Dienstag, 23. September 2014

Fundstück der Woche Reloaded

Es ist nicht zu fassen: Ich finde noch ein paar BASF Chromdioxid Musikkassetten, original in Plastikfolie eingeschweißt. Das war in meiner Jugend eine Art Währung wie amerikanische Zigaretten in der Nachkriegszeit. Die Teile müssen dreißig Jahre alt sein. Damals hat man sich Schallplatten von Freunden ausgeliehen und auf seiner Stereoanlage auf Kassette aufgenommen. Oder du hast sie jemandem mitgegeben und einige Tage oder Wochen später mit Musik zurückbekommen, die dir gefallen hat oder die jemand anderem gefallen hat, der gehofft hat, dass sie dir auch gefallen würde. Ich weiß gar nicht, ob die Kassetten noch brauchbar sind. Gibt es da ein Mindesthaltbarkeitsdatum? Aber ich wüsste auch nicht mehr, welche Handgriffe ich machen müsste, um eine Kassette zu – bespielen, mit Musik zu füllen? Welche Worte hat man damals eigentlich benutzt? Sagte man: „Ich überspiele das auf Kassette“ oder täusche ich mich da?
Der Kassette beigelegt waren zwei Aufkleber, die auf die beiden Seiten der Kassette geklebt wurden und die den Titel der LP oder den selbstgewählten Titel deines persönlichen Mix enthielten. Es gab Musiksammlungen auf zweimal fünfundvierzig Minuten (die zwei Seiten einer handelsüblichen Neunzig-Minuten-Musikkassette), die nur für Autofahrten gedacht waren, nur für eine bestimmte Frau, nur für eine bestimmte Stimmung, oder die nur auf eine bestimmte Musikrichtung oder ein Zeitalter beschränkt waren. „Der ultimative 80er-Mix“ oder der „Turn on, tune in, drop out-Mix“. Die Kassette war in einer aufklappbaren Kunststoffbox, die ein unbeschriebenes und liniertes Stück Pappe enthielt. Hier hat man die Namen der Lieder handschriftlich eingetragen und manchmal habe ich auch mit Kugelschreiber ein Bild auf diese Fläche gemalt, um meinen Kassetten ein individuelles „Coverdesign“ zu geben, wie man es von Schallplatten kannte.
Musikkassetten kosteten damals drei oder vier Mark, eine brandneue Schallplatte um die fünfzehn Mark. Es gab dir die Möglichkeit, deine Plattensammlung günstig zu erweitern. Zwei Platten passten auf eine Kassette – und man konnte die Musik im Zweifelsfall immer wieder mit einer anderen Platte überspielen. Die neuesten Hits hat man sich auf diese Weise aus dem Radio gesaugt, getauscht und später wieder gelöscht. Mit dem Internet ist alles noch viel einfacher geworden. Die Musikkassette aus den 1980er Jahren, die ich gerade in der Hand halte, ist wie ein Faustkeil aus der Steinzeit.
P.S.: Schlagzeile des Tages: „Friedensnobelpreisträger zieht in den Krieg“.
John Lee Hooker - One bourbon, one scotch, one beer. http://www.youtube.com/watch?v=BIvka3SSv9Y

Gelehrte Kreise (1988)

Ich will Wissenschaftler werden. Darum übe ich jeden Tag ein paar Stunden. Zu diesem Zweck lade ich die bedeutendsten Wissenschaftler der Welt zu mir ein. Der Halbkreis mit meinen wenigen Stühlen ist schnell aufgebaut. Ich nehme Platz und beginne, die gelehrten Herren etwas zu fragen und sie in ein Gespräch zu verwickeln.
