Sonntag, 15. Mai 2016

Schopenhauer

Die Lehre Schopenhauers hat in der Gegenwart schon darum Bedeutung, weil sie unbeirrbar die Götzen denunziert.” (Max Horkheimer)
„Beim Lesen begreife ich nicht, wie sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt nur eine Erklärung, dieselbe, die er so häufig wiederholt, dass es fast nur Idioten in der Welt gibt.“ (Leo Tolstoi)
Es ist ein schmales Bändchen, das ich neugierig aus dem Bücherregal ziehe: „Schopenhauer für Boshafte“. Auf dem Vorblatt lese ich die Widmung des Herausgebers: „Hier nochmal knapp und kompakt, weshalb vom Leben nicht viel zu erwarten ist. Alles Gute zum 40. und weiterhin von Deinem Freund N.“
Vor zehn Jahren ist das Buch erschienen und noch immer sitze ich mit jenem Schopenhauerianer bei Bier und Schweinsbraten, um die Lage der Welt zu erläutern. Selbstverständlich ist alles schlimmer geworden. Wer Schopenhauer liest, weiß es – alle anderen sind jeden Tag wieder aufs Neue überrascht. Aber die Schriften des großen Philosophen dienen uns noch heute als geistige Apotheke. Hier einige Zitate, die unsere Gegenwart ebenso illustrieren wie alle anderen Zeitalter des Menschengeschlechts:
„Der Mensch ist im Grunde ein wildes entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt; daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur.“
„Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben als die Erkenntnis, dass wir besser nicht da wären.“
„Man versetze dieses Geschlecht in ein Schlaraffenland, wo alles von selbst wüchse und die Tauben gebraten herumflögen, auch jeder seine Heißgeliebte alsbald fände und ohne Schwierigkeiten erhielte. – Da werden die Menschen zum Teil vor Langerweile sterben oder sich aufhängen, zum Teil aber einander bekriegen, würgen und morden und so sich mehr Leid verursachen, als jetzt die Natur ihnen auflegt.“
„Man sehe sie doch nur einmal darauf an, diese Welt beständig bedürftiger Wesen, die bloß dadurch, dass sie einander auffressen, eine Zeitlang bestehen, ihr Dasein unter Angst und Not durchbringen und oft entsetzliche Qualen erdulden, bis sie endlich dem Tode in die Arme stürzen.“
„Ein großer Teil der Kräfte des Menschengeschlechts wird der Hervorbringung des allen Notwendigen entzogen, um das ganz Überflüssige und Entbehrliche für wenige herbeizuschaffen. Solange daher auf der einen Seite der Luxus besteht, muss notwendig auf der andern übermäßige Arbeit und schlechtes Leben bestehn.“
„Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese nennt man den Nationalcharakter. (…) Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht.“
„Die Zeitungen sind die Sekundenzeiger der Geschichte. Derselbe aber ist meistens nicht nur von unedlerem Metalle als die beiden andern, sondern geht auch selten richtig. (…) Übertreibung in jeder Art ist der Zeitungsschreiberei ebenso wesentlich wie der dramatischen Kunst: denn es gilt, aus jedem Vorfall möglichst viel zu machen. Daher auch sind alle Zeitungsschreiber von Handwerks wegen Alarmisten; dies ist ihre Art, sich interessant zu machen.“
„Während jeder sich schämen würde, in einem geborgten Rock, Hut oder Mantel umherzugehen, haben sie alle keine andern als geborgte Meinungen, die sie begierig aufraffen, wo sie ihrer habhaft werden, und dann, sie für eigen ausgebend, damit herumstolzieren. Andere borgen sie wieder von ihnen und machen es damit ebenso. Dies erklärt die schnelle und weite Verbreitung der Irrtümer wie auch den Ruhm des Schlechten: denn die Meinungsverleiher von Profession, als Journalisten u. dgl., geben in der Regel nur falsche Ware aus wie die Ausleiher der Maskenzüge nur falsche Juwelen.“
„Unglaublich ist doch die Torheit und Verkehrtheit des Publikums, welches die edelsten, seltensten Geister in jeder Art aus allen Zeiten und Ländern ungelesen lässt, um die täglich erscheinenden Schreibereien der Alltagsköpfe, wie sie jedes Jahr in zahlloser Menge den Fliegen gleich ausbrütet, zu lesen – bloß weil sie heute gedruckt und noch nass von der Presse sind. Vielmehr sollten diese Produktionen schon am Tage ihrer Geburt so verlassen und verachtet dastehn, wie sie es nach wenigen Jahren und dann auf immer sein werden, ein bloßer Stoff zum Lachen über vergangene Zeiten und ihre Flausen.“
„Das Geld ist die menschliche Glückseligkeit in abstracto; daher, wer nicht mehr fähig ist, sie in concreto zu genießen, sein ganzes Herz an dasselbe hängt.“
„Es ist eine große Torheit, nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d.h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben.“
„Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. – Dasselbe gilt vom Ruhm.“
Ähnlich wie Spinoza hat Schopenhauer im unbedingten Willen zum Leben die Wurzeln allen Übels erkannt. Indem man diesen Willen verneint und sich vom irdischen Wollen und Streben befreit, überwindet man das Leiden – unverkennbar hat Schopenhauer von der indischen Philosophie, vor allem vom Buddhismus, viel gelernt. Und selbstverständlich bleibt er mit seiner radikalen Kritik an unserer Welt des sinnfreien Konsums, der Eitelkeit und Oberflächlichkeit auch heute ungehört.
Er selbst kommt im Alter zu dem Schluss, dass seine Philosophie ihm „nie etwas eingebracht, aber sehr viel erspart“ habe.
P.S.: Und das hat Schopenhauer zu Facebook & Co. gesagt: „Da schmieren sie (…) hastig hin, was sie zu sagen haben, in den Ausdrücken, die ihnen eben ins ungewaschene Maul kommen, ohne Stil, ja ohne Grammatik und Logik.“ Der Mann ist unglaublich aktuell. Würde er heute leben, hätte er vermutlich folgende Bandansage: „Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Arthur Schopenhauer. Bitter hinterlassen Sie keine Nachricht.“
The Cure – The Funeral Party. https://www.youtube.com/watch?v=Yqo6L-7Uo2k