Heute bin ich ziemlich lustlos und weil Sonntag ist, frage ich den Professor Habermas, jenen schiefmäuligen Kritikaster aus Frankfurt, was er von der gegenwärtigen Entwicklung in der Fußballbundesliga halte. Ich persönlich sei von einem Zweikampf wie in der guten alten Zeit – Gladbach gegen Bayern – ausgegangen, was er nach dem gestrigen Spieltag dazu meine. Trotz längerem Nachdenken keine nennenswerte Reaktion, nur Gegrummel und gelegentliches Schulterzucken. Ich werfe ihn schließlich raus.
„Herr Platon, was sagen Sie dazu?“ Typisch, Chips und Salzstangen fressen, das können sie. In den Arsch treten sollte man die ganze Brut! Demnächst wieder mehr von hier, wo sich die berühmtesten Köpfe der Menschheit zu treffen pflegen.

Montag, 22. September 2014

1991

Auszüge aus dem Notizbuch:
7. Januar, Bad Kreuznach. Die Giftgasfabriken und Rüstungsbetriebe im Irak sind mit Hilfe deutscher Spezialisten immer noch in Betrieb, aufgrund des Devisenmangels arbeiten sie für Gold. Es ist die Zeit der Raffer, Gierschlünde und Demagogen. Über einen itzo drohenden Golfkrieg nebst Weltenbrand mache ich mir im Gegensatz zu meinen aufgeregten Zeitgenossen keine Gedanken. Selbst wenn deutsche Truppen schiffsladungsweise in ein mögliches Gefecht geschickt werden, um womöglich jämmerlich an einem deutschen Zyklon B-Nachfolgeprodukt zugrunde zugehen – wer ist es denn, der stirbt? Ein Haufen Wet-Gel-gestylter hirnloser CDU-Yuppies, die sich bei der Bundeswehr ihre feuchten Gewaltvideoträume verwirklichen wollen, und denen ein großes hässliches Loch in ihre ansonsten knitterfreie Biographie geschossen wird. Disco-Heinis, Manta-Fahrer und Karriere-Schweine – schade um keinen von ihnen. Selbst schuld, Krieg ist das Handwerk des Soldaten.
12. Januar. Sicher hat sich schon jeder vernünftige Mensch einmal gefragt, warum er nicht Herrscher der Welt ist. So auch ich.
22. Januar. Zerstreuung. Was für ein herrliches Wort! Man möchte die deutsche Sprache dafür mitten auf den Mund küssen. Ich sehe mich förmlich über das Bett verteilt liegen, gelungener Mittwochvormittag, dazu Mozarts Salzburger Sinfonien. „Rest des Nachmittags: faul und bösartig. (Wie Gott vor der Schöpfung)“, Arno Schmidt: Brand’s Haide.
27. Januar. Mainzer Allgemeine Zeitung: „Wackernheim – Der Kreppelkaffee der Arbeiterwohlfahrt, der für Sonntag vorgesehen war, ist wegen des Golfkriegs abgesagt worden.“ Wer hatte grundlos einen Krieg gegen die armen leidgeprüften Bauern dieses rheinhessischen Dörfchens entfesselt? Es geht mal wieder gegen die heidnischen Muselmanen, gegen heimtückische Sarazenen, denen wir das Heilige Land unseres neuen Glaubens entreißen müssen. Nova Bethlehem ist eine gigantische Ölfontäne, um sie herum ragen Bohrtürme wie Kathedralen in den Himmel. Wehe dir, Satan Hussein, dass du die Auserwählten versucht hast, dass du wider den Stachel gelöckt hast! Nun befreien die himmlischen Heerscharen der Christenheit, an ihrer Spitze reitet der noble Sir George „Eisenherz“ Bush, Herr über die Neue Welt, endlich Kuwait-City, Nova Jerusalem. Dem Dieb von Bagdad bleibt nur das bittere Gift der Niederlage. Es wird ein gerechter Sieg nach einem gerechten Krieg sein. Ein heiliger Sieg. Sieg Heil! Weitere Zeitungsmeldung: „Augsburg – Das Marionettentheater ‚Die Augsburger Puppenkiste‘ hat ‚Aladin und die Wunderlampe‘ von seinem Spielplan abgesetzt. In dem Stück, das in Bagdad spielt, sei mehrfach die Rede vom ‚guten und großzügigen Herrscher von Bagdad‘. Außerdem werde des öfteren Allah angerufen. Beides sei in der augenblicklichen Lage ‚nicht passend‘, hieß es von der Spielleitung des Marionettentheaters. Jetzt spielt man ‚Dornröschen‘.“
8. März. Wenn man sich das nationale Pathos betrachtet, mit dem die Amerikaner in ihren Kreuzzug um die Ölquellen Arabiens gezogen sind, finde ich die deutschen Patriotismusversuche richtig goldig. Wie feiert der Deutsche, wann freut er sich? Erstens an Silvester, mit Sekt und Knallfröschen, zweitens beim Volksfest, mit Bockwurst und Bier, drittens beim Karneval und viertens, wenn die Fußballnationalmannschaft Erfolg hat, wie beispielsweise im letzten Jahr. Und darum waren auch die Feierlichkeiten zur deutschen Einheit eine Kombination aus allem: ein bisschen Silvesterfeuerwerk, ein bisschen Volksfest, ein bisschen Weltmeisterfeier, nebenbei noch ein wenig Staatsakt auf dem Niveau von „Bürgermeister krönt Weinkönigin“. Neudeutsche Harmlosigkeit am Rande der Lächerlichkeit, die wohl niemand um den Schlaf bringen wird.
21. März. Die Elefanten hätten womöglich mehr aus ihren Talenten machen können, wenn sie nicht einige Millionen Jahre Evolution bei dem komplizierten Versuch vergeudet hätten, ausgerechnet aus ihren Nasen Greifwerkzeuge zu machen. Darum stehen sie heute im Zoo auf der falschen Seite des Gitters.
16. April, Berlin. Auf der Oranienstraße sehe ich den ultimativen Punk. Er ist etwa zehn Jahre alt, sitzt auf einem dieser grauen Verteilerkästen am Straßenrand und unterhält sich gerade mit seinem Kumpel. Schwarze Nietenlederjacke, knallrote Irokesenfrisur, das Gesicht zieren eine riesige Sonnenbrille und die obligatorische Sicherheitsnadel. Als ein typischer Berliner Doppeldeckerbus vor ihm hält, spuckt er aus vollem Halse gegen dessen Seitenscheibe (ich sehe das entsetzt zurück zuckende Gesicht einer alten Frau trotz der störenden Spiegelungen), hebt den Mittelfinger und sagt „Scheiß Busse!“ Dann unterhält er sich seelenruhig weiter. Das wird mal ein zweiter Sid Vicious!
19. April. In einem expandierenden Universum kann man sich im Prinzip nur voneinander entfernen.
21. April. Mein Lieblingstier ist die Amöbe. Sie mag auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirken, oft sogar regelrecht unsichtbar. Man kann sie weder streicheln, noch auf den Schoß nehmen oder anleinen, um mit ihr Gassi zu gehen. Auch wird ihr nachgesagt, sie übertrage die Ruhr. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wer hat denn heute noch die Ruhr? Und Ruhr ist ja anundfürsich nichts schlechtes, man denke nur an das Ruhrgebiet. Niemand mag die Amöbe, aber sie wird noch bei uns sein, wenn andere Lieblingstiere wie Pandabär und Tiger längst ausgestorben sind.
1. Mai. Auf meiner Straße in Kreuzberg hat sich eine etwa zweihundert Mann starke Gruppe bewaffneter Ordnungskräfte zusammengerottet. Ich gehe verwundert zur Tankstelle am Ende der Straße, die mit Stellgittern eingezäunt ist. Auf dem Gelände sind vergitterte „Wannen“ der Polizei im Halbkreis aufgebaut, hier hat sich die Polizei wie in einer Wagenburg verschanzt.