Freitag, 13. Mai 2016

Warum ich zwei linke Hände habe

„Den Akt des Schreibens sah er als den eigentlichen Fokus seiner Existenz, Schreiben beruhigte und stabilisierte ihn, gelungenes Schreiben machte ihn glücklich und selbstbewusst.“ (Reiner Stach: Kafka – die Jahre der Entscheidungen)
Jeder Mann kennt diese Situation:
Frau (treudoofer Augenaufschlag, Dentalpanorama, hohe Stimme): Ich habe da ein Problem mit dem Computer / dem Auto / dem Gurkenglas / offenes Feld für weitere Optionen. Kannst du mir helfen? Du kennst dich doch da bestimmt aus.
Mann (richtet sich augenblicklich auf und steht stramm wie ein Gardesoldat, Brust raus, Bauch rein, das Gehirn aktiviert die Helfersyndromsynapsen, diverse Hormone werden ausgeschüttet): Natürlich. Kein Problem.
Dann beginnt der Mann – im Regelfall ein hoffnungslos romantischer Dilettant, der jede hilfsbedürftige Frau für eine Scarlett Johannsen mit akutem Kinderwunsch hält – zu bosseln und zu basteln. Die Frau steht mit den Händen in den Hosentaschen daneben und stellt Fragen wie: Klappt’s nicht? Dauert das immer so lange? Soll ich nicht jemand anders fragen?
Spätestens nach der ersten Minute der Nörgelei bereut der Mann seine Hilfsbereitschaft und die Simulation technischer Kompetenz. Wenn er es dann nach einer halben Stunde endlich geschafft hat – falls er es geschafft hat -, ist er völlig erschöpft und frustriert. Schafft er es nicht, droht temporäre Impotenz, die mit erhöhtem Alkoholkonsum einhergeht.
Noch schlimmer ist es eigentlich nur, wenn zwei Powerfrauen der bemitleidenswerten Drohne bei der Arbeit zuschauen. Höhnisches Grinsen, mitleidige Blicke, boshafte Bemerkungen, Augenrollen, Vergleiche mit anderen Kerlen, die das aber besser konnten usw. Am Ende gibt es ein lapidar dahingeflötetes „Danke“ und das war’s. Mehr gibt’s nicht.
Und beim nächsten Mal geht die Scheiße wieder von vorne los.
Und deswegen habe ich zwei linke Hände. Ich kann nix. Tut mir leid. Bin doof. Aber so spare ich Zeit und Nerven. Ich bin Single und das ist auch gut so. Ich ermuntere die Frauen in solchen Fällen, es einmal selbst zu probieren, nicht immer gleich das passive Weibchen zu spielen, das „Ich kann das nicht“ plärrt, sondern ihre aktive Seite zu entdecken und auf diese Weise wahre Unabhängigkeit vom patriarchalen Weltganzen zu erlangen.
Es gibt in der Marktwirtschaft nur zwei erfolgreiche Geschäftsmodelle: Sex gegen Arbeit und Geld gegen Arbeit. Aber Nörgeln & Flöten gegen Arbeit – gibt’s nicht. Basta. Und jetzt darf die Prinzessin auf der Erbse, die diesen Text liest, auch gerne nach Luft schnappen und bis ins Grab die beleidigte Leberwurst spielen. Interessiert mich überhaupt nicht. Kein bisschen. Ich habe Geld und es gibt Internetpornographie. Helft euch endlich selbst!
Green Day – Basket Case. https://www.youtube.com/watch?v=22Imc9Y2_wE