15. Mai. Im Theater, ein kulissenloses Einpersonenstück vor kleinem Publikum: Der Hauptdarsteller lamentiert, schreit und gestikuliert fast zwei Stunden lang, schnauzt die Zuschauer an und stößt sie von den Stühlen, während er zwischen ihnen umher läuft. Eine Frau bewirft er mit den Innereien eines toten Fischs, den er bei sich trägt. Nach der Pause kommt er mit einer Flasche Schnaps zurück, gießt jedem Besucher ein Glas ein und trinkt die verbliebene halbe Flasche in einem Zug leer. Daraufhin erhält er spontan Applaus. G. sagte mir, der Schauspieler könne nur dieses eine Stück spielen und tingle damit seit etlichen Jahren durch die Lande.
16. Mai. Annonce im Stadtmagazin Zitty: „Dominanter Rollstuhlfahrer (31) sucht vollbusiges knackärschiges vulgäres Girl, die ihn im Badezimmer abspritzt und der er anschließend über die Beine fahren kann. Soweit es mir möglich ist, stelle ich mich auch mal auf deine Wünsche ein, ohne Gummi läuft jedoch nichts. Chiffre.“
19. Mai. Hunde haben keinen Zutritt, Schweine bitte zur Ehrenloge.
22. Mai. Die Sonne schien hell und der Schweinemensch tappte unbeholfen auf seinen kurzen Beinen durch den Park. Er trug einen weiten dunklen Overall, unter dem sich sein massiger Körper verbarg. Echte Menschen spielten auf den Wiesen, sorglos lachend und lärmend. Eine dumpfe Sehnsucht befiel ihn und er blieb an einem Teich stehen, um sein Gesicht zu betrachten. Der furchtbare Rüssel und die spitz aus dem Haargewirr hervor schauenden Ohren verrieten ihn als niedere Kreatur, als bloße Züchtung der Konzerne. Über die gnadenlose Selbstverwertung des Menschen war viel geschrieben worden, im 22. Jahrhundert war man zur Selbstverwurstung übergegangen. Eine unüberschaubare Masse von Rinder- und Schweinemenschen hatten den echten Menschen von allen einfachen Arbeiten befreit, gezüchtete Monstren ohne Hoffnung oder Rechte. Die höheren Aufgaben wurden von autonomen Computerterminals bewältigt, die echten Menschen waren auf dem besten Wege, sich selbst überflüssig zu machen.
„Was hast du hier im Park zu suchen?“ Eine barsche Stimme, der Schweinemensch drehte sich um. Er grunzte verlegen, murmelte eine Entschuldigung und trippelte davon. Auf der Straße erschrak er, als er die große Uhr sah. Natürlich, er mußte ja in die Fabrik. Wo war er nur mit seinen Gedanken? Es hatte ja doch keinen Sinn, auf der ganzen Welt gab es Fabriken. Überall würde ein Messer und eine Knochensäge auf ihn warten, mit denen er zwölf Stunden lang Rinderhälften zerlegen mußte. Arbeiten, bis die Sirene die Schicht beendet. Arbeiten, bis er eines Tages nicht mehr konnte. Dann würde er die Fabrik nicht mehr verlassen.
10. Juni. Yu No, der Herzog von Bla, suchte den weisen Yu Li auf, um ihn in einer heiklen Staatsangelegenheit um Rat zu Fragen. „Was, werter Meister, soll die Grundlage meines Handelns sein?“ frug ihn der verzweifelte Fürst. Da antwortete der Alte vom Berge: „Unser Leben ist endlos, das Wissen um das Leben ist aber noch unendlich viel endloser als alles, was Ihr Euch vorstellen könnt. Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Mit diesen Worten entschwand er, um sich zu erleichtern. Als Yu Li zurückkehrte, sprang Yu No auf und lief hinter den Busch, den der Meister gewählt hatte. „So riecht also Philosophenscheiße“, rief er und fuhr zurück in seinen Palast. Sein Reich wurde in der folgenden Schlacht vernichtet.
4. Juli. Abendspaziergang an den Kanalufern. Hier zwischen den Welten hat sich eine für Großstadtverhältnisse geradezu überraschende Naturidylle erhalten. An ihren Rändern eine vergessene, halb überwucherte Industrielandschaft. Verfallene Fabrikruinen aus rotem Backstein ragen wie verwunschene Märchenschlösser aus dem Grün. An der Schilling-Brücke eine mittelalterliche Szene: in Bretterwagen wohnen bunte Gestalten, Ziegen grasen friedlich, die Hunde springen herum, Lagerfeuer, über allem der funkelnde Fernsehturm als ironischer Kontrapunkt. Ich spaziere weiter. Am Ufer ist es wunderbar ruhig, Schwäne lassen sich über das Wasser treiben und ein Taxi brummt zufrieden über das Kopfsteinpflaster. Menschen liegen auf den Uferwiesen und genießen die Dämmerung. Ich setze mich auf ein Geländer und ruhe mich ein wenig aus. Die Stadt ist wirklich eine Landschaft. Nicht nur eine steinerne Landschaft, die es wandernd zu entdecken gilt, sondern eine natürliche Landschaft mit vielen reizvollen Winkeln. Auf dem Rückweg durch den Görlitzer Park ist die Silhouette meiner Straße in dottergelbes Licht getaucht, schwarz und ruhig liegen die Häuser vor mir. Die Lichter der Kirche am Lausitzer Platz leuchten rot in der Ferne. Im Vergleich zur großzügigen Uferlandschaft wirkt der Park spielerisch. Eine winzige Brücke, das schmale Tor und schon bin ich heimgekehrt.
17. September, Schweppenhausen. Bestimmt benehmen sich alle Leute ganz albern, wenn sie allein sind. Dann schneiden sie Grimassen, springen herum, lachen, tanzen, pfeifen und bohren ungeniert in der Nase – kurzum: sie benehmen sich ungezwungen und natürlich. Zivilisation ist daher einfach die Unfähigkeit, gemeinsam normal zu sein. Da muss man sich über die vielen unglücklichen, kranken und aggressiven Menschen nicht wundern.
9. Oktober. Geplanter Titel meiner Autobiographie: „Wunderbare Reisen zu Lande, zu Wasser und in der Luft, Raubzüge und lustige Abenteuer des Matthias Eberling, wie er dieselben bei der Flasche im Kreise seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt.“
31. Oktober. Seltsam melancholische Tage, die ganze Woche habe ich unentschlossen im Bett verbracht. Die Tage sind grau und dunkel. Zu Zeiten, zu denen ich vor wenigen Wochen noch im Freien Kaffee und Bier zu trinken pflegte, hasten nun erloschene Gesichter durch die Finsternis. Alles ist kalt und traurig, unendliche, kaum vorstellbare Zeitwüsten trennen mich vom nächsten Sommer. Erinnerungen, vergessen geglaubte Bilder; ein unsichtbares Band zwischen all den Momenten der Traurigkeit bis zu diesem Augenblick. Ein flaues Gefühl im Magen, eine unbestimmte Ahnung, eine ziellose Sehnsucht. Ich könnte für immer hier liegen bleiben.
4. November. Künstler sind die Nervenzellen eines stählernen Automaten.
6. Dezember. Mainzer Allgemeine Zeitung: „Büdesheim – Als Hilfe für die Kriegsopfer in Kroatien findet am Sonntag, dem 8. Dezember, ab 15 Uhr in der Turnhalle in Büdesheim ein bunter Nachmittag statt.“
P.S.: Im April bin ich von Bad Kreuznach nach Berlin gezogen, im August von Berlin nach Schweppenhausen.