Donnerstag, 12. Mai 2016

Berkeley - Heidelberg - Lomonossow

Wir waren frei, aber wir begriffen nichts.
Wir hatten uns – und sonst nichts.
Das war der erste Sommer an der Universität.

Dann kamt ihr.
Ihr wusstet Bescheid.
Drei Stunden Vortrag.

Wir bekamen Zimmer im Wohnheim.
Aber nicht zusammen.
Ihr gabt uns einen Plan.

Wir wollten schreiben.
Ihr hattet eine Studentenzeitung.
Und ihr gabt uns Themen.

Heute bin ich Ingenieur.
Du bist Ärztin.
Unser Kind wird auf die Universität gehen.

The Outfield - Your Love. https://www.youtube.com/watch?v=xF9J06CAXm8

Mittwoch, 11. Mai 2016

Blogstuff 41

„Gebt mir eine Kondorfeder! Den Krater des Vesuv als Tintenfass! Freunde, stützt mir die Arme! (…) Das ist die erhabene, erhebende Kraft eines großen und reichen Themas – wir schwellen auf seine Größe an! Wollt ihr ein großes Buch schreiben, müsst ihr ein großes Thema wählen.“ (Herman Melville: Moby Dick)
Die Deutschen ketten wieder ihre Gartenzwerge an. Es ist kühl geworden in diesem Land.
Beginn eines Monologs: „Ich hab sie alle gehabt. Die Großen und die Kleinen, die Dicken und die Dünnen, die Schönen und die Hässlichen, die Teuren und die Billigen, die Guten und die Schlechten, die Weißen und die Braunen, die Grünen und die Blauen, die Pfandflaschen und die Einwegflaschen …“
„Nur so kann getrunken werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“, um ein berühmtes Kafka-Zitat – freilich in leicht abgewandelter Form - zu bemühen.
Andy Bonetti hat die Tapferkeitsspange zum Verdienstorden der Daheimgebliebenen im Syrienkrieg verliehen bekommen.
Die Küchenuhr, das eherne Bollwerk gegen die Unpünktlichkeit. Wie spät ist es? Der kleine Zeiger deutet auf den Toaster, der große Zeiger auf den Kühlschrank. Zeit für das Frühstück, lautet sein Beschluss.
Es gibt einen „Arbeitgeberpräsident“. Warum haben die Arbeitslosen eigentlich keinen eigenen Präsidenten?
Es ist Sonntagnachmittag und wir sitzen unter dem Reklamesonnenschirm eines Ausflugslokals. Nach dem ersten Bier glaube ich, in der ganzen Szene eine tiefere Bedeutung zu spüren. Aber dann kommen die Bratwürste und weitere Biere, und alles ist wieder so bedeutungslos wie der ganze erbärmliche Rest unserer jahrtausendealten Existenz.
Das kleine Leben. Die fröhliche Stimme eines Fremden im Radio. Das Fenster ist rabenschwarz, noch ist die Sonne nicht aufgegangen. Die Welt ist noch da, auch wenn man sie nicht sehen kann. Unglück und Elend in den Nachrichten. Und Wetter gibt es auch schon.
„Mann, das is ‘ne Scheibe, ey!“ sagte er zu der Hummel, die mit ihrer dicken Rübe nun schon zum dritten Mal gegen das Fenster vor ihm bollerte. Wenn die Tiere lesen könnten, würde der Schilderwald in Deutschland mindestens auf das Doppelte anwachsen. Schwarze Verbote auf gelbem Grund.
Die Jahreszeiten als Fähigkeit zur Veränderung. Viermal im Jahr. Die Natur ist flexibler als die meisten Menschen.
Ich habe jetzt endlich den Wagen für die zukünftige Zielgruppe unseres Autohauses gefunden: einen hellrosa Subaru Veganero mit Zebrastreifen und eingebautem Vogelhäuschen, fünf Prozent der Einnahmen gehen an eine Delphinaufzuchtstation in Ulan-Bator.
Verbraucherhinweis: Kann Spuren von Sarkasmus enthalten. Die Tiere sterben aus? Na und? Beim Metzger krieg ich so viel Tier wie ich will. Zugunglück? Ja, super! Regen und Nebel? Finde ich klasse. Mir geht es so auf den Sack, dass die Leute immer einer Meinung sind. Einfach mal nicht mitmachen. Seien Sie gegen das Selbstverständliche! Sie hörten einen Beitrag aus der Rubrik „Contrary Opinion“.
Andy Bonettis Werk „Manfred schweigt“ galt lange als unverfilmbar, aber jetzt hat Pixar die Rechte gekauft. Wir dürfen gespannt sein.
Einer der vielen Vorteile des Erwachsen-Seins: Pommes zum Frühstück.
Meine Schwester hat ihren Lebensgefährten kastrieren lassen. Seitdem ist er sehr häuslich: Er putzt das Bad, geht einkaufen und besucht inzwischen auch keine Kneipen und Fußballstadien mehr. Denken Sie mal drüber nach, liebe Damen!
Und hier noch eine kurze Meldung aus unserer Nachrichtenredaktion „Off the record“: Bonetti Unlimited bietet eine Beteiligung am ersten Offshore-Minigolfplatz der Welt an, der an der Küste vor Borkum errichtet werden soll. Sieben Prozent Rendite werden von der Konzernleitung garantiert. Die Bonetti Unlimited-Aktien notierten nachbörslich lebhaft.
Typische AfD-Versprecher: Polacken statt Polkappen, Seitenbachermuslim usw. (ausbauen).
Die Musik ist vom “80's Italo Disco Dance Power Megamix” von DJ Tranfunzel:
FGTH – Is Anybody Out There? https://www.youtube.com/watch?v=p2m-lcus51E

Dienstag, 10. Mai 2016

Die Monotonie des Oligopols

„Und wer noch fragt, ob Gerechtigkeit auf der Welt ist, der wird sich mit der Antwort bescheiden: vorläufig nicht, jedenfalls bis zu diesem Freitag nicht.“ (Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz)
Wann ist es mir zum ersten Mal aufgefallen? Waren es die Zigaretten? Alle großen Marken schmeckten gleich. Man hätte eine Blindprobe machen können. Keiner von uns hätte eine Marlboro noch von einer Camel unterscheiden können.
Oder war es das Bier? Irgendwann schmeckten Bitburger, Krombacher und Warsteiner eben genau gleich. Niemand hätte sie mit verbundenen Augen unterscheiden können. Und was passierte dann?
Es kamen Zigaretten ohne Parfümstoffe mit einem Indianerkopf auf der Packung und Craft Beer. Niemand mag die Monotonie der Mitte, in der sich die großen Konzerne irgendwann treffen. Das führt automatisch zu Gegenbewegungen an den offenen Flanken.
Und in der Politik ist es genauso. In der Mitte drängeln sich die Parteien und verlieren dabei ihr Gesicht. Das Resultat: neue Parteien. In einigen Ländern sind es linke Parteien wie in Griechenland oder Spanien. In anderen Ländern sind es rechte Parteien wie in Deutschland, Frankreich, Polen oder Österreich.
Der Weg ins Monopol führt regelmäßig in die Irre: Rockefeller und Carnegie vor hundert Jahren, Honecker und Breschnew in meiner Jugend, Microsoft und Merkel in der Gegenwart.

Montag, 9. Mai 2016

Gedanken aus Franken, Teil 1

„Und die Nachrichten werden immer besser, sagt Hiob.“ (Fritz Rudolf Fries)
Heitere Begebenheit am Vatertag: Nach vier Seidla Zwickelbier im Garten des Greiffenklau zu Bamberg steuern wir eine Tankstelle an, um uns für die Weiterfahrt in die Fränkische Schweiz zu munitionieren. Eine ältere Dame mit Hund strebt ebenfalls dem Verkaufsraum entgegen. Das kleine wuschelige Fellbündel (i.e. der Hund) beschnuppert mein Bein und ich beuge mich hinunter, um es zu streicheln. „Na, Struppi. Komm mal her, Struppi. Wo ist denn der Struppi?“ So spiele ich eine Weile mit ihm, schiebe sogar meine Hand in sein freches Mäulchen, weil ich weiß, dass er nicht zubeißen wird. Das freudig erregte Haustier springt an mir hoch, der Schweif rotiert. „Woher kennen Sie denn meinen Hund?“ fragt die Dame und lacht mich an. „Ich kenne ihn gar nicht“, antworte ich. „Er heißt wirklich Struppi“, sagt sie und sieht mich ganz erstaunt an. „Ich nenne alle Hunde Struppi“, erkläre ich. Merke: In Bamberg gibt es tatsächlich noch Hunde, die „Struppi“ heißen.
Am Nachmittag sitzen wir bei Held-Bräu in Oberailsfeld in der Sonne. Neben mir auf der Bank hockt eine Katze, die mich erwartungsvoll anschaut, obwohl ich gar keinen Schweinebraten bestellt habe. Abends in der „Post“ in Waischenfeld: Ein kaum zweijähriges Mädchen im Kinderstuhl schaut mich mit großen Augen an wie Kinder eben oft riesenwüchsige Menschen anschauen, die geradewegs aus einem Märchenbuch entsprungen sein könnten. Ich lache sie an, sie bewegt die Arme als wolle sie ein weit entferntes Schiff auf sich aufmerksam machen, ich ahme alle ihre Bewegungen nach. Bald proste ich ihr mit Schnaps zu, sie hebt den Schnabelbecher. Die jungen Eltern bemerken das Spiel und lachen. Als sie gehen und die Kleine in den Kinderwagen setzen, winkt mir das lächelnde Rotbäckchen zum Abschied zu, ich winke zurück. Es sollte mehr Kinder und Tiere auf der Welt geben.
Der Mann war etwa zwei Meter groß, breitschultrig und korpulent. Man würde ihn nicht in einem koreanischen Kleinwagen erwarten.
Brüder, zur „Sonne“, zur Freiheit! Ein sympathischer kleiner Gasthof gegenüber der „Post“ in Waischenfeld, wo wir Quartier bezogen haben. Am Nachbartisch acht Männer aus Köln, die zum Angeln hier sind. Ich höre es nicht an den Gesprächen, ich sehe es an den acht Angeln, die in der Ecke stehen. Offenbar sind sie am Vormittag erstmal hier eingekehrt und hängengeblieben. Es geht hoch her, wie immer versetzt der Alkohol diese Männer um die fünfzig zurück ins Pennälerstadium. Ein alter Mann schleicht die Dorfstraße entlang. „Der läuft die hundert Meter aber auch nicht an einem Stück.“ „Quatsch! Der läuft für uns in Rio den Marathon.“ „Wie viele Übernachtungen sind denn erlaubt?“
Die junge Frau, die auf der winzigen Terrasse bedient, ist sagenhaft hässlich. Solche Menschen werden nur in Dörfern geboren und dort verborgen. Aber sie ist geradezu rührend freundlich und gewissenhaft – das genaue Gegenteil der studierten Kellnerschaft Berlins. Eigentlich hat sie schöne hellgrüne Augen, durch die Brille wirken sie riesenhaft und scheinen voller unerfüllter Hoffnung. Sie schielt nach außen, das Gesicht ist voller Warzen.
Am anderen Nachbartisch ein streitendes Ehepaar, Geschäftsleute aus Hamburg. Beide um die sechzig, sie Typ dürres Ex-Model. Er beginnt einen Satz mit „Ich stelle mir vor“, sie steht auf und sagt: „Ich gehe mal auf’s Klo und du stellst dir weiter was vor.“ Er murmelt „Das habe ich mir gedacht.“ Sie dreht sich um und fragt: „Was?!“ Er wiederholt laut: „Ich habe mir gedacht, dass du sowas sagst.“ Während sie weg ist, hat er den Kopf gesenkt, wackelt nervös mit den Knien und kratzt sich die Genitalien. Und genau in diesem Augenblick legt der Wind eine kahle Stelle an seinem Hinterkopf frei.
Alleine im Gasthaus. Nach zwei Bier bin ich wie Löschpapier, ich nehme Gespräche und Szenen, Geräusche und Gerüche in mich auf. Zwei Bier weiter ist alles vorbei und ich versinke in die Traumwelt meines inneren Monologs.
Männer in meinem Alter, die kantigen Gesichter wie aus Marmor gemeißelt, die im Arbeitskittel ins Gasthaus kommen und Zigaretten ziehen oder mit dem Vornamen „Adolf“ von der Kellnerin angesprochen werden.
Die rumänische Hilfskraft, die behutsam vom kugelrunden Wirt ins Thema Blumenkästen und Geranien eingeführt wird, ohne dass Begriffe wie „Leitkultur“ oder „Deutschland“ fallen. Treffen fünfzig Migranten auf fünfzig Deutsche, findet Integration nicht statt. In dieser Situation funktioniert es.
Kommen wir zu den Fakten: ein butterzartes Rumpsteak, Schuhgröße 45, an frischem Spargel. Kartoffeln und Sauce Hollandaise auf einem Extra-Tablett, da sie nicht mehr auf den Teller passten. Vier große Bier und zwei Birnenschnäpse. Und als es ans Bezahlen ging, hielt mir die Kellnerin das Portemonnaie entgegen und sagte: „Heute zahlt nicht der Gast, heute bekommt der Gast Geld. Nehmen Sie sich heraus, was Sie für richtig halten!“ Haargenau so ist es gewesen – oder der Blitz soll mich treffen. Im Ernst: 25 Euro für dieses Mittagsmahl – es ist unglaublich, oder?
The Blue Diamonds – Ramona. https://www.youtube.com/watch?v=5L6bHd8H7fU

Mittwoch, 4. Mai 2016

Blogstuff 40

„Die statistische Methode vermittelt zwar die ideale Durchschnittlichkeit eines Sachverhalts, nicht aber ein Bild von dessen empirischer Wirklichkeit. (…) Die wirklichen Tatsachen zeichnen sich durch ihre Individualität aus; überspitzt ausgedrückt könnte man sagen, dass das wirkliche Bild sozusagen auf lauter Ausnahmen von der Regel beruhe. (…) Eine im Prinzip naturwissenschaftliche Bildung gründet sich in der Hauptsache auf statistische Wahrheiten und abstrakte Erkenntnisse, vermittelt also eine unrealistische, rationale Weltanschauung, in welcher der individuelle Fall als bloßes Randphänomen keine Rolle spielt. Das Individuum aber ist als eine irrationale Gegebenheit der eigentliche Wirklichkeitsträger.“ (C.G. Jung: Gegenwart und Zukunft)
Das gewaltige und erhabene Werk des Heimatdichters Andy Bonetti wurde von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt.
Unseren Planeten wird man dereinst Terra antica nennen, wenn er von den Raumfahrern zurückgelassen wird.
Hinweis: Die Gruppe „Trotzkistische Veganer gegen Plastikspielzeug e.V.“ in Bad Nauheim sucht noch Mitglieder.
A: Hast du mal geboxt? – B: Nicht im Verein.
Ich finde den „Ich bin kein Roboter“-Test in der Kommentarfunktion meines Blogs unbefriedigend. Da war „Blade Runner“ wesentlich anspruchsvoller. Man darf doch wenigstens einen Turing-Test erwarten. Schließlich weiß ein Wesen mit künstlicher Intelligenz vielleicht gar nicht, dass es eine Maschine ist. Jeder, der Philip K. Dick gelesen hat, verliert doch das Vertrauen in die eigenen Erinnerungen und die eigene Identität.
In meiner Kindheit gab es einfach nur Diplomatie, wenn auf internationaler Ebene verhandelt wurde. Dann wurde das „Gipfeltreffen“ erfunden, 1975 mit dem G6-Gipfel in Rambouillet (später zu G7 erweitert). Und heute ist jedes dieser Treffen ein „Krisengipfel“. Was werde ich im Alter lesen müssen? „Katastrophenhimalaya“? „Weltuntergangszenit“? „Armageddonapotheose“? Wo ist der höchste Punkt im Gebirgsmassiv der politischen Schaumschlägerei?
Deine Zelle ist von innen verschlossen. Das ist die Höchststrafe.
Wenn wir dem „Magazin des nützlichen und erbaulichen Wissens für den modernen Anthropophagen“ glauben schenken wollen, ist der Behemoth ein Ungeheuer, das tief im Berg wohnt und sich von Feuer und Hass ernährt.
Wir sollten sparsam mit dem Benzin umgehen. Sicher wurde für jede Tankfüllung ein Tropfen Menschenblut in den vergangenen Kriegen um die Ölfelder vergossen.
Geschäftsidee: Hüte mit Blitzableitern verkaufen.
Bonetti Media bereitet das Intelektuellenmagazin „Alte Hände“ vor. Aufgepasst, „Focus“ und „Stern“!
Und dann gibt es noch den „Club der laktoseintoleranten Legastheniker, die noch bei ihrer Mutter wohnen“.
Ideenreichtum und Sprachvermögen werden nie etwas mit Geld zu tun haben. Ich vertrete die Gegenthese: Geld macht den Geist träge und führt zu einer Verarmung der Sprache.
Der Zaubertrank der Antike half nicht wirklich gegen den Gegner, wie es in den „Asterix“-Comics beschrieben ist, sondern er machte den Tod schmerzlos, weil er die Krieger das Leid und die Schmerzen vergessen ließ.
Bock auf Punk? „Die ausgeschlagenen Schneidezähne“ spielen am Samstag in Wichtelbach. Vorgruppe: „Die unnötigen Eiterpickel“. Der Eintritt ist unfrei.
Was haben Sie gegen Gated Communities? Man kann Schafe und Wölfe nicht auf derselben Weide halten.
Samstag. Die Uhr schlägt neun. Und wie auf ein Kommando heulen Rasenmäher und Motorsägen auf. Dieses Volk sitzt in den Startlöchern, wenn es um die öffentlich zur Schau gestellte Geschäftigkeit geht. Seht und hört! Wir sind da! Wir arbeiten! Was macht unser Nachbar? Verdächtige Stille. Er liest und schreibt? Das macht kein Geräusch und kann darum auch nichts wert sein.
Als Bloggergemeinde erschaffen wir eine größere thematische Tiefe und Breite als die Leitmedien. Der Kiezneurotiker schreibt über Magdeburg, Sunflower über eine tapfere Frau in Afghanistan, Pantoufle über den Papst und ich über einen Roman. Mit unserer Blogroll ersetzen wir den Kiosk mit seiner raschelnden Papierwelt.
Ursprünglich sollte an dieser Stelle ein Stück von Lupo Laminettis neuer Platte “Unsafe Release – The Dub Messages” kommen, aber das Management von Bonetti Moneymaker Inc. hat sich doch wieder einmal für den Mainstream entschieden:
Men at Work – Catch a Star. https://www.youtube.com/watch?v=PyBDXluVBFk