Sigue Sigue Sputnik – Love Missile F1-11. http://www.youtube.com/watch?v=pk30a0qsVIk

Sonntag, 21. September 2014

Fundstück der Woche

Was man in diesem Haus nicht alles findet: Das amtliche Jahrbuch des Deutschen Tennis-Bundes von 1952. Es beginnt mit Werbung für Beck’s Bier: „Ein Meisterstück deutscher Braukunst. Seit 1873 auf dem Weltmarkt und auch heute wieder führend im Export nach Übersee. Golden im Glas und perlend wie Sekt, durstlöschend begeistert es die Pflanzer in der Südsee, die Arbeiter in den Minen am Kongo und die Baumwollpflücker im Sudan.“ Wahre Poesie! Und das Buch endet mit Werbung für Henkell & Co Sektkellereien in Wiesbaden: „Henkell Natur 1942er: Spitzenerzeugnis des Hauses. Ausschließlich aus erlesenen Champagne-Weinen des Jahrgangs 1942 hergestellt. Herbrassiger, edler Sekt von großem Format und höchster Eleganz.“ Damals hat die Champagne noch zu Deutschland gehört. Im Textteil heißt es dann: „Ein unendlich schwerer Weg liegt hinter uns. 1945 lag der Tennissport völlig darnieder. Die Vereine waren verboten, viele Anlagen zerstört und beschlagnahmt. Es gab keine Bälle, keine Schläger, keine Bekleidung und hinzu kam die wirtschaftliche Not.“ 1951 konnte man immerhin wieder am Davis-Cup teilnehmen und feierte „eines der erfolgreichsten Jahre des deutschen Tennissports.“ 1881 wurde in Baden-Baden der erste deutsche Tennis-Club gegründet.

1990

Auszüge aus dem Notizbuch:
15. Januar, Ingelheim. Was wäre eigentlich, wenn Gorbatschow (wie sich vielleicht im Jahre 2010 herausstellen wird, wenn alles vorbei ist) in Wirklichkeit ein CIA-Agent wäre? Jahrzehnte vor seinem Amtsantritt angeworben, einer unter vielen, um die sowjetische Nomenklatura von innen heraus zu zerstören? Hat der amerikanische Geheimdienst eventuell von den „68ern“ und ihrem „Marsch durch die Institutionen“ gelernt und unter den jungen aufstrebenden Bürokraten sogenannte „Schläfer“ installiert, Agenten also, die nicht für minderwertige Informationsbeschaffung verschlissen, sondern unauffällig, durch Protektion bereits angeworbener Amtspersonen, in den Apparat eingeschleust werden, um später in ihrer finalen Position den Interessen der US-Junta zu dienen?
18. Februar. Vitamine? Tomaten-Ketchup ist mein Gemüse – und ich mag diesen Traubensaft für Erwachsene.
2. März, Berlin. Die Mauer ist ganz pockennarbig und an vielen Stellen schon baufällig. Das Stück zwischen Brandenburger Tor und Landwehrkanal ist schon bis zum Reichstag eingerissen. Touristen aus aller Welt tänzeln über die unsichtbar gewordene Grenze. Vor dem Brandenburger Tor gibt es zwei Fußgängerdurchgänge, so dass man, wie es die meisten tun, durch die rechte Kontrolle zum Tor kommt, dort ein bisschen herumspaziert (die „Rückseite“ der Mauer ist ebenso angeknabbert und bemalt, allerdings ungleich zaghafter als die West-Seite) und dann gleich durch die linke Kontrolle wieder zurück nach West-Berlin geht. Auf der West-Seite: Touristenmassen, Jahrmarktstimmung, direkt an der Mauer werden besonders schöne Bruchstücke derselben feilgeboten. Oben auf der Mauerkrone stehen Touristen und fotografieren sich gegenseitig in der revolutionären Pose des Freiheitskämpfers, mit gereckter Faust und gen Himmel blickend.
4. März. Eisenhüttenstadt, 1951 als Stalinstadt gegründet, ist die hässlichste Stadt der Welt. Vergeblich sucht man nach einem Stadtkern – nur endlos gleichförmige Mietskasernen und Wohnsilos, dazwischen die Hochöfen. Die Luftverschmutzung ist unglaublich, man schmeckt den Dreck auf der Zunge und spürt ihn in der Lunge. Alles ist mit Staub überzogen, alles ist staubfarben. In einer Kneipe auf dem Ku’damm habe ich neulich einen Mann gesprochen, der hier aufgewachsen ist. Seine halbe Verwandtschaft sei schon an Krebs gestorben. Ansonsten vermittelte er mir das typische Bild der Zukunftsangst, das viele „Zonis“ momentan abgeben.
2. April, Bad Kreuznach. Wenn man es sich recht überlegt, ist doch jede Stunde, die man gefaulenzt hat, auf das Sinnvollste verwendet worden. All die Zeitschätze, die er dem Imperium der Vernunft vorenthalten und freudig verschwendet hatte. Keine Minute mochte er missen, die er auf dem Bett liegend oder aus dem Fenster starrend in den Augen anderer vergeudet habe. All die Traumfetzen der zahllosen Nickerchen, all die zufriedenen Grunzer der Behaglichkeit nach einem guten Essen, all das gedankenverlorene Dösen vor dem Fernseher, all die gemütlichen Zeiten der Müdigkeit und der Melancholie. Der süße Zauber vollkommener Untätigkeit ...
23. Mai. Ob ich gestern getrunken habe, möchtest du wissen? Ja, ich habe getrunken, in langen gleichmäßigen Zügen habe ich getrunken, dazwischen kurze heftige Schlucke, die winzigen Gläser, du weißt, dazu immerfort neue riesige Krüge, ich habe maßlos getrunken, fast könnte man sagen, ich habe gesoffen, ein immer währendes Trinken war an diesem Tage, ich wachte schon mit einem unbändigen Durst auf und begann gleich zu trinken, Eimer und was ich an anderen Gefäßen fand, füllte ich und trank, trank, bis mühsam der erste Durst gestillt war.
26. September, Mainzer Allgemeine Zeitung. „Rehborn – Anlässlich des Feiertags (Tag der Deutschen Einheit) am Mittwoch, 3. Oktober, wird vom Gemeinderat um 11 Uhr auf dem Turnplatz eine Linde gepflanzt.“ Für den 21. November ist ein Länderspieltermin zwischen Weltmeister Deutschland und der Auswahl der dann nicht mehr existenten DDR in Leipzig im Rahmen der EM-Qualifikation geplant, doch der Vorverkauf läuft nur schleppend. Es wird schließlich abgesagt, die DDR zieht sich aus der EM-Qualifikation zurück.
2. Oktober. Nun ist es also bald soweit, noch wenige Stunden bis zur Wiedervereinigung. Seit den frühen Morgenstunden werden Feuerwerkskörper an Bundesbürger mit Ariernachweis ausgegeben. Ich blicke von meinem Fenster hinunter auf den Marktplatz, das Fieberbarometer dieser Welt. Es werden Bierstände aufgebaut, man trägt Tische und Bänke herbei, an den Häusern schwarz-rot-gold. „Glück und Segen Deutschland!“ ist die Schlagzeile der Bild-Sonderausgabe. Werden sich hier heute Nacht ähnliche Szenen abspielen wie beim Gewinn der Fußball-WM im Sommer? Oder wird es sogar noch ärger, als es jener Autokorso von rotgesichtigen Säufern und grölendem Pöbel ohnehin schon war?
1. November. Das Faulsein ist die einzige Philosophie, die im Angesicht der Weltkatastrophe ihren praktischen Wert beweist.
P.S.: 1990 bin ich von Ludwixhafen nach Bad Kreuznach gezogen.
Tommy James & The Shondells – Hanky Panky. http://www.youtube.com/watch?v=bsgKZb9jQ1